August Thyssen-Der Senior der Grubenbarone

Thyssen und sein Lebenswerk

August Thyssen feierte Mitte Mai seinen 90. Geburtstag. Der Schöpfer und Leiter eines der grössten Konzerne der deutschen Schwerindustrie nimmt trotz seines hohen Alters in der deutschen Wirtschaft noch immer eine Führerstellung ein. Nicht zuletzt ein Schaffensgeist war es, der Deutschlands Eisen- und Kohlenindustrie von Erfolg zu Erfolg führte. Man hat ihn wiederholt den deutschen „Carnegie“ genannt, schon deshalb mit Recht, weil er den sogenannten Amerikanismus in die deutsche Industrie gebracht hat. Um die Jahrhundertwende herum war Thyssen als erster in Deutschland zu der Ueberzeugung gelangt, dass die Zukunft den grossen gemischten Betrieben gehören würde. Niemandem ist die Trustidee mehr geläufig als August Thyssen, der an den Kartellen und Syndikaten, in denen seine Werke naturgemäss an vorderster Reihe stehen, nur jenen Ersatz für die amerikanischen Gebilde erblickt.

Die Entstehung der trustähnlichen Gesellschaften der deutschen Montanindustrie, wie beispielsweise des Phönix und der Gelsenkirchener Bergwerks – A. – G., ist seiner intensiven Mitwirkung zu danken. Allerdings ist Thyssen von der Leitung dieser Unternehmen später zurück, um sich unabhängig von jedweden Bank- und Börseninteressen ausschliesslich seinen ins Riesenhafte wachsenden Gesellschaften zu widmen.

Vier Perioden kann man in dem idustriellen Werdegange August Thyssens unterscheiden. Die erste Periode umfasst die Zeit der Anfänge und des im Stillen vor sich gehenden Aufstieges. Diese Zeit reicht von 1867—1903. Aus ganz kleinen Verhältnissen heraus hat ich Thyssen in dieser Periode mit sarker Beharrlichkeit vorgeschoben und mit einem sonst selten antreffenden Weitblicke die Grundlagen zu seiner nachherigen Grösse gelegt. An vielen Stellen spürte man schliesslich seinen Einfluss, aber noch war man sich über die ganze Bedeutung des Mannes nicht klar. Die zweite Periode kann man  bis zum Kriegsbeginne rechnen. Gegen Ende 1903 wurde der Vorhang vor ihm weggezogen. Seine Tätigkeit spielte sich nun in breitester Oeffentlichkeit ab. Es erfolgte eine Zuwahl in den Aufsichtsrat der Gelsenkirchener Bergwerks-Gesellschaft. Durch dieses Ereignis wurden die Regierungskreise alarmiert. Die Oeffentlichkeit bekam es mit der natürlichen oder verkünstelten Angst vor den Trustmagnaten zu tun. Die Erwerbung der Hibernia durch den preussischen Fiskus sollte diese Pläne durchkreuzen, aber sie hat gerade den Anstoss zum eigentlichen Fortgange der Konzentrationsbewegung gegeben, denn nun benutzte Thyssen die Aufregung der die Hibernia-Affäre, um Gelsenkirchener-Shalke-Rote Erde zu vereinigen, Gross-Gelsenkirchen zu schaffen. Es kam die Vereigung Phoenix-Hoerde-Nordstern; kurz die Bildung und Entwicklung der Montan-Konzerne in Deutschland. Aber schon bald schied Thyssen wieder aus Gelsenkirchen aus. Er missbilligte die enorme neue Ausdehnung der Gesellschaft, die nun daran ging, die Riesenanlagen in Luxemburg zu bauen. Freilich folgte dann Thyssen selbst mit den mächtigen Neubauten in Hagendingen (Lothringen). Die dritte Periode umfasst die Zeit des Krieges und die vierte die Jahre nach dem Kriege. In diesen letzten beiden Zeiträumen ist Thyssen nicht mehr hervorgetreten.

Thyssen und sein Lebenswerk sind heute auch weiteren Kreisen bekannt. Man kann sich jetzt also auf eine Skizzierung seines Entwicklungsganges und seiner Unternehmungen beschränken. Ausgangspunkt der industriellen Tätigkeit Thyssens ist Mülheim. Dort hat er vor einem halben Jahrhundert die Firma Thyssen und Cie. begründet; ein Unternehmen, das sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem grossen Stahl- und Walzwerke mit 7000 Arbeitern entwickelt hat. Zu dem Mülheimer Werke gehört auch die einige Jahre selbständig gewesene Maschinenfabrik Thyssen & Cie., die auf ihrem Gebiete zu den führenden Betrieben Deutschlands und der Welt gehört und bis 3000 Arbeiter beschäftigt hat. In Mülheim waren während des Krieges bis 15,000 Mann tätig. Vom Eisen, speziell von der Verfeinerung, ist Thyssen zum Roheisen, zum Stahl und schliesslich zur Kohle gekommen. Auf diesem Gebiete ist sein Hauptwerk, die Gewerkschaft Deutscher Kaiser, die nach dem Kriege in zwei Teile zerlegt und umgetauft worden ist.

Allen Zeitgenossen weit vorauseilend, hat Thyssen nach Kohlen gebohrt und Felder erworben, auch Schächte weit nach Norden niedergebracht. Er war einer der ersten und jedenfalls der zäheste Pionier des nördlichen Kohlenbergbaues im Revier. Gross, wie in Kohle, war Thyssens Stellung in Erzen. Es würde aber den Rahmen dieser Skizze weit überschreiten, wenn wir die Thyssenschen Werke auch nur aufzählen wollten. Genug, im letzten Friedensjahre beschäftigte der Konzern 47,000 Angestellte und Arbeiter; die Kohlenförderung betrug 5 Millionen Tonnen, die Koksproduktion 1.55 Millionen Tonnen, die Roheisen-Erzeugung 1.85 Millionen Tonnen, die Stahlproduktion 1.75 Millionen Tonnen.

Der industrielle Interessenkreis Thyssens reicht aber noch viel weiter. Thyssen hat den Anstoss zur Begründung der Gesellschaft für Teerverwertung gegeben, die die Führung in der deutschen Teer-Verarbeitung hat. Er ist massgebend bei dem Krefelder Stahlwerk und beim Mülheimer Bergwerks-Verein beteiligt. Er hat an der Entwicklung der Saar- und Mosel-Bergwerks-Gesellschaft gearbeitet und das Rheinisch-Westfälische Elektrizitäts-Werk entwickeln helfen. Wir begegnen Thyssen in der Zement- und Kali-Industrie; noch zu der letzten Gewerken-Versammlung von Wintershall war er persönlich erschienen. Er ist in den Aufsichtsrat des Bremer Vulkan eingetreten. Auch auf dem Gebiete des Bankwesens hat er sich versucht, aber die Rheinische Bank, hervorgegangen aus dem Bankhause Gustav Hanau, hat schwere Fehlschläge erlitten und ging in dem Disconto-Konzern auf. Der Anstoss zur Konzernbildung der Hochfinanz ging mit Dresden-Schaaffhausen von Thyssen aus, denn die Grossindustrie brauchte auch grosse Banken.

Thyssen ist in gewissem Sinne ein Schüler von Friedrich Grillo, dem Erzvater der deutschen Montan-Industrie. Thyssens direkte Schüler wiederum sind Hugo Stinnes und Peter Klöckner. Am letzten Ende ist die ganze deutsche Montan-Industrie, manchmal widerwillig genug, aber doch mit Erfolg, bei Thyssen in die Lehre gegangen. Träger einer zielbewussten Industriepolitik, hat er auf dem Höhepunkte seiner Tätigkeit die Bank- und Industriewelt „weitlich schwitzen machen“. Er hat manchmal mit harter Faust die deutsche Montanindustrie vorwärts getrieben.

Auch im Auslande hat der Name Thyssen einen guten Klang. Er nannte Erzbergwerke in Luxemburg, in der Normandie, Beteiligungen an zahlreichen französischen Erzgruben u. s. w. sein Eigen. Um sich den Bezug russischen Erzes zu sichern, baute er eigene Hafenanlagen am Schwarzen Meer und selbst in Indien und Brasilien errichtete Tyssen eigene Häfen. Der Weltkrieg hat so manches seiner Unternehmungen vernichtet, zum mindesten aber für ihn und das Reich ausgeschaltet; das schmälert in keiner Weise die Verdienste dieses überragenden Mannes um die deutsche Wirtschaft, dessen Losungswort lautet: „Mein Feld ist die Welt!“

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
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Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
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Quer durch das neue Deutschland
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Quer durch das neue Deutschland III
Von Versailles bis Haag
Klein-Amerika in Ostpreussen
Die Hallo-Mädchen
Nach Palästina
Eine Hamburger Überseewoche
Kinder aufs Land

2 Comments

  1. […] Siehe auch: Wir Deutsch-Amerikaner Deutsch-Amerika Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich Wie das alte Österreich starb Wie das alte Österreich starb II Die Deutschen in Amerika Die Deutschen in Amerika II Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss) Die Lüge als Fundament „Deutsch-Amerikas“ Mission Schundromane auf dem Scheiterhaufen Lincoln und das deutsche Element Die Geschichte der Revolution Der Aufbau Palästinas Deutschland und der Weltfriede Vaterland vor der Wiedergeburt Das Schicksal der deutschen Kolonien Der letzte Zar im Kreise seiner Familie Krupp-Werk in Friedens-Arbeit Die Wolkenburgen der neuen Welt Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit Jerusalem die Heilige Stadt Die Schwarzen Truppen in Deutschland Schiffsmodelle als Zimmerschmuck „Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese Quer durch das neue Deutschland Quer durch das neue Deutschland II Quer durch das neue Deutschland III Von Versailles bis Haag Klein-Amerika in Ostpreussen Die Hallo-Mädchen Nach Palästina Eine Hamburger Überseewoche Kinder aufs Land August Thyssen-Der Senior der Grubenbarone […]

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