Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte

Den aufstrebenden Großstaaten des festländischen Europas stand England gegenüber. Seit 1688, seitdem Wilhelm III. aus dem nassauischen Hause auf den Thron gekommen, ist England mit einem Schlage eine Großmacht geworden. Es gründete diese Macht auf die Blüte seiner Banken und seiner Industrie, auf eine ganz überwiegend kapitalistische Grundlage. Selbst von dem englischen Hochadel gehen so manche Sippen auf reiche Geldmänner zurück. Er ist viel weniger ein Geburtsadel, als die Standesgenossen im kontinentalen Europa. Für die Blüte Englands waren aber die überseeischen Besitzungen von ausschlaggebender Bedeutung. Seitdem das Geschäft mit der Kaperei spanischer Silbergailionen abflaute, lieferte Indien, das von einer Privatgesellschaft, der Ostindischen Compagnie, ausgebeutet wurde, jährlich viele Millionen Silbers. Als ihren Hauptgegner hatten die Engländer Frankreich zu bekämpfen, das ebenfalls zur Weltmacht emporstieg.

Nachdem durch Richelieu die Einheit Frankreichs wiederhergestellt war, nachdem sein Nachfolger, der Kardinal Mazarin, die Ausläufer der Fronde — einer aristokratischen Gruppe, die Sonderzwecke verfolgte — beseitigt hatte, konnte Ludwig XIV., „der Sonnenkönig“, die geeinten Kräfte des Landes zu militärischem, industriellem und kolonialem Aufschwünge zusammenfassen. Ludwigs Hof wurde der glänzendste Europas und das Muster für die verschwenderischen Hofhaltungen des ausgehenden Barocks (von 1600/1630 bis 1715) und der Rokokozeit (bis 1790). Ludwig war die Vollendung, die Spitze und der beginnende Verfall des französischen Königtums. Er machte es der Kirche weit überlegen. Sein Fehler auf dem Gebiete des Geschmacks war der, daß er Prunk für Schöpferkraft hielt. Daher zog er Corneille undRacine dem ungleich bedeuten deren Moliere vor. Sein Fehler auf politischem Gebiete bestand darin, daß er gegen England, Holland und Mitteleuropa zugleich, ja auch noch gegen Spanien und Italien ankämpfen wollte — ein Fehler freilich, den er mit Napoleon teilte. Bei dem Kampfe ging er mit kalter Rücksichtslosigkeit zu Werke. Er befahl 1681 die Verwüstung der Pfalz. Sie ist noch heute nicht vergessen. Bei aller Feinheit und Anmut hat der Franzose doch etwas Brutales. Bei der Revolution und bei der Kommune sollte diese Brutalität im eigenen Fleische wüten.

Nachdem Westfälischen Frieden konnte der rechtmäßige Fürst der Pfalz, Karl Ludwig, der Sohn des „Winterkönigs“ in sein Land zurückkehren. Ihm fiel die schwere, aber segensreiche Aufgabe zu, wieder zu kräftigen, was zerrüttet worden war, aufzubauen, was darniederlag. Durch die Dächer des Heidelberger Schlosses schaute der Himmel, die Wände seiner Prachtbauten waren geborsten, der Hortus Palatinus war von Unkraut überwuchert. Seine lange Regierungszeit war damit ausgefüllt, alle Wunden zu heilen. Unter ihm wurde auch anstatt des großen Fasses, das im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden war, ein neues erbaut. Er war darum besorgt, seinem Land einen politischen Rückhalt zu geben, und brachte einer engeren Verbindung mit Frankreich seine eigene Tochter Elisabeth Charlotte zum Opfer. Man weiß, daß sich Liselotte an der Seite ihres Herrn Gemahls, des Philipp von Orleans, und inmitten der französischen Hofgesellschaft höchst unglücklich gefühlt hat. Und dabei sollte dieser so klug ausgedachte Plan zum Unglück des Landes ausschlagen. Als mit dem Sohn Karl Ludwigs, mit dem dekadenten Karl, das Fürstengeschlecht in der männlichen Linie ausgestorben war, gab gerade diese Ehe dem „Sonnenkönig“ den Votwand zu seinem Raubkrieg gegen die Pfalz. Als Philipp Wilhelm von der katholischen Nebenlinie Pfalz-Neuburg die Regierung antrat, gab Ludwig XIV. seinen Mordbrennerbefehl: „Brülez le Palatinat!“ Und sein Befehl wurde von Melac, dem Blutmenschen, pünktlich ausgeführt. Obzwar ihm die Stadt Heidelberg mit einem Vertrag übergeben worden und kein Schwertstreich gefallen war, begannen die Franzosen bald, die Einwohner zu drangsalieren und wurden von Tag zu Tag gewalttätiger, und als sie sich vor dem heranrückenden kaiserlichen Heere zurückziehen mußten, ließ Melac Stadt und Schloß zerstören. Am 2. März 1689 gaben um 6 Uhr morgens drei Kanonenschüsse das Signal zur Mordbrennerarbeit. Von allen Seiten wurden Pechkränze in das Schloß geschleudert. Die Flammen brachen aus den Fenstern und den Dächern, die Minen, die von den Pionieren unter die Türme gelegt worden waren, sprangen und die dicken Mauern wurden auseinandergerissen. Eines der schönsten Schlösser Deutschlands war eine wüste Ruine. Aber noch schienen die Franzosen nicht zufrieden zu sein. Denn drei Jahre später, als Heidelberg durch Verrat in ihre Hände gefallen war, erneuerten sie ihre Bemühungen. Wieder wurde Feuer angelegt, wieder sprangen die Minen unter den Resten der alten Türme…

Schon unter Ludwig war beständiger Streit zwischen Kriegs-minister und Finanzminister, Krieg und Festungsbauten verschlangen furchtbare Summen. Im Jahre 1678 hatte Ludwig 280000 Mann unter den Waffen, darunter 20000 Schweizer und 2000 andere Fremde. In Frankreich lernte damals jedermann Kriegskunst. Während dort nun durch Colbert die Finanzen auf einen hohen Stand gebracht waren, litten die Gegner Ludwigs, namentlich der Kaiser, an beständiger Geldnot. Die Einnahmen Kaiser Leopolds werden auf 20 Millionen geschätzt, die Ludwigs auf 140—180 Millionen Lire. So kam es, daß im Anfang des 18. Jahrhunderts Österreich nur 70000 Mann zu Fuß und 19000 Mann zu Pferde besaß. Erstaunlich ist, daß die französischen Werften damals den englischen weitaus überlegen waren. Frankreich hatte denn auch hundert Linienschiffe und England nur sechzig. Die französische Marine beherrschte das Mittelmeer vollständig. Was aber der Flotte Frankreichs und auch seinem Landheer stets empfindlich schadete, das war die Scheu vor entscheidenden Schlägen. So gewann England zuletzt doch die Überhand. Es wurde von nun an die maßgebende Macht.

Wie England hatte auch Frankreich das Auge auf Indien und nicht minder auf Nordamerika geworfen. Von der Schlacht an der Boyne an, durch die sich Wilhelm III. die Anerkennung errang, bis auf Waterloo sind fast hundertdreißig Jahre vergangen; siebzig Jahre dieses Zeitraumes wurden durch wilde Kriege ausgefüllt, meist gegen Frankreich. Aus ihnen ist England siegreich zu Lande und zu Wasser hervorgegangen, im Besitze unermeßlicher Reichtümer und als industrieller und finanzieller Mittelpunkt der Erde, ln Indien setzte der Kampf mit Frankreich 1745 ein, als der Admiral Labourdonnais vor Madras erschien. In Madras war damals der junge Clive, der mit seinen Kaufmannsgenossen zuerst aus der Stadt entwich, aber nachher Madras wieder besetzte, und dazu das reiche Bengal eroberte, und so endgültig Indien für die Briten gewann. Der Kampf der beiden Westmächte hat insofern den Staaten Mitteleuropas, mithin auch Preußen genutzt, als dadurch die Übermacht Frankreichs, die sich zweimal, unter Ludwig dem Vierzehnten und unter Napoleon geltend machte, gebrochen worden ist. Umgekehrt ist jedoch auch der Sieg der Engländer am Ganges und Ohio durch festländische Kriege, namentlich den Siebenjährigen, erleichtert worden. Die Taten Friedrichs des Großen haben mittelbar den Engländern Canada verschafft, wo der englische General Wolfe 1761 die Stadt Quebek erstürmte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens

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    14. Juli 2016

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