Allerlei vom ostafrikanischen Neger

Es gibt wohl kaum einen Europäer, dem es nicht auffiele, wie schwer es ist, das Alter eines Negers zu bestimmen. Und macht er tatsächlich den Versuch, das Alter eines Angestellten oder auch eines begegnenden Schwarzen zu ermitteln, so bekommt er unfehlbar immer dieselbe Antwort: „si-jui“, ich weiss es nicht. Man braucht sich aber nicht zu wundern, wenn man von einem alten Manne auf die Frage nach seinem Alter zu seinem Erstaunen die Antwort bekommt: „Ich bin drei Jahre alt“. Entweder er hat die Frage nicht verstanden, oder er hat überhaupt keinen Begriff über Zeitbestimmungen. Es bleibt uns also nichts übrig, als das Alter zu schätzen; aber auch dabei hat man keine Gewissheit, ob die Schätzung richtig war, denn die Kontrolle fehlt ja. Ab und zu sieht man ja einen Mann mit grauem oder auch weissem Bart und kann dann sagen: „der Mann ist alt“, auch kann man eine Mutier von fünfzehn Jahren von einer alten Matrone unterscheiden, aber sonstige Unterschiede sind nicht so leicht zu finden und es fällt jedem Europäer auf, wie verhältnismässig wenige alte Leute man sieht. Nun gebe ich ja zu, dass man sich häufig täuschen mag, und ich möchte dafür ein charakteristisches Beispiel angeben. Ich fragte einen alten, verdienten Feldwebel der Schutztruppe, einen Sudanesen, nach seinem Alter und bekam natürlich die stereotype Antwort: „si-jui“, ich weiss es nicht. Nach meiner Schätzung war er etwa 40—45 Jahre alt. Durch Befragen stellte ich dann fest, dass er mit den ersten Sudanesen-Anwerbungen zu Wissmanns Zeiten nach Deutsch-Ostafrika in die Schutztruppe gekommen war, aber schon vorher 18 Jahre im Sudan in ägyptischen Diensten gewesen war. Er war also schon 39—40 Jahre Soldat, musste also 58—60 Jahre alt sein.

Von Kennern wurde mir übrigens zugegeben, dass die Leute hier tatsächlich schneller leben wie daheim und man sicher viel weniger Leute mit hohem Alter findet wie in Europa. Ich glaube, es liegt dies nicht so sehr an den dauernden Fehden der früheren Zeiten, denn bei diesen Negerkriegen sind die Verluste in den Gefechten gering, wie an der ganzen Lebensart. Bald hat der Neger viel Nahrung, bald hat er, wenn einmal die Regenzeit ausfiel, gar nichts. Denn, so komisch es klingen mag, in irgend einem Teile von Ostafrika ist, obwohl oder auch gerade weil alles von selber wächst, immer die chakula, d. h. Nahrung, rar, oder auch herrscht direkte Not. Der Neger ist aber Fatalist, und, statt zu sehen, dass er etwas bekommt, nimmt er sein Schicksal hin als Fügung Gottes, gegen die nichts zu machen ist. Kommt dann noch irgend eine Seuche hinzu, so ist natürlich der geschwächte Körper nicht imstande, zu widerstehen und er fällt der Epidemie zum Opfer. Geschieht dies schon bei dem Ansässigen, mag er Viehzüchter sein oder ohne Beschäftigung leben, wie viel öfter geschieht es bei dem Bewohner der Ebene, der aus Not im Gebirge Arbeit findet und dort in dem neuen, kalten Klima, schlecht geschützt gegen die Unbilden der Witterung, zu Grunde geht, oder gar bei dem Karawanenträger, an dessen Körperkräfte täglich neue Anforderungen gestellt werden. Wieviel Knochen mögen wohl an den grossen Karawanenstrassen von Zentralafrika bis an die Küste bleichen! Drückt doch schon der Name Amwanza, „der Anfang“, und Bagamoyo, „der Ort, der das Herz erfreut“, diese Empfindung beredt genug aus. Und nicht etwa bloss in alten Zeiten war dies der Fall, nein, auch heute noch bleibt mancher von den Karawanenträgern unterwegs liegen und geht elend zu Grunde. Schon aus diesem Grunde begrüssen wir die Bahn, die in das Herz der Kolonie führt, nach Tabora, und mit einem Schlage allem Bestehenden ein Ende macht Jedoch auch noch andere, und nicht geringere Gefahren hat das Karawanenwesen im Gefolge. Es demoralisiert alle, die damit in Berührung kommen. Ich gebe zu, dass nichts dem typischen Neger mehr behagt, als gerade das Karawanenleben. Täglich hat er einen bestimmten Weg, kann seine Ruhepausen meist nach eigenem Ermessen einlegen und sein Pfeifchen dabei rauchen, und abends sitzt er schwatzend und sich Geschichten erzählend am Feuer. Hat er es so weit gebracht, dass er seine für ihn sorgende Frau, seine bibi, am Ende der Karawane mit hat, so fehlt ihm eigentlich nichts. Nun darf man diese seine Ehe, wenn man überhaupt diesen Namen für das schnell geschlossene Verhältnis anwenden will, nicht mit der Ehe nach europäischen Begriffen vergleichen, denn oft sind Hochzeit, Flitterwochen, ehelicher Krieg und Scheidung eine Sache von fünf Tagen, und die bibi folgt einem andern Träger, weil er ihr ein buntes Tuch verspricht, nach welchem sich ihr Herz sehnt Es ist eben ein Zusammenleben, das schnell beschlossen und schnell beendet ist. Natürlich passen zu dem ganzen Karawanenleben, in dieses ganze Milieu, auch keine Kinder hinein und die sonst reichliche Nachkommenschaft der Neger findet man hier sehr selten. Ob es gerade ein Gewinn ist, dass die Unschuld vom Lande, die zum ersten Male in eine Karawane kommt, ihren Lendenschurz, mit dem sie manches bedeckte, aber noch mehr zeigte, sofort mit zwei Tüchern vertauscht, die sie malerisch überwirft, dass sie seitwärts in einem Nasenflügel einen Metallknopf als Schmuck trägt, sich die wenigen, kurzen Haare in kleinen Zöpfchen auf dem Kopfe zurechtlegt, — auch darüber lässt sich streiten. Uns persönlich ist die „shensi“, die Wilde, die sich nach Art ihres Stammes kleidet, so scheusslich cs auch manchmal uns dünkt, lieber und ich möchte es vergleichen mit der Spreewälderin, die in Berlin als Dienstmädchen ihre malerische Tracht mit modischer Kleidung vertauscht. Manchmal findet die eine oder andere Schöne sich ja wieder aus diesem Wanderleben heraus, wenn sie sich mit einem „Boy“ „verheiratet“, der mit seinem Herrn sich gerade auf Safari, einer Reise im Innern befand, und dann längere Zeit an einer Stelle lebt, oder aber sie lernt ihn bei ihrer Ankunft an der Küste kennen. Aber diese Fülle sind eine Ausnahme und meist hält sich ein „Boy“ auch für zu fein, eine solche shensi, eine „Wilde“, zu sich zu nehmen, oder aber die Herrlichkeit dauert auch nur so lange, bis der „Boy“ etwas Besseres findet. Zudem finden sich auch gerade unter den Boys viele geriebene Burschen, und mancher, der st inen Boy für eine Perle hielt und ihm seit Jahren blindlings vertraute, wurde plötzlich in der übelsten Weise bestohlen und über die Unbeständigkeit des Glückes belehrt. Wird ein solcher Boy gefunden, so kommt er unweigerlich an die Kette, aber die gestohlene Summe ist gewöhnlich hin. Kommt es schon in Deutschland und andern zivilisierten Ländern vor, dass solche Diebe erst nach Jahren oder überhaupt nicht gefaxt werden, so ist dies leider in Afrika die Regel. So mancherlei kommt aber hier zusammen, um ein Verbergen oder Verschwinden zu erleichtern. Oft weiss man nicht, wo der Kerl herstammt. Auch einen „Steckbrief mit Personalbeschreibung“ los zu lassen, hat wenig Zweck, denn genau und einwandfrei wiedererkennen würden den Mann nur diejenigen, welche dauernd mit ihm zu tun hatten, während dem Europäer im allgemeinen Neger, die er einmal sieht, eigentlich „alle gleich“ aussehen. Zudem kommen Leute mit körperlichen Gebrechen oder irgend einer Auffälligkeit gerade unter der schwarzen Rasse viel seltener vor, wie in Deutschland und dazu kommt noch die Schwierigkeit der Namensbezeichnung. So schlau ist der Schwarze immer, auch wenn er sonst kreuzdiimm ist, dass er sich nicht unter seinen wirklichen Namen verdingt Es sei denn, dass er schon von Hause aus einen Namen hat, der ihm genügend Sicherheit bietet, gegebenenfalls zu verschwinden; sonst nimmt er, wenn er in einen Dienst tritt, einen nom de guerre, einen Kriegsnamen, an. Soll mir ein Mensch unter den unzähligen Selimanis, Salims, Abdallahs, Mohamadis den Schuldigen herausfinden! Meist wenden die Betreffenden aber offenkundig erfundene Namen an, fragt man sie, wie sie wirklich heissen, so sind sie ganz dumm, leugnen alles, oder grinsen, alles Gefühlsäusserungen, die einen nicht klüger machen oder weiterbringen. Man findet zu komische Namen und des Scherzes halber führe ich nachstehend einige, die überall Vorkommen, an, wie: kifungo — „Knüplchen“, kipingo — „Ebenhölzchen“, peza mbili — „zwei Pesa“, peza tatu — „drei Pesa“, fupi — „kurz“, ngundu — „Hammer“, simba — „Löwe“, pakaya barra — „Katze des Inneren“, tumbo tale — „übermässig viel Bauch“, rnamba uleia — „europäisches Krokodil“ und andere mehr. So scherzhaft auch diese kleine Blütenlese von Ausdrücken klingt, so ernst ist die Sache an und für sich, sind sie doch nur geschaffen, um den Europäer leichter zu betrügen und die eigentliche Ursache, dass Verbrecher so selten gefunden werden; der Europäer, der bestohlen wird, ein Vergehen, das wohl am häufigsten vorkommt, kann nur ruhig seinen Hut ziehen und hinter seinem Gelde „Adieu“ herrufen und sich begnügen mit dem mageren Tröste, dass es auch anderen schon ebenso gegangen ist und noch ebenso ergehen wird.

Zimmermann, Hauptmann a. D.

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2 Comments

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    11. Oktober 2016

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