Aufschwung der Seestädte

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Im zwölften Jahrhundert kommen viele Städte auf, die jetzt groß und berühmt sind, besonders in Mitteleuropa. Ich nenne Wien, München, Hannover, Lübeck. Die erste Hochblüte der Städte ist in der Lombardei. Im vierzehnten Jahrhundert beginnt die Gründung der Universitäten, nachdem Salamanca, Bologna, Oxford und Paris vorausgegangen. Am wichtigsten werden die Seestädte, allen voran die italienischen: Amalfi, Pisa, Genua, Venedig.

Auf der Nord- und Ostsee führten den Aufschwung der Schifffahrt hauptsächlich die Stadt Brügge und die Hansa herbei. Die Völker, deren Küsten von den Koggen der Hansastädte angelaufen wurden, lieferten wertvolle Rohstoffe, besonders Eisen, Wachs und Pelze. Der Hansabund, der sich bis nach Mitteldeutschland und Köln hin erstreckte, bezwang Dänemark und die schwedische Insel Göthland. Er spielte die Hauptrolle im Stahlhof Londons — das Pfund Sterling kommt von den Mannen des Ostens, den Easterlings —, in der norwegischen Stadt Bergen, in Nowgorod, das einst so mächtig war, daß ein Spruch ging:

„Wer kann wider Gott und Groß-Nowgorod?“

und machte sich im Handel bis hinunter nach Breslau, Krakau und Kiew geltend.

Das vierzehnte Jahrhundert war für das Entstehen städtischer Seemacht hervorragend günstig. Im Norden Lübeck, Hamburg und Brügge, in Südeuropa Lissabon, Genua und Venedig; in Arabien Mascat, das bis Sansibar und Südpersien herrschte; an der Ostküste Indiens Kalinga, von wo die noch heute jedem Schiffer bekannten Kling nach Inselasien ausschwärmten; noch weiter im Osten die Liu-Kiuer oder Lutschuaner, die neben China damals die erste Handelsmacht Ostasiens waren. Ich habe selbst die vorzüglich erhaltene wundervolle Burg der Liukiu gesehen. Auf Okinawa, dem herrlichen Eiland der Liukiu steigt in der Nähe der Hauptstadt Schuri, wo der letzte der Könige, Matzujama, noch lebt, die Veste Napha auf. Zu drei Seiten erblickt man das blaue Meer. Durch sieben gewaltige Tore, die hintereinander folgen, ist die Burg verteidigt; sie ist auch nie erstürmt worden. Die Gesamtanlage erinnert an Hohensalzburg. Eine ganze Reihe von Handels- und Seestaaten brachte der malaiische Archipel hervor, so die Reiche von Ternate und Palembang, von Melacha oder Malakka, von Bali und Madura. Auch eine Kette reiner Raubstaaten, deren Krieger in ihrem ganzen Gehaben an die katalanischen Seeräuber erinnern: das Sultanat von Sulu, die kleine Insel Pulo Kondor. Besonders gemahnen die Malaien von Menangkabau, die 1160, vom Islam aufgerüttelt, sich über halb Inselasien ergießen, geradezu verblüffend an die von der Kreuzzugsbegeisterung geweckten Ritter des Abendlandes, die mit ihren schnellen Kielen das Agäische Meer durchpflügen, Zypern und Morea befahren und überall Herrschaften gründen, die von Raubstaaten nicht allzu verschieden waren. Die letzten Ausläufer jener wilden mohammedanischen Wikinger kamen nach Mindanao und Luzon, als gerade die Spanier sich dort einzurichten begannen, nicht gar sehr viel später als die letzte Normannenfahrt, die 1402 zur Entdeckung der Azoren führte und gleichzeitig mit den ersten Flibustierfahrten englischer Kapitäne.

Die Karaibische See und die Küsten des Busens von Mexiko sehen gleichfalls eine Anzahl von mehr oder minder mächtigen Seestaaten erstehen; deren Blüte scheint in das erste Viertel des zweiten Jahrtausends zu fallen. Die Händler, Räuber und Kulturverbreiter segeln vom Kontinent an; sie kommen über Columbia und Venezuela. Die am weitesten vordrangen, gelangen bis zu den Bermudas.

Durch die Fahrten der Malaien, der Araber, der Hansa, der vlämischen Städte, der Genuesen und Venezianer, endlich der Karaiben wurde ein ozeanisches Zeitalter vorbereitet. Einen großen Anlauf zur Entfaltung von Seemacht unternahm jetzt China. Es schickte um 1430 Flotten nach Ceylon, Ostafrika und ins Rote Meer. Die Spanier setzten sich an marokkanischen Plätzen fest. Die Portugiesen tasteten sich an der Westküste Afrikas nach Süden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm