Anfänge der modernen Völker

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Von jeher galt das Jahr 842 für ein Epochenjahr der Weltgeschichte. Bei dem Eid von Straßburg und dem darauf folgenden Vertrag von Verden schieden sich die drei Völker, Italiener, Franzosen und Deutsche. Gleichzeitig ungefähr differenzierten sich die Nordgermanen in Engländer, Flämen, Dänen und Schweden. Die Engländer vermählten sich mit den Kelten, in Rußland verschmolzen sich die Normannen mit den Slawen. Auf der Balkanhalbinsel nehmen ebenfalls um diese Zeit die neuen Gestaltungen bestimmtere Form an. Seit 700 waren bereits die Slawen bis zur Adria vorgedrungen. Im Jahre 806 werden die Tschechen zum erstenmal erwähnt. Jetzt aber beginnen sich Serben und Bulgaren zu scheiden. Seit 870 lassen sich die Ungarn an der Donau und Theiß nieder. Seit derselben Epoche werden die anarischen Bulgaren verslawt. Die Christianisierung der Slawen beginnt durch Kirill und Methud. Seit 990 sind die Polen christlich, und wenige Jahre später werden es die Russen und Madjaren, während das Christentum bei den Kroaten schon 820 und bei den Bulgaren 865 begonnen hatte.

Kleinasien war zur Hälfte den Arabern anheim gefallen. Das Griechentum war im Absterben. Die Isaurier wurden mächtig, in denen noch das alte Kasblut schäumt. Die Türken begannen 840 einzusickern, um seit 1060, seit der Ausbreitung der Seldschucken maßgebend zu werden. Die Kaukasusstämme wurden durch die Bekehrung zum Christentum erweckt und individualisiert, so die Lasen, die den Nordsaum Kleinasiens einnehmen, die Abchasen, die Tscherkessen, die Georgier, die 787 unter Aschot dem Bagratuni ein selbständiges Reich begründeten. Seit 942 wurden auch die Armenier selbständig und bildeten eine reiche Nationalliteratur aus, deren Anfänge bis ins sechste Jahrhundert zurückreichen.

Das ganze Imperium war aufgeteilt. Zunächst war es in nur zwei Teile zerfallen; seit 375 gab es ein Westrom und Ostrom. Die Versuche, die Hälften wieder aneinander zu leimen, dauern im Wesen bis 680. Damals ging noch ein byzantinisches Heer bis zur Theiß. Das romanische Südwesteuropa war jedoch dauernd schon seit 410 verloren. Der letzte Platz von Nordafrika fiel 695, Ägypten bereits 641 und Syrien 635, der größte Teil von Kleinasien seit 690. Ebenso Kreta 669. Armenien seit 730. Gut dreiviertel der Balkanhalbinsel seit 620. Byzanz war kein Weltreich mehr, sondern nur eine Territorialmacht, und noch nicht einmal eine besonders ausgedehnte. Viel größeren Raum nahm das Kaliphat, das Frankenreich und das seit 860 rasch wachsende Rußland an. Eine Epoche bedeutete der Sieg Karls des Hammers über die Araber, die Schutzherrschaft Pipins über den Papst und die Oberhoheit Ludwig des Deutschen über die Bulgaren. Die Achtung allerdings vor der byzantinischen Kultur, die blieb bestehen; sie war auch mehr als die Achtung vor dem kleinen Athen in dem ciceronischen und hadrianischen Rom. Byzanz besaß noch immer eine beträchtliche militärische und kulturliche Kraft. Aber das Schwergewicht der politischen Macht war an den Norden übergegangen. Nun bildeten sich zwar auch im Norden Großreiche, die den Ehrgeiz hatten, es dem alten Imperium gleich zu tun, indes von vornherein machte sich eine starke Differenzierung geltend. Wir haben den Eid von Straßburg vom Jahre 842 berührt. Ungefähr um die gleiche Zeitenwende werden die Langobarden volklich in das Italienertum aufgegangen sein, während die Goten in Spanien das Romanze, eine vulgärlateinische Mundart und die Burgunder einen dem provenzalischen nahestehenden Dialekt angenommen hatten. Das Griechentum aber war aus dem Westen ganz verdrängt, nur in Unteritalien und Sizilien behauptete es sich noch einige Jahrhunderte. Inzwischen ging im Griechentum selbst eine volkliche Neubildung vor sich. Durch die Verschmelzung mit slawischen, albanischen und nichtarischen Elementen entstand das Neugriechisch, dessen erste Spuren gegen 1000 auftauchen.

