Assyrer und Perser

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Während die anderen Völker noch in der Kleinstaaterei beharrten, schwang sich Assur zur Weltmacht empor. Die Heere der assyrischen Großkönige erreichten im Osten den Indus und im Westen das Mittelmeer, im Norden den Elbrus am Kaspisee und im Süden die Küsten Arabiens. Sie zerstörten Jerusalem und führten Hunderttausende von Juden in die Gefangenschaft nach den „Wassern von Babel“; sie beschritten sogar den Sand Ägyptens und zwangen zeitweilig die Pharaonen zur Botmäßigkeit. Auf die steile Höhe folgte aber der jähe Fall. Durch ihren Übermut und ihre Grausamkeit erregten die Assyrer alle anderen Völker gegen sich. Die anderen schlossen sich nun zusammen und gründeten einen Bund gegen Ninive, die spätere Hauptstadt der Assyrer. Im Jahre 606 sank Ninive in den Staub. Der Mantel des assyrischen Großkönigs fiel auf die Schultern der iranischen Herrscher. Seit 560 gründete Kurusch oder Cyrus das persische Weltreich, das reichlich siebenmal so groß war wie Deutschland ohne Kolonien. Die Perser brachten alle Küsten des östlichen Mittelmeeres in ihre Gewalt und griffen zugleich tief in den massigen Kern Asiens hinein. Sie unterwarfen den Nordwesten der Himalajahalbinsel und wagten sich bis in die Steppen von Südrußland vor; sie eroberten die Nordhälfte der Balkanhalbinsel und ganz Nordostasien; sie empfingen eine Huldigungsgesandtschaft von Karthago, der Gründung der Phönizier. Ihre Macht reichte also wesentlich über die Grenzen der assyrischen hinaus. Auch war ihre Herrschaft viel einheitlicher und viel fester. Die Verwaltung wurde, allerdings nach assyrischem Vorbild, auf das genaueste geregelt. Den einzelnen Provinzen wurden Statthalter, Satrapen gesetzt. Alljährlich wurde überall die Steuer, die zusammen bis 900 Millionen Mark brachte, eingetrieben; dabei muß man erwägen, daß der damalige Geldwert viel höher war als der heutige. Besonders berühmt war die persische Post. Laut dem Volksmund „ging sie schneller, als der Vogel fliegt“. Von Susa, der Hauptstadt des Königs der Könige, bis nach Sardes, der lydischen Hauptstadt, brauchte die Post nur sechs Tage. Es ist das eine Entfernung von ungefähr 1400 km. Die persische Reitpost der Gegenwart und die russische Fahrpost hat keine besseren Ergebnisse aufzuweisen. Die Hauptstadt war in Susa. Mit anderen Worten: Das Schwergewicht des in seiner Grundlage doch indogermanischen Reiches war in ein Stammland der Nichtarier, war in die Hochburg der Elamer und Semiten verlegt. Die Folgen davon konnten nicht ausbleiben. Sehr bald machten sich die fremden Einflüsse geltend. Der Hofstaat des arischen Herrschers, der einst bei seinem Adel bloß ein Gleicher unter Gleichen gewesen war, gestaltete sich nach babylonischem Muster; Harem und Eunuchen wurden eingeführt. Einstweilen jedoch erklomm jetzt, gegen 500, das Perserreich seine höchste Höhe. Erst ein Menschenalter später begann der Verfall.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer