Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien II

Wieder einmal hat ein Kesseltreiben gegen Deutschland begonnen — und zwar im Anschluß an Nachrichten über gewisse wirtschaftliche Pläne Deutschlands mit Bezug auf Persien. Der Angriff geht diesmal nicht von englischer, sondern von russischer Seite aus. Russische Zeitungen, an der Spitze die „Nowoje Wremja“, bezichtigen Deutschland politischer Aspirationen in Persien und behaupten, daß deutsche Finanzkreise sich mit großen Plänen bezüglich persischer Anleihe- und Bahnbauunternehmungen trügen. Allem Anscheine nach ist man in der Wilhelmstraße in Berlin über alle diese unberechtigten Vorwürfe erklärlicherweise ungehalten, denn man hat es für zweckmäßig erachtet, in der „Kölnischen Zeitung“ einen scharfen Artikel erscheinen zu lassen, der alle den deutschen Bank- und Finanzkreisen angedichteten Absichten mit Bezug auf persische Anleihe, Bahnkonzession usw. als falsch zurückweist und besonders deutlich hervorhebt, daß politische Aspirationen Deutschlands in Persien nicht bestehen und daß die deutsche Politik sich niemals von dem Boden des Vertragsrechts, wie es zum Teil in dem russisch-englischen Abkommen vom Jahre 1907 niedergelegt sei, entfernt hätte. — Wie eine Antwort auf diese offiziösen deutschen Auslassungen mutet der soeben in der „Rossija“ erschienene Artikel einen an, der, offenbar halbamtlichen Ursprunges, die Stellung Rußlands und Englands zur persischen Anleihefrage und zu andern „Fragen“ ähnlicher Art näher erläutert. Der Artikel sucht, kurz gesagt, nachzuweisen, daß Rußland und England ein Anrecht auf die politische Vorherrschaft in Persien besitzen und daß sich aus diesem „Recht“ für beide Staaten die Notwendigkeit ergibt, darauf zu achten, daß diejenigen Teile der persischen Staatseinnahmen, die zur Sicherung der von russischen und englischen Banken der persischen Regierung früher schon erteilten Darlehen dienen, von dritter Seite zu ähnlichen Zwecken nicht in Anspruch genommen werden. Rußland und England seien ferner aus strategischen Rücksichten genötigt, das Recht des Eisenbahnbaues in Persien für sich in Anspruch zu nehmen.

Zu allen diesen in den offiziösen Auslassungen enthaltenen Darlegungen hat schon vor Wochen (am 8. April) die „Deutsche Orient-Korrespondenz“ Stellung genommen. Damals handelte es sich um Angriffe russischer und englischer Zeitungen gegen wirtschaftliche Erkundungen, die auf Veranlassung der „Deutschen Bank“ in Persien vorgenommen wurden. Die „Deutsche Orient-Korrespondenz“ schrieb damals, daß Deutschland niemals in die Lage kommen werde, mit Hilfe von wirtschaftlichen Unternehmungen irgendwelcher Art in Persien auf politischem Gebiete etwas für sich zu erreichen, wohl aber müsse sich Deutschland in allen auf Persien sich beziehenden wirtschaftlichen Fragen die freie Entschließung Vorbehalten, werde jedoch dabei stets bereit sein, auf die bedeutenden politischen Interessen Englands und Rußlands in Persien jede nur irgendmögliche Rücksicht zu nehmen. — Bezüglich der Eisenbahnkonzessionen vertrat die „Deutsche Orient-Korrespondenz“ in ihren Ausführungen vom 15. April d. J. den Standpunkt, daß weder England noch Rußland nach Ablauf des bekannten Abkommens vom Jahre 1900 betreffend Zurückstellung aller persischen Bahnbauten ein vertraglich gesichertes Recht für sich beanspruchen könnten, über den Ausbau der persischen Bahnen weiter nach ihrem Belieben zu verfügen.

Jetzt hat also die russische Regierung in ihrem Namen sowie namens ihres englischen Teilhabers am persischen Geschäft gesprochen. Die Sprache der „Rossija“ läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Ganz unzweideutig wird die Behauptung aufgestellt, daß Rußland und England ein Anrecht auf die politische Vorherrschaft in Persien besäßen und auf Grund dieses Anrechts auch gewisse Rechte auf wirtschaftlichem Gebiete, u. a. das ausschließliche Recht des Ausbaues der persischen Bahnen für sich in Anspruch nehmen müßten. Die Geschichte Persiens während der letzten Jahrzehnte beweist nun deutlich, daß England und Rußland systematisch darauf ausgegangen sind, durch wirtschaftliche Unternehmungen, Bankgründungen und Anleihen Persien auch politisch in Abhängigkeit von sich zu bringen. Beide Staaten haben in das persische Geschäft schon Millionen hineingesteckt. In ihren Bestrebungen sind sie durch die geographische Lage ihrer asiatischen Besitzungen unterstützt und gerade durch diesen Besitzstand auch dazu gezwungen worden, ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluß in Persien auszudehnen. In welchem Umfange ihnen das gelungen ist, sehen wir heute. Trotz des „konstitutionellen“ Regiments, das in Persien nun seit Jahr und Tag besteht, ist die persische Regierung in ihrer auswärtigen Politik machtlos und im Innern, soweit es sich vor allem um die Finanzwirtschaft des Landes handelt, von den Nachbarn im Norden und Süden vollkommen abhängig. Tatsächlich besteht also eine politische Vorherrschaft Rußlands und Englands in Persien, der eine gewisse historische Berechtigung nicht abgesprochen werden kann. Nur begeht die „Rossija“ in ihren Ausführungen den Fehler, aus diesen politischen Verhältnissen gewisse wirtschaftliche Folgerungen abzuleiten, die geeignet sind, die auch von russischer Seite zugestandene Gleichberechtigung aller Nationen im Wettbewerb auf wirtschaftlichem Gebiete in Persien zu untergraben. Hierher gehört z. B. die Folgerung, daß beide Staaten kraft ihrer politischen Vorherrschaft auch das Recht besäßen, über den Ausbau der Eisenbahnen im ganzen persischen Reich eine Kontrolle auszuüben, weil die Bahnen von strategischer Bedeutung wären und daher zu denjenigen politischen Fragen gehörten, über deren Schicksal allein Rußland und England zu entscheiden hätten. Bei dieser Beweisführung fällt zunächst auf, daß sich die „Rossija“ vollständig darüber hinwegsetzt, daß Persien vorläufig wenigstens ein nach Völkerrecht unabhängiger, souveräner Staat ist, innerhalb dessen Grenzen fremde Staaten nur kraft besonderen Vertrages irgendwelches Verfügungsrecht über wirtschaftliche Werte oder Unternehmungen haben. Aber das Völkerrecht versagt bekanntlich in solchen Fällen, in denen der leidende Staat trotz der formell vorhandenen Unabhängigkeit einem mächtigeren Gegner gegenübersteht, der aus wichtigen politischen Gründen sich das Recht beilegt, an Entscheidungen über innere politische Fragen des betreffenden Landes teilzunehmen. Es bleibt zunächst Sache des betreffenden Staates, sich mit den hierdurch geschaffenen Verhältnissen abzufinden. Anders aber gestaltet sich die Lage, wenn die Rechte anderer Staaten dabei in Mitleidenschaft gezogen werden. Das würde in Persien der Fall sein, wenn z. B. von England und Rußland allen anderen europäischen Staaten das Recht abgesprochen würde, in Persien irgendwelche Bahnbaukonzessionen zu erwerben. — Zugestanden, daß England und Rußland ein besonderes und in Anbetracht ihrer politischen Stellung zu Persien berechtigtes Interesse besitzen, eine Kontrolle über Bahnbauten in den persischen Grenzgebieten auszuüben, so ist damit doch nicht gesagt, daß sie nun ganz allgemein alle übrigen Staaten von der Beteiligung am Ausbau der persischen Bahnen auszuschließen berechtigt wären. Das würde über die Grenzen des Statthaften hinausgehen, weil dabei persische Gebietsteile in Frage kämen, die, wie z. B. im Westen von Persien, weder an englisches noch an russisches Gebiet grenzen, also strategisch für England und Rußland nicht direkt in Betracht kommen. Der von der „Rossija“ aufgestellte Satz von dem ausschließlichen Vorrecht Englands und Rußlands auf den Ausbau der persischen Bahnen dürfte daher in seinem vollen Umfange bei den übrigen an der Frage interessierten Staaten schwerlich Billigung finden.

Das gleiche gilt von den Ausführungen über die Unterbringung persischer Anleihen. Mögen England und Rußland auch in Anbetracht der zurzeit diesen Ländern gegenüber schon bestehenden finanziellen Verpflichtungen Persiens ein berechtigtes Interesse daran haben, daß gewisse Staatseinkünfte, die zur Sicherung dieser Forderungen dienen sollen, von dritter Seite nicht gleichfalls mit Beschlag belegt werden, so besteht daneben doch das Recht anderer Finanzgruppen außerhalb Englands und Rußlands, mit Persien Anleihegeschäfte abzuschließen, durch die etwa schon verpfändete Staatseinkünfte nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Allerdings bleibt die Frage dann noch offen, ob es für diese Finanzgruppen zweckmäßig erscheint, sich überhaupt auf ein Anleihegeschäft einzulassen, wenn sie infolge der nun einmal gegebenen politischen Lage in Persien die Beobachtung machten, daß die Sicherheiten, über die man bei Uebernahme einer Anleihe in Persien notwendigerweise verfügen muß, von anderer Seite schon in Anspruch genommen sind.

Von deutscher Seite, behauptet die „Kölnische Zeitung“, wünscht man in Persien weder Bahnkonzessionen zu erwerben noch Anleihegeschäfte abzuschließen; das mag, soweit die gegenwärtige Lage in Frage kommt, richtig sein. Immerhin erschien es zweckmäßig, an dieser Stelle näher auszuführen, zu welchen Konsequenzen die in der „Rossija“ entwickelten Ansichten notwendig führen müssen und in welche Stellung Persien zu seinen Nachbarn im Norden und Süden jetzt tatsächlich geraten ist.

Wirtschaftliche Unternehmungen großen Umfanges auf so gefährlichem Boden, wie in Persien, können nicht früher in die Hand genommen werden, als bis man sich die Gewißheit verschafft hat, daß auch politische Bedenken internationaler Art der Ausführung des Planes nicht im Wege stehen. Ist die Lage nicht genügend geklärt oder fehlen uns die Machtmittel, um etwa auftauchenden Widerstand zu beseitigen, dann tun wir gut, uns auf derartige Pläne überhaupt nicht einzulassen. Nach diesem Grundsatz wollen unsere Unternehmer, soweit die Ausführungen der „Kölnischen Zeitung“ erkennen lassen, in Persien handeln; sie werden es sicher nicht bereuen.

Meine Mahnung zur Vorsicht erneuerte ich in einem weiteren Artikel, in dem ich mich namentlich mit einzelnen, von deutschen Publizisten bezüglich unserer persischen Politik aufgestellten Forderungen beschäftigte, die meiner Ansicht nach das nötige Maß politischer Einsicht vermissen ließen.

D. O. K. 1910, 3. Jani.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn
England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf
Kuweit als Endpunkt der Bagdadbahn aufgegeben?
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Eine Enttäuschung
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Politische Phantasien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien
Die Entwicklung des deutschen Handels mit Persien
Rußlands Handel mit Persien
Vom persischen Markt
Der Anteil der einzelnen Staaten am persischen Handel.
Die Zukunft des Eisenbahnbaues in Persien.
Deutschland und Persien
Eisenbahnbauten in Persien