In China löst sich ebenfalls der Weltstaat auf. Die zweite Hälfte der Tangdynastie, die Zeit von 750—916 war durch fortwährende Wirren ausgefüllt. Ganz Nordchina fiel den Katai anheim. Im Nordwesten erhob sich das Reich von Hia. Im Süden machte ein großer Aufstand vom Jahre 860 Epoche, dem 120000 Perser, Juden und Mohammedaner in Hangtschau zum Opfer gefallen sein sollen. Tibet wurde mächtig und gründete ein Reich, das sich vom Tarimbecken bis zum Busen von Bengal erstreckte. An der Nordwestperipherie des ehemaligen chinesischen Imperiums erwachsen Staaten der Türken, Kirgisen und Uiguren, an der Nordostperipherie Japan und Korea. Im achten und neunten Jahrhundert werden die ersten Tempel in Japan und Siam errichtet. Auf Java scheinen seit etwa 830 die ersten Staaten von Belang emporgeblüht zu sein.

Hindostan war im neunten Jahrhundert schon halb arabisch. Der Buddhismus war so ziemlich aus der ganzen Himalajahalbinsel verschwunden. Ein Viertel von Hindostan war tibetisch, auf Ceylon waren neue Tamilenscharen zur Macht emporgestiegen.

In Persien trennten sich selbständige iranische Herrschaften aus dem Verbände des Kaliphats. Auch in Afrika ist eine Zeit der Neubildung. DieFatimiden gründeten eigene Staaten am Nordsaum des schwarzen Erdteils. Die Kopten werden allmählich arabisiert. In Tripolis, Algerien und Marokko werden die Grundlagen zu der heutigen arabisch-berberischen Doppelbildung gelegt. Die Araber sind dabei die Führenden. Im Süden bahnt sich ähnliches an durch eine Vermischung der Araber mit Negern. In Syrien geht das syrisch und aramäisch unter, um dem arabischen Platz zu machen. Sehr schwer ist es, in Afrika und Asien Merksteine sprachlicher Scheidung aufzurichten. Das eine nur ist wohl sicher, daß die heutigen Sprachen ihre Entstehung ohne Ausnahme der Mischung verdanken, die im neunten Jahrhundert ein vorläufiges Ende erreicht hatte. Nachweisbar geht das Neupersisch noch vor Firdusi zurück. Verschiedene Dravidasprachen empfangen seit rund 900 ihre Ausprägung. Die neuarabischen Mundarten, wie auch die Anfänge des Mandarin (der chinesischen Verkehrsprache) und des Hindostani werden in die gleiche Epoche zurückgehen.

In Amerika sind die ersten Staatswesen von Belang 700/900 n. Chr. bemerkbar. Unsere Funde reichen ja viel früher hinauf und man kann nicht daran zweifeln, daß einer so hohen Bildungsstufe, wie die war, in der die Kolossalbauten von Tiuan-huako entstanden, auch staatliche Schöpfungen von einer gewissen Reife entsprochen haben. Alles jedoch, was wir über jene früheren Zeiten sagen können, bleibt lediglich Vermutung. Inzwischen ist die Tatsache, daß um 700 bei den Maja und um 900 in Peru stärkere Staatsgebilde auftauchen, doch sicherlich dafür wenigstens ein Beweis, daß eine neue Epoche zu jener Zeit begonnen habe. Damit hätten wir zum erstenmale einen Paralellismus auch zwischen der neuen und alten Welt hergestellt. Wer nun die Stifter jener Maja-, Azteken- und Inkareiche waren, das ist eine andere Frage. Wahrscheinlich sind es Einheimische gewesen; Anregungen von Asien her sind jedoch keineswegs ganz unmöglich.

Kehren wir nach Europa zurück!

Ein halbes Jahrtausend lang war die Hauptmacht Europas Deutschland. Selbst als noch Frankreich mit Deutschland vereinigt war, da war in der späteren Zeit der Pipiniden das Schwergewicht schon nach Osten gerückt. Unter Karl dem Großen wurde vollends deutsche Sprache am Hofe maßgebend (neben dem Latein, das aber nur für schriftliche Zwecke benutzt wurde), wie denn der Kaiser selbst die alten deutschen Heldenlieder sammeln ließ, während er sich für die romanische Literatur nicht erwärmen konnte.

Deutschland stand mit den Hauptkulturreichen in reger Verbindung. Karl der Große tauschte Gesandtschaften mit Harun al Raschid, dem Kalifen, der in Bagdad residierte. Otto der Große war mit einer Tochter Alfreds des Großen vermählt, der England zu hoher Blüte brachte. Der Sohn Ottos, Otto II. (965 bis 982) führte eine byzantinische Prinzessin heim. Die Macht Deutschlands reichte in seiner besten Zeit nach Sizilien im Süden, bis Jütland im Norden, bis in die Gegend des heutigen Petersburg im Nordosten, bis zur mittleren Donau im Südosten. Ludwig, zubenannt der Deutsche, konnte eine Huldigung der Bulgaren entgegennehmen, HeinrichIII. ,zu benannt der Schwarze, zwang die Ungarn, seine Oberhoheit anzuerkennen. Ganz Burgund, bis zum Mittelländischen Meere, und sogar der König von England bekannten sich zeitweilig als Lehnsmannen des deutschen Kaisers. Sowohl Otto der Große als auch Heinrich III. nahmen das Recht in Anspruch, Päpste nach eigenem Gutdünken ab- und einzusetzen. Ein italienischer Rechtgelehrter tat den Ausspruch: der Kaiser ist der Herr der Welt. Dante schreibt ihm ebenfalls das Recht auf Alleinherrschaft zu.

Die deutschen Herrscher entstammten zuerst einem Haus der Franken, dann, von 911—1024, einem sächsischen Geschlechte. Nach der Regierung Lothars von Suplinburg bestiegen 1136 die süddeutschen Staufer den Thron, um ihn bis 1250 zu behaupten. Nach dem Interregnum, das bis 1273 dauerte, kamen die Habsburger in die Höhe. Mit ihnen anfänglich Luxemburger und Bayern. Es war nicht ohne Bedeutung, daß der Reihe nach die meisten deutschen Stämme dem Reiche Kaiser lieferten. Wären es immer die Franken geblieben, so hätten sich die anderen Stämme benachteiligt, ja unterdrückt gefühlt. So aber konnten sich alle des Reiches freuen, Norden wie Süden, Westen und Osten. Immerhin war das zeitweilige Vorwalten eines bestimmten Stammes nicht ohne Wirkung. Die Hochblüte der deutschen Dichtung des Mittelalters fiel in die Zeit der Staufer und wurde deshalb süddeutsch gefärbt.

In Frankreich hielten sich die Karolinger viel länger als bei ihren östlichen Nachbarn, nämlich bis 987. Hierauf kamen die Capetinger, und blieben bis 1328. Damals wurden die Valois auf den Thron gehoben. In England herrschten die Angelsachsen, und zeitweilig dänische Könige, wie Knut der Große, bis 1066. Nun folgten die Normannen.

Der Normanne ist ein Sohn des Genies. Zum Redner geboren, ein schlauer Stratege und Politiker, Meister der Dichtung und der Kunst. Vor allem aber ein Krieger und Herrscher. Wie ein verheerender Wirbelsturm stürzten sich die ersten Normannenscharen auf Europa — „der Wind hilft unseren Ruderern, der Orkan steht in unserem Dienste“ — mit zermalmender Kraft zerbrachen sie fast jeden Widerstand, mit rücksichtsloser Grausam

keit fielen sie in die Städte und Klöster ein und erwürgten Priester und Nonnen — „wir haben ihnen die Messe mit den Speeren gesungen. Die Messe begann früh morgens und sie endete in der Nacht“ — und sie verachteten den Tod, wenn das Schicksal gegen sie ging — „Wir schlugen, sagt Lodbrok im Schlangenverlies, mit unseren Schwertern. Ich war so glücklich, als ob ich ein junges Mädchen umarmte. Wer niemals verwundet wurde, langweilt sich. Lachend werde ich sterben.“

Auf die Völkerwanderungen der Hunnen, Gothen, Türken und Araber folgten nämlich jetzt neue Vorstöße. Im Süden brachen seit rund 1000 die Berber auf, und bemächtigten sich Marokkos und Spaniens unter der Führung der Almorawiden und Almohaden. Um 1160 setzten sich die Sumatra-Malaien in Bewegung, und besiedelten die großen und kleinen Sundainseln und viele Eilande der Südsee, darunter das bisher gänzlich unbewohnte Neuseeland. Von Norden her strömte die Flut der Katai, nach denen noch heute arabisch und russisch China benannt wird, ferner die Flut der tungusischen Niutsche und der türkischen Seldschukken und Gasnawiden. Gleichzeitig damit geschah die Südwanderung der Normannen.

Aus ihrer skandinavischen Heimat kamen seit 850 normän-nische Wikinger nach Osteuropa und gründeten dort, slawische Scharen bezwingend, das russische Reich, das sich bald von der Ostsee bis zum Schwarzen Meere ausdehnte. Im neunten und zehnten Jahrhundert machten die Normannen ganz Europa unsicher. Kein noch so ferner Strom, und flösse er in Spanien oder am Kaukasus, der von ihren Drachenbooten ganz verschont geblieben wäre. Im Jahre 912 kamen die Normannen sogar bis zum Urmiasee in Persien. Von da sich zum Schwarzen Meere zurückziehend, fuhren sie durch das Mittelmeer, und dann um Gibraltar herum wieder nach Hause. Schon 911 gründeten sie eine dauernde Niederlassung in der Normandie. Im Jahre 1046 errichteten sie das Herzogtum Aversa südlich von Neapel, und eroberten im Laufe der nächsten Menschenalter ganz Süditalien und Sizilien, von wo sie weitere Fahrten nach Sardinien, Nordafrika und der albanischen Küste unternahmen. Im Jahre 1066 setzte Wilhelm, Herzog der Normandie, nach England über, besiegte den König Harald bei Hastings — seine Leiche entdeckte nachher seine Geliebte, Edith Schwanenhals, in einem Haufen von Gefallenen, die Bißwunde in der Schulter wiedererkennend, die sie selbst ihm einst zugefügt — und verteilte ganz England an seine Barone. Um die Wende des Jahrtausends segelten die Normannen sogar nach Amerika hinüber. In einem großen Werke hat dies zwar Nansen jüngst bestritten, aber die Entdeckung wird doch zu Recht bestehen.

Frankreich und Sizilien hat den Normannen eine Wiedergeburt, Rußland hat ihnen staatlich so gut wie alles zu verdanken. Selbst Byzanz erlebte, von normannischen Söldnern unterstützt, einen militärischen Aufschwung. An der Adria verbündete sich Byzanz mit dem aufstrebenden Freistaate Venedig.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große