Teil I.

Die Gegenwart ist der Vergangenheit ebenso verpflichtet, wie das Kind seinen Eltern; aus diesem Grunde ist es auch eine Pflicht, alte Erinnerungen festzuhalten. Jede Art von Arbeit, welche die Vergangenheit lebendig erhält, muß willkommen sein in einer Zeit, die im Begriffe steht, mit der Vergangenheit aufzuräumen, und alles, was ihr wert gewesen ist, umzuwerten. Daß dies geschieht, daran läßt sich auf keinem Gebiete mehr zweifeln; von den vielen Beweisen dafür ist das Verschwinden der Volkstrachten vielleicht einer der augenfälligsten. Wie der gewaltig gesteigerte Verkehr die Besonderheiten in unseren Lebensgewohnheiten ausgleicht, so löst er auch die Volkstrachten in die allgemein gültigen Modeformen auf. Die Industrie mit ihrer gewaltigen Kraftspannung setzt sich zwischen den Bauernhäusern fest; sie erzieht sich einen neuen und eigenartigen Menschenschlag, der von stiller Behaglichkeit nichts mehr weiß; alle Eähigkeiten schickt sie auf die Hezjagd nach dem Gewinne, und man würde den für einen Zeitverschwender halten, der sich noch um den Zuschnitt und die Färbung seiner Kleider bekümmern wollte; das mögen die besorgen, deren Geschäft es ist. Was sollen die bunten Volkstrachten, sie, die Kinder der idyllischen Schlupfwinkel, zwischen den Mauern der Fabriken und Hüttenwerke, sie, die Kinder der wehenden Saatfelder, auf dem aufgewühlten Boden, sie, die Kinder der grünen Wälder, zwischen dem steinernen Walde von hochragenden Schornsteinen, sie, die Kinder von Luft und Sonne, in dem muffigen Atem der Werkstätten, in der von Kohlenruß schwarz durchsezten Atmosphäre ? Das ist einmal so und läßt sich nicht ändern.

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Deutsche Volkstrachten vom 16. bis zum 19. Jahrhundert

Siehe auch: 200 Deutsche Volkstrachten im Bild

Unter Volkstracht versteht man eine eigene Art von Tracht, die mehr oder minder von der grossen Mode abweicht und nur in bestimmten Bezirken Geltung hat, also gleichsam einen Dialekt des Modekostüms bildet. Allgemein verbreitet.ist der Glaube, unsere Volkstrachten seien uralt; dies ist ein Irrtum; auch die älteste geht nicht über die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück; die meisten sind im Laufe des 17. entstanden und gar mancher Teil gehört dem 18. und selbst dem 19. Jahrhundert an. Nur wenige Stücke sind alte Familienstücke und nur in einer einzigen Gegend, sonst aber nirgends zu finden. Im allgemeinen bildeten sich die Volkstrachten aus Resten von stehengebliebenen Modetrachten heraus und gewannen dann ein um so seltsameres Aussehen, je weiter die grosse Mode auf ihrem Weltlaufe sich von ihnen entfernte. Aber wie man häufig noch an den Enkeln die Gesichtszüge der Ahnen erkennt, so lässt sich auch in der Volkstracht noch die Zeitmode erkennen von welcher sie ihre einzelnen Stücke zurückbehalten hat.

Die Ausdehnung des Reiches und der schwerfällige Verkehr waren schuld, dass in früheren Jahrhunderten die Mode nicht überall zu gleicher Zeit und auch nicht auf gleiche Weise durchdringen konnte. Aus diesem Grunde gab es wol zu jeder Zeit Volkstrachten, die aber weiter nichts, als verspätete Modetrachten waren, und die man aufgab, sobald man der neuen Mode habhaft werden konnte. Die ganze Kultur im Mittelalter hatte einen internationalen Charakter; und so entwickelte sich auch die Tracht in den verschiedenen dem alles gleichmachenden Christentume unterworfenen Ländern in ziemlich übereinstimmender Weise. Erst als nach dem abgewelkten Mittelalter die politische Zerklüftung einriss und das Reich sich in hunderte von Territorien auflöste, von denen jedes sich selbständig gebördete, erst seit dieser Zeit sonderten sich die Deutschen mit Absicht, wie in so vielem andern, auch in der Kleidung von einander ab. Deutschland war das klassische Land der Kleinstaaterei und der engen Gesichtskreise. Da gab es nur Höfe und Hinterhöfchen von Fürsten, Grafen und Herren; da gab es nur Reichsritterschaften, Reichsstädte, Reichsdörfer, Reichsklöster: aber ein Deutschland gab es nicht mehr.

Um diese Zeit fingen die eigentlichen Volkstrachten an sich zu entwickeln; sie waren ein naturgemässes Produkt der öffentlichen Zustände. Die abgelegenen Dörfer und einsamen Höfe begannen eher mit der Ablösung von der grossen Mode, als die verkehrsreichen Städte; und so kam es, das die ländlichen Volkstrachten schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts von der damals gültigen deutschen Mode sich losschälten, während die städtischen erst auf Grund der später folgenden spanischen Mode ins Leben traten. Man darf indes nicht annehmen. die Volkstrachten seien, nachdem sie sich einmal gefestigt hatten, von der grossen Mode nicht mehr beeinflusst worden. Im Gegenteil; gerade die Mode war es. die den Volkstrachten frische Elemente zuführte und sie vor dem Erstarren bewahrte. Die Volkstrachten des 18. Jahrhunderts waren andere, wie die des 17., und die des 19. sind anders, wie die des 18. Jahrhunderts waren. Selbst wenn die Mode im Einzelnen nicht viel veränderte, so bestimmte sie doch das allgemeine Aussehen. Alles, was die Menschen tliun, thun sie im Geiste der Zeit, in der sie leben und weben, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Von jeder Zeitmode setzte sich ein Rest von Exemplaren in gewissen Gegenden fest. Wo das Volk an den geistigen Kämpfen der Zeit wenig oder gar keinen Anteil nahm, veränderte sich auch die Tracht nur wenig oder doch sehr langsam. Ein Beispiel dafür liefert Altbaiern, wo die Tracht noch heute mancherlei Stücke aufweist, die dem 17. Jahrhundert angehören und während des dreissigjährigen Krieges entstanden sind, wie den kürzen Rock und den spizen Hut. Anders in schwäbisch Baiern und im Schwabenlande überhaupt; hier wurde das Volk von den Gärungen des 18. Jahrhunderts stark bewegt; und so gehört auch heute noch seine Tracht vorwiegend diesem Zeiträume an; der lange Rock, die engen Kniehosen, die Schnallenschuhe mit Strümpfen und der Dreispiz sind charakteristische Belege dafür. Wenden wir unsern, Blick nach der Pfalz; die Pfälzer wurden seit Jahrhunderten zwischen Frankreich und Deutschland hin-und hergeworfen; sie lebten stets mitten im Verkehre der politischen Ideen und eigneten sich einen revolutionären Geist an, der stets mit dem Neuen ging. Aus diesem Grunde kamen die Pfälzer niemals zu einer eigenen Volkstracht ; höchstens den elsässischen und badischen Grenzen entlang bürgerten sich Ansäze dazu ein; diese aber waren in der That elsässisch und badisch, aber nicht pfälzisch. Auch im Rheingaue bemerken wir etwas Aehnliches; hier ist jedoch nicht der Ideenverkehr und die Neuerungssucht an dem Ausbleiben einer Volkstracht schuld, sondern das Patriciertum, das seit alten Zeiten sich in dem ah Reizen hochgesegneten Landstriche anzusiedeln liebte.

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Deutsche Volkstrachten vom 16. bis zum 19. Jahrhundert

Bildverzeichnis der 192 Abbildungen unten.

Noch zur Zeit unserer Väter pflegten im Deutschen Land die Bauersleute sich in ihre eigenen Trachten zu kleiden. Man zerbrach sich damals nicht den Kopf darüber, hatte seine Freude an den schlichten, eigenartigen und farbenfrohen Kleidern, die als eine Art von selbstverständlicher Staffage zum Bild des Dorfes, der ländlichen Natur gehörten. Jetzt sind die Volkstrachten vor dem gleichmachenden Einfluß der Mode fast schon verschwunden. Was wir von ihnen heute noch sehen, werten wir als einen unverfälschten Ausdruck heimatlicher Volkskunst aus vergangenen Tagen und lieben in ihnen die Erinnerungen an eine versunkene „gute alte Zeit“. Natürlich sind die bäuerlichen Trachten unter dem bestimmenden Einfluß von Lebensgewohnheit, Arbeit, Klima und wirtschaftlicher Lage entstanden. Aber gleichwohl stellen sie vor allem eine lebensvolle Äußerung der Volksseele dar, so wie sie sich im Spiel geschmacklicher Gestaltungsfreude verrät. Und gerade hierin, in dieser gefühlsmäßigen Bindung an unser Volkstum, mag wohl die Freude begründet sein, mit der wir auf Reise oder Wanderung die noch bestehenden Reste der Trachten „entdecken“, und ebenso auch die Freude, welche uns Bilder dieser Trachten, der noch lebenden wie der verschwundenen, sammeln läßt.-



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200 Deutsche Volkstrachten Abbildungen Deutsche Volkstrachten

Holbein hat seine Entwürfe nur selten bezeichnet und datiert, aber seine künstlerische Reife hat sich so folgerichtig entwickelt, daß eine chronologische Einordnung der Blätter möglich sein sollte. Zu der Studie von 1519 gehören zwei weitere Blätter, auf denen das gleiche Motiv variiert ist. Das eine zeigt die Madonna auf einer Steinbank zwischen zwei Säulen sitzend, wie sie das Kind stillt, das andere die ganze heilige Sippe an den Stufen eines reichen Kirchenportals, in dessen Architektur und Ornamentik die Eindrücke aus Oberitalien nach? klingen. Auf allen drei Entwürfen ist nicht die Madonna, sondern die Mutter dargestellt, ein jugendliches, kräftiges Weib mit offen herabfallendem oder schlicht unter die Haube gebundenem Haar. Sorglich faßt sie das fröhlich strampelnde Kind unter den Ärmchen oder hält es am Beinchen fest und läßt den glücklichen Blick mit mütterlicher Liebe auf ihm ruhen. Den Künstler fesselt vor allem das intime Spiel zwischen Mutter und Kind, die daraus resultierenden Körperbewegungen und der Faltenwurf des weit ausgebreiteten Kleides; einzig ein schmaler Heiligenschein, der über dem Haupte der Frau schwebt, deutet auf ihre Heiligkeit hin. Holbein versucht die dekorative Wirkung der Gruppe dadurch zu vergrößern, daß er vor ihr Raum schafft durch ein Stück Fußboden, durch einen Sockel oder eine Treppenanlage und zudem den Faltenwurf so plastisch als möglich gestaltet.

Die Technik der drei Blätter ist gleich; schwarze Federzeichnung auf weißem, mit Wasserfarbe grundiertem Papier. Die Modellierung im Lichte mit Deckweiß, in den Schatten mit Tusche erzielt sehr schöne malerische Effekte. In Basel war diese Technik schon vor Holbein bekannt und beliebt; er hat ihre Vorzüge wohl erst dort gründlich ausprobiert.

Entwürfe zu Madonnendarstellungen sind in jener Zeit häufig; den liebenswürdigeren Typus wird ihm ebenfalls die Kenntnis der Werke oberitalienischer Meister vermittelt haben, in denen die Richtung Lionardos nachgewirkt hat. In statuarischer Auffassung zeigt sie ein Scheibenriß mit der Vedute von Luzern im Hintergründe und eine Zeichnung in Braunschweig vom Jahre 1520.

Siehe auch:
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Der abergläubige Bilderkultus
Hans Holbein der Jüngere-Vorzeichnung zum Bildnis des Bürgermeisters Jakob Meyer von Basel
Hans Holbein der Jüngere-Aus der Folge der Basler Frauentrachten
Hans Holbein der Jüngere-Leaina vor den Richter
Hans Holbein der Jüngere-Erzengel Michael

Hans Holbein der jüngere Kunstdrucke