Autor: <span class="vcard">Kunsthalle Hamburg</span>

Betrachten wir die Sache von anderer Seite her. Das Leben eines Volkes ist einem Garten vergleichbar, in dem mancherlei Gewächse sprießen. Und ebenso, wie jede Pflanze mit Naturgewalt zu ihrer Blüte und ihrer Frucht drängt, so drängt das Leben eines Volkes zur Kunst und zum Geist. Sinnlos, sich dieses Hindrängen gekappt, abgeschnitten zu denken: es gibt nichts Lebendiges, das nicht zu seiner Blüte drängt, und was die Blüte für das Leben einer Pflanze beweist, das beweist die Kunst für das Leben eines Volkes. Man kann nicht sagen, die Blüte sei entbehrlich, Sie ist mit dem Zusammenhang des ganzen Wachstums notwendig gegeben, und ein Wachstum, das nicht die Blüte erzeugt, ist eben damit dem Untergang geweiht.

Es gibt, nach einer geläufigen, laienhaften Einteilung, im Haushalt eines VoIkes lebenswichtige und nicht lebenswichtige Dinge. Zu den ersteren zählt alles, was zur Aufrechterhaltung des materiellen Daseins nötig ist. Zu den letzteren rechnet man diejenigen Dinge, die unter den Begriff „Luxus“, aber auch in den Bereich der Kunst und des Geistes fallen.

Mit dieser Einteilung — die wie gesagt, eine laienhafte ist, aber sehr fest in den Gemütern haftet — muß ihrer Gefährlichkeit wegen aufgeräumt werden. Wohl wird man zugeben können, daß der einzelne Mensch begrenzte Zeit ohne die Dinge der zweiten Art auszukommen vermag. Aber was erfährt er dann? Er erfährt, daß sie just das enthalten, was das Leben erst lebenswert macht. Er erfährt, daß er sich, wenn er sich ihrer begibt, des eigentlichen Lebenssinnes beraubt. Das gilt in bescheidenem Maße schon für den „Luxus“, das heißt für die überschießenden, jenseits der blanken Notdurft liegenden Annehmlichkeiten des Lebens. Es gilt aber in vollem, buchstäblichem Ernst für die Dinge der Kunst und des Geistes, Wir wagen die Behauptung: Es ist nicht wahr, daß Kunst und Geist lebensunwichtige Dinge sind, denn nur ihretwegen hat unser Dasein Sinn und Inhalt.

Freilich tritt das Bedürfnis nach Kunst und Geist nicht mit der eindeutigen Bestimmtheit auf wie das Bedürfnis nach Nahrung, Kleidung und Behausung. Aber man denke sich einmal — dazu gehört für einen Kulturmenschen eine gewaltige Aufraffung — aus seinem Leben alles fort, was den Geist mit Schrift und Rede anspricht. Man denke sich alles fort, worauf unser Auge mit reiner Schauenslust verweilt, jedes erlösende Formerlebnis, jedes Ornament, jede erfreuende Farbe, jeden musikalischen Akkord — was wäre uns das Leben dann noch wert?

Betrachten wir die Sache von anderer Seite her. Das Leben eines Volkes ist einem Garten vergleichbar, in dem mancherlei Gewächse sprießen. Und ebenso, wie jede Pflanze mit Naturgewalt zu ihrer Blüte und ihrer Frucht drängt, so drängt das Leben eines Volkes zur Kunst und zum Geist. Sinnlos, sich dieses Hindrängen gekappt, abgeschnitten zu denken: es gibt nichts Lebendiges, das nicht zu seiner Blüte drängt, und was die Blüte für das Leben einer Pflanze beweist, das beweist die Kunst für das Leben eines Volkes. Man kann nicht sagen, die Blüte sei entbehrlich, Sie ist mit dem Zusammenhang des ganzen Wachstums notwendig gegeben, und ein Wachstum, das nicht die Blüte erzeugt, ist eben damit dem Untergang geweiht.

Wir erleben die Unentbehrlichkeit, die Lebenswichtigkeit der Kunst in einem Lande, das ein furchtbares Schicksal durchleidet; in Rußland. Man sollte glauben, Hungersnot, tausend andre wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten müßten dieses Land abhalten, sich um Kunst- und Geistpflege zu kümmern, Aber nein: mitten in den schwersten, von allen Seiten drohenden Gefahren sucht man den von Ruinen verschütteten Quell der Schönheit wieder zu ergraben. Warum? Weil man erkannt hat, daß ein Leben ohne sie ein sinnloses Leben ist , Weil man erkannt hat, daß die um sich greifende Barbarei eine ebenso scharfe Bedrohung des nationalen Lebens darstellt wie die andern, die materiellen Gefahren,

Wir durchschreiten gegenwärtig einen der gefährlichsten Punkte unsres Schicksalsweges. Künstler und Kunsthandwerker und Kunstzeitschriften ringen mit der Not der Zeit, rufen die Öffentlichkeit an um Treue und Opfer. In Wirklichkeit liegt der Fall anders: Wir müßten diese Menschen, diese Organe anrufen, das bedrohte Gut unsrer geistigen Lebenswerte tapfer durch die Not der Zeit zu tragen, und müßten ihnen unsre Treue und Hilfe auf halbem Weg entgegenbringen. Kindisch und kurzsichtig sparen in diesen Dingen, heißt im Herbst das Gebälk im Ofen verbrennen, das uns im Winter vor Schnee und Kälte schützen sollte.

Die Kunst preisgeben, ihre Zirkulation unterbinden, heißt dem Leben des Volkes und unserm eignen Leben das Herz herausreißen. Sehr schwach gedacht ist es, sich zu sagen: Dann mögen andre zur Aufrechterhaltung unsrer Kunstpflege helfen, mir muß anderes wichtiger sein! Nein, was du nicht selbst opfern willst, das wird dein Nebenmann erst recht nicht opfern. Durch alle, durch dich wie deinen Nebenmann, muß die eine Gesinnung gehen; Zivildienst wird hier verlangt, unblutige Tapferkeit und Pflichterfüllung in der Bewahrung der feinsten, der höchsten und dennoch unentbehrlichsten Ausstrahlungen des nationalen Lebens.

H. Bitter.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik

Kunstartikel

Es gibt heute eine Reihe geistiger Bewegungen, die zur inneren Erstarkung des Menschen das Mittel der Meditationsübungen verwenden. Meditation bedeutet die vollkommene Zusammenziehung der aktiven und einfühlenden Aufmerksamkeit auf den betreffenden Gegenstand unter Abblendung des Bewußtseins gegen andere Sinneseindrücke oder störende Gedanken.

So wird auch künstlerische Form erst dann eigentlich lebendig, wenn wir sie „meditieren“. Das bedeutet ein völliges Einlassen auf sie, eine Einfühlung aller unserer Sinne und Gedanken in den Gang der Linien, in die Akkorde der Farben, ein beschwörerisches Bebrüten aller Willensäußerungen des Kunstwerks, wodurch sie zum Tönen und schließlich zum Sprechen kommen. Nehme ich ein Bild vor, etwa eine der großen Radierungen von Rembrandt, so erfasse ich zunächst mit Glut den dargestellten Raum. Ich schicke mein Gefühl in das Ragende und Tragende der Säulen, verehre das Licht, das seitlich durch die offene Tür in Katarakten hereinschwillt und nach oben und in die Winkel verschäumt, verperlt, Ich lebe mich in das Lasten und Hängen eines großen Leuchters ein, verprobe mich in die satten, schweren Falten eines hängenden Teppichs und stoße dann plötzlich auf geballte Gruppen von Menschen. Ein Arm in geschwungener Bewegung, eine mitgerissene Schulter, ein zorniger, wie zum Stoß gebeugter Kopf, ein hemmungslos nachstoßender Körper — das alles muß ich wieder und wieder mit Augen und Gefühl nachziehen.

Dann merke ich aber auch sofort, daß diese eine Bewegung im ganzen Bilde vorbereitet ist, daß viele andre Linien diesem aufspringenden Motiv zu Hilfe kommen, daß die Bewegung im Mittelpunkt ein jubelnder Aufschrei ist, zu dem alles bindräogt und der in allen andern Linien des Bildes wie in einem Gewölbe widerhallt, Damit ist das Erlebnis der Form erreicht. Was von außen als Form erscheint, ist von innen ungeheure kosmische Lebensgewalt. Form ist das Aufklingen, das Tönen und Sprechen der Materie. Erlebnis der Form ist das begeisterte Ja sagen zum großen Leben, die Einfügung des Schauenden in den gewaltigen Rhythmus des Seins. Das ist die „dis superba formae“, die stolze Gewalt der Form, daß sie die geheime Sphärenmusik, die alles Geschaffene durchtönt, dem Ohre jedes aufmerksamen Horchers vernehmlich macht, daß sie für Augenblicke sein begrenztes Dasein aoschließt an jenes „Meer, das flutend strömt gesteigerte Gestalten“.

Diese Worte aus Goethes Gedicht „Beider Betrachtung von Schillers Schädel“ mögen uns daran erinnern, daß auch für ihn diese merkwürdige Begegnung mit einem edlen, kostbaren Rest von des Freundes leiblicher Existenz ein Formerlebnis war; „Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte — Die gottgedachte Spur, die sich erhalten“, Schien gleich diese Form der wörtlichen Bedeuiung nach auf Tod zu deuten, auf ein abgerolltes Stück Dasein: für Goethe war sie eine Entrückung an den Strand des großen Lebens. Nicht Vernichtung stierte ihn aus den leeren Augenhöhlen an: weil er dieses Knochenhaus eines herrlichen Geistes als Form erlebte, strömte ihm lauter Daseinswollust und üppige Herrlichkeit der Lebenskräfte daraus zu.

W.F.

Bildverzeichnis:
B.Grigorjew-Russische Geschichte
Sawely SSorin-Bildnis-Frau B.

Siehe auch:
Die Kunst vor Gericht
Moyssey Kogan
George Minne
Wirtschaft und Kunst
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung
Bernhard Hoetger-Bildhauer
Georg Kolbe-Bildhauer
Eine Deutsche Welt-Ausstellung?
Haus „Rheingold“ in Berlin
Wettbewerb für das Bismarck-National-Denkmal
Sascha Schneider auf der Dresdner Kunstausstellung
Otto Greiner
Modelle zum Völkerschlacht-Denkmal
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz
Russische Kunst

Kunstartikel

„Die meisten unsrer Kunstbücher sind nichts weiter als Aesthetik, Redekünste, Institutiones styli, Poetiken u.s.w. Es ist nur immer die Rede davon, wie man die Verse machen müsse; aber wie der Poet, der sie machen soll, gebildet werde, kein Wörtchen, das instruktiv wäre!“

„Ueber die Landschaft-Mahlerey“ (1777)

Das 18. Jahrhundert europäischer Kultur wird immer als eine Blütezeit des menschlichen Geistes zu gelten haben, Mit dem üblichen Gerede von Rationalismus, Oberflächlichkeit und dergleichen dringt man nicht entfernt an das Wesen dieser Epoche heran. In jedem Zeitalter gibt es die große Masse der bloß auswertenden Geister, die die Kraft und Tugend der Epoche in breiter, faßlicher Verfratzung zum Vorschein bringen, Gewiß geht durch das 18. Jahrhundert ein breiter Strom behaglicher oder frecher Vernünftelei. Aber nicht an derlei modischen Verdünnungen ist das spezifische Gewicht eines Zeitgeistes zu messen. Jene humanitäre Vernünftelei die schließlich zur Plattheit der Aufklärung geführt hat, ist eben nur ein Nebenprodukt oder vielmehr die flache und flaue Auswalzung jener echten, großen Geistesfreiheit, Menschlichkeit und souveränen Klarheit, womit dieses Jahrhundert vor allen andern geschmückt Ist- Jedes echte Geistesdenkmal dieser Zeit zeichnet sich durch dieselben Züge aus: leichte, spielende Kühnheit des Gedankens, gelassene Zornlosigkeit der sittlichen Begriffe, weitherzige Duldung, anmutigste, humanste Form, lächelnde, silberne Freiheit aller geistigen Horizonte- Sehr oft mischt sich darunter jener liebenswürdige, gefühlige Zug, jene betonte Wärme der Empfindung, jene Zugänglichkeit für die weicheren, Heben deren Regungen des Gemüts, womit sich die Menschen dieser Zeit ein Gegengewicht zu der Schärfe ihrer Verständigkeit geschaffen zu haben scheinen.

Darmstadt, damals eine kleine und herzlich unbedeutende Residenz, hat den Ruhm, dem freien, schönen Geiste dieser Zeit in einigen seiner besten Söhne eine hervorragende Verlautbarung gegeben zu haben. Der Geist der Stadt und ihrer Bevölkerung hat von Natur einige Züge, die man Züge des 18. Jahrhunderts nennen könnte. Sie hat in Peter Helfrich Sturz einen der glänzendsten modernen Stilisten hervorgebracht, in Georg Christoph Lichtenberg den bedeutendsten deutschen Aphoristen nächst Nietzsche, von dem man nur sagen kann, daß ihm die Nation heute noch nicht den gebührenden Rang zuerkannt habe. Sie hat ferner der deutschen Literatur die eindrucksvolle, farbige Gestalt des Kriegsrats Johann Heinrich Merck geschenkt, der bedeutendste deutsche Kritiker des 18. Jahrhunderts nach Lessing. Und schließlich gab sie unsrer Literatur den ohne Frage genialsten Dramatiker, Georg Büchner, auch er eine schöne, wenn gleich sehr verspätete Blüte des 18. Jahrhunderts. So kann man sagen, daß diese Stadt zu jenem Abschnitt europäischer Geistesentwicklung ihren Beitrag redlich geliefert hat.

Wir haben es hier mit der Erscheinung Johann Heinrich Mercks zu tun, jenes merkwürdigen Mannes, der unter den Paladinen Goethes im Ehrensaal unsrer Literaturgeschichte steht, der zum „Mephisto“ das Modell abgab, dessen vielfältige, glänzende Talente die Bewunderung der Mitwelt waren und dessen verschlungenes Geschick im Verein mit einem schwierigen, wetterwendischen Charakter in tiefstes Elend und in den Selbstmord führte. Unter seinen zahlreichen Gaben stehen seine Kennerschaft der bildenden Kunst und eine unwiderstehliche Passion für sie an erster Stelle.

Kunstartikel

Das moderne Italien hat seinen höchsten Ruhmes-Titel vielleicht auf dem Gebiete der plastischen Kunst zu verzeichnen. Die Skulptur hat namentlich in Ober – Italien, in Piemont und in der Lombardei, eine Entwickelung erfahren, welche ihr eine Stellung in der vordersten Reihe europäischen Kunst-Schaffens sichert. Ja es sind dort sogar zwei Schulen von ausgeprägter Eigenart entstanden: der »malerische« Realismus, wie er in Paul Troubetzkoy seinen Meister anerkennt, und der Idealismus, wie ihn Leonardo Bistolfi vertritt. — Wenn die Plastik der Gegenwart in Auguste Rodin den mächtigsten Beschwörer des Lebens und des von Leidenschaften gequälten Fleisches ihr eigen nennt, wenn ihr Konstantin Meunier die endgültigen Ausdrucks-Formen für das fiebernde Treiben unserer industriellen Epoche gegeben hat; wenn sie in Paul Troubetzkoy — der zwar auch russisches Blut in den Adern hat, aber der Geburt, Erziehung und Ausbildung nach durchaus Italiener ist — wenn sie in Troubetzkoy den ausschlaggebenden Impressionisten erblickt, so wurde sie von dem anderen italienischen Meister, von Leonardo Bistolfi, bereichert durch eine feine, poetische Vergeistigung und durch ungewöhnliche gedankliche Vertiefung.

Bistolfi ist geboren in Piemont, zu Casale Monferrato bei Turin im Jahre 1859. Sein Lebenslauf bietet keine bemerkenswerten Ereignisse, es sei denn in den einzelnen Etappen seiner geistigen Entwickelung: er studierte einige Zeit an der Mailänder Akademie, dann an derjenigen zu Turin, wo er seine Ausbildung beendigte und jetzt auch seine bleibende Heimat gefunden hat.

Das, was bei Betrachtung des Werkes Bistolfi’s am schärfsten hervortritt, ist, dass seine plastischen Schöpfungen alle aus einem Bedürfnisse nach gefühlsmässigem Ausdrucke, aus Poesie hervorgegangen sind, nicht aber aus technischen Neigungen oder aus der einfachen Liebe zur Form. Dieser unerschöpfliche Reichtum an poetischem Inhalte stellt sein Werk auf eine Stufe, welche nur von wenigen seiner Kunst-Genossen erreicht wurde.

Und was vom Gedanken – Gehalte gesagt wurde, das gilt auch von der materiellen Form: sie ist unabhängig vom Einflüsse der akademischen Schul – Manier, sie ist durchaus selbständig, aufrichtig, ebenso verfeinert als vernünftig. Eine Natur, die ganz aufgeht in einer ausser-gewöhnlichen Sensibilität, die ganz erfüllt ist von den schwersten Problemen des Lebens, eine feurige, leidenschaftliche Seele, dabei aber von einer unverfälschten Aufrichtigkeit des Empfindens: so vermochte er der plastischen Kunst einen neuen Geist einzuhauchen.

Er begann als sentimentaler Realist, anschliessend an Cremona, den grossen Mailänder Maler, auf den auch der Impressionismus Troubetzkoy’s zurück geht. Dann machte er eine radikale Periode durch, welche die Bürger entsetzte: eine Gruppe von »Wäscherinnen« wurde wegen ihrer unerbittlich-ernsten, derben Realistik als anstössig abgelehnt. Allein in einer Serie kleiner Gruppen mit ländlichen Sujets zeigt er schon bald die späteren Haupt – Karakter-Züge seiner Kunst: den Sinn für die Poesie des Freilichts, für die malerische Erscheinung der plastischen Form. Für Bistolfi ist die plastische Form untrennbar von der Luft, welche sie umhüllt, und auch von der Farbe, welche sie schmückt.

Kunstartikel