Asien-Das goldene Zeitalter

Der erste Schritt zum Aufbau der Kultur war die Seßhaftwerdung der Menschen, und diese war durch den Ackerbau bedingt. Ohne Sicherung des täglichen Brotes gab es kein ruhiges Leben, die Sorge um Nahrung verhinderte die Jägervölker an dauernder Niederlassung und Gründung größerer Siedlungen. Um von der Jagd allein zu leben, brauchte der Jäger viel Land, war also an sehr weitmaschige Niederlassung gebunden.

Wie und wo aber entstand der Ackerbau? Bis vor kurzem war die Meinung verbreitet, er habe sich zuerst in den großen Flußtälern entwickelt, im Niltal und Zweistromland, im Gebiet des Indus und am Gelben Fluß. Heute wissen wir, daß diese Stromlandkulturen schon die zweite Stufe in der Entwicklung des Getreidebaues darstellen und daß sich die erste in den Hochländern vollzog, in den Grassteppen der Kordilleren und Anden, der ostafrikanischen Hochplateaus, des Hochlandes von Iran. Dort wuchsen, wie auch heute in den Alpen, die Gräser wild, die dazu ausersehen waren, einst der Menschheit das Brot zu liefern, die Windhalme, die Hafer-und Rispengräser, die Schwingel. Jahrtausendelang begnügte sich der Mensch damit, sie jährlich zur Reifezeit zu sammeln, wie wir Schwämme sammeln; endlich aber begann er den Samen um seine Hütte zu säen, und so begann der Getreidebau. Nun konnten sich die Menschen in Siedlungen zusammenfinden, sie vermehrten sich rascher. Trockenheit oder Fehden zwischen den Clans bewogen sie zu Wanderungen, sie erkannten den Wert des nicht versiegenden Wassers und zogen hinab in die großen Flußtäler. Dort ernteten sie hundertfältige Frucht…

Die Anfänge der Kulturen reichen weit zurück in die graue Vorzeit, denn die Menschen sind ungemein beharrend in ihren Gewohnheiten und Traditionen und nur schwer zum Fortschritt zu bewegen, wo immer es sei, allen voran aber der Bauer. In abseits der Zivilisation gelegenen Gegenden der Erde verwendet er heute noch Pflüge, primitiv wie vor fünftausend Jahren, und der Getreidedrusch vollzieht sich am Balkan und in vielen asiatischen Ländern heute noch genau so wie einst im Lande Sumer. Wie langsam erst mögen sich vor zehntausend Jahren Änderungen und Verbesserungen vollzogen haben.

Das iranische Tafelland hatte damals in der noch paläolithischen Periode einen gewaltigen Vorsprung vor Europa, es war, wie neue Forschungen ergaben, nicht mit Eis bedeckt wie Europa bis zu den Alpen. Um die Gestalt dieses Landes im Maßstab eines Modells vor unser geistiges Auge zu bringen, stellen wir es uns vor als ein Waschbecken, dessen Rand von Gebirgen gebildet wird, die zum inneren Bassin abfallen. Der Boden dieses Waschbeckens war damals mit Wasser bedeckt, ein Binnenmeer. Infolge eines sich in Jahrtausenden allmählich vollziehenden Klimawechsels, der aus einem Regen- ein Trockenland machte, das Iran heute noch ist, trocknete das Meer aus und hinterließ Salz- und Sandwüsten, einen ausgetrockneten Seeboden.

Die Siedlungen lagen damals schon, wie auch heute, auf den Gebirgsabhängen, die im unteren Teil sanft gegen das Seeufer abfielen, auf der Horizontlinie, wo heute die aus dem Gestein quellenden Gebirgsbäche zur Befruchtung des Bodens ringsum in zahlreichen Leitungen durch die Oasen aufgebraucht werden. Diese Oasen, die an den Südabhängen der Elburskette am Nordrand von Iran bis gegen den Pamir hin in Abständen von einer oder mehreren Tagesreisen das von der Sonne ausgetrocknete kahle Berg- und Steppenland mit ihrem frischen Grün schmücken, sind die einzigen Inseln der Fruchtbarkeit, die vom einstigen Regenland übriggeblieben sind. Vor zehntausend Jahren war es anders. Da waren die heute kahlen Berge noch bewaldet, und die Menschen wohnten in ihren Höhlen und lebten von Jagd und Fischerei im weithin sich dehnenden Binnenmeer, aus dem nur vereinzelte Berge als Inseln emportauchten, die Gebirgsketten, die heute die Kewir durchziehen. Meilenweit reichte das Schilfrohr in den See hinein, wie heute noch in der Seelandschaft des Helmund in Sistan, bevölkert mit Tigern, Leoparden, Wildeseln, Löwen, Panthern, Gazellen und Milhonen von Wasservögeln. Solange dieses feuchte Klima mit natürlicher Fruchtbarkeit dauerte, also durch Jahrtausende, verspürte der Mensch keinen Antrieb, seine Lebensweise zu ändern, erst als die Regen durch Jahrhunderte immer seltener wurden und die Gebirgsbäche für Monate versiegten, als das von ihnen gespeiste Binnenmeer allmählich austrocknete und die weiten Ufersümpfe Grasland wurden, siedelte sich der Mensch in der Ebene an, baute Rohrhütten und säte um diese herum Fruchtgräser.

Grasbewachsene Erdhügel verraten dem Forscher die prähistorischen Siedlungsplätze, und deren methodische Abgrabung geben uns reichliche Kunde über die „Kulturen“ und das Leben ihrer Bewohner vor acht-, sechs- und dreitausend Jahren. Betrachten wir daraufhin die Grabungsergebnisse zweier Teils in Siyalk bei Kaschan in Iran. Kaschan liegt am Ostabhang der zentraliranischen Gebirgskette, die dort zur zentralen Salzwüste abfällt, also am Westrand des einstigen Binnenmeeres. Die ältesten Schichten von Siyalk führen uns ins fünfte Jahrtausend zurück. Zahlreiche Spindeln aus Lehm weisen auf eine beginnende Textilindustrie. Kleine Steinmörser, worin mittels Stößel Farben zerrieben wurden, dienten zum Tätowieren der Bewohner. Männer und Frauen trugen Hals- und Armbänder aus kleinen Muscheln und weißen Steinkugeln. Unter den Beinschnitzereien, die meist als Handhaben für Messer, Sägen, Sicheln und andere Instrumente aus Feuerstein dienten, überrascht ganz besonders eine menschliche Figur, die älteste, die bisher in Westasien gefunden wurde. Sie befindet sich im Louvre. Der Mann, vielleicht ein Clanhäuptling oder Priester, ist aufrecht stehend dargestellt, leicht vorgebeugt, die Arme in archaischer Art über der Brust gekreuzt, mit einem Lendentuch bekleidet und einer ovoiden Mütze am Hinterhaupt. Die Beschränkung der Kleidung auf ein Lendentuch gibt uns Aufschluß über das Klima in Iran im fünften Jahrtausend: die Hitze muß jener in Babylonien und Ägypten gleichgekommen sein. Kaschan wie alle die gegen die Kewir vorgerückten Städte sind ja auch heute wegen ihrer Hitze berüchtigt. Vergessen wir nicht, daß in den Oasen der zentralen Wüsten Irans Dattelpalmen die Bevölkerung ernähren. Die Mütze, die der Mann trägt, wird von der Landbevölkerung Irans heute noch getragen. Seine Schlankheit unterscheidet ihn günstig von den meist fetten Sumerern und Ägyptern, deren älteste statuarische Figuren übrigens viel jünger sind als diese Griff-Figurine. Vereinzelte Kupfernadeln verraten uns den Übergang vom Neolithikum zur Kupferperiode, den Beginn der äneolithischen Periode. Die Toten wurden unter den Häusern bestattet. Man gab ihnen eine Axt und Nahrung mit ins Grab, glaubte also schon damals an ein Leben nach dem Tod.

Über den fünf untersten Kultur schichten von Siyalk, die von übereinander gelegenen Dörfern stammen, fand man drei Schichten der nächsten Periode, in der zwei große Erfindungen gemacht wurden: der Töpferbrennofen und die Herstellung von Ziegeln. In der vorhergegangenen Periode wurden die mit der Hand geformten Tongefäße an der Sonne getrocknet, dann übereinandergeschichtet, mit trockenen Ästen bedeckt und so gebrannt. Erst im Brennofen konnte die Hitze reguliert und eine gleichmäßige rote Oberfläche erzielt werden. Die Gefäße, die bisher nur einfache Strichmusterung aufgewiesen hatten, wurden nun auch mit den Tieren der Umgebung bemalt, mit Steinböcken, Bären und Wasservögeln. Es ist für uns moderne Maschinenmenschen, denen nichts mehr unmöglich erscheint, äußerst schwer, uns vorzustellen, was für den Menschen der Vorzeit Erfindungen bedeuteten und wie lange ihre Vervollkommnung dauerte. Der Ziegel, so einfach er aussieht, war das Resultat vieler Experimente. Die ersten Ziegel waren unregelmäßige, mit der Hand frei geformte Lehmklumpen. Erst allmählich erreichte man eine gleichmäßige Einheitsform. Um die Wohnräume zu verschönern, begann man die Wände rot zu bemalen. Die Toten tragen nun schon Arm- und Halsbänder aus Seemuscheln vom Persischen Golf und Türkiskugeln aus Ostiran. Die Bewohner von Siyalk trieben also jetzt, im vierten Jahrtausend, schon Tauschhandel, exportierten ihre Keramik, vielleicht auch Getreide und Jagdbeute gegen andere Waren, darunter Luxusartikel, wie Schmuck. Knochenfunde zeigen an, daß das Pferd, der Hund und das Schwein schon domestiziert waren.

Diese auffallend frühe Züchtung des Pferdes führte bald auch zur Züchtung des als Tragtier weitaus geeigneteren Maultieres durch Kreuzung von Pferd und Esel. Wir finden es bereits auf Abbildungen der sumerischen Armee am Ende des vierten Jahrtausends in Ur, wohin es von Iran exportiert wurde.

Im zweiten Hügel von Siyalk fand man in den untersten Schichten die Fortsetzung der Kulturen. Hier sind .die Häuser bereits aus in Modeln gestrichenen Ziegeln gebaut, die Wände der Zimmer rot und weiß gemalt. Die Erfindung der Töpferscheibe zeitigte schwungvoll geformte Gefäßformen, bemalt mit geometrischen Ranken und Tieren, Steinböcken, Mufflons, Leoparden, Hunden, Vögeln und dem Menschen als Herrn der Tiere, der den Ochsen am Nasenring führt. Steingefäße sind fast durchaus durch kupferne ersetzt. Neben den gehämmerten gibt es schon geschmiedete Hämmer und Hauen. Das Schmelzen der Metalle war bekannt. Lange Kupfernadeln mit halbrunden Köpfen, Türkis-Lapislazuli und Jadeperlen, Gehänge aus Bergkristall und Muscheln dienen als Schmuck: eine Vorstufe zum reichen Kopfschmuck der sumerischen Königin Schub-Ad, der in ihrem Grab in Ur gefunden wurde. Ein wichtiger Fortschritt der Zivilisation wurde durch die Einführung von Steinsiegeln angezeigt, die nunmehr im Handel mit anderen Ländern das Privateigentum schützten. Metalle kamen aus den Bergtälern von Luristan, Seemuscheln vom Persischen Golf, Türkise von Khurassan, Lapislazuli von Afghanistan und Jade aus den Gebirgsbächen von Khotan jenseits des Pamir.

Als Krone dieser Kulturentwicklung im vierten Jahrtausend erscheint die Schrift, deren erste Zeichen wohl des Handels wegen zustande kamen und zunächst auf die Zeichen der Warenbezeichnung, wie Gerste, Weizen, Wein, Butter, und auf Zahlzeichen beschränkt blieb. Die Zeichen wurden mit einem Stilett in Täfelchen von feingeschlemmtem Ton eingeritzt. Diese Täfelchen sind oft durchlocht und wurden mittels einer Schnur an den Warenballen befestigt Die Schrift wurde wahrscheinlich von Susa aus im Hochland verbreitet, als das Reich von Elam seine Herrschaft über Iran ausdehnte. Das geschah am Ende des vierten Jahrtausends. Mit diesen Schichten endet die Kupferzeit in Siyalk, und erst nach zweitausendjähriger Pause berichten weitere Schichten über jüngere Zeiten.

