Beethoven in Japan

Die Schöpfungen der großen deutschen Kunst gehören nicht wenigen Auserwählten, sondern dem ganzen Volke. Der deutsche Soldat vor allem hat es in den einsamen Stunden im Osten gespürt, welche Kraft die deutsche Musik zu spenden vermag. Viele haben in den Bunkern zum ersten Male Mozart und Bach, Beethoven und Schubert mit Andacht in sich aufgenommen und sind durch die Allgewalt der Töne zur letzten, entscheidenden Leistung aufgerufen worden. In oft verzweifelten Lagen hat auch mancher bisherige Freund der „leichten“ Musik deren faden Limonadengeschmack auf der Zunge gespürt, und er hat hingefunden zu den unsterblichen Schöpfungen der großen Meister.

Graf Hidemaro Konoye, Japans berühmter Komponist und Dirigent, der sich auch in Deutschland als feinsinniger Darbieter deutschen Musikschaffens einen Namen gemacht hat, schreibt:

Mein lieber Freund ! Unsere Unterhaltungen über westöstliche Philosophie und Religionen waren sehr interessant und aufschlußreich. Sie waren erstaunt zu hören, daß es auch bei uns in Japan nicht wenige Philosophen gibt, die ausschließlich in der Kantschen Welt leben. Wohl konnten Sie es noch verstehen, als ich Ihnen erzählte, daß ich im Arbeitszimmer eines japanischen Philosophen einen Stein fand, den er sich auf einer Pilgerfahrt nach Königsberg auf dem Hof der alten Universität heimlich dort in seine Tasche gesteckt hatte. Diese Verehrung mutete Sie nicht fremd an, und Sie konnten sich auch noch vorstellen, daß die Größe der Kantschen Gedanken auch im fernöstlichen Inselreich weiterlebt, kann aber nicht begreifen, warum Sie so verwundert waren, daß es in der Musik hierzu Parallelen gib — daß gerade die deutschen Klassiker, Bach, Beethoven, Mozart, Haydn sowie Schubert, Schumann und Brahms, diese Parallelen bilden. Sie können mit berechtigtem Stolz von der Musik dieser großen Meister als von „unserer deutschen Musik“ reden — wir Ausländer beneiden Sie alle darum. Gewiß, die Musik dieser deutschen Klassiker ist genau so bodenständig wie etwa die Musik Tschnikowskijs in Rußland oder Smetanas in Böhmen. Aber trotzdem dürfen Sie, lieber Freund, nicht vergessen, daß gerade diese deutschen Klassiker mit ihrer Größe und Tiefe Kulturschatz der ganzen Welt weit über die deutschen Grenzen hinaus geworden sind, in einem solchen Maße, wie es bei den anderen Nationalkomponisten nicht der Fall ist.

Die ungarischen, spanischen oder nordischen Komponisten bleiben doch immer irgendwie eine „lokale Angelegenheit“. Schauen Sie sich doch einmal die Konzertprogramme der Großstädte an, ganz gleich, welcher Weltstadt, ob Paris, London, New York, Moskau oder Tokio — zu 50 bis 80 Prozent werden Sie deutsche Klassiker auf dom Programm finden. Lieber Freund, es wäre traurig, wenn Sie und mit Ihnen alle Ihre Landsleute nicht anerkennen wollten, daß die Größe Ihrer Genies die ganze Welt umfassen kann. Sie brauchen auch keine Befürchtungen zu haben, daß in Japan Ihre großen deutschen Meister „japanisch“ gespielt werden. Wenn auch vielleicht ein Italiener geneigt sein mag, Schubert aus der Perspektive Rossinis zu sehen, oder wenn ein Russe Brahms wie Tsehaikowskij spielt, so ist diese Gefahr für uns nicht gegeben, da die Musik meiner Heimat ja von der europäischen völlig wesensverschieden ist. Wir können also gar nicht anders, als deutsche Musik so deutsch wie möglich zu empfinden und wiederzugeben. Im Gegenteil scheint mir die kultische Beziehung des Begriffs Musik bei uns in Japan den Weg zum Ethos der großen deutschen Meisterwerke und besonders zu ihrem heroischen Inhalt zu erschließen. Japan war immer sehr musik- und tanzliebend. Unser Volk hatte schon stets ein tiefes Empfinden für Kunst. Im 8. bis 9. Jahrhundert war der Kulturstand der japanischen Musik ein besonders lieber. Aber diese Musik hat sich nicht fortentwickelt. Durch ihre Verbundenheit mit dem religiösen Zeremoniell ist sie auf dem Stande früherer Jahrhunderte verblieben. Es ist daher nur zu verständlich und durchaus natürlich, daß das japanische Volk, als plötzlich Beethoven, Mozart, Schubert und die vielen schönen deutschen Volkslieder in meine Heimat kamen, von einem wahrhaften Hunger nach absoluter Musik ergriffen wurde.

Als etwa um 1860 die westliche Kultur in Japan eindrang, war die Begeisterung der japanischen Musiker für Beethoven nicht geringer als die der Philosophen für Kant. Und daß Beethoven so schnell „Volksgut“ in Japan wurde, daran sind wohl auch zum großen Teil Rundfunk und Grammophon beteiligt. Als die japanische Rundfunkgesellschnft im Jahre 1925 die erste Sendung brachte, wurde die Fünfte Symphonie von Beethoven mit dem neugegründeten Symphonie-Orchester unter meiner Leitung gespielt.

Japan ist bekanntlich der größte Schallplatten Verbraucher der Welt (der Schallplattenverkauf war in Japan in einem Jahr kurz vor dem Weltkrieg so groß wie der Verbrauch ganz Europas — außer England — zusammengerechnet). Es ist tatsächlich so, lieber Freund, daß sich einige Schallplattengesellschaften in Japan nur durch die Herstellung von Beethoven-Schallplatten eine Existenz aufgebaut haben. Es gibt in Japan nicht nur sämtliche Sonaten und Kammermusikwerke Beethovens auf Schallplatten, sondern sogar auch die „Missa Solemnis“. Von der Fünften Symphonie kann man in Tokio zehn verschiedene Aufnahmen erwerben. Ein wahrer Plattensammler — deren es viele in Japan gibt — wird auch eine solche Symphonie zehnfach besitzen. Wer nun in Japan Plattensammler ist? Lieber Freund, dies ist nicht mir eine europäisch gebildete Oberschicht. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung bestätigen, daß die Musik der deutschen Klassiker auch in die Herzen der einfachsten Leute gedrungen ist. Lassen Sie mich hierzu ein kleines Erlebnis berichten: Bei einer Wanderung irn japanischen Gebirge kam ich an einem einsamen Bauerngehöft vorbei, aus dessen offenem Fenster die Klänge einer Mozart-Symphonie drangen. Interessiert trat ich ein. Der Bauer, ein ganz schlichter Mann, war sehr glücklich, als er hörte, wer sein Besucher sei. Er erzählte, daß er die eben gespielte Mozart-Symphonie kürzlich unter meiner Leitung im Radio gehört hätte und er sie so schön fand, daß er stundenweit bis zur nächsten Stadt lief, um sie auf Sehallplatten zu erwerben. Er zeigte mir dann ganz stolz seinen Plattenschatz, eine ganze Serie Beethoven-Symphonien und Mozart-Divertimenti. Ist das nicht Beweis genug dafür, daß die Musik großer deutscher Meister nicht nur einem kleinen Kreise in Japan Vorbehalten ist?

Sie können mir glauben, daß in Japan heute jedes Schulkind den Namen Beethovens kennt und er auch dem unmusikalischsten Kinde genau solch ein Begriff ist wie zum Beispiel die Namen der anderen großen Deutschen: Friedrich der Große, Bismarck oder Kant. Schon in den Lesebüchern der Volksschulen steht die Entstehungsgeschichte der „Mondscheinsonate“‘, Sie wissen schon, diese kleine sentimentale Erzählung von dem blinden Mädchen, das Beethoven durch Zufall spielen hörte und dem er zum Dank „etwas vom Mond“ vorspielte.

Bitte, lieber Freund, ich will Ihnen noch weitere kleine Geschichten erzählen, aus denen Sic ersehen können, welche Verbreitung — oder sollen wir sagen „Eindringen in das Volk“? — Beethoven in Japan fand. Sehen Sie, wenn in Japan zur Schallplattensammlung für die Front aufgerufen wird und man dann über die Wünsche der Soldaten liest, so würde ein Europäer wahrscheinlich sehr erstaunt sein zu lesen, daß keine leichte Unterhaltungsmusik gewünscht wird, sondern ernste Musik und dabei immer wieder ganz besonders Beethoven-Schallplatten. Ich erinnere mich dabei noch eines kleinen Vorfalls aus dem chinesischen Konflikt: Einer der damals erfolgreichsten Jäger war ein gewisser Kapitän N., ein Flieger mit über 50 Abschüssen, was zu Beginn des chinesischen Konflikts schon eine ungeheure Leistung war. Ihn konnte man in den Stunden und Minuten, in denen er nicht im Einsatz stand, stets in die Töne seiner Lieblingsschallplatten versunken sehen. Eines Tages kam er nicht vom Feindflug zurück. Auf seinem Kofferapparat aufgelegt aber war das Adagio aus der Neunten Symphonie von Beethoven — bis zur Mitte gespielt.

Sogar der Weltkrieg konnte damals in Japan die Begeisterung für Beethoven bei einigen jungen Japanern nicht hemmen. Die Sehnsucht nach Städten wie Bonn und Wien, in denen man auf den Spuren Beethovens würde wandeln können, war ungeheuer. Man sehnte das Ende des Krieges herbei, um endlich diese Städte besuchen zu können. — Ein junger Musiker allerdings wollte nicht einmal das Ende des Krieges abwarten. Er hatte einen phantastisch genialen Plan: Er meldete sich freiwillig hei den französischen Fliegern, ließ sich dort ausbilden und hatte die Absicht, bei einem Aufklärungsflug über deutschem Westgebiet in Bonn „notlanden“ zu müssen. Ja, er war in seiner Begeisterung für Beethoven so naiv, daß er glaubte, man würde ihn als Kriegsgefangenen in das Beethoven-Haus führen. — Zum großen Leidwesen des jungen Musikers wurde der Plan frühzeitig von seiner Familie entdeckt, und die so schön erdachte Notlandung konnte nicht stattfinden. Ob es wohl ein Trost war für den jungen Musiker, daß er wenigstens bei dieser Gelegenheit fliegen gelernt hat? Aber nicht nur die Musik Beethovens ist in Japan bekannt — auch sein Leben interessiert die Japaner sehr. Beethoven-Biographien werden in Japan sehr viel gelesen und die wohl zehn besten sind — zum Teil sogar mehrfach — in die japanische Sprache übersetzt worden, wie z. B. Pohl, Nottebohm, Paul Bekker, Romain Rolland usw. Ich kann verstehen, lieber Freund, daß Sie wissen möchten, was es eigentlich ist, das die Japaner an Beethoven so besonders lieben. Ich will versuchen, es Ihnen mit Worten zu erklären: Wir fühlen uns seiner Musik irgendwie verwandt. Und wenn auch die Musik selbst für die „östlichen“ Ohren der Japaner irgendwie fremd sein sollte, so ist uns doch die Seele, die daraus spricht, das Gefühl nicht fremd. Diese wunderbare „saubere“ Klarheit, diese Strenge und Reinheit, diese überwältigende Harmonie baut eine Brücke aus Tönen zwischen West und Ost und spricht zu unserem Gefühl.

Sie wollten noch etwas über mich selbst und Beethoven hören, lieber Freund: Ich war musikbesessen von Kindheit an. Ich erinnere mich noch heute, daß ich als kleiner Junge immer und immer wieder vom alten Wien geträumt habe. Ich habe Schubert oft in meinen Träumen gesehen und war so glücklich, Beethoven im Traum die Schuhe putzen zu dürfen. Ja, ich habe sogar am hellen Tage Mozart vor mir gesehen — er spielte mir etwas vor. Und später habe ich es doch geschafft, mir ein eigenes Symphonie-Orchester aufzubauen, aus allerkleinsten Anfängen. Ich habe dieses „Neue Symphonie-Orchester Tokio“ zehn Jahre lang selbst geleitet. Am Schluß einer jeden Saison brachte ich mit diesem Orchester immer einen Beethoven-Zyklus (sechs Beethoven-Abende). Diese Konzerte waren immer, auch mit mehrfachen Wiederholungen, ausverkauft, und oftmals war es möglich, das ganze Defizit der Saison aus den Einnahmen dieses Beethoven-Zyklus zu decken. Es gibt sicher viele Dirigenten, die ihren Beethoven auswendig dirigieren. Wie viele mag es aber geben, die seine Symphonien auswendig Note für Note niederschreiben können? Nun, im Weltkrieg gab es in Japan nur ganz wenige Orchesterpartituren, und der Krieg machte es unmöglich, weitere aus Deutschland zu beziehen. Damals war ich gezwungen, in meiner Schulzeit Tag und Nacht die Partituren handschriftlich abzuschreibcn. Und noch aus dieser Zeit her kann ich viele Werke Beethovens auswendig niederschreiben.

Es ist schon so, durch die Jahre hindurch hat sich das japanische Volk immer und immer tiefer in deutsches Musikleben hineingefühlt, und die deutschen Klassiker haben eine zweite Heimat in Japan gefunden. Nun können Sie vielleicht verstehen, mein lieber Freund, wenn wir von Ludwig van Beethoven heute in Japan als von „unserem Beethoven“ sprechen. Wenn wir ein Symbol der deutsch-japanischen Freundschaft brauchen, so wollen wir die Musik Beethovens als ein solches Symbol des gegenseitigen Verständnisses nehmen, einen Wegweiser für den geistigen Aufbau, den die beiden jungen Völker Deutschland und Japan begonnen haben.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik