Bagordas-Mantinadas

Was der Diamant unter den Kristallen und das Gold unter den Metallen, das ist der Mensch unter den lebenden Geschöpfen. In Rücksicht des menschlichen Geschlechtes kann ich von den Tavätschern, ohne ihnen schmeicheln zu wollen, sagen, daß sie unter die Klasse der schönsten Menschen der Alpen können gezählt werden.

Die Tavätscher sind mit schönenTalenten begabt; man erblickt bei ihnen vielen Witz, Leutseligkeit, Biederkeit, Sanftmuth und Mitleid. Überhaupt läßt sich von den Tavätschern sagen, daß sie noch eine von der boshaften Welt abgesonderte, gottesfürchtige, emsige, arbeitsame und unverfälschte Natur haben.

Zum Spielen zeigen die Tavätscher eine sehr große Neigung. Es wird mit Karten, Kegeln und Platten gespielt. Dieses zeigt an, daß sie eines gesellschaftlichen und fröhlichen Gemüthes sind. Die Possierlichkeiten (Jugendspiele) lassen sich nur in der Faßnacht sehen und bestehen in Verkleidungen, Anstrichen, Verhüllungen, worin man solche Possen mit Bewegungen und Geberden führt, welche die Zuschauer zum Lachen antreiben; sie werden Bagordas genannt.

Man veranstaltete aber noch eine andere Gattung Lustbarkeiten, welche den Witz
reizten und das Herz vergnügten, die man Mantinadas nannte. Man kleidete ein Knäblein als Genius sehr polit [nett] an, gab ihm einen Stab oder ein Spießchen in die Hand ; diesen schickte man in die Häuser der vornehmeren Bürger, um den Hausvater anzufragen, ob er es erlaube, eine Mantinada von der Knabengesellschaft zu seiner Ehr und zur Belustigung der Jugend zu veranstalten. Wenn er es erlaubte, so gieng der Zug dahin und belustigte sich vor oder in dem Hause.

Dieser Zug der Belustigung glich einem Schauspiel, welches das Lächerliche mit dem Angenehmen verband. Zu diesem Ende kleidete man sich sehr prächtig und schön und zwar als Manns- und Weibsbilder. In klingendem Spiele zog man zu ein, zwei oder mehr Paaren erstlich auf den Hauptplatz. Der obgedachte Kurier, welcher das Spiel ansagte, gieng voraus, ihm folgten die Musikanten, dann die schön oder scheußlich Gekleideten und endlich der Nachzug der Knaben in ihrem Putze. Auf dem Platze geschah die erste Mantinada d. h. es ward das erstemal getanzet und Possen getrieben, und dies der Ortschaft zu Ehren. Dann begab man sich in die betreffenden Häuser der Vornehmeren geistlichen und weltlichen Standes. Dies geschah von der größeren und kleineren Jugend gewöhnlich nur einmal; sie ward dafür belohnt. Diese Belohnung bestand in Brod, Wein oder Geld und diente zur Aushilf in der Fastnacht.

Gewöhnlich am ersten Fastensonntag Abends belustigte man sich mit Scheibenwerfen [rom. better schibas]. Man stellte zu diesem Ende nahe an den Dörfern auf einem erhabenen Platz einen Scheiterhaufen auf, den man mit Stroh anfüllte. Man machte Scheiben aus Holz gleich den runden Glasscheiben, welche im Mittelpunkte mit einem zolldicken Loche angebohrt waren. Durch dieses Loch steckte man sie an einen langen grünen Haselstecken fest an, ließ sie beim Scheiterhaufen anbrennen, schwang sie über ein dazu vorbereitetes Brett und bezeichnete mit einem lauten Ausruf, wem zu Ehren und Gunsten sie geworfen worden waren.

Diese Belustigung war eine Art wohlfeiles Feuerwerk; die feurigen Scheiben, welche leuchtend meist eine sehr beträchtliche Luftreise machen, ziehen eine große Menge Zuschauer an, vorzüglich viele junge Mädchen, und werden auch diesem Geschlechte meist gewiedmet.

Nach beendeter Lustbarkeit begaben sich die Knaben zu den Mädchen, denen zu Gunsten sie ihre Scheiben geworfen hatten; diese aber versüßten diese nächtliche sehr angenehme Beschäftigung mit Gebackenem, Molken, auch mit weißem Brod und nicht selten mit geistigen Getränken. Wenn noch ein Tanz angestellt wurde, nahmen die Mädchen zugleich die Eßwaren mit sich, die Knaben aber schafften den Wein an. Man labte und belustigte sich und tanzte bis tief in die Nacht hinein.

Diese Lustbarkeit hatte ihr besonderes Sinnbild an sich. Der Winter war bald vorüber; man hatte die Gutthaten Gottes genossen; der Frühling und mit ihm die saure Arbeit begann; man wollte noch alles zu Pulver und Asche machen, bevor man sich der Arbeit näherte.

Dies ist eine sehr unschuldige Freude der Jugend; aus der Ursache aber, sie wäre von ihren heidnischen Vorältern entsprossen, stellte man sie ein. Den Gebrauch der Buttermilch haben wir gewiß auch von unseren heidnischen Vorältern ererbt, warum hat man nicht auch diese eingestellt ?

Bei dem Tanz nimmt ein Jüngling ein Mädchen zu sich und tanzt mit ihm allein. Oder es stellen sich zwei Paare auf dem Tanzboden auf und tanzen abwechselnd. Man bewundert dabei die Geberden, die Possierlichkeiten, die Geschwindigkeit, Regelmäßigkeit, wie auch die Kunst und die Natur dabei. Man bedient sich gemeiniglich dazu einer Geige, eines Hackbretts; kommt aber noch eine Pfeife oder ein Baß hinzu, so hält man die Musik für vollständig. öfters gegnügt man sich mit Maultrommeln oder mit Vorsingen und Vorpfeiffen. Wenn aber auch nur eine Sackpfeife oder ein Holzschlag vorhanden ist, kann man sich der Belustigung nicht enthalten. Man schätzt sowohl die Rhätischen wie auch die Deutschen Walzer sehr hoch; selten tanzt man noch Rondo oder Minuette.

Allein was vorzüglich der Jugend am liebsten war, raubte die Schwärmerei des Bären weg. [Der Bär richtete damals unter den Viehherden arge Verheerungen an.] Unter dem Scheine des Aberglaubens, der Bär wäre deßwegen in das Thal gekommen und falle dessen Thiere an, bildete man die unvernünftige Folgerung: der Bär müsse vermöge der Einstellung aller Lustbarkeiten der Jugend den Anfall ihrer Thiere [Haustiere] aufgeben und sich aus der Thalschaft flüchten. Man stellte somit das Tanzen und die Lustbarkeiten der Faßnacht: die Mantinadas ein.

Dies war aber ein dummes, liebloses und grausames Benehmen. Der Bär ist nicht in das Thal gekommen, weil die Jugend lustig war; er wird auch nicht aus dem Lande gehen, weil jetzt die Jugend traurig ist. Entweder ist die Ankunft und das schädliche Dasein des Bären eine Strafe Gottes, oder es ist ein natürlicher Zufall. Ist’s das erste, so hätten alle Klassen der Einwohner den Bußsack anlegen sollen, um die Strafe abzuwenden; ist’s aber das zweite, so war das Gebot zwecklos. Gesittete Länder und Völker verbieten die gleichgültigen Lustbarkeiten der Jugend nie; sie suchen selbe nur zu mäßigen und sind klüger und frömmer als wir. Die Einschränkung der Jugend zieht schlimme Folgen nach sich. Sie macht die Jugend traurig, niedergeschlagen, träg und neigt sie zur Unmäßigkeit des Genusses, zum Spielen und zu Ausschweifungen. Dies ist die Frucht des Samens, welchen die Heuchler und Pedanten, die der Jugend das Liebste rauben, ausstreuen.

Die Lustbarkeiten sind Produkte der angenehmen Künste. Sie dienen, um den Leib und das Gemüth zu erfreuen und auf-zumuntem und finden ihre Nachahmung in der Natur. Die Natur giebt dem Maler den Pinsel, dem Poeten die Feder und dem Tonkünstler die Luft, damit sie hinwieder die Natur beleben, erheben und angenehm machen. Wie der Musikant seine bewunderungswürdige Kunst in der Luft [den Tonwellen], so zeigt der Bildhauer die seine in dem Holze, der Maler in der Stellung und in den Farben, der Tänzer aber in seinen Bewegungen und Geberden. Ein jeder ist Künstler, jeder hat seine eigene Materie und Gegenstand vor sich, aber alle sind Nachahmer der Natur, um die Natur zu erheben und den Menschen zu ergötzen. Unser Gegenstand bezieht sich auf die Singkunst, vermischt mit der Poesie, welche ja auch gestattet wird, und auf das Reich der Töne mit der Tanzkunst, welche jetzt verboten ist.

Gott ist sowohl der Urheber der Smg-und Reimkunst, wie er Urheber ist der Ton- und Tanzkunst. Folglich, warum duldet man das eine, aber das andere nicht ? Die Alten belehrten uns, daß man den Baum wohl säubern, nicht aber ihn aus der Wurzel heben soll; sie lehrten, daß man den Honig nehmen, nicht aber die Bienen tödten, daß man den Bart wohl scheren, nicht aber den Kopf abschneiden soll.

Pater Placidus a Spescha Disentis, 1752-1833.

Siehe auch:
Albert Anker-Besuch im Atelier
Das Photographische Porträt

2 Comments

Comments are closed.