Baltikum-Die Landeswehr

Die in Deutschland am 9. November 1918 ausgebrochene Revolution wirkte sich äußerst ungünstig auf die Kampfkraft der im Baltikum stationierten 8. Deutschen Armee aus. Es war vorauszusehen, daß die Front von Narwa-Pleskau-Dünaburg nicht lange gehalten werden konnte.

Auch die Unsicherheit im Lande nahm durch die Wühlarbeit bolschewistisch gesinnter Elemente zu. Unter dieser Spannung genehmigte die Militärbehörde am 10. November 1918 endlich die Aufstellung einer Freiwilligentruppe aus der Bevölkerung des Landes, die vorher schon von baltischer Seite vergeblich beantragt worden war. Sie sollte alle Nationen des Baltikums umfassen. Die Letten verhielten sich zu diesem Projekt wenig enthusiastisch, die Russen zeigten wenigstens guten Willen. Bei den Balten, die sich dessen bewußt waren, daß es sich jetzt um Sein oder Nichtsein für sic handelte, strömten die Freiwilligen im Alter von 15 bis 60 Jahren am zahlreichsten zu den Sammelstellen. So konnte schon am 12. November die erste Kompanie der Rigaschen Landeswehr kaserniert werden. Die Landeswehr sollte dem Kommando des Oberbefehlshabers der deutschen Truppen unterstellt werden. Die ersten erforderlichen Geldmittel wurden von der inländischen Ritterschaft, der Rigaer Kaufmannschaft und dem dortigen Börsenkomitee zur Verfügung gestellt. Die Ausrüstung der Truppe, Verpflegung und Löhnung übernahm das Oberkommando der 8. Armee.

Die im deutschen Heer dienenden Balten ließen sich entlassen, um sich für den Dienst in der Heimat zu stellen. Trotz ihrer zurückhaltenden Einstellung beanspruchten die Letten den Oberbefehl über die Landes wehr. Da sie aber keine geeignete Persönlichkeit für diesen Posten vorschlagen konnten, einigte man sich auf den seit vielen Jahren in Riga ansässigen russischen General Junowitsch. Seine militärischen Kenntnisse waren allerdings recht bescheiden, weil er nur die Grenzwacht befehligt hatte. Da er auch wegen vorgeschrittenen Alters die Truppe im Felde nicht führen konnte, wurde die Führung dem reichsdcutschcn Major Scheibert übertragen.

Nach Wallensteinscher Manier wurde eine Armee in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft: drei Rigaer Kompanien, bestehend aus im russischen Heer gedienten und unausgebildeten Freiwilligen. Die Führer waren höhere Offiziere der kaiserlich-russischen Armee. Ferner entstand eine Haubitzbatterie, Führer Oblt. Heinz Barth, und die Batterie Schmidt, später Sievert, mit zwei Geschützen, außerdem wurde die Stoßtruppe ZBV, anfangs rund 300 Mann, Führer Lt. Bohm, die Begleitbattcrie des Stoßtrupps, Führer Oblt. Pfeil, die Kavallerie-Abt. Engelhardt, Führer der ungediente Baron W. Engelhardt, und die Kavallerie-Abtg. Drachenfels, Führer Oberstltn. Baron Drachenfels, gebildet. In Mitau formierte sich mit etwa 135 Mann die Kompanie Rahden, Führer Oblt. W. Baron Rahden, die Kavallerie-Abtg. Hahn, Führer Rittmeister Baron Hahn (etwa 30 Mann), und die Kompanie Kleist, Führer Oberst-Lt. Baron Kleist.

Die Russen stellten in Riga nur eine Infanterie-Kompanie von rund 70 Mann auf. Die Letten brachten es auf drei Kompanien von 600 Mann. Ferner hatten sie eine Offiziers- und eine Studentenkompanie.

Zu den Abwehrkräften gegen die Rote Flut gehörte schließlich noch die »Eiserne Brigade«, später »Eiserne Division« genannt. Sie bestand aus reichsdeutschcn Freiwilligen und verdankte ihre Bildung dem Reichsbeauftragten August Winnig. Ursprünglich sollte es ihre Aufgabe sein, die Räumung des Baltikums durch die 8. Deutsche Armee zu sichern.

So sah die Armee aus, die sich den Roten entgegenstellen sollte. Zahlenmäßig war sie recht stattlich, aber die schlechte Ausbildung, die mangelhafte Ausrüstung, die unterschiedliche Kommandosprache das alles das ließ Zweifel aufkommen, ob sie sich bewähren würde. Auch die Kommunisten hatten ihre Kräfte an ihrer Westfront verstärkt und begannen mit der Eroberung des Baltikums. Am 17. Dezember 1918 besetzte die Rote Armee die Stadl Walk und kam so in den Besitz der Bahnlinie aus dem Norden nach Riga. Für Flüchtlinge aus dem Norden war damit der Weg nach Süden abgeschnitten. In zwei Gruppen stießen die Roten weiter vor: die eine mit dem direkten Ziel Riga, die zweite, weit ausholend, besetzte am 7. Dezember 1918 die Stadt Werro, am 11. Dezember Dünaburg und Stockmannshof. Am 18. erreichte sie bereits Oger an der Düna. Die erste Gruppe, hauptsächlich aus zwei lettischen Schützenregimentem bestehend, eroberte die Stadt Wenden und marschierte auf Ramotzki zu. Dort geriet sie ins Gefecht mit einem Zug der Stoßtruppe. Der Zug mußte sich vor dem zahlenmäßig weit überlegenen Feind auf Ligat zurückziehen. Auch Ligat, von drei Seiten angegriffen, war nicht zu halten. Die Stoßtruppe hatte acht Tote. Katastrophal verlief ein Gefecht bei Hinzenberg, an dem die erste und die zweite Rigaer Kompanie, die Haubitzbatterie, der Offiziers-MG-Zug und schließlich noch zwei Züge des Stoßtrupps mit der Begleitbatterie teilnahmen. Dieses Detachement befand sich andauernd in der Verteidigung, da es von drei Seiten angegriffen wurde. Schweres Artilleriefeuer der Roten wirkte demoralisierend. Es herrschte besonders bei den unausgebildetcn, Rigaer Kompanien große Verwirrung. Schließlich blieb nichts anderes übrig als der Rückzug, da keine weiteren Reserven zur Verfügung standen.

Da die Pferde der Batterien dem feindlichen Geschützfeuer zum Opfer gefallen waren, mußten die vier Geschütze unbrauchbar gemacht und zurückgelassen werden. In ziemlicher Auflösung zog sich die Infanterie in Richtung Riga zurück. Die Landeswehr hatte 35 Tote. Die Folge dieses unglücklichen Gefechts war, daß man fürchtete, Riga nicht halten zu können. Ein entsetzlicher Gedanke, denn das hieße, die 40 000 Köpfe zählende baltische Zivilbevölkerung der Stadt dem roten Terror zu überlassen.

Am 2. Januar 1919 räumte die Landeswehr die Stadt und bezog in Mitau Quartier. Dort besserte sich die Lage in der Stoßtruppe, als die erste und die zweite Schwadron zwei Führer bekamen, die ihre Erfahrungen im Stellungskrieg an der Westfront gesammelt hatten: Lt. Alois Olbrich und Heinrich v. Unruh. Noch entscheidender war, daß der dem kurländischen Adel entstammende Baron Hans v. Manteuffel nach vierjährigem Dienst im deutschen Heer in West und Ost am 30. Dezember 1919 als 1a zum Oberstab der Landeswehr gekommen war und sich genau die Verhältnisse in der Truppe angesehen hatte. Er kam zur Überzeugung, daß die Organisation der Landeswehr geändert werden müsse. Er hielt es für erforderlich, daß die Stoßtruppe, mit 354 Mann die stärkste Fonnation, aus den Kämpfen herausgenommen werden müsse, um sie richtig ausbilden zu können. Ihr Verteidigungswille müsse gestärkt werden, sie müsse davon durchdrungen werden, daß ein Ausweichen nach Deutschland nicht in Frage komme. In diesem Sinne hielt er eine Ansprache an die Offiziere der Stoßtruppe, die zur Folge hatten, daß diese ihn zu ihrem Führer wählte und diesen ihren Entschluß auch gegen den Willen des Oberstabes durchsetzte. Dieser machte schließlich gute Miene zum mißbilligten Spiel. Außerdem behielt sich die Stoßtruppe auch noch vor, bei jeder taktischen oder politischen Maßnahme eine ausschlaggebende Stimme zu haben. Das waren lauter Vorrechte, die in einer anderen Truppe schwerlich denkbar waren.

Mitau mußte aufgegeben werden. Der Stoßtrupp sammelte sich in Frauenburg, wo eifrig Ausbildung und Organisation der Truppe betrieben wurde. Die Ausbildung geschah vielfach in der Praxis, indem als Felddienstübungen Angriffe auf von Roten weit in der Etappe besetzte Punkte ausgeführt wurden. Die Eiserne Division wich nach Alt-Autz aus und befaßte sich ebenfalls mit Umorganisation.

Die Angriftsoperation nach den Plänen des Graf v. d. Goltz sollte in den drei Etappen Tauwetter-, – Eisgang – und – Frühlingswind fallen.

Auch sie hatte in Major Bischof einen überaus tüchtigen neuen Führer erhalten, der den Geist der Zuverlässigkeit in dieser Einheit zu stärken vermochte. Major Bischof und Baron Hans v. Manteufel waren sich darin einig, daß ein Rückzug westlich über die Windaulinie nicht zu vertreten war. Die Nachhut hatte in dieser Zeit die Kompanie Rahden gebildet. Am 20. Januar 1919 wird sie bei Schrunden (an der Windau gelegen) so stark vom Feinde bedrängt, daß sie Schrunden aufgeben muß. Damit ist die Windaulinie bereits durchbrochen. Zur Unterstützung der Kompanie verläßt der Stoßtrupp Goldingen und bezieht auf dem Gute Berhof Quartier.

Am 29. Januar 1919 tritt endlich die Wende im Feldzug gegen die Rote Armee ein wie etwa 30 Tage vorher im Kampf des Baltenregiments. An diesem Tage wird Schrunden von der Stoßtruppe, von anderen Teilen der Landeswehr, der russischen Kompanie, Dyderoff und zwei Zügen der Letten angegriffen. Der Feind flüchtete über die zugefrorene Windau auf das Ostufer.

Die Lage änderte sich weiter zugunsten der Landesverteidiger insofern, als am 2. Februar 1919 General v.d.Goltz, bekannt von seiner Mission in Finnland, eintraf und den Befehl über die Windaufront und die Geschäfte des Gouvernements übernahm. Er war von vornherein zur Befreiung Kurlands entschlossen.

In Libau halte sich durch den Zuzug von weiteren Freiwilligen das Baltische Kampfbataillon unter der Führung von Hauptmann Malmede gebildet. Die Stoßtruppe war auf dem gleichen Wege angewachsen und zählte jetzt 484 Mann. Ihre Angehörigen trugen ein blaues Band um ihre Mützen und wurden vom Gegner respektvoll die »blauen Teufel« genannt. Es hatten sich bereits Einheiten der Roten geweigert, gegen die »Manteuffelschen« vorzugehen.

Noch ein Lichtblick hob den Geist der Landeswehr in der ja noch immer nicht sehr rosigen Kriegslage: am 4. Februar 1919 wurde der bisherige Befehlshaber der Truppe, Major Scheiben, durch den Major Alfred Fletcher abgelöst, bekannt unter dem Beinamen »Held von Tilsit«. Mit ihm trat eine Persönlichkeit den Oberbefehl über die Landeswehr an, die Entscheidendes zum Erfolg des Feldzuges beigetragen hat.

Inzwischen traten in der Truppe, besonders in der Stoßtruppe Gedanken und Wünsche auf, die Befreiung Kurlands möglichst bald durch eine Offensive in die Wege zu leiten. Es dauerte indes eine gewisse Zeit, bis sich diese Ansichten durchsetzen konnten. Major Fletcher unterstützte diesen Plan. General v.d.Goltz hatte schon von sich aus überlegt, mit der ihm zur Verfügung stehenden Truppe – der Garde-Re-serve-Division und der Eisernen Division – die ganze Halbinsel Kurland von Süden her von der Basis abzuschneiden. Die Landeswehr, so wurde dann beschlossen, sollte, von Schrunden und Windau ausgehend, die linke Flanke bei diesem Unternehmen bilden.

Der Vormarsch begann am 2./3. März 1919. Am 13. März hatte der Stoßtrupp Zabeln genommen, dann Kandau und am 15.Tuckum. Vorgesehen war, daß die Eiserne Division Mitau nehmen sollte. Sie wurde jedoch durch massiven Widerstand der Roten aufgehalten. Als das bekannt wurde, drängten die Führer der baltischen Einheiten den Major Fletcher, selbst nach Mitau vorzustoßen und dem Major Bischof durch diese Aktion in den Rücken des Gegners Luft zu schaffen. Auch der brennende Wunsch, die in Mitau inhaftierten Balten zu befreien, spielte bei diesen Überlegungen eine nicht minder wichtige Rolle. Schließlich billigte auch Major Fletcher den Plan. Also brach die Landeswehr am 17. März 1919 auf, um in Richtung Mitau vorzustoßen.

Am 18. März spätnachmittags ist Mitau tatsächlich in der Hand der Landeswehr. Das sowjetische Oberkommando wollte die wichtige Stadt unbedingt zurückerobem. Der 19. März verlief noch ruhig, was den übermüdeten Freiwilligen, die mehrere schlaflose Nächte hinter sich hatten, sehr willkommen war. Die nächsten vier Märztage aber sind gekennzeichnet durch heftige Angriffe der Bolschewiken mit dem Einsatz von Panzerzügen. Erst nach Eintreffen der Eisernen Division in Mitau sieht der Gegner das Aussichtslose seiner Bemühungen ein. Es ist jetzt die Linie am Fluß Aa erreicht, gegen welche die Roten bei Schlock und Stalgen noch weiter verbissen anrennen. Das nächste Ziel, das der Truppe jetzt vor Augen steht, ist die noch viel schwierigere Aufgabe, Riga den Roten zu entreißen.

Da die Garde-Reserve-Division aus Berlin den Befehl erhalten hatte, sich zum Schutz vor den Polen ins Reich in Marsch zu setzen, war der Plan, Riga mit vorgenommenem rechten Flügel über Neugut und Üxkyll zu nehmen, nicht mehr durchführbar. Es blieb jetzt nur noch die Möglichkeit des Handstreichs; das verlangte höchstes Tempo und Rücksichtslosigkeit im Angriff, damit die Einnahme der »Lübeckbrücke« in Riga gelang. Dafür standen die Landeswehr, deutsche Freikorps, die Eiserne Division sowie einige russische und lettische Einheiten zur Verfügung. Ferner waren fünf Flugzeuge dem Unternehmen zugeteilt.

Der Vormarsch ging von Kalnzezeeni aus, wo die Laiuleswehr sich konzentriert hatte. Am 22. Mai 1919 um 1.30 Uhr eröffnete die I. Schwadron die Stoßtruppc, unterstützt von einem Zug der badischen Gebirgsartillerie unter Hptm. v. Medern, den Angriff. Dieser kommandierte auch die Vorhut. In 6 1/2Stunden war der 30 km entfernte Ort Dsilne erreicht. Dort sollte sich lt. Befehl die Landeswehr sammeln. Stundenlang wartete die Vorhut auf das Eintreffen der übrigen Formationen. Da warf ein Flieger über Dsilne eine Meldung ab: »Der Weg nach Riga ist frei«.

Die Stroßtrupp-Offiziere bestürmten den Hptm. v. Medern und Lt. Olbrich, sofort weiter vorzugehen und nicht auf das Gros zu warten. Der Hauptmann zögerte und bestand darauf, befehlsgemäß zu handeln. Es wurde aber so eindringlich auf ihn eingcrcdet, daß er schließlich der 120 Mann starken Infanterie-Gruppe mit den zwei Geschützen und deren Bemannung den Befehl zum weiteren Vormarsch mitten in Feindesland gab. Rechts von ihnen flüchteten auf einer Parallelstraße Kolonnen von russischem Militär. Beide hatten es so eilig, daß man sich nicht in ein Gefecht verwickelte. Noch 18 km waren bis Riga zurückzulegen; Männer und Pferde mußten ihr Äußerstes hergeben. Vor Rigas Vorstädten wird noch einmal kurz haltgemacht und das weitere Vorgehen taktisch festgelegt.

Da kommt auf schaumbedecktem Pferde Hans v. Manteuffel angesprengt; er ist dem Gros vorausgeritten und übernimmt das Kommando der Vorhut. Auf feindliches Feuer aus Fenstern und Türen wird nicht geachtet: das Ziel ist die Brücke. Um drei Uhr mittags stehen die ersten vor ihr. Dem Anschein nach ist sie unversehrt. Manteuffel befiehlt: »Der 3. Zug als Spitze über die Brücke«. Drei Mann, die als erste zur Stelle sind, wanken vor Müdigkeit auf die Brückenbohlen und haben mit dem Leben abgerechnet. Da marschiert ihnen im Gleichschritt eine rote Einheit entgegen. Ist jetzt in letzter Minute alles verloren? fragen sich die drei. Aber sie tun das einzig Richtige: sie schießen in den Haufen, was das Zeug hält. Es fallen die ersten Toten, und der Haufen läuft auseinander. Wie sich später herausstellte, waren es Offiziersaspiranten der Roten Armee auf einem Übungsmarsch. Ihre Gewehre waren nicht geladen. Die drei laufen bis zum Ostende der Brücke, werfen sich im Schutz der gefallenen Russen nieder und erwidern das immer stärker werdende Feuer aus den ihnen gegenüberliegenden Häusern.

Bange Minuten machen die ganz auf sich selbst gestellten Schützen durch, bis der erste Schuß aus dem unbemerkt hinter ihnen aufgefahrenen Berggeschütz ihnen in die Ohren donnert. Die längste Zeit haben sie gewartet! Jetzt kommen auch die übrigen Kameraden vom 3. Zug und den übrigen Einheiten heran und verstärken den Brückenkopf. Bald wird die Stadt von den Roten gesäubert. Aber der Erfolg wird fast zu teuer bezahlt: schon auf der Brücke fällt der Führender 1. Schwadron, Lt. Olbrich. Als Manteuffel sich mit einer Gruppe auf den Weg zur Befreiung von Gefangenen auf den Weg macht, trifft ihn die tödliche Kugel. Die Schwadron hat noch vier Tote zu beklagen, die übrige Landeswehr elf Tote. Das ist ein Beweis dafür, wie man durch Schnelligkeit und Überraschung des Feindes Menschenverluste verhältnismäßig niedrig halten kann.

Auf Wunsch von Pastor Niedra sollte die Truppe sich jetzt mit der Säuberung Livlands von Kommunisten befassen. Davon versprach er sich die Festigung seiner Stellung im Lande. Ihm pflichtete das Generalkommando, der Nationalausschuß und auch Major Fletcher bei. Gegen den Plan sprachen sich die Brüder des gefallenen Kommandeurs der Stoßtruppe aus. Denn es war vor-auszuschen, daß es zu einem Zusammenstoß mit estnischen und den mittlerweile in Nordlivland aufgestellten lettischen Truppen unter Führung von General Semitan kommen würde.

So kam es denn auch, wie die Gegner des Plans geahnt hatten. Der Vormarsch zur Befreiung Livlands wurde schon bei Wenden zum Stehen gebracht. Die Esten waren ein zäherer Gegner als die Roten. Außerdem waren sie, jedenfalls was ihre Angriffe betraf, besser ausgerüstet als die Landeswehr. Dazu kam, daß die an der Seite der Landeswehr kämpfenden deutschen Freikorps bei diesem Feldzug nur mit halbem Herzen beteiligt waren. Die Landeswehr und ihre Verbündete wurden in zähen Kämpfen unter großen Verlusten bis in die Jägerstellung, d.h. bis an die Vorstädte Rigas zurückgedrängt. Da traten die Vertreter der Alliierten als Vermittler zwischen den Parteien auf. Riga wurde dem Regime unter dem Ministerpräsidenten Ulmanis überlassen, die Landeswehr nach Kurland ins Exil abgeschoben. Reichsdeutsche Offiziere und Mannschaften mußten aus der Landeswehr aus-scheiden, darunter auch der verdienstvolle Major Fletcher. Für ihn schlug am 22. Juli 1919 die Abschiedsstunde von seiner Truppe, die ihm bestimmt nicht leichtgefallen ist.

An seine Stelle trat am 25. Juli 1920 der englische Oberstleutnant Horald Rupert Alexander, der spätere Earl of Tunis (*10.Dez.91 in Irland, gestorben Juni 1969) in London. Dieser neue Chef der Landeswehr besaß eine bemerkenswerte Eigenschaft, und hieß Glück. Von adliger Herkunft, begann er seine militärische Karriere in den vornehmsten Regimentern des Landes. Er hatte den Weltkrieg mitgemacht und war mehrmals verwundet worden. Neben seinem Glück war Alexander auch noch das Musterexemplar eines englischen Gentleman. Er lebte sich im Kreis der baltischen Offiziere, die ja nun auch zu Ehrenhaftigkeit und Anständigkeit erzogen worden waren, trotz seiner am Anfang gewiß nicht einfachen Stellung schnell ein. Auch vertrug er sich gut mit dem früheren Gegner, dem deutschen Obltn. z.S. Graf Beissel, der am 1. Januar 1920 Kommandeur des Stoßtrupps wurde.

Die Stellungskämpfe an der Front verliefen so, daß sie von der Landeswehr offensiv geführt wurden, d.h. den Feind durch Späh- und Stoßtrupptätigkeit und durch Aushebung von Feldwachen beunruhigten. Ab und an machten auch die Bolschewiken Versuche, die Front zu durchbrechen. Das bedeutendste Unternehmen der Stoßtruppe war die Wegnahme von zwei schweren Geschützen und die Gefangennahme von 125 Mann. Initiator und Leiter des Unternehmens war Fähnrich Baron Hamilkar Foclkersahm, der selbst vorher auch die erforderlichen Rekognoszierungen unternommen hatte. Im ganzen mußte nachts eine Strecke von 18 km zurückgelegt werden. Die letzten sechs führten durch ein in der warmen Jahreszeit unpassierbares Sumpfgelände, das aber zugefroren war. Unterwegs wurden mehrere feindliche Postengängcr überrascht und gefangengenommen.

Die Stärke der Landeswehr betrug damals 4386 Mann, davon 271 Offiziere und 53 Beamte. Es dienten noch sieben reichsdeutsche Offiziere und etwa 100 reichsdeutsche Freiwillige in der Truppe. Die Stoßtruppe zählte damals 1238 Mann. Infolge von Meinungsverschiedenheiten im Oberstabschied Heinrichv. Manteuffel, der nach dem Tode seines Bruders den Stoßtrupp führte, aus der Landeswehr aus. Er begab sich gleich seinem Bruder Georg und seinem Stabschef v. Damnitz nach Deutschland. Neuer Kommandeur der Stoßtruppe wurde Dankmar Graf Bcisscl-Gymnich, ehemaliger Oblt., der bisher die 5. Schwadron der Stoßtruppe geführt hatte.

Am 3. Januar 1920 um 7.15 Uhr begann der Vormarsch. Der Widerstand des Feindes war anfangs gering, da er an Zahl unterlegen war. Das änderte sich jedoch, als der estnisch-russische Waffenstillstandsvertrag in Kraft trat und die Roten weitere 6000 Mann einsetzen konnten. Oberst Alexander leitete persönlich den Vormarsch und die Landeswehr erreichte vom 3.-17. Jan. 1920 trotz knietiefen Schnees und 27° Kälte die vorgeschriebenen Ziele. Es folgte eine dreitägige Ruhepause, da besonders Erfrierungen die Reihen der Kämpfer etwas gelichtet hatte.

Am 20. Januar erhielt die Landeswehr den Auftrag, das Windauer Regiment der Letten bei der Einnahme von Rositten, der Hauptstadt der Provinz, zu unterstützen. Bereits am ersten Tag, als die Landeswehr sich schon auf 6 km der Stadt genähert hatte, hing das lettische Regiment weit zurück. Beim Angriff auf die Stadt war das Detachement Hahn um 9 Uhr nach Vertreibung der Besatzung und eines Panzerzuges bereits im Besitz der Stadt. Der Stoßtrupp war unterdes »verlorengegangen«. Er hatte um 10.20 Uhr die Bahnlinie nach Ludsen erreicht und fast ein ganzes Pionierbataillon gefangengenommen, konnte aber nicht verhindern, daß vor seiner Nase zwei Transport- und zwei Panzerzüge vorbeifuhren, da nicht für Sprengladungen gesorgt worden war.

Aber noch war der Feldzug nicht zu Ende. Am 25. Januar 1920 ging es weiter nach Osten, bis am 30. Jan. der Fluß Sinjucha erreicht wurde, der die Grenze zwischen Lettland und Rußland bilden sollte. 160 km hatte die Landeswehr in 18 Tagen bei über 30° Kälte, mangelhafter Verpflegung und Bekleidung unter Kämpfen zurückgclegt. Am 1. Februar 1920 trat der Waffenstillstand zwischen Lettland und Sowjetrußland in Kraft. Ihm folgte am 11. Aug. 1920 in Riga der Friedensvertrag. Die Verluste der Landeswehr im Kampf um die Heimat betrugen 258 Mann an Gefallenen, 51 Mann an Vermißten und 111 Mann, die Krankheiten und Seuchen zum Opfer gefallen waren.

Gedenkstein tür die Toten des deutsch-baltischen Baltenregiments im Freiheitskrieg Estlands gegen die Rote Armee der Sowjetunion auf dem Domberg in Reval.

Siehe auch:
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Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
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Das Balten-Gebet
Baltikum-Die ersten Freikorps
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Das Ende Alt-Livlands
Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Das Baltikum zwischen Bolschewisten und Zaristen
Der Erste Weltkrieg im Baltikum
Deutsche Truppen im Baltikum-Abwehrkämpfe gegen die Roten
Das Baltenregiment
Das Baltikum und seine wechselnden Staatsformen
Baltikum-Das Ende der deutschen Dominanz
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Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital