„Nichts ist ein Staat ohne ein Volk, ein seelenloses Kunstwerk; nichts ist ein Volk ohne Staat, ein leibloser luftiger Schemen, wie die weltflüchtigen Zigeuner und Juden. Staat und Volk in Eins ergeben erst ein Reich, und dessen Erhaltungsgewalt bleibt das Volksthum.

Deutschland, wenn es einig mit sich, als deutsches Gemeinwesen, seine ungeheuern nie gebrauchten Kräfte entwickelt, kann einst sein Begründer des ewigen Friedens in Europa, der Schutzengel der Menschlichkeit sein.

„Es ist das Gemeinsame des Volks, sein innewohnendes Wesen, sein Regen und Leben, seine Wiederzeugungskraft, seine Fortpflanzungsfähigkeit.“

Friedrich Ludwig Jahn.

Als Kaiser Karl IV. mit Böhmen, dem Kernstück seines Landesfürstentums, die deutsche Kaiserkrone verknüpft hatte, schien seine Neuordnung des Reiches abgeschlossen. Er errichtete nicht mehr Pfalzen in allen Teilen des Reiches, sondern hatte — unter den Eindrücken seiner jugendlichen Lehrjahre in Frankreich — eine Hauptstadt Prag, auszubauen begonnen. Aus seiner Zeit künden Bauwerke und Kunstdenkmäler bis in unsere Tage hinein von der Größe des Grundrisses seines Bauprogrannns. Deutsche Handwerker, Kaufleute, Gelehrte und Künstler, Herrengeschlechter und königliche Sladtgemeinden waren die bestimmende Trägerschaft dieser geistigen und wirtschaftlichen Ordnung Böhmens. Kaiserkrone, Reichsschwert und die anderen Heiltümer des Reiches hatten in der Mitte des Landes auf der eigens dafür erbauten Burg Karlstein ihren Einzug gehalten. Sie sollten damit den ganzen Aufbau dieser Länder weihen und diese zum Schutze der Reichsinsignien verpflichten. Schon ein Blick über die gotischen Türme der Stadt und die Einkehr in der vor nun 495 Jahren errichteten ersten Universität des Deutschen Reiches in Prag geben einen hinreichend starken Eindruck dieses Bauplanes einer Hauptstadt im Herzland des Reiches.

Die hussitische Rebellion

Und doch sollte dieses Mittelstück der mittelalterlichen deutschen Ostfront den Bau des Reiches nicht weiterführen. Im Lande selbst sprengte die hussitische Rebellion einer Anzahl tschechischer Landschuften und einer Gruppe tschechischer Ritter, Handwerker und Kleriker diesen Plan ihres Landesfürsten. Ein knappes Menschenalter nach dem Tode des Kaisers war in einem düsteren Brande Böhmens Stellung bereits vernichtet Kaiser Karl IV. hatte einst nichts unterlassen, um auch die tschechischen Kräfte des Landes heranzuziehen und ihnen die Wege zum Vorwärtskommcn zu ebnen. Er war so weit gegangen, daß darüber offensichtlich der bis dahin starke Zustrom deutschen Blutes in diese Länder und ihre unerschlossenen Kultur-und Wirtschaftsfelder rasch abzuebben begann. Weil sich aber andererseits in dieser Sammellinse des Reiches all die Waldenser, Picarden und anderen „Ketzer“ gegen die herrschende Kirche und den einengenden Dogmenzwang aus allen Teilen des Reiches einfanden, hatten die anarchischen Kräfte im Tschechentum ein leichtes Spiel. Billig und rasch ließen sich Schlagworte aus den deutschen Streitgesprächen entlehnen und in Fahnen und Symbole umprägen, unter denen sich alle Elemente der Unordnung. Destruktion und wirtschaftlichen Zügellosigkeit sammelten. Die Ergebnisse dieser 15 hussitischcn Sturmjahre gegen das Reich erbrachten aber für die Stürmer selbst die völlige Entwertung Böhmens als Glied des Reiches auf nahezu ein Jahrhundert, die weitgehende Lockerung der reichstreu und wehrhaft gebliebenen deutschen Randlandschaften ans dem lehensrechtlichen Verbände Böhmens, die Vernichtung der wirtschaftlichen Kraft in Stadt und Bergwerk, die weitgehende Verödung des tschechischen Bauernlandes. Dies alles aber mußte geopfert werden, ohne daß eine tragende Idee, ein schöpferisches staatliches Konzept, ein über Jahrhunderte wirkendes Werk aus dieser Hussitenzeit erwachsen wäre. Es war eine fruchtlose Rebellion gegen das Reich, die die Rebellen selbst entscheidend geschwächt hat.

Der deutsche Aufbruch

Die Enkel der Kämpfergeneration in Deutschland, die einst gegen die hussitische Rebellion angetreten war, entfesselten aber dann um 1500 einen völlig andersartigen Sturm. Sie hatten des Reiches Schwäche von den unglücklichen Schlachten in Böhmen und Polen her noch im Gedächtnis. Die Ohnmacht von Kaiser und Reich beherrschte die Eindrücke ihrer Jugendjahre. Aus ihren Fehden, wehrhaften Städten, streitfesten Gelehrtenstuben und Künstlerwerkstätten wehte ein frischer Gedankengang. Wirken doch heute noch, ungebrochen durch all die Jahrhunderte, die großen deutschen Tafelgemälde eines Albrecht Altdorfer aus Augsburg und Albrecht Dürer aus Nürnberg. Die Meister Matthias Grünewald, der am Rhein, und Veit Stoß, der au der Weichsel schuf, und die anderen spätgotischen Maler, Bildhauer und Baumeister wirkten bewußt und betont für ihr deutsches Volk. Bewegt aber waren sie von dem Blick auf eine wenn auch romantische Reichsidee, die sich in dem jungen ritterlichen Kaiser Maximilian zu verkörpern schien. Ihre Holzschnitte und Kupferstiche, wie das vom „Ritter, Tod und Teufel“, wurden auf den Jahrmärkten von den breiten Schichten der Bürger- und Bauernschaft ebenso gekauft wie die Traktate und Büchlein in der neuen Buchdruckerkunst, in denen Gelehrte und Dichter voll revolutionären Schwunges gegen die völkische Überfremdung schrieben. Kämpfend erarbeitete sich Doktor Paracelsus sein neues Lehrgebäude von der deutschen Arzneikunst, in gleicher Weise erschloß der Geologe Agrieola dem deutschen Bergmann das Wesen der Erzadern im Gebirge. In diesen Jahren wurde aber auch die Rechtsordnung des deutschen Bauerndorfes oft mit Feuer und Schwert umkämpft und erstritten und dann weit in den Osten zur Grundlage für die Befreiung der Bauern im Rahmen der anderen Völker getragen. Ebensoweit drangen das neue deutsche Bergrecht als Grundgesetz dieser Knappengenossenschaften und auch andere Hütten-und Zunftordnungen. Die deutschen Landsknechtsfähnlein aber wehrten den Türken im Osten und den Franzosen im Westen ab und zeigten das Bild des wehrhaften „Haufens“, dem das Wappen des Reiches im Fahnentuch stand.

In diesen gewaltigen Aufbruch eines volkhaften Denkens und Schaffens gehört auch der junge Martin Luther. Er steht in einer Front mit all den Altersgenossen aus den Reihen der Künstler, die um Besinnung auf die Wurzeln des deutschen Wesens ringen. Aber auch die Reichsritterschaft und die Königlichen Kaufherren in Lübeck und Augsburg, die den politischen Neubau des ganzen Reiches forderten, sind zugleich Empörer gegen die Tyrannei der Papstkirche wie gegen die Zersetzung des Reiches durch den volksfremden Gedanken des Fürstenstaates. Diesem deutschen Aufbruch sind dauernde Erfolge auf vielen Gebieten europäischen Geistes und Wirkens gelungen. Seine Sendboten haben mit den Kaufleuten tief in den Osten und über Spanien hinaus bis in den neuen Kontinent Amerika Brücken geschlagen und neue Stützpunkte gebaut, in gleicher Weise die nordischen Lancier mit Italien verbunden. Kaiser Maximilian I. der diesen Künstlern und Denkern nahestand, hatte seine Herkunft und Ahnen im Kreise der grollen germanischen Heerkönige und Sagengestalten gesehen, wie die Erzfiguren der Totenwache seines Innsbrucker Grabmales eindrucksvoll erweisen. Aber der in den Niederlanden erzogene spanische Habsburger Karl V., sein Enkel, bat als Kaiser diesen deutschen Aufbruch nicht erkannt und daher als gestaltende Kraft nicht übernommen.

Das ist zu einem der tragischen deutschen Schicksale geworden, und darunter mußte die politische Saat dieser ersten Jahrzehnte nach 1500 auf dem staatlichen Felde verdorren. Die Keimkraft dieses gesamtdeutschen Aufbruches aber war in ihrer Ganzheit so elementar, daß sie durch die Jahrhunderte in den Kunst- und Bauwerken lebendig blieb und im Gedankengut heute weiterwirkt.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik

Leitgedanken

Kann man die Geschichtlichkeit der Sintflut beweisen? Soweit ein vorgeschichtliches Naturereignis mit den Methoden und Ergebnissen einer Ausgrabung bewiesen werden kann, ist es geschehen. Leonard Woolley, der Ausgräber von Ur am unteren Euphrat, hat durch die Feststellung einer 2,5 m starken Tonschicht, die in beträchtlicher Tiefe die Kulturschichten unterbrach, eine Flutkatastrophe von einzigartiger Mächtigkeit einwandfrei nachgewiesen. Daß diese Flut mit der biblischen Sintflut identisch ist, kann kaum ernstem Zweifel unterliegen. Die Überlieferung einer solchen Flut ist ja nicht biblisch, sondern sumerisch und wurde im babylonischen Gilgamesch-Epos dichterisch verarbeitet, wo Utnapischti seinem, das ewige Leben suchenden Urenkel Gilgamesch die Geschichte seiner Errettung von der Flut erzählt, und zwar in fast völliger Übereinstimmung mit der späteren biblischen Fassung. Wenn wir die heutige Entfernung von Ur vom Persischen Golf in Betracht ziehen, erscheint die Möglichkeit einer großen Flut, die ohne Mitwirkung der See undenkbar ist, freilich fabulos. Wenn wir jedoch den unablässigen Landzuwachs des babylonischen Alluvialgebietes in Betracht ziehen und erfahren, daß das Meer um 400 n. d. Zw. noch bis Kuma reichte, wo heute Euphrat und Tigris sich vereinigen, und daß um 2000 v. d. Zw. die beiden Ströme noch weit voneinander getrennt in den Golf mündeten, dann erscheint Ur ganz nahe an die Meeresküste herangerückt und mußte natürlich in eine Flutkatastrophe mit einbezogen werden.

Das Tal des Euphrat war damals noch ein Sumpf, aus dem immer mehr Inseln trockenen Alluvialbodens auftauchten, der mit seiner überwältigenden Fruchtbarkeit die an harte Feldarbeit auf dem unwirtlichen Boden des nahen arabischen Plateaus oder des mittleren Euphrattals gewohnten Bauern magnetisch anzog. Die alljährlichen Überschwemmungen, die das Land weithin in eine einzige Wasserfläche verwandelten, zwangen die Siedler mehr als irgendwo anders auf Erden zum Zusammenschluß in Städten, die im Laufe der Jahrhunderte, da Schlammziegelhütten kurzlebig sind und grundsätzlich von jeder Generation erneuert zu werden pflegen, immer höher über das Alluvialland emporwuchsen, die sich aber von ihrer Gründung an durch drei bis fünf Meter starke Rohziegelmauern vor dem Hochwasser schützen konnten. Daraus erklärt sich, daß Ur und andere Städte des Schwemmlandes sogar die Große Flut überlebten.

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Asien

Der erste Schritt zum Aufbau der Kultur war die Seßhaftwerdung der Menschen, und diese war durch den Ackerbau bedingt. Ohne Sicherung des täglichen Brotes gab es kein ruhiges Leben, die Sorge um Nahrung verhinderte die Jägervölker an dauernder Niederlassung und Gründung größerer Siedlungen. Um von der Jagd allein zu leben, brauchte der Jäger viel Land, war also an sehr weitmaschige Niederlassung gebunden.

Wie und wo aber entstand der Ackerbau? Bis vor kurzem war die Meinung verbreitet, er habe sich zuerst in den großen Flußtälern entwickelt, im Niltal und Zweistromland, im Gebiet des Indus und am Gelben Fluß. Heute wissen wir, daß diese Stromlandkulturen schon die zweite Stufe in der Entwicklung des Getreidebaues darstellen und daß sich die erste in den Hochländern vollzog, in den Grassteppen der Kordilleren und Anden, der ostafrikanischen Hochplateaus, des Hochlandes von Iran. Dort wuchsen, wie auch heute in den Alpen, die Gräser wild, die dazu ausersehen waren, einst der Menschheit das Brot zu liefern, die Windhalme, die Hafer-und Rispengräser, die Schwingel. Jahrtausendelang begnügte sich der Mensch damit, sie jährlich zur Reifezeit zu sammeln, wie wir Schwämme sammeln; endlich aber begann er den Samen um seine Hütte zu säen, und so begann der Getreidebau. Nun konnten sich die Menschen in Siedlungen zusammenfinden, sie vermehrten sich rascher. Trockenheit oder Fehden zwischen den Clans bewogen sie zu Wanderungen, sie erkannten den Wert des nicht versiegenden Wassers und zogen hinab in die großen Flußtäler. Dort ernteten sie hundertfältige Frucht…

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Asien

Zankapfel und Brücke zwischen Deutschen und Litauern

Die Memel -Problemantik zeigt, wie nah Deutschland historisch und geographisch Litauen ist. In den Jahrzehnten des Eisernen Vorhanges haben wir Deutschen nicht nur verlernt, auf einer stummen Karte ohne längeres Nachenkcn die baltischen Staaten einzuordnen, sondern wir haben zugleich alte deutsche Kulturlandschaften und Städte aus unserem Gedächtnis getilgt, die uns einst mit dem Baltikum eng verbanden. Memel gehört dazu. Nationalistische Literatur,die an die alte imperiale Tradition anknüpfen wollte, forderten nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur das Memelland, sondern auch das nördliche Ostpreußen bis dicht an die Hauptstadt Königsberg. Mindestens aber der äußerste Norden der Provinz jenseits der Memel sollte angegliedert werden. Das verlangten auch pragmatischere Naturen – denn die Stadt Memel mit ihrem Hafen bot dem nahezu küstenlosen Litauen einen idealen Zugang zur Ostsee. Historische Ansprüche konnte Litauen weder auf Nord-Ostpreußen noch auf das Memelland anmelden. Zwar gab es vor allem im nordostpreußischen Gumbinnen zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen beträchtlichen litauischen Bevölkerungsanteil, der sich aus Zuwanderern nach der Pest itn 18. Jahrhundert rekrutierte. Später aber sank der litauische Anteil wieder. Betrug er 1858 noch 8,7 Prozent der Gesamtbevölkerung Ostpreußens, waren es 1910 nur noch 4,4 Prozent.

Im Memelgebiet hatten ursprünglich nicht Litauer, sondern lettische Kuren gesiedelt. Die Stadt Memel, 1252 von Livländischen Schwertbrüderorden gegründet und somit drei Jahre älter als Königsberg, gehörte mitsamt den umliegenden Gebieten über 700 Jahre zum Ordensstaat und späteren Herzogtum Preußen. Anders als im übrigen nördlichen Ostpreußen lebte im Memelland eine starke litauische Volksgruppe, die dort seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts seßhaft geworden war.

Die Volkszählung von 1910, die letzte vor dem Krieg, ergab ein sehr ausgewogenes Verhältnis (50,7 Prozent mit deutscher und 47,9 Prozent mit litauischer Muttersprache), das durch eine Nachkriegserhebung der Franzosen nahezu exakt bestätigt wurde. Dennoch wäre eine Volksabstimmung höchstwahrscheinlich deutlich gegen Litauen ausgefallen: Ein Großteil der Litauer tendierte zum Deutschtum. Bei einer 1921 vom französischen Gouverneur des Memelgebietes durchgeführten Umfrage unter Eltern litauischer Schüler gaben lediglich 5,5 Prozent an, ihre Kinder sollten Lese- und Schreibuntcrricht in ihrer Muttersprache erhalten, die anderen bevorzugten Deutsch. Entsprechend fielen auch spätere Landtagswahlen aus: 1925,1926 und 1927 erreichten deutsche Parteien 91 bzw. 80,2 bzw. 76,7 Prozent, litauische Parteien dagegen nur 6 bzw. 14,6 bzw. 13,3 Prozent.

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Baltikum

Die in Deutschland am 9. November 1918 ausgebrochene Revolution wirkte sich äußerst ungünstig auf die Kampfkraft der im Baltikum stationierten 8. Deutschen Armee aus. Es war vorauszusehen, daß die Front von Narwa-Pleskau-Dünaburg nicht lange gehalten werden konnte.

Auch die Unsicherheit im Lande nahm durch die Wühlarbeit bolschewistisch gesinnter Elemente zu. Unter dieser Spannung genehmigte die Militärbehörde am 10. November 1918 endlich die Aufstellung einer Freiwilligentruppe aus der Bevölkerung des Landes, die vorher schon von baltischer Seite vergeblich beantragt worden war. Sie sollte alle Nationen des Baltikums umfassen. Die Letten verhielten sich zu diesem Projekt wenig enthusiastisch, die Russen zeigten wenigstens guten Willen. Bei den Balten, die sich dessen bewußt waren, daß es sich jetzt um Sein oder Nichtsein für sic handelte, strömten die Freiwilligen im Alter von 15 bis 60 Jahren am zahlreichsten zu den Sammelstellen. So konnte schon am 12. November die erste Kompanie der Rigaschen Landeswehr kaserniert werden. Die Landeswehr sollte dem Kommando des Oberbefehlshabers der deutschen Truppen unterstellt werden. Die ersten erforderlichen Geldmittel wurden von der inländischen Ritterschaft, der Rigaer Kaufmannschaft und dem dortigen Börsenkomitee zur Verfügung gestellt. Die Ausrüstung der Truppe, Verpflegung und Löhnung übernahm das Oberkommando der 8. Armee.

Die im deutschen Heer dienenden Balten ließen sich entlassen, um sich für den Dienst in der Heimat zu stellen. Trotz ihrer zurückhaltenden Einstellung beanspruchten die Letten den Oberbefehl über die Landes wehr. Da sie aber keine geeignete Persönlichkeit für diesen Posten vorschlagen konnten, einigte man sich auf den seit vielen Jahren in Riga ansässigen russischen General Junowitsch. Seine militärischen Kenntnisse waren allerdings recht bescheiden, weil er nur die Grenzwacht befehligt hatte. Da er auch wegen vorgeschrittenen Alters die Truppe im Felde nicht führen konnte, wurde die Führung dem reichsdcutschcn Major Scheibert übertragen.

Nach Wallensteinscher Manier wurde eine Armee in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft: drei Rigaer Kompanien, bestehend aus im russischen Heer gedienten und unausgebildeten Freiwilligen. Die Führer waren höhere Offiziere der kaiserlich-russischen Armee. Ferner entstand eine Haubitzbatterie, Führer Oblt. Heinz Barth, und die Batterie Schmidt, später Sievert, mit zwei Geschützen, außerdem wurde die Stoßtruppe ZBV, anfangs rund 300 Mann, Führer Lt. Bohm, die Begleitbattcrie des Stoßtrupps, Führer Oblt. Pfeil, die Kavallerie-Abt. Engelhardt, Führer der ungediente Baron W. Engelhardt, und die Kavallerie-Abtg. Drachenfels, Führer Oberstltn. Baron Drachenfels, gebildet. In Mitau formierte sich mit etwa 135 Mann die Kompanie Rahden, Führer Oblt. W. Baron Rahden, die Kavallerie-Abtg. Hahn, Führer Rittmeister Baron Hahn (etwa 30 Mann), und die Kompanie Kleist, Führer Oberst-Lt. Baron Kleist.

Die Russen stellten in Riga nur eine Infanterie-Kompanie von rund 70 Mann auf. Die Letten brachten es auf drei Kompanien von 600 Mann. Ferner hatten sie eine Offiziers- und eine Studentenkompanie.

Zu den Abwehrkräften gegen die Rote Flut gehörte schließlich noch die »Eiserne Brigade«, später »Eiserne Division« genannt. Sie bestand aus reichsdeutschcn Freiwilligen und verdankte ihre Bildung dem Reichsbeauftragten August Winnig. Ursprünglich sollte es ihre Aufgabe sein, die Räumung des Baltikums durch die 8. Deutsche Armee zu sichern.

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Baltikum