Altindische Baudenkmäler

In monumentalen Tempeln, Moscheen und besonders in Grabdenkmälern haben die Geschlechter, die seit altersher in Indien herrschten, und die Kasten und Religionen, die dem sozialen und geistigen Leben des Landes ihren Stempel aufdrückten, ihr Gedächtnis der Nachwelt überliefert. Insbesondere ragen hier die mohammedanischen Eroberer, welche im sechzehnten Jahrhundert das Moghul-Reich in den Zentralprovinzen, mit den Hauptstädten Delhi und Agra, gründeten, hervor. Aber auch die Hindus mit buddhistischen und brahma-nischen Denkmälern stehen wenig zurück und in neuerer und neuester Zeit sind es die Engländer, welche Indien eine ganze Reihe typischer Prachtbauten in einem indisch-gotischen Stil schenkten, Gebäude, die freilich meist höchst prosaischen Zwecken dienen. Von den mohammedanischen Denkmälern überragt in Hinsicht auf seine Bestimmung, und was die Kostbarkeit des Materials und die Ausführung in klassischer Schönheit der Linien anbetrifft, der Taj Mahal in Agra alles ähnliche in der alten und neuen Welt. Noch heute ist Agra berühmt wegen seiner Marmorarbeiten, deren Feinheit am vollkommensten in dem hier abgebildeten Wandschirm, der die beiden Sarkophage wie ein köstlicher Spitzenschleier umhüllt, zum Ausdruck kommt. Ob die blendende Sonne, ob das zarte, weiche Licht des Vollmondes ihren Glanz und ihre Strahlen durch diese durchsichtigen Marmortafeln von schneeiger Weisse auf die Ruhestätten Schah Jehans und seiner Begum, der Arjmund Banu, „Mumtaz Mahal“, dem „Stolz des Palastes“ fallen lassen, der Zauber dieser Lichteffekte ist stets ein unvergleichlicher. Während die mohammedanischen Eroberer ihren klassischen Stil, wie überall, wo sie ihren Fuss hinsetzten, anwandten, erbauten die einheimischen Herrscher ihre Prachtbauten in buddhistischer und brahmanischer Architektur. Als eines der besten Bauwerke der letzteren gilt das Marmorschloss zu Amber, Hauptstadt des Rajputenstaates von 1037 bis 1728. Von Man Sing, dem Erbauer des Gwalior und anderer Paläste um 1600 im indo-arischen Stil begonnen, ist es von den Nachfolgern durch Anbauten andauernd vergrössert worden. Von Jey Sing dem Ersten stammt der Jey Mandir „Siegeshalle“ genannte Raum, dessen Decke aus Goldinkrustationen und Hochreliefs mit eingelassenen Spiegeln besteht.

Die Paneele sind aus Alabaster und zeigen zum Teil Blumenmuster in Hochrelief und Einlagearbeiten mit kostbaren Steinen, Arbeiten, für die Jeypore berühmt ist. Heute sind die zahlreichen, prächtigen Räume unbewohnt, nur noch eine Sehenswürdigkeit. Jey Sing des Zweiten Machtwort erbaute vor Ambers Toren eine neue Stadt, das heutige Jeypore. Von drei Seiten von Bergen umgeben, im Nordwesten durch das Tigerfort überragt, ist die Stadt ringsum von hohen Mauern mit sieben Toren umgeben. Breite regelmässige, sich rechtwinklig schneidende Strassen teilen die Stadt in sechs gleichgrosse Quartiere. In der Hauptstrasse, die eine Breite von 111 Fuss hat, liegt Jey Sings Meisterwerk, der phantastische Windpalast mit seinen zahllosen Erkern und Fenstern. Jeypores sonstige Gebäude, iast alle aus Stuck, alle durchweg mit einer rosigen Farbe angestrichen, Zeichnungen in weisser Farbe sollen ornamentalen Schmuck in Reliefmanier Vortäuschen, sind elende Bauwerke im modernsten Rajputenstil. Das Strassenleben ist von malerischem Reiz. Unaufhörlich schiebt und drängt sich eine bunte Bevölkerung durch die Strassen, Reiter zu Pferd, auf Kamelen und Elefanten beleben das Bild. Stolz schreitet der kriegerische Rajpute, das nationale Schwert, den talwar, an der Seite, dahin. Der glänzend schwarze Bart ist nach den Seiten ausgekämmt, der Schnurrbart á la Haby gesträubt, der grösste Stolz ist, möglichst wild auszusehen und dem Gesicht durch die abstehenden Barthaare Aehnlichkeit mit dem Rücken eines sich sträubenden Igels zu geben. Aber der Schein trügt, cs sind meist friedliche Landleute, und selbst das scharfe Schwert an der Seite, das ihre Vorfahren einst im Kampfe mit den Eroberern so tapfer schwangen, ist heute nur ein Zierrat und nationale Eigentümlichkeit, ohne die man freilich selten den Rajputen sieht. Neben anderen Industrien steht denn auch bis auf den heutigen Tag die Waffenschmiedekunst in grosser Blüte. Eine Kunstschule und das 1881 fertiggestellte Museum erhalten und fördern den Kunstsinn des intelligenten und tapferen Volkes. In den hundertjährigen Kämpfen, die durch das ganze Indien brausten, Reiche entstanden und untergingen, haben die Rajputen sich ihre Kunst, Religion, Freiheit und Eigenart bewahrt. Kein mohammedanisches Denkmal kündet ihre Besiegung durch den eindringenden Islam. Delhis Fluren, bedeckt mit den Trümmern früherer Jahrhunderte und den Gräbern untergegangener Völker überragt die Siegessäule des Sultans Kutub-uddin, welche er  im 13. Jahrhundert nach der Einnahme Delhis hier errichten liess. Die ringsum lautenden Inschriften erzählen von seinen zahlreichen Siegestaten. Der 70 Meter hohe Turm ist aus rotem Sandstein, die beiden obersten Stockwerke liess Ferozschah, der dem Turm 1368 eine Kuppel aufsetzte, mit weissem Marmor bekleiden. Ein Erdbeben 1803 stürzte die Kuppel herab. Das an der Seite stehenge Machwerk entstammt neuerer Zeit und soll in keiner Weise der alten, ursprünglichen Kuppel gleichen Als ein Wunderwerk technischer Fertigkeit gilt der eiserne Pfeiler Asokas im Hole der Kutub-Moschee aus dein 4. Jahrhundert vor Christus, einer Zeit, wo die Eisenschmiedekunst noch in den Kinderschuhen steckte. Der Pfeiler erhebt sich 8 Meter über der Erde, eben so lang soll das Stück sein, welches in der Erde steckt. Die Sanskritinschriften, mit welchen er bedeckt ist, erzählen den Ruhm und die Heldentaten des Raja Dhava.

An alten brahmanistischen Bauwerken im dravidischen oder Madras-Stil ist Trichinopoly, die durch ganz Indien berühmte Zigarrenfabrik-stadt, besonders reich.

Trichinopolys Wahrzeichen ist der Fakir-Felsen mit seiner Tempel-Anlage, der einige 70 Meter hoch aus der Ebene aufsteigt und das Stadtbild überragt. 290 Stufen führen empor zu dem, dem Gotte Ganesh, dem elefantenköpfigen, geweihten Felsen, von dessen höchster Spitze man eine herrliche Aussicht über die Ebene geniesst. Zu den Füssen des Felsen liegt Indiens grösster Tempel, der Sri Rangam,der eine Fläche von über 60 Hektar bedeckt undmit den typischen Torwegen, mit ihren bis zir 40 Meter hohen Portalen Gopura genannt, Marktbuden, Priesterwohnungen, kleineren Heiligtümern usw. eine ganze Stadt für sich bildet. Der Haupttempel ist die Halle der 1000 geschnitzten Steinpfeiler. Er gilt als grosses Heiligtum, ist reich an kostbaren Steinen und Goldschmuck und Wischnu geweiht. Der Schwestertempel von Jambukeshwar, viel kleiner in seiner Ausdehnung mit einem Teich mit springenden Wassern in der Mitte, ist Siva geweiht. In dem grossen Sri-Raneam-Tempel findet alljährlich im Winter eine mela, ein religiöser Jahrmarkt, statt. Volksaufzüge, bei denen Tausende von geschmückten und bemalten Gläubigen mitwirken, Elefanten, Kamele, Pferde einherziehen, insbesondere aber auf den uralten, riesigen Jagernautwagen Götzenbilder umhergefahren werden, bilden das Hauptmoment. Die sonst so düsteren Tempelhallen sind erleuchtet und mit Blumen geschmückt. Ja selbst die Fratzen der steinernen Götterbilder scheinen freundlicher dreinzublicken.

