Autor: <span class="vcard">Kunsthalle Hamburg</span>

„Erkennen muss ich jetzt, wie wahnbeschwert
„Die Phantasie mir zärtlich schmeichelnd war,
„Die zum Idol die Kunst erhob und Herrscher
„Und jenes Sehnen, das nur Leiden bringt.“

Michelangelo.

WÜRDEN wir von Michelangelo nichts wissen, als was uns seine fertigen Arbeiten sagen, so würden wir aussprechen, dass er mit einem unvergleichlichen Genie als Plastiker begabt war und dass er ihm das Höchste abgerungen hat. Aber wir kennen sein Leben aus zahlreichen lebendig redenden Dokumenten, und diese zeigen uns, dass das, was Michelangelo hinterlassen hat, nur die Trümmer gewaltiger Schöpfungen sind, die sein Genius erdacht, die seine Hand begonnen hatte, die aber nicht zum vollen Ausbau gekommen sind. Das Juliusgrab ist nicht das einzige zusammengebrochene Monument. Von den zwölf Aposteln für den Dom hat er kaum einen begonnen; das grosse Gemälde der Schlacht von Cascina blieb Karton, die Fassade von San Lorenzo ist in den ersten Stadien aufgegeben worden und die Grabkapelle der Medici hat er im Stich gelassen, als sie ihrer Vollendung entgegenging. Angesichts dieser gescheiterten Welten entsteht der Eindruck, dass er uns sein volles Lebenswerk versagt habe, und wir fragen, was uns um die unwiederbringliche Bereicherung unseres höchsten Besitzes gebracht hat.

DIE so oft missbrauchte Formel vom Konflikt des Genies mit der Aussenwelt ist auf Michelangelo nicht anzuwenden. Ihm haben die Mächtigsten seines Volkes sich gebeugt, und keinem Künstler haben so wie ihm die Mittel zu allen Plänen, die nur seine Phantasie erdenken mochte, zur Verfügung gestanden. Was ihn hemmte, war das Schicksal, das er in seiner eigenen Brust trug: denn ihm war zum Begleiter seines Genies ein Temperament in die Seele gepflanzt, das sein Innenleben zwischen Zuständen fruchtbarster Hochspannung und ohnmächtiger verzweifelter Niedergeschlagenheit sich bewegen Hess. In seinem Tun und Fühlen haben die stetigen Zielstrebigkeiten keinen Platz, nur Sprung und rasche Attacke. Wie alles an ihm das Mass des Menschlichen überschritt, so dauerten derartige explosive Vorstösse oft jahrelang, und wo wir sie als Perioden in seinem Leben absondern, da sind sie erfüllt mit einem unfassbaren Übermass des Geschaffenen. Aber dann ist es mit einem Schlage, als wenn ein Bruch in der Kontinuität seines Daseins stattgefunden hätte. Ausgemerzt aus seinem Schöpferbewusstsein und Vatergewissen sind die verlassenen Kinder seiner Phantasie, und wo ihn äussere Mächte an seine Pflichten mahnen, wie beim Juliusgrab, da bäumt es sich in ihm auf, wie in Angst und Schrecken, und er wehrt sich mit allen Zeichen des Entsetzens vor den wiederkehrenden Gespenstern der verlassenen Marmorblöcke.

Kunstartikel Michelangelo Buonarroti 1475-1564

Im Jahre 1912, dreihundert Jahre nach dem Tode des merkwürdigen gekrönten Sammlers auf der Hradschiner Burg, veranstaltete der Kunstverein für Böhmen im Rudolfinum unter dem Titel „Rudolf II. Die Kunst an seinem Hofe“ eine Ausstellung von Werken dieses reichen und vielfältigen Kunstkreises. Die meisten dieser Arbeiten befinden sich im Besitz von Privatleuten, insbesondere der alten böhmischen Adelsgeschlechter, und wurden durch diese Ausstellung ein einziges Mal für kurze Dauer an einem Orte übersichtlich vereinigt und der Öffentlichkeit sowie der vergleichenden Forschung zugänglich gemacht. Um die Erinnerung an diese für die heimische Kunstgeschichte bedeutsame Ausstellung dauernd festzuhalten, beschloß der Kunstverein für Böhmen, ein Tafelwerk herauszugeben, welches 44 der wichtigsten und am wenigsten der Öffentlichkeit zugänglichen ausgestellten Arbeiten in mustergültigen Reproduktionen in großem Format enthalten wird. Gleichzeitig verfaßte hiezu Professor Dr. Karl Chytil von der Prager Universität, ein berufener Fachmann für jene Epoche, den begleitenden Text und erweiterte die außerdem jede Tafel erläuternden Spezialbemerkungen unter Zugrundelegung des vom verstorbenen Inspektor der Gemäldegalerie im Rudolfinum Paul Bergner verfaßten Ausstellungskatalogs um wertvolle Nachweisungen. Das Tafelwerk ist im Verlag des Kunstvereins für Böhmen in 299 numerierten Exemplaren erschienen. Um den wesentlichen Inhalt des großen und entsprechend kostspieligen Werkes auch der breitesten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat der Kunstverein für Böhmen den Text, begleitet von 16 der bedeutendsten Tafeln in verkleinerter, jedoch ebenfalls erstklassiger Tiefdruckreproduktion, als besonderes Buch nur für seine Mitglieder herausgegeben.

Kunstartikel

Das deutsche Volk ist reich, fast überreich begabt, und doch voller Schwächen. Körperkräftig und geistesstark, gemütvoll und vielseitig, liebt es die Arbeit ohne die Waffen zu fürchten. Aber es fehlte ihm die Völkertreue, das feste staatliche Rückenmark, nur zur oft die Kraft und der Wille: das Ich, die Sippe, den Stamm der Gesamtheit, das Einzelne dem Ganzen unterzuordnen. Es erwies sich kleinlich und mißgünstig, übermütig und überschäumend im Glück, haltlos im Unglück, ohne Gleichmut der Seele; dann wieder erhob es sich Taten groß und gewaltig, zu einer Leidenschaft, einer Hingabe, einem Opfermute ohnegleichen, zu einer Wucht, die den Erdball erschütterte. Jahrhunderte dämmerte es fast gedankenlos dahin, und doch zählt es die ersten Geisteshelden zu den Seinen.

Es vollbrachte den Sturz des römischen Weltreiches, aber nur, um mehr als die Hälfte seiner tatenfrohen Söhne zu verlieren, um siegend besiegt zu werden. Es errang die Kaiserkrone Roms und gestaltete sie zum Dornenkranze, an dem es selber und Italien sich verblutet haben. Es durchbrach die mittelalterliche Weltordnung und ging im dreißigjährigen Kriege durch seine Heldentat staatlich zugrunde. Deutschland war schließlich nur noch ein geographischer Begriff, ohnmächtig, zerissen, verarmt im Innern, im äußeren Bestande eingeengt und beraubt, verspottet, verachtet von den Nachbarn.

Da erhob sich aus seiner gefährlichsten Schwäche: seinem Triebe zur Sondergestaltung, die entscheidene Macht. Über den märkischen Kiefernwäldern begann ein bislang unbeachteter Aar (Adler) zu kreisen, der seine Schwingen reckte, machtvoll und stark bis an die Grenzen des Reiches. Aus der Kleinstaaterei erwuchs ein Gebilde, welches zum Weltreiche wurde. Auf allen Meeren weht die deutsche Flaage, fern und nah erkämpft sich die deutsche Ware einen Ehrenplatz, überall arbeitet deutscher Verstand und deutscher Fleiß, werden deutsche Einrichtungen bewundert, beneidet, nachgeahmt. Und daheim bildet Deutschland das Herz Europas mit einem unternehmenden, kühngemuteten Volke, einem starkem Staatswesen, einem mächtigen Kaisertum. In Kampf und Not erwachte sein Selbstvertrauen, mit Blut und Eisen erkämpfte es aus der Zwietracht die Einigkeit. Seine Armut verwandelte sich in Reichtum, die Verachtung der Nachbarn in Ansehen und Bewunderung.
So ist die deutsche Geschichte einzig in ihrer Art gewesen, und einzig in seiner Art ist auch dieses Werk, welches sie versinnbildlicht, welches der Inbegriff ist von Deutschlands augenblicklichem Selbst, seiner inneren Höhe, seines äußeren Glanzes. Die «Deutsche Gedenkhalle» ist kein Buch gewöhnlicher Art, sondern hebt sich aus allen heraus und schuf sich sich selbst ihren Rahmen. Sie gibt keine landesübliche Darstellung in fortlaufender Erzählung, sondern Einzelschilderungen über Haupt- und Staatsaktionen, über Recht, Sitte, Kultur, Kunst und Wissenschaft, kurz die ganze reiche Lebensfülle des Daseins in Vergangenheit und Gegenwart; jeder Abschnitt besteht für sich und doch hängt er mit seiner Umgebung zusammen, alle liefern sie ein farbiges Gesamtbild. Demgemäß wurde jeder Einzelbeitrag sorgfältig ausgewählt, aber seine wahre Bedeutung, gleichsam seine Weihe erhielt er erst durch den Bearbeiter, welcher stets ein namhafter, meistens der namhafteste Fachmach ist: ein Gelehrter, der vorurteilslos zu forschen und in edler Wahrhaftigkeit darzustellen verstand. Das Buch bildet damit den Höhe- und Sammelpunkt der augenblicklichen Geschichtsschreibung. Zu den Gelehrten gesellten sich die Künstler, dahingeschiedene und lebende. Sie schufen für das Auge, was ihre Gefährten dem Geiste erschlossen. Und weiter kam hinzu ein Buchschmuck, der kaum seinesgleichen findet, der die Größe des Gegenstandes auch groß und herrlich wiedergab. In dem Zusammenklange aller dieser Dinge beruht der unvergängliche Wert des Werkes, erscheint es als literarisches Denkmal ersten Ranges, erhebt es sich zu einem Marksteine für Gegenwart und Zukunft.

Ihren Ausdruck erhalten diese Tatsachen in der Teilnahme Seiner Majestät des Kaisers, der in einer Kabinetts-Ordre schrieb:

«Es ist Mir ein Bedürfnis Meiner Befriedigung Ausdruck zu geben, daß Ich das Protektorat über ein Werk habe übernehmen können, welches durch die Gediegenheit seines Inhalts und den vornehmen Geschmack seiner Ausstattung ein Denkmal deutscher Buchkunst genannt werden muß.»

Voll diesen Verständnisses für die Schwierigkeiten, die der gesamten Geschichtsschreibung und diesem Buche im Besonderen anhaften, hat der Herrscher es sinnig mit den Worten unseres größten Dichters eingeleitet, daß es das Schwerste ist:

«Mit den Augen zu sehen,

Was vor den Augen dir liegt!»

 Pflugk-Harttung, Julius von

Die Deutsche Gedenkhalle
Deutsche Gedenkhalle: Cheruskerfürst Hermann
Deutsche Gedenkhalle: Karl der Große
Deutsche Gedenkhalle: Kaiser Otto I.
Deutsche Gedenkhalle: Friedrich Barbarossa
Deutsche Gedenkhalle: Kaiser Friedrich II.
Deutsche Gedenkhalle: König Heinrich V.
Deutsche Gedenkhalle: Graf Rudolf von Habsburg
Deutsche Gedenkhalle: Ludwig der Bayer/Ludwig IV.
Deutsche Gedenkhalle: Konzil zu Konstanz
Deutsche Gedenkhalle: Karl V. in Antwerpen
Deutsche Gedenkhalle: Martin Luther
Deutsche Gedenkhalle: König Gustav Adolf
Deutsche Gedenkhalle: Westfälischer Friede
Deutsche Gedenkhalle: Schlacht bei Fehrbellin
Deutsche Gedenkhalle: Friedrich I.
Deutsche Gedenkhalle: König Friedrich I.
Deutsche Gedenkhalle: Friedrich der Große
Deutsche Gedenkhalle: Schlacht von Zorndorf
Deutsche Gedenkhalle: Friedrich der Große und die Österreicher
Deutsche Gedenkhalle: König Friedrich II. und Kaiser Joseph II.
Deutsche Gedenkhalle: Vereinigung der großen Geister Deutschlands
Deutsche Gedenkhalle: Friedrich Wilhelm IV. und Kaiser Wilhelm I.
Deutsche Gedenkhalle: Schillsche Jäger/Schillsches Freikorps
Deutsche Gedenkhalle: Volksopfer im Jahre 1813
Deutsche Gedenkhalle: Aufruf an mein Volk
Deutsche Gedenkhalle: Gebhard Leberecht von Blücher
Deutsche Gedenkhalle: Belle Alliance im Jahre 1815
Deutsche Gedenkhalle: Huldigung vor König Friedrich Wilhelm IV.
Deutsche Gedenkhalle: Krönung König Wilhelms I. zu Königsberg
Deutsche Gedenkhalle: 2. Bataillion des 24. preußischen Infanterieregiments
Deutsche Gedenkhalle: Abreise des Königs Wilhelm I. zur Armee
Deutsche Gedenkhalle: Sturm des 1. Garderegiments auf St.Privat
Deutsche Gedenkhalle: Bismarck und Napoleon
Deutsche Gedenkhalle: Generalfeldmarschall Graf von Moltke
Deutsche Gedenkhalle: König Wilhelm I., Bismarck und Graf von Moltke
Deutsche Gedenkhalle: Kaiserproklamation in Versailles
Deutsche Gedenkhalle: Prinzregent Luipold von Bayern
Deutsche Gedenkhalle: Berliner Kongreß
Deutsche Gedenkhalle: Kaiser Wilhelm I.
Deutsche Gedenkhalle: Fürst Otto von Bismarck
Deutsche Gedenkhalle: Letzte Heerschau Kaiser Friedrichs III.
Deutsche Gedenkhalle: Erste deutsche Linienschiffsgeschwader 1903
Deutsche Gedenkhalle: Die Deutschen an die Front
Deutsche Gedenkhalle: Eröffnung des deutschen Reichstages
Deutsche Gedenkhalle: Ein Reich, ein Volk, ein Gott

Deutsche Gedenkhalle Deutsche Geschichte

…und sein Hofstaat in Palermo

Kunstdrucke