Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika

Die Aufklärung hat in Frankreich ihre bedeutendsten Urheber und ihren größten Vollender, nämlich Voltaire, und hat ebendort ihren stärksten Gegner, nämlich Rousseau, gefunden. Beide Gegner waren nur darin einig: daß sie schroff gegen die römische Kirche auftraten. Mit dem Spott gegen die Kirche verband sich bald die Geringachtung des Throns. Diese Gedanken wirkten nun nach der neuen Welt hinüber. Die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika ist das wichtigste Ereignis seit dem Arabersturme. Durch das arabische Kalifat wurde die Nordhälfte von Afrika einer neuen Rasse gewonnen. Seitdem war ein Jahrtausend verflossen. In diesem ganzen Zeitraum hat die Menschheit nicht zum zweiten Male die einheitliche, staatlich geleitete und deshalb unvergleichlich erfolgreiche Besiedlung eines halben Erdteils gesehen; denn die Besetzung Sibiriens durch die Russen hatte noch nicht eine halbe Million von Weißen nach Nordasien gelockt. Auch in Amerika hatte die bisherige Besiedlung zwar wichtige kolonialpolitische und wirtschaftliche Ergebnisse gezeitigt, allein die Zahl der Weißen war 1776, als die Vereinigten Staaten sich von England losrissen, doch noch recht gering. Man wird sie in allen drei Amerikas kaum auf sechs Millionen schätzen dürfen. Jetzt hat die Union allein, die ungefähr den 8. Teil von Gesamtamerika ausmacht, an 84 Millionen Weiße. Zugleich aber ist die Union zu einer Weltmacht erwachsen, die unmittelbar hinter England kommt.

Der Freiheitskampf der Vereinigten Staaten wurde durch einen allgemeinen Weltkrieg begünstigt, ja erst ermöglicht. England stritt zugleich gegen die Flotten Frankreichs, Spaniens und der Niederlande, und hatte mit der bewaffneten Neutralität zu rechnen, die Rußlands große Zarin, Katharina beschloß. Dadurch wurde England in Südafrika und Indien, in der Nordsee und im Golf von Mexiko beschäftigt, und konnte gegen die zuerst gering geachteten Aufrührer nur wenig Truppen senden. Allerdings hatten die Aufrührer in Washington einen klaren, tüchtigen Kopf zum Führer, der mit Besonnenheit und unerschrockenem Mut eine seltene Ausdauer verknüpfte. Nach siebenjährigem Ringen, 1783, wurde die Unabhängigkeit des jungen Staatswesens von dem englischen Mutterlande anerkannt. Dagegen verblieb Kanada in den Händen der Engländer und ist bis heute ein Dorn im Auge der Yankees geblieben. Dies ist, beiläufig gesagt, ein Indianerwort; aus Inglis wurde durch schlechte Aussprache allmählich Yankee im Munde der Rothäute, und wurde dann, „auf den Flügeln des Gesanges“ durch das volkstümliche Gedicht bei den Kolonisten verbreitet, zuerst im Scherze, dann aber mit allgemeiner Geltung.

„Yankee Doodle came to town,

„Riding on a pony . . .“

Der Gewinn Amerikas bedeutet einen weltgeschichtlichen Vorteil für die ganze Rasse der Weißen. Sie erhielt dadurch ein ungeheures, nicht leicht wieder zu verlierendes Bollwerk gegen den Orient, den nahen sowohl wie den fernen. Andere Bollwerke erstanden in Südafrika, Sibirien und Australien. Die Engländer entschädigten sich durch Südafrika, das ihnen 1806 zufiel, und durch Australien, das sie 1788 zu besiedeln begannen, für den Verlust der Vereinigten Staaten. So waren fünf Neu-Europas entstanden, teils mit slawischer, teilsmit angelsächsischer Bevölkerung erfüllt. Hierzu kam als sechstes Neu-Europa das lateinische Amerika. Die sechs, Canada, die Union, Südafrika, Australien, Sibirien, Romanisch-Amerika, sind bis heute die Hauptvorwerke Europas geblieben und sind bis jetzt an Bedeutung nur beständig gewachsen. Als siebentes Vorwerk kam ein Menschenalter später noch Algerien dazu, das aber nach einer achtzigjährigen Besiedlungsperiode kaum eine Million von Weißen beherbergt.

Nicht nur durch das rasche Anwachsen der Weißen und ihrer Macht, sondern auch durch den eigenen Verfall kam der Orient allmählich in den Hintergrund. Die Türkei war seit den Siegen Prinz Eugens schwach und kraftlos geworden; Persien siechte dahin, in Mittelasien herrschte Raub und Anarchie, Japan und Korea welkten und verdorrten. Nur China hielt sich unter Kieng-Lung noch auf der Höhe. Er war der mächtigste Fürst der Erde. Der Sieg der Chinesen über Nepal im Jahre 1792 ist jedoch die letzte bedeutende Tat der Ostasiaten und zugleich des ganzen Orients. Nun erfolgt ein unaufhaltsames Sinken, das ein volles Jahrhundert lang währt. Wie in Asien, so dringen die Europäer in Afrika vor. Gegen 1800 war nur ein Fünfzigstel des schwarzen Erdteils in europäischen Händen: jetzt unterstehen neunzehn Zwanzigstel der unmittelbaren Herrschaft der Weißen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große