Ist sonst das Opfer mit Ghi, geschmolzener Butter, welche zu Füssen des Standbildes in kleine Höhlungen gelegt wird und zur Speisung eines angezündeten Dochtes dient, üblich, so erhält das steinerne Monstrum am Festtage Blumenspenden und wird mit wohlriechenden Wassern besprengt. Naikas, Tempeltänzerinnen, deren dieses Heiligtum wie jeder Tempel eine grosse Anzahl in seinen Diensten hat, führen zu einer für europäische Ohren wenig angenehmen Tamtam-Musik ihre stundenlangen Opfertänze, rhythmische Bewegung begleitet von eintönigem nasalen Singsang, auf. Ueberall herrscht eitel Freude, die sich nicht zum mindestens auch im Genuss von süssem Backwerk — Alkohol und Fleisch sind verpönt — bemerkbar macht. Der ranzige Geruch der indischen Büffelbutter mischt sich mit dem scharfen, aufdringlichen Parfüm der indischen Gewürze  und der wohlriechenden Wasser; dazu die Ausdünstungen der tausendköpfigen Menge, der vielen Tiere, die Glut der Tropensonne alles dies zusammen, geeignet einen Europäer einer Ohnmacht nahe zu bringen, begeistert das Volk bis zur Ekstase. In alten Zeiten kam es dann zu den widerlichsten Szenen der Glaubensbetätigung, Selbstfolterungen, Selbstmorden, aber die englische Regierung hat diesem Unfug, ebenso wie der Witwenverbrennung längst ein Ende bereitet. Das hindert nicht, dass sich das gläubige Volk in anderer Weise betätigt, insbesondere das wohlbeleibte Brahmanen – Korps reichlich durchfüttert und seinen Hokuspokus teuer bezahlt. Die bildlichen Ausführungen in den Tempeln Trichinopolys sind viellach recht plump und von geringem Kunstwert, dagegen gelten die Bildwerke in dem grossen Tempel von Madura — 95 Meilen südlich von Trichinopoly — für die besten von ganz Indien. Im allgemeinen sind die Anlagen des Maduratempels, der noch kleiner als der Jambukesliwar-Tempel ist, die gleichen, selbst die Halle der 1000 Pfeiler fehlt nicht. Vielleicht ist der Maduratempel reicher an Kostbarkeiten, denn er enthält gold-und silberplattierte Wagen für Siva, hier Sundareshwar genannt, und sein Weib Lakschmi, hier Minakshi, die Fischäugige, genannt. Der Reichtum an Göttern ist hier sehr gross, besonders aber die verschiedenen Formen, in denen sie verkörpert wurden. Das Brahmanentum besitzt hier im Süden der Halbinsel vielleicht eine noch grössere Machtfülle wie selbst im heiligen Benares. Fast unberührt von dem erobernden Islam konnte es sich zu hoher Macht entfalten, das Volk knechten und beherrschen. Die zahlreichen Riesentempel, die sich überall vorfinden, Jagernautwagen, von den sich glaubenstolle, betörte Anhänger zermalmen liessen, Götzenbilder von erschreckender Scheusslichkeit begegnen uns auf allen Wegen. Frühzeitig hat eine christliche Missionierung in Südindien eingesetzt, bereits 1706 erschienen protestantische Glaubensbotcn im Tanjorebezirk und in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts römische Katholiken. Der Brahmanismus hat durch sie nur geringe Einbusse erlitten, obwohl seine Priester nicht zu den Zierden ihres Standes gehören und das gläubige Volk ihnen nur geringe Achtung bezeigt.

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