Hügel aus neolithischer Zeit sind über das ganze Hochland verbreitet, wenn auch bisher wenige so reiche Aufklärungen brachten. Bei Persepolis wurde ein neolithisches Dorf freigelegt. Es unterscheidet sich von späteren Dorfsiedlungen durch den Mangel an selbständigen Häusern, besteht aus einer systemlosen Agglomeration von Höfen und Räumen, die auf ein Gemeinschaftsleben des Clans schließen lassen, das noch weit unter jeder, selbst polygamischen Familiengemeinschaft stand. Die Leute lebten wahrscheinlich in Gruppenehe oder hatten ein polyandrisches (Vielmänner-) System, wie es in den folgenden Jahrtausenden noch im elamitischen Reich und bei vielen asiatischen Völkerstämmen vorherrschte. Die griechischen Geschichtsschreiber geben davon Berichte. Die Gemeinsamkeit der Weiber innerhalb eines einzelnen Geschlechts oder Clans, also auf die Verwandten beschränkt, kündet ja schon den Übergang zu einer größeren, gebundenen Gemeinschaft an. Eine polyandrische Gemeinschaft beschreibt Strabon (16, 783) bei den Arabern:

„Die Brüder werden höher geschätzt als die Kinder. Nach der Erstgeburt richten sich Herrschaft im Geschlecht und andere Würden. Alle Blutsverwandten haben gemeinsamen Besitz. Herrscher aber ist der Älteste. Eine Frau haben alle. Wer zuerst kommt, geht hinein und wohnt bei ihr. Er läßt seinen Stab vor der Türe stehen; denn alle pflegen Stöcke zu tragen. Des Nachts weilt sie bei dem Ältesten. So sind alle untereinander Brüder. Sie wohnen auch ihren Müttern bei. Auf den Ehebruch steht der Tod. Ehebrecher ist der eines anderen Geschlechts.“

Die Sitte, einen Stock vor dem Gemach, in dem ein Mann einer Frau beiwohnte, in die Erde zu stecken, war im vorgeschichtlichen Geschlechtsverkehr vor dem Aufkommen der Familie ganz allgemein verbreitet und kehrt in allen Beschreibungen der Ehesitten wieder. Wer sie kennenlernen will, lese Bachofens Mutterrecht.

Kehren wir nach Siyalk zurück, um dort auch über die letzte prähistorische Kultur in Iran Aufschlüsse zu erhalten, über die indo-iranische oder arische, die innerhalb weniger Jahrhunderte geschichtlich wurde. Zweitausend Jahre waren seit dem Ende des oben geschilderten Zeitalters verflossen, das wir das Goldene nennen können, denn es kannte keine Waffen, daher auch keine Unterdrückung, keine Machtüberhebung und Kasteneinteilung. Es war die kampf- und krieglose Zeit, in der zu Machtstreitigkeiten noch kein Anlaß vorlag. Dieser Zustand hatte sich längst, gewiß schon in der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends, geändert. Die Arier, die im 10. Jahrhundert, zur Zeit ihrer Einwanderung in Iran, auch in Siyalk eine Siedlung gründeten, brachten eine den früheren weitüberlegene Kultur mit, oder entwickelten sie in kurzer Zeit. Die Toten wurden nicht mehr in den Häusern bestattet, sondern in einem außerhalb der Siedlung gelegenen Friedhof in Gräbern, die mit Grabsteinen gekennzeichnet waren, und die reiche Funde lieferten. Die Männer wurden mit ihren Waffen begraben, die aus Bronze gefertigt sind. Auch Reitzeug fand man in den Gräbern, Stangengebisse, Zäume und Schellen, es war ein Reitervolk. Auch das neue Metall, das noch selten und teuer war, das Eisen, wurde zu Waffen geschmiedet. Man fand neben den Bronzewaffen auch eiserne Dolche und andere Objekte aus Eisen. Den Toten wurden eine Menge von Tongefäßen mit ins Grab gegeben, wahrscheinlich mit Speisen gefüllt. Es gibt darunter Gefäße von feinster Qualität, dünnwandig, wohlgeformt, mit langem Ausgußrohr und reich bemalt, offenbar Ritualgefäße für Sprengopfer. Die Frauen trugen reichen eisernen, bronzenen und silbernen Schmuck, Fibeln mit Löwenköpfen und Silbernadeln für das Haar.

Unter der Führung der Arier kam die vorgeschichtliche Zeit Iran bald zum Abschluß. Bisher hatte es am Hochland keine Städte gegeben, nur Dörfer. Nun wuchsen die bald zu hoher Blüte aufsteigenden, historisch berühmten Städte Irans heran, Ekbatana, Pasargadä, Persepolis, Rhagä bei Teheran und Tus bei Meschhed. Als Schrift wurde die sumerisch-babylonische Keilschrift adoptiert. Iran wurde ein geschichtliches Land, und bald auch mit der Begründung des Perserreiches durch Cyrus ein geschichtlicher Faktor ersten Ranges in Westasien, ja ein Weltreich.