Bernhard Hoetger-Bildhauer

Der deutsche Künstler hat es zu allen Zeiten besonders schwer gehabt, seine besondere Eigenart zu behaupten. Er hat stets mehr als andere internationale Beziehungen unterhalten; er hat stets das Fremde als das Größere zum Vorbild genommen ; er ist lieber in die Schule gegangen als selbst Schule zu machen. Und so ist es nicht ausgeblieben, daß noch bis in die jüngste Zeit hinein unsere Kunstwissenschaftler mit Geflissenheit und deutscher Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit bei unsern deutschen Künstlern die fremden Einflüsse in deren Werken nachzuweisen suchen.

Auch Bernhard Hoetger wäre diesem Schicksal verfallen, wenn man nicht noch in letzter Stunde auf sein starkes Können aufmerksam gemacht worden wäre. Selbst daß er versehentlich immer zu den Franzosen gezählt wurde, hat ihn nicht davor bewahrt, nur wenig bekannt zu werden. Bernhard Hoetger ist von Geburt Westfale, Hörde ist seine Heimat. Als er sich 1908 in Mannheim mal wieder seinen deutschen Landsleuten in Erinnerung brachte, da begegnete er im großen ganzen dem üblichen deutschen Kopfschütteln und damit einem gehörigen Maß Unverständnis. Gewiß, Hoetger zeigte hierbei einige Kleinwerke in Holz und Bronze, die nicht von jedermann verstanden werden konnten, weil sie zu archaisch anmutend waren.

Man dachte dabei an Buddhismus und indische Kunst. Aber Hoetger fand doch seine Gemeinde, eine kleine zwar zunächst, aber doch keine redende, bewundernde und gute Ratschläge gebende, sondern eine kaufende. In gewissem Sinne hört die Not des Künstlers auf, wenn seine Werke museumsfähig werden. Die Leitungen unserer Museen sind tatsächlich ein Gradmesser für den Wert oder Unwert der Werke unserer deutschen Künstler geworden. Und so ist auch Bernhard Hoetger als Plastiker von dieser seltenen Ausnahme betroffen worden; in den Museen zu Hagen, Barmen und Elberfeld begegnen wir seinen Werken, und zwar nicht vereinzelt, sondern in verschiedenen Schöpfungen. —

Die wenigsten deutschen Bildhauer sind so geworden wie Hoetger geworden ist, denn wir hätten sonst heute eine von der Plastik anderer Nationen unterschiedliche deutsche Plastik. Hoetger ist frei von der Abstempelung irgend einer Schule oder eines Meisterateliers; er hat gelernt wie Kinder zu lernen pflegen, die eigenwillig ihren Weg gehen, die in Erwachsenen ihre Peiniger und Unterdrücker sehen. Handwerklich ist er von der rohesten, unbeholfenen Technik, künstlerisch von der Seele des Kindes geknechtet gewesen, das heißt Sklave jener Unbefangenheit und göttlichen Eingebung, die sich schöpferisch mit dem Schöpfer selbst eins fühlt.

Der Versuch steht am Anfang der Dinge; der Seele wird eine Hülle gegeben, die fremden Augen unbeholfen scheint. Die Seele wächst, sich immer neue Hüllen suchend, bis schließlich Seele und Form eins ist wie am sechsten Schöpfungstage ! Darin dürften der künstlerische Werdegang und das künstlerische Bekenntnis Hoetgers skizziert sein.

Das großeTalent wie auch das ausgesprochene Genie führen den allerschwersten Kampf gegen sich selbst, gegen das Chaos der Urmaterie, das geordnet und zum Licht geführt werden soll. Die Menge, die Nichtpsychologen, erblicken darin nur die Abweichung vom Hergebrachten, etwas Abnormes, Krankhaftes. Deshalb bleiben sie an der Form hängen, sie fühlen nicht den ringenden Geist, der irgendwo eben diese Formen sprengen und ihnen eine neue Schönheit geben wird.

Aber immer bleibt bei den großen Künstlern Form und Inhalt eine Einheit ; sie können im Sinne des Wortes nicht nachschaffen, sie müssen neuschaffen; und ihr Neues ist der Menge gegenüber eben stets das Unverstandene und deshalb Anfechtbare. Das hat auch Hoetger des öfteren bitter empfinden müssen, der doch in seinen Werken zugleich sein Leben und seine Seele mit ihrem Bekenntnis niederlegte.

Der Kunstgeübtere wird scheinbar in der Reihenfolge der Hoetgerschen Werke ihrem Entstehen nach nicht nur eine Entwicklungsphase der deutschen Plastik, sondern der Plastik überhaupt zu erblickenmeinen, denn die Formgebung nahm auf der Erde denselben Anfang. Sexuelles mischt sich mit Mystik, Askese mit Religiosität, Philosophisches mit Symbolik.

Orient und Occident kommen zusammen, Sinnliches wird durchgeistigt , die Erfüllung des Lebens wird zum höchsten Gesetz. Und deshalb scheint es mir belanglos, ob und welche Namen Hoetger seinen Werken gibt und welche Auslegung hieraus seinen Werken zuteil wird.

Wo Hoetger das Weib z. B. in seiner Tot.ilit.it gibt, da ist es die Eva, nicht eine Eva also die Allmutter. Und wo der Künstler den Mann in seiner Totalität gestaltet, da ist es eben der Adam, der Schöpfer, der Wecker und Gestaltende. Hoetger zieht die Summe der Leidenschaften und Instinkte; er schaflt keine mordende erotische Frauenseele, etwa die Judith, oder einen knabenhaften David, dem ein Schleuderwurf gelingt. Er zieht das Gute u. Böse als Summe der Lebensenergie. Hoetgers Frauenkörper sind ganz entsinnlicht; nur ihre Formen gehören der Erde an. Hoetgers Figuren sind überwiegend dem Licht zugewendet oder sich in ungeahnte Weiten verlierend.

Sein betendes Mädchen, seine mit ihrem Haar kosende Frau, die armbreitende Gestalt des Elberfelder Brunnens sind typische Beispiele eines figuralen Kultes, wie wir ihn so tief und eigenartig in der jüngeren deutschen Plastik bisher nicht kannten. Daß in Hoetger sich alle jene Handlungen vollzogen, die in der mittelalterlichen Plastik, im Geiste der Antike und in deren Verschmelzung mit der Frührenaissance sich kristallisierten, steht außer allem Zweifel, wiederum aber auch, daß auch die Kunst weiterschaffend sich der geistigen Mittel ihrer Zeit bedient, um sie auch rein formal als den Ausdruck des Schöpferischen der Zeitsumme festzulegen. Im gleichen Maße wie Hoetger das Geistige seine Figuren groß erfaßt, geht er auch in der Form – löst über die rein menschliche Größe bedeutend hinaus. Schon das ist ein Zeichen ungewöhnlicher Gestaltungskraft.

Daß auch rein technisch u. formal in den Hoetgerschen Werken sich eine große Meisterschaft bekundet, bedarf angesichts der hier wiedergegebenen Werke kaum einer besonderen Betonung. Ob der Künstler mehr die archaische Strenge oder die weiche Formenschwellung in anatomischer Ableitung, oder aber die Mitte zwischen beiden hält, immer sehen wir, daß Hoetger die Form meistert. — Alle Realistik, alle nur natürliche Wiedergabe seiner Modelle liegt dem Künstler fern. Er zieht scharfe Grenzen und schließt dafür jedes Bewegungsmoment aus. Alle seine Schöpfungen zeigen verharrende Ruhe, architektonische Gebundenheit, formalen Rhythmus, eurhythmi-sches Zusammenflie-ßen. Als eine Kristallisation höchster Potenz ist hier das Leben zu einem wirklich gebundenen geworden.

Der Gerechtigkeitsbrunnen zu Elberfeld, eine Jubiläums – Gabe zur Dreihundertjahr-Feier der Stadt von Geheimrat August Freiherrn von der Heydt, zeigt auch im Becken u. den drei tragenden Löwen, daß Hoetger in allem einem strengformalen Prinzip huldigt, das in der Entäußerung jeglicher Pose und Handlung wurzelt. Hier erinnert der Künstler erneut daran, wie sich Plastik im Zusammenhänge mit Architektur zu geben hat.

Es blieben noch die Porträtbüsten Hoetgers zu erwähnen; auch sie bleiben ganz im Rahmen dieser künstlerischen Persönlichkeit; auch die Büsten, Freiherrn und Freifrau von der Heydt darstellend, umfassen die Totalität der Dargestellten, also die Summe ihrer Individualität. Das sind keine Momentdarstellungen, es sind Charakterköpfe eines bestimmten Milieus, einer auch geistig aristokratischen Atmosphäre. Das Modell darf im Kunstwerke nicht als Abklatsch weiterleben, sondern muß in ihm aufgehen.

Bernhard Hoetger steht tatsächlich noch allein, er hat nur einen, der ihm geistig und künstlerisch, und damit zugleich formal nahesteht ; es ist der Schweizer Ferdinand Hodler, der ebenfalls in seiner Kunst Summen und Totalitäten von Personen, Zeiten und Ereignissen gibt. Vielleicht trägt diese, den Werken des Künstlers würdige Veröffentlichung dazu bei, auch Hoetger eine größere Gemeinde zu gewinnen, die ihn zu verstehen strebt. Wir müssen auch der Plastik gegenüber gewisse Verpflichtungen erfüllen, die uns in der Erfüllung unseres gesamten Kulturlebens auferlegt worden sind Die Plastik steht der Architektur am nächsten, sie ist ihres Geistes; auch sie will Einheiten, Sammlung und Bannung der Kräfte in formal eurhythmischer Schönheit, die eben in ihrem höchsten Ausklingen nur dreidimensional sein kann. —

OTTO SCHULZE – ELBERFELD.

Bildverzeichnis:
Bernhard Hoetger-Anbetende
Bernhard Hoetger-Betendes Mädchen
Bernhard Hoetger-Brunnenfigur
Bernhard Hoetger-Frauen-Büste
Bernhard Hoetger-Jugend-Plastik
Bernhard Hoetger-Torso-Studie

Siehe auch:
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Krieger-Denkmäler
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer
Bildhauer Georg Kolbe
Zum Denkmals-Problem
Quellen des Behagens
Sascha Schneider-Bildhauer und Maler
Die Wiener Plastik und Malerei
Vom Vorstellen und Gestalten des Kunstwerks
Anton Hanak-Bildhauer
Hermann Geibel-Bildhauer
Ausstellung Richard Teschner-Wien 1920
Gaston Béguin
Max Klinger-Dem Grossen Toten
Etwas über Kunstbesitz
Das Kunsthaus in Zürich
Eindrücke von der Brüsseler Welt-Ausstellung