Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920

Die erste Eigenschaft des Genius ist Originalität.

Richard Teschner ist ein in weiten Kreisen bekannter Künstler. Man kennt ihn als den überkultivierten Österreicher, als den Sohn eines Landes von uralter, hoher, künstlerischer Vergangenheit, eines Landes, das Blutmischung und Blutdurchkraftung von Völkern ermöglicht, die alle künstlerisch begabt sind. In ihm scheinen sich die künstlerischen Gaben Österreichs alle zu vereinigen. Er ist der Vielbegabte, ist Maler, Bildhauer, Radierer, Musiker und auf seine Weise Dramatiker und Schauspieler.

Zu dieser Begabung tritt eine umfassende handwerkliche Fähigkeit, die gründliche Meisterschaft in vielen Handwerken gleichkommt. Tüchtigkeit, Ausdauer, Fleiß, ein klarer Sinn, die Gabe der Improvisation, des Erfindens, Konzentration, geschlossener Wille und festes Am-Bodenstehen, ein klarer Blick und Sinn, hohe Phantasie und Freimut, Geradheit bis zum derben und unerschöpflichen Humor. Damit hat die Natur, das Land, die Volkszusammengehörigkeit die Persönlichkeit Teschners ausgestattet. Das ist das Erbe seiner Väter.

Mit diesen Fähigkeiten und Gaben, die er stetig ausbaut und steigert im Gang seiner Entwicklung, kann seine Individualität wie mit einem Werkzeug wirken. — Diese Individualität — dies konnte man bei der Vorführung der geschlossenen Reihe seiner Werke in der Wiener Ausstellung erleben — diese Künstlerindividualität hat Zugang zu einer Seelen- und Geisteswelt, die uns andern verschlossen ist. In sie wächst sie hinein, ringend und strebend. Von ihren Wesenheiten gruppiert sich um sie, was ihr jeweilig verwandt ist, wahlverwandt, Wesenhaftes, zu dem sie gerade Beziehung hat, zu dem sie „Du“ oder „Ich“ sagen kann, dunkle Sphären zunächst und lichtere, Sphären der Leidenschaft, der Triebe, des Begehrens, Gespenster, Gnomen, Salamander, Drachen, Magier, Prinzen und Prinzessinnen, Zaubergärten und Märchenschlösser, soweit sie selbst noch in der niederen Ichheit verstrickt ist, in ihrem Wünschen und Begehren.

So ist er der Romantiker, als den man ihn bisher kannte und liebte, weil man sofort die Beziehung zu ihm herstellen kann, aus der eigenen Verstocktheit der Seele heraus, weil diese Kunst so süß einschläferte, ablenkte von der Wirklichkeit des Lebens und dazu noch so liebenswürdig und eigenartig war.

Nun zeigt die Wiener Ausstellung den neuen Teschner. Er ringt sich durch zu höheren, reineren Sphären. Er stößt in die Sphäre des Geistes. Zunächst wird sie in Gedankenfomien künstlerisch erfaßt. Die drei Kulturrassen werden hinausgestellt. Sie sind ein gewaltiger Sprung aus seiner Romantik heraus. Sein altes Grundproblem „Wie kann ich Leben gestalten“ sucht sich auch hierin, wie so oft in der Zeit der Romantik die Antithese. Aber nun gilt es der Lebenswirklichkeit.

Teschner ist einer von den Deutschen, die ihre Zeit nicht verschlafen haben. Er schaut der Gegenwart geradezu ins Gesicht. Am bewirkenden geistigen Leben der braunen Rasse (Buddha), am regsamen gestaltenden, sozialen Leben der gelben Rasse (Konfuzius), erlebt er als den Gegensatz, als die Erstarrung,die geistig seelische Sterilität der weißen Rasse der Jetztzeit, die ganz und gar in die Mechanisierung, in Entseelung und Entgeistigung geraten ist. Wohin wir geraten sind, kann nicht eindringlicher gezeigt werden, als durch den Repräsentanten der weißen Rasse mit seinen leeren Augen. — Ich bin der Weg, das Leben und die Wahrheit. — Dieses „Ich bin“ ist nie in schrecklicherer Weise ans Kreuz geschlagen worden, als in der weißen Rasse. — „Die drei Kulturrassen“ sind der erste Auftakt der neuen Epoche. Sie stellen einen Erlebnisakt dar, an dem das Gehirn als Fragelöser beteiligt ist. Echte Geisterlebnisse werden in der Folge immer reiner aus der Erlebenswelt herausgestellt.

Die Ausstellung zeigt die Reihe: Wiedergeburt, Sonnenland und den Zyklus Feuerelement, Wassergeist, Imagination und Nachtschauer.

Die Wiedergeburt mag als das Ergebnis des Erlebens der aufziehenden Sternenwelt, des Kreislaufes des kosmischen Werdens erfühlt sein, der Zyklus die Expression des Erlebens der vier Elemente und zugleich in dieser Schau, der vier Temperamente.

In dem Maße, in dem sich die Künstlerindividualität ringend einlebt in die Welten, aus denen sie gespeist wird, aus denen sie sich ihre künstlerischen Imaginationen und Intuitionen holt, die sie einprägt unter Schmerz und Lust in die sinnliche Wirklichkeit des Kunstwerkes, in demselben Maße ringt auch die Künstlerpersönlichkeit nach Formelementen, nach Ausdrucksmitteln. Die romantische Zeit hat ihre Entsprechung in dem „Nichtzurruhekommen-können“ in einer bestimmten Technik.

Der damalige Lebensinhalt will sich in Prunk ausleben, er sucht das Erhabene in Größe und Mannigfalt. Teschner langt nach allen bildsamen Stoffen, nach allen Ausdrucksmitteln, verbessert die gegebenen Techniken, erfindet sein Radierverfahren, die „Handtonätzung“, lernt Speckstein färben, baut seine eigene neue Laute, schafft sich seine Temperatechnik und lebt in der Puppe seiner Figurenbühne. — Die neue Entwicklungsstufe, in der Teschner die Kulturrassen hinstellt, bringt auch die technische Beschränkung. Sie sind als Kohlenzeichnung ausgeführt. Teschner hat nun auch sein Bildformat gefunden und sich für Tempera entschieden. Die Farben seiner Temperabilder sind so rein, daß sie nun als Farbwert an sich Träger des geistig-seelischen Erlebens sein können. Aber auch sein ureigenstes Ausdrucksmittel, sein eigenstes Mittel der Expression ist zu einem gewissen Abschluß gekommen — die Puppe -seiner Figurenbühne…..

Im Figurentheater kann sich Richard Teschner ganz ausleben. Hier fließt die Individualität in die Persönlichkeit aus. Inhalt und Form werden zur Einheit.

Was ist es, daß dieses Theater den wenigen Hundert Menschen, die es auf der Wiener Ausstellung sehen konnten, zu einem so bedeutsamen Erlebnis machte ? Daß Stimmungen vermittelt werden, Schauspielwirkungen von ihm ausgehen, die rätselvoll erscheinen.

Das Theater ist eine Pantomime, das gesprochene Wort, das sonst maßgebende Ausdrucksmittel für den Inhalt der darzustellenden Dichtung ist, fällt weg und wird von der Geste der Puppe als nunmehr alleiniges Formelement ersetzt.

Das gestellte Problem heißt nun: Die Geste als einziges Ausdrucksmittel für Kunst. — Das ist vollkommen neu. Bisher kannte man die Geste in dieser Sonderstellung, wortentkleidet, nur von Schauspielern im körperlichen Eigenleben ausgeführt, vom Minenspiel unterstützt. Auf der Figurenbühne führt die Puppe die Geste aus, totes Material, freilich schon gestaltetes aber doch nur gestalteter Typus dem Persönlichen und Individuellen entrückt, ganz in den Stil gestellt. Die Geste muß dadurch ganz und gar entpersönlicht werden, ins Überpersönliche erhoben, ganz stilisiert werden. Die Puppe kann nicht, wie auf Marionettenbühnen, von oben mit Schnüren gezogen werden, da diese Führungsart der Zufälligkeit zu viel Spielraum läßt.

Fest und sicher müssen die Bewegungen von der Hand des Spielers ausgeführt werden. Teschner bewegt die Figuren mit Stäbchen von unten. Durch diese ist er in der Lage, wie mit einem Stift, wie mit einem Werkzeug jede Linie zu ziehen, jede, selbst die feinste Bewegungsnuance zu gestalten. Es ist klar, daß die gestellte Aufgabe, in der Geste auf der Figurenbühne sich künstlerisch auszusprechen, weit über den Rahmen der Schauspielkunst, der darstellenden Kunst hinausgeht. Ein Künstler, der die Puppe führt, muß vor allem bildender Künstler sein, Zeichner, Maler, Bildhauer.

Er gestaltet unmittelbar, wie er eine Plastik schafft oder ein Bild malt. Die Geste vereinigt, umschließt alle Ausdrucksmittel der bildenden Kunst in sich, prägt sie aber nicht dauernd in eine tote Materie ein, sondern wandelt das Werk der bildenden Kunst aus einem Nebeneinander, das bestehen bleibt in ein Nacheinander, das vergeht. Sie ergibt ein Kunstwerk, das im Entstehen vergeht, in die Zeit hineinfließt und stirbt. Es umgeht die Materie, huscht nur über die bewegten Konturen der Puppe hinweg direkt in die Seele des Beschauers. Die Puppe leiht nur ihre Arme, ihren Körper mit dem Teschner die Geste ausführt, das reinste aller möglichen Ausdruckselemente der bildenden Kunst, die bewegte, die lebendige Form, die wandelnde, fließende, in Rhythmen in die Zeit hinausprojizierte Form, die reine abgezogene Geste. Als Formelement kommt sie an sich zur realen Wirkung, wie im Expressionismus Farbe, Form, Ton und Linie.

Dieses Kunstwerk ermöglicht dem Beschauer am lebendigen Werden des Kunstwerkes, am Schöpfungsakt selbst unmittelbar teilzunehmen. Er kann wohl zum erstenmal an der Schöpferfreude des Künstlers teilnehmen. Denn dieses Kunstwerk ist das Schaffen an sich. Bildlich gesprochen, er kann am Sechstagewerk Gottes zuschauend teilnehmen, mühelos Mitschöpfer werden, er, der den Geschaffenheiten gegenüber immer zum Nachschaffen verurteilt ist, die Gedanken, die Absichten Gottes am Geschaffenen immer nur nachdenken kann, wird zum Mitdenker, zum Vordenker gemacht. Epimetheus darf einmal Prometheus werden, der Nichtkünstler einmal Künstler.

Dies ist genau besehen der Inhalt des Erlebnisses, das in den aufgewühlten Seelentiefen des Beschauers der Teschnerbühne vor sich gehen mag. Die Geste ist Teschners Expression, sie ist sein ureigenstes Ausdruckselement. In die Erscheinung gebracht werden konnte es nur von einer Künstlerindividualität, die aus österreichischem Blutzusammenhange ihre Persönlichkeit gestaltet, ausgeführt nur von einem Künstler, der sich wie Teschner durch alle Gestaltungselemente durchgerungen hat und sie alle beherrscht. Denn die Ausführung der Geste am „Figurentheater“ setzt die ganze Reihe der Künstlerschaften voraus und umschließt sie: Malerei, Bildhauerei, Musik, Dichtkunst und Schauspielkunst. Sie werden alle zur Einheit, die Eine-Kunst. Die große Absicht des Jesuitenstiles wird hier in einer nie geahnten Weise Wirklichkeit.

Ing. Rudolf Thetter.

Bildverzeichnis:
Hausgöttin
Richard Teschner-Aloe
Richard Teschner-Die Braune Kulturrasse
Richard Teschner-Die Gelbe Kulturrasse
Richard Teschner-Die Weisse Kulturrasse
Richard Teschner-Krippenspiel
Richard Teschner-Pieta
Richard Teschner-Sonnenland
Richard Teschner-Wiedergeburt

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Quellen des Behagens
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer