Athen-Orientierung

Acropolis of Athens

DIE Akropolis von Athen, heute nur ein Denkmal der großen Vergangenheit, war einst der Ausgangs- und Mittelpunkt des politischen Lebens von Athen und Attika. „Akropolis“, d. i. „Hochstadt“, wurde sie erst genannt, als sich ein Unterstadt gebildet hatte; und deren Anfänge reichten in so frühe Zeit hinauf, daß Thukydides, der große Geschichtschreiber des Peloponnesischen Krieges, um das Jahr 410 v. Chr. nur aus scharfsinnigen Beobachtungen schließen konnte, nach welcher Seite ungefähr die Stadt von dem naturfesten Platz aus sich zuerst ausgebreitet hatte. Nicht in der Ebene nördlich der Burg, die sie zu seiner Zeit einnahm, und die auch das neuere Athen zuerst besetzte, sondern im Süden, wo einige uralte Heiligtümer im Südosten und Südwesten ihm die Richtung zu weisen schienen.

Den Königen, die damals in Athen herrschten und mit einem Teile ihrer Leute auf der Burg wohnten, gehorchte noch durch Jahrhunderte nur ein Stück der Landschaft. Schauten sie von ihrer Höhe (156 m) hinaus, so blickten sie an der Landseite gewiß an mehr als einem Punkte in das Gebiet benachbarter Könige. Nach drei Seiten sahen sie die Berge, vielleicht etwas weniger entwaldet als heute, die Ebene einrahmen: gegen Osten ist es der einförmige Rücken des Hymettos (1027 m, Abb. 1) der südlich ins Meer verläuft und seine Wurzeln gegen Athen und die Ebene schiebt, besonders kenntlich die das Stadion umgebende Höhengruppe, die nachmalige Vorstadt Agrai. Sie steigt unmittelbar hinter dem meistens fast wasserlosen Bett des Ilisos (Abb. 6) auf. Vom Nordende des Hymettos durch eine Senkung geschieden, erhebt sich der nach Nordwest streichende Brilessos (1110 m, Abb. 2), meist nach dem an seinem Fuße belegenen Orte Pentele benannt. Ein Marmorgebirge wie jener, liefert dieser weißen, jener mehr graublauen Stein. Auch der Umriß des Pentelikon ist einfach, doch von beiden Seiten gleichmäßig ansteigend, ähnelt er einem Tempelgiebel. Seine nordwestlichen Vorhöhen verbinden sich mit denen der Parnes (1413 m), die, grade im Norden in breiterer Masse gelagert, auch den höchsten Teil des ganzen Bergrings bildet, Vor ihrem im Hintergründe sichtbaren Hauptzug, der nach Westen zum boeotischen Kithaeron streicht, legt sich, von Athen aus gesehen, eine niedrigere Abzweigung, der Aegaleos (Abb. 3). Nur bis 467 m ansteigend, zieht er dem Hymettos scheinbar parallel nach Südwest, fällt schroff zu dem kaum erkennbaren Sund ab, jenseit dessen die kahlen Höhen der Insel Salamis wie seine Fortsetzung erscheinen (Abb.4).



So ist die Ebene im unteren Teil von Hymettos und Aegaleos, im oberen von Pentelikon und Parnes eingefaßt, der Länge nach vom Kephisos durchflossen. Das beste Stück des unteren Teiles dürfen wir als das Gebiet der Könige von Athen ansehen. Doch von den unabhängigen „Städten“, deren es mit Athen zwölf, eine beliebte runde Zahl, gegeben haben sollte, und die wir ebenso von Fürsten beherrscht denken müssen, lag innerhalb des Gesichtskreises der Burg eine abwärts an der weiten, Athen nächsten Bucht (Abb. 2), auf die der Name des Ortes Phaleros übergegangen ist. Ebenso war wohl eine von mindestens dreien in der oberen Ebene sichtbar, in der Gegend des heutigen Menidi, das rings von Grabhügeln umgeben ist, von denen einer, im Jahre 1879 ausgegraben, ein Kuppelgrab, ein in mykenische Zeit hinauf reichendes Fürstengrab enthielt. Eine andre Stadt lag am östlichen Rande, und höher hinauf im Kephisostal Dekeleia. Die größere Zahl der Städte lag jenseit der Berge, einige in der Küstenlandschaft, die sich hinter dem Hymettos zum Vorgebirge Sunion hinzieht, andere hinter dem Pentelikon, um die Bucht von Marathon, andere im Gebiet der Parnes.

Früher, wie es scheint, und vollständiger als in irgend einer der andern griechischen Landschaften, errang in Attika ein Ort die Vormacht. Athen wurde zum politischen Mittelpunkt, ohne daß die Bewohner der andern Städte ihren Wohnsitz aufzugeben brauchten. Nach dem Glauben der Athener, den selbst Thukydides teilt, hatte diese Einigung Theseus zuwege gebracht, den die Athener, seit ihnen die Perserkriege Mut gemacht hatten, eine den Spartanern ebenbürtige Stellung in Hellas einzunehmen, zu ihrem besonderen Nationalhelden, wie es Herakles für die Dorier war, ausgedichtet hatten. Was athenischer Ehrgeiz durch einen Mann, den die Sagenchronologie in die Zeit vor dem trojanischen Kriege hinaufsetzt, vollbracht sein läßt, das hat in Wirklichkeit viel längere Zeit beansprucht. An einer fruchtbaren Ebene jenseit des Aegaleos liegt Eleusis, das in dem aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. stammenden Hymnus auf Demeter noch seine eigenen Könige hat, die mit Athen Krieg führen. Nicht lange, sollte man meinen, könnte Athen Herr über Eleusis geworden sein, ohne auch nach der Insel zu verlangen, die, vor dessen stiller Bucht gelegen, sie zu schließen, wie mit Polypenarmen nach der einen Seite das Ende des Aegaleos, nach der andern einen Vorsprung des megarischen Ländchens zu umklammern sucht. Salamis aber, das man so nahe hinter dem Piräus liegen sieht, gehörte beim Beginn wirklich geschichtlicher Zeit noch zu Megara, und Solon, der erste große Athener, soll durch seine Gesänge die Athener angefeuert haben, die Insel zu nehmen. Weiter links sieht man Aegina (Abb. 84), auf dessen spitzem Gipfel Zeus seinen Sitz hatte. Auch diese dorische Insel erlag der wachsenden Macht Athens, doch erst nach den Perserkriegen, nicht lange vor dem Peloponnesischen. Was sonst noch der Blick von der Burg jenseit der blauen Flut erreicht, war, von unbedeutenden Felseilanden abgesehen, von Athen unabhängig, gehörte zum Teil zum Bunde der Peloponnesier unter der Führung Spartas, dessen Vormacht auch das ionische Athen noch in den Perserkriegen nicht bestritt.

Doch seitdem Solon im Anfänge des sechsten Jahrhunderts v. Chr. seinem Volke eine gerechte und freiheitliche Verfassung gegeben, hatten sich dessen Kräfte im Ringen der Parteien entfaltet. Die kluge Tyrannenfamilie der Pisistratiden beschränkte zwar die Freiheit, nährte aber den Sinn für die bei den Ostgriechen erblühten Leistungen der Dichtung und Kunst. Solche Anregungen und die Berührung mit dem fortgeschrittenen Osten weckten die Geister, so daß, als das große Wetter heranzog, die Spartaner wohl unter ihrem Leonidas heldenmütig bis zum Tode Widerstand leisteten, aber Athen allein die Männer besaß, die nach klugem Plan die Dinge zu leiten wußten und die Selbständigkeit von Hellas retteten. Ein Themistokles wollte danach freilich die Vormacht Spartas nicht mehr anerkennen. So kühn wie klug, wußte er, der schon vorher die Seemacht Athens begründet, die Bedeutung des Piräushafens erkannt hatte, auch die Ummauerung der Stadt und des Piräus durchzusetzen. Ihr folgte bald die Verbindung beider Festungen durch die langen Mauern, wodurch Athen, solange es Herr des Meeres war, unangreifbar gemacht schien.

Die gehobene Stimmung und das Vertrauen der Ostgriechen zu ihrem athenischen Führer Aristides stellte die Fortsetzung des Befreiungskampfes unter Athens Leitung. Als Vormacht eines Seebundes, dessen Zentralheiligtum der Tempel des Delischen Apollo war, in dem auch der Bundesschatz niedergelegt wurde, nahm dieses so eine Sparta ebenbürtige Stellung ein. Als dann nur zu bald mit der Persergefahr auch die Bereitwilligkeit der Bündner umschlug, Athen aber seine Vormachtstellung auch wider ihren Willen behauptete, wandelte sich der Bund der Gleichberechtigten in eine Herrschaft Athens. Das war so gut wie ausgesprochen, als die Athener den Bundesschatz um das Jahr 450 von Delos nach Athen überführten. Was früher die Tyrannen in einzelnen Städten gewesen, wurde jetzt Athen für einen großen Teil der Ostgriechen. Das mußte zu Kämpfen zunächst mit den abtrünnigen Bündnern, zuletzt auch mit dem Bunde der Peloponnesier unter Sparta führen. Doch setzte das schon von Perikies geleitete Athen der staunenswerten, aber auf die Dauer nicht durchzuführenden Kraftentfaltung in Kämpfen nach allen Seiten noch einmal ein Ziel durch einen 50jährigen Frieden mit Sparta und den Peloponnesiern. In diesen vor der Zeit abgebrochenen Friedensjahren schuf oder begründete Athen das Friedenswerk, durch welches es auf lange die unbestrittene geistige Hauptstadt der alten Welt wurde, damit zugleich die Ungerechtigkeit seiner Tyrannis sühnend.

Lassen wir nach diesem weiteren Ausblick unsere Augen jetzt zur Orientierung noch einmal im Inneren der Stadt kreisen. Da fällt uns zuerstimNordosten der kühngeformte Gipfel desLykabettos (278 m, Abb. 5) auf. Hat man ihn, der außerhalb der alten Stadt blieb, grade vor sich, so liegt hinter der Burg, deren Fortsetzung der öde Areshügel ist, ihr näher gegenüber ein mehr langer als hoher Rücken, zu dem der Areshügel (115 m, Abb. 4) gleichsam eine Brücke bildet (Abb. 1). Vom Museion (147 m) mit dem Philopapposdenkmal (Abb. 6) erstreckt er sich nordwärts bis zum Nymphenhügel (147 m), vor dem die Kuppel der Sternwarte (Abb. 3) steht. Zwischen Lykabettos und Burg breitet sich die neue Stadt (Abb. 7.8). Vergebens sucht das Auge hier alte Ruinen. Erst nach Süden über Osten weiter kreisend, erschaut man in den Höhen jenseit des Ilisos das schon mehr moderne als antike Stadion, wenig südlicher und bedeutend näher, die mächtigen Marmorsäulen des Olympieion (Zeustempel) und diesseits das Tor des Hadrian (Abb. 80); dann, sogar an den Burgfelsen selbst gelehnt, die Höhlung des Dionysostheaters (Abb. 83); drüber hinaus von den zwei Tempeln des Dionysos wenigstens das Fundament des jüngeren und größeren.

Das zu demselben I Gott und Heiligtum in Beziehung stehende Denkmal des Lysikrates (Abb. 88) muß man ungefähr in der Achse der Burg zwi-I sehen den Häusern suchen. Dagegen schließt im Westen an das Theater, zu Füßen des Beschauers liegend, die obere Terrasse (Abb. 93) mit den Heiligtümern des Asklepios und andrer minder bestimmt nachweisbarer Götter an; sie stützend die untere, mit der langen Fläche der Eumeneshalle, die im Westen an das Theater oder Odeion des Herodes stößt. Auf dem untersten Abhang von Burg und Areopag zieht sich die Ausgrabung an der alten und neuen Fahrstraße entlang. Darin die Enneakrunos, anstatt der alten Quelle Kallirroe; — eine andre hinter dem Olympieion im Ilisostal ist bezeugt, aber ohne antike Reste —, weiter, im einzelnen von hier oben so wenig wie die Enneakrunos j kenntlich, die merkwürdigen Heiligtümer des Amynos und des I Dionysos; jenseits, etwas nördlich von der Mitte des Pnyxgebirges, die „Pnyx“, der Volksversammlungsplatz (Abb. 102), links die Senkung beim heihgen Dimitrios, der Zugang zu der großen Mulde zwischen Museion und Nymphenhügel, die mit ihren höheren Rändern wie ein großes Vorwerk des Themistokleischen Mauer rings hinter dem Rücken liegt und die Arme, oder wie die Athener sagten, die Schenkel der langen Mauern zum Meere ausstreckte. Hinter dem Areopag reckt sich nordwärts die ebene, aber nach Nord und Ost abfallende Fläche des „Markthügels“, den das alleinstehende „Theseion“ (Abb. 103) markiert.

Vor ihm breitete sich nach Osten und Süden der alte Markt; dessen spätere Ostgrenze, die Attalos – Stoa, ist von der Burg nicht zu erkennen, während weiter östlich die großen kaiserlichen Anlagen zwischen den beiden langen Linien der Athena- und der Aeolosstraße kenntlich sind, vorn links das Markttor (Abb. 106), rechts der Turm der Winde (Abb. 107). Weiter zurück die Gruppe der Hadriansstoa links und vor Mauern hinten und rechts freier Raum. Vom Markt aus um den Theseustempel herum, in der Niederung nach Nordwesten hat die Phantasie mehr als das Auge die alte Hallenstraße bis zu den beiden Toren, dem „heiligen“ und dem Dipylon, zu suchen, vor denen draußen im äußeren Kerameikos die Gräber (Abb. 122) sich an den Straßen reihten.

Der Mauerring des Themistokles, der zur Zeit seiner Erbauung sicherlich weiter als nötig gespannt war, liegt im Norden und Nordosten innerhalb, im Südwesten außerhalb der neuen Stadt. Diese strebt, heute wie im späteren Altertum die Ebene bevorzugend, die Hügelgegend im Südwesten von beiden Seiten umfassend, hier zum Piraeus, dort zum Phaleron. In Urzeiten hatte man, der Seeräuber wegen, die Nähe des Meeres gemieden. Als dann nach der Perserverheerung und abermals nach Befreiung von den Türken die Stadt neu zu gründen war, gewann die Anhänglichkeit an die altgewohnten und geheiligten Plätze den Sieg über das Zweckmäßige.

Unsere Betrachtung nimmt denselben Gang, wie die Orientierung, beginnt mit der Burg, einst Polis, später Akropolis geheißen.