Beuroner Kunst – Einleitung

Beuron! Es ist als ob in dem geheimnisvollen Klang dieses Wortes schon all die gottesdienstlichen Mysterien verborgen wären, die das berühmte Benediktinerkloster im stillen Donauwinkel birgt. Man glaubt es zu fühlen, daß dort etwas sein muß, was man sonst auf der Welt nicht findet, daß dort dem Menschenherzen neue Befriedigungen seines Glückssehnens winken, die es anderswo vergeblich sucht.

Es ist eben für feinnervige Menschen immer schon der Klang eines Wortes ein Griff in die Saiten der Seele, bald weiche, wohltönende Akkorde weckend, bald schrille Dissonanzen. Dieses Gefühl könnte trügen und trügt in der Tat sehr oft. Hinter einem wohltönenden Wort können sich Satansbosheiten bergen und hinter einem mißtönenden ganze Wunder echtester Freuden und Seligkeiten. Bei Beuron ist die Harmonie zwischen Wort und Inhalt Wirklichkeit.

Beuron hat sich von Anfang an die Pflege und eine durchgreifende Reform des katholischen Kultus zur Hauptaufgabe gemacht. Das Ideal unsrer Opferliturgie sollte dort in seiner ganzen Schönheit und Erhabenheit strahlen und leuchten als stetes Vorbild für alle jene, deren Kräfte nicht ausreichen, dieses Ideal ebenso vollkommen durchzuführen. Das dem Menschen unzugängliche göttliche Licht sollte in den prismatischen Farben der Tonkunst, liturgischen Szenenkunst und Raumkunst den Sinnen des Menschen vernehmbar gemacht werden und zugleich als Opfergabe wieder ins Urlicht zurückstrahlen.

So hat Beuron vor allem den äußern, ich möchte sagen symbolisch-dramatischen Gang der Opferhandlung, die Zeremonien mit einem Glanze und einer Würde erfüllt, die Auge und Herz in gleicherweise gefangen nehmen. Hier gibt es keine hastigen Bewegungen, keine abgeleierten Gebete, keine unerbauliche Haltung: alles ist gemessen am Maße einer stillen, in sich gekehrten Feierlichkeit.

Beuron war es ferner, das von Anfang an auf die Wiederherstellung des alten traditionellen Choralgesangs drängte und die altehrwürdigen Melodien ertönen ließ, lange bevor ihre offizielle Wiedereinführung durch Pius X. erfolgte. Dr. Jos. Gmelch1 hat das durch beachtenswerte Belege erwiesen. Es war in diesen Mönchen ein heiliger, ungestümer Drang nach vollendetster Ausgestaltung des einmal erkannten Ideals lebendig.

Aber noch fehlte die bildende Kunst. Sie hatte ja das „Choralsingen“ im Laufe der Jahrhunderte gänzlich verlernt. Dazu nun mußte sie wieder gezwungen werden, sollte sie den passenden Rahmen für den feierlichen Ernst und die weihevolle Würde der Beuroner Liturgie abgeben. Hier lag die größte Schwierigkeit. Die äußere Handlung, die Zeremonien bei den liturgischen Festlichkeiten waren durch die Rubriken vorgeschrieben; sie brauchten nur mit tiefreligiösem Geiste erfüllt zu werden. Die Choralmelodien waren längst gegeben, und die Kirche hatte oft genug darauf hingewiesen, daß sie in ihnen das Ideal der Kirchenmusik erblicke. Sie brauchten also nur der Vergessenheit entrissen und wieder gesungen zu werden. Die bildende Kunst dagegen forderte eine Neuschöpfung. Außer ganz allgemeinen und mehr negativ gehaltenen Weisungen der Kirche war hier nichts, was die Wege zeigte.

Man muß diese Schwierigkeiten eigentlich erst im Geiste miterleben, um den providentiellen Beruf der Beuroner Kunst ganz zu erkennen. Gewiß lagen die Elemente auch dieser Kunst schon fertig vor. Wo aber war der Mann, der sie auf ihre Brauchbarkeit für den neuen Zweck untersuchte und das Brauchbare zu einem organischen Ganzen gestaltete?

„Eine Ausdrucksform der christlichen Mystik“ lautet der Untertitel unsrer Studie.

Was ist Mystik? Das Wort ist heute in aller Munde, und doch sind es nur wenige, die auch nur einen einigermaßen klaren Begriff davon haben. Selbst in theologischen Kreisen, die sich gerade in den letzten Jahren besonders eifrig um die Klärung des Begriffes mühen, gehen die Meinungen oft weit auseinander. Für das Ziel dieses Buches genügt es, ein paar Grundlinien anzudeuten.

Die Theologie definiert Mystik als geheimnisvolle Vereinigung mit Gott durch eine außerordentliche Gabe der Beschauung, bisweilen verbunden mit Verzückung,Visionen, Offenbarungen, Stigmatisation. Letzteres sind nur unwesentliche Begleiterscheinungen, die auch fehlen können. Was die mystischen Phänomene von den Äußerungen der gewöhnlichen Aszese und des einfachen christlichen Glaubensund Gnadenlebens unterscheidet, ist das Mühelose, das nicht Lehrbare, das nicht Notwendige. Es ist eben ein freies Geschenk Gottes an besonders begnadete Seelen, ein Charisma  das allerdings der Seele in erster Linie zu ihrer eigenen Vervollkommnung gegeben ist, nicht als Mittel zu apostolischem Wirken. Die Frage, inwieweit hierbei physiologische und psychologische Bedingungen von Einfluß sind, ist noch in keiner Weise geklärt.

Wenn man von mystischer Kunst spricht, so kann man entweder den Inhalt, das Ikonographische eines Kunstwerkes ins Auge fassen oder die formale Behandlung. Im ersteren Sinne ist mystische Kunst die Darstellung mystischer Vorgänge, wie sie der christlichen Kunst aller Zeiten, also auch der Beuroner, eigen ist. Da die Kunst das Wesentliche der mystischen Gottesvereinigung nicht darzustellen vermag, weil es sich den Sinnen entzieht, ist sie auf die unwesentlichen Begleiterscheinungen zur Deutlichmachung des übernatürlichen Vorganges angewiesen. Der Begriff „mystische Kunst“ ist nur analog genommen, wenn man ihn auf die formale Behandlung eines Kunstwerkes anwendet. In diesem Sinne versteht man darunter eine ungewöhnlich vertiefte Auffassung, die hinter der sinnlichen Formerscheinung eine reiche Fülle von Geheimnissen birgt und den Geist des Beschauers förmlich zwingt, den Vorhang dieser Formerscheinung wegzuziehen. Mystische Kunst ist darum nie „art pour l’art“, sondern die äußere Form bildet nur den Anreger für Phantasie- und Verstandesfunktionen. Bei der mystischen Kunst ist die Form selbst gewissermaßen in Ekstase. Wir möchten die Beuroner Kunst besonders in diesem letzteren Sinne als mystische Kunst bezeichnen. In einem guten und selbständig durchgearbeiteten Artikel über die Beuroner Kunst schreibt Franz Rieffel1 über die Schwierigkeit des modernen Menschen, solche Kunst zu fassen:

„Jedenfalls muß einer Gesinnung, die Kunst nur um der Kunst willen schätzt, Beuron verschlossen bleiben. Einem Zeitalter, dem die Seele der Kunst Geist, dem die Kunst auch Gedankeninhalt ist, abgründiger als ein Wort, schließt es sich auf. Auch dann noch stellt die Beuroner Kunst vielen Hindernisse entgegen, die sich aus ihrer Art wie aus ihrer streng gesetzmäßigen Sprache ergeben.“

Unsre Zeit, die in allem gern auf das Psychologische ausgeht, hat für die Rätsel der Mystik eine besondere Vorliebe gewonnen und sucht mit nimmermüdem Eifer an den ehernen Toren zu rütteln, die uns von ihren Geheimnissen trennen.

Auch die Kunst hat sich am materiellen Impressionismus sattgesehen und sucht in den Untergründen und Untiefen der menschlichen Seele ihre Stoffe. Was dieses Streben zu Tage gebracht hat, sieht allerdings geheimnisvoll genug aus, und es mag Menschen geben, in deren Innerem diese schwermutsvollen Klänge einer von ihrem übernatürlichen Ziele losgerissenen und darum melancholischen Mystik weiterklingen. Die Zeichnungen des Franzosen Odilon Redon oder der Katharina Schäffner sind Beispiele hierfür. Welcher Art die letzteren sind, kann man aus der anschaulichen Beschreibung des bekannten Ästhetikers Avenarius1 2 ersehen: „Bei weitem die meisten größeren Zeichnungen Schäffners sind dieser Art: ein allgemein und traumhaft gesehener landschaftlicher Untergrund verbindet sich mit Symbolen, will sagen mit Trägern von Assoziationen (Flammen, Wellen, Wolken, Augen, Schwertern, Stacheln, Rädern, Tränen, Kränzen, mikroskopischen Zellengebilden u. a. m.), oder mit Bewegungsgefühlen, die schon nicht mehr an Körperliches, die nur noch an Linien gebunden sind, und mit den eigentümlichen Gefühlen, die das Zusammenwirken von Licht und Schatten in uns anregt.“ Das ist die Mystik des Okkultismus und Theosophismus, ein Zerrbild der christlichen, transzendentalen Mystik.

AlsVertreter der christlichen, speziell der spanisch-theresianischen Mystik wird heute der Maler Theotocopuli (El Greco) viel genannt. Im „Repertorium für Kunstwissenschaft“ hat Kurt Steinbart einen illustrierten Aufsatz: „Greco und die spanische Mystik“, veröffentlicht2. Der Verfasser selbst ist bei der Betrachtung des Gegenständlichen stehen geblieben, und in dieser Beziehung ist die Abhängigkeit