Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große


Friedrich der Große stand allein gegen eine Welt. Er hatte zu gleicher Zeit gegen Österreicher, Franzosen, Russen und Schweden, sowie die Reichsarmee und das ferne Spanien zu fechten. Er hat mit unerhörter Zähigkeit und mit nie verzagendem Mute das ungeheure Wagnis durchgeführt. Es handelte sich um den Besitz Schlesiens. Nur die zwei ersten Jahre, da er die Siege von Lobositz, Prag, Roßbach und Leuthen gewann, gingen für den König gut aus. Von 1758 bis 1762 mußte er sich auf die Verteidigung beschränken. Sein Unglück wurde durch die Niederlage bei Hochkirch eingeleitet, an der allerdings Friedrich in seiner Tollkühnheit nicht ganz unschuldig war, und durch Kunersdorf, das dem Könige 25000 Mann kostete, verschärft. Dagegen blieb Friedrich in der Schlacht bei Liegnitz überlegen, ebenso Ziethen bei Torgau. Trotzdem zog sich der Ring der Feinde immer enger und enger, sodaß der König schon bei den Tataren in der Krim und bei der Hohen Pforte Hilfe suchte: da kam die Rettung durch Rußland, das aus einem Feinde zum Freunde wurde.

Im übrigen ging es den Österreichern wenigstens finanziell noch schlechter als den Preußen, die durch straffe Ordnung und Sparsamkeit die finanzielle Rüstung bis zu Ende auf der Höhe hielten.

Wenn man die Sache genau betrachtet, so muß man trotz aller Bewunderung Friedrichs doch sagen, daß seine Taten wohl die höchste moralische und kriegstechnische, hingegen im Grunde keine weltpolitische Bedeutung hatten. Die deutsche Frage blieb ungelöst, und das Verhältnis zwischen Österreich und Preußen blieb bis zum Jahre 1866 in der Schwebe. Auch ist unmittelbar nach den Erfolgen des Siebenjährigen Krieges, ist schon zu Lebzeiten Friedrichs das preußische Heer, und ist nach seinem Tode das Ansehen des Staates zurückgegangen. Immerhin war die Angliederung Schlesiens ein dauernder Gewinn. Durch dieses Land, das keilförmig in die Slawenwelt hineinragt, kann Preußen am leichtesten Einfluß auf Südosteuropa gewinnen.

Friedrich war nicht nur als Feldherr und Staatsmann groß, sondern auch als Verwalter, und weiters als Förderer der Kultur. Er schrieb Verse, die freilich nicht sehr hervorragend waren, er war Geschichtschreiber von hohem Wurf, wenn es ihm auch mehr auf die Zusammenhänge, und gelegentlich (genau wie dem Julius Cäsar) mehr auf die Beschönigung seiner Schritte, als auf die Genauigkeit ankam; er war endlich ein Philosoph und liebte Kunst und Wissenschaft. Wie das ganze Zeitalter war auch er für „Aufklärung“, und er stellte als obersten Grundsatz auf, daß jeder nach seiner Fasson selig werde. Freidenker und Jesuiten waren ihm gleich willkommen, wenn sie nur dazu beitrugen, nützliche Kenntnisse zu verbreiten. In einem entfernte ersieh stark von dem volkstümlichen Empfinden: er bevorzugte französische Gelehrte, und schrieb sogar seine eigenen Werke ausnahmslos auf Französisch.

Eigentlich war die Aufklärung, der Friedrich und mit ihm ganz Berlin (Nikolai) und Leipzig (Gottsched) huldigte, ein Überbleibsel einer schon entschwindenden Zeit. Siegreich hatten Dichter und Männer der Wissenschaft den Kampf gegen sie aufgenommen. Die Aufklärung begann um 1700 in England, und wurde dann von den Enzyklopädisten in Frankreich weiter ausgebildet. Sie war der Rückschlag gegen die strenge Orthodoxie, aber sie entartete zuletzt selber und verfiel in Plattheit und Nüchternheit. Das rief dann seinerzeit einen Rückschlag hervor. Man suchte das Leben wieder farbig zu gestalten, suchte den Glauben und die Begeisterung wieder zu beleben. Auf religiösem Gebiete bemühten sich darum die Pietisten und Herrenhuter seit 1715, auf literarischem tat dies eine Bewegung, die um 1770 begann, seit 1773 (Götz von Berlichingen) anschwoll und die nach einem Schauspiel des Frankfurters Klinger „Sturm und Drang“ genannt wird. Vorkämpfer der Bewegung waren Goethe und Schiller, Herder und Kleist. Die Geisteswissenschaften beleben sich wieder.

Die deutsche Philosophie, die schon durch Leibnitz (um 1710) eine hohe Stufe erreicht hatte, erringt durch Kant, Fichte, Schel-ling und Hegel den ersten Rang in der Welt. Die Geschichtschreibung erlebt in Göttingen einen glänzenden Aufschwung und erweitert sich, durch die Auffassung Voltaires vorbereitet, zu weltumspannender Forschung. Neue Fächerentstehen: Anthropologie und vergleichende Naturkunde. Von großem Einfluß auf die Gemüter war die Entstehung der Kunstgeschichte, zu deren Bau Winckelmann (um 1760) die ersten Steine zusammentrug. Erfindungen der Technik kamen hinzu.

In diesem Zeitalter geistiger Rührigkeit erstarkte der Hang zur Freiheit und Unabhängigkeit. Die Vereinigten Staaten rissen sich von England los, und die französische Revolution verkündete die Menschenrechte.

Die Polen dagegen verloren ihre Freiheit, weil sie keinen guten Gebrauch davon zu machen wußten. Schon Voltaire sagte in einem Briefe an den Marquis d’Argenson:

J’ai toujours regarde la Pologne comme un beau sujet de harangue et comme un gouvernement miserable; car, avec tous ses beaux Privileges, qu’est ce qu’un pays oú les nobles sont sans discipline, le roi un zero, le peuple abruti par l’esclavage, et oü Ton n’a d’argent que celui qu’on gagne á vendre sa voix?

Polen wurde 1773 zwischen Rußland, Preußen und Österreich aufgeteilt. Weitere Teilungen folgten 1793 und 1795.

Im Jahre 1774 hob der Papst Innocenz XIV. Ganganelli den Jesuitenorden auf. Die Jesuiten hatten überall den bedeutendsten Einfluß erlangt und wurden der Kurie selbst unbequem. Sie hatten sich in vielen Ländern verhaßt gemacht. In Frankreich hatten sich ihrer Einführung mehr als drei gewichtige Faktoren widersetzt: die Sorbonne, das Parlament und der Erzbischof von Paris. Aus katholischen Ländern wurden die Jesuiten im ganzen siebenundzwanzig Mal vertrieben. Zuerst geschah dies in Graubünden im Jahre 1561. England folgte bald nach, weil die Jesuiten Mordversuche gegen die Königin Elisabeth gemacht oder unterstützt hatten. Eine ganze Reihe von Ländern, darunter Frankreich, die Niederlande, Venedig, und selbst so streng katholische Länder wie Polen, das Königreich beider Sizilien und Spanien schlossen sich an. Der Papst tat mit seiner Aufhebung nur, was die ganze Welt von ihm zu fordern schien. Kurz darauf starb Ganganelli — wie es heißt, vergiftet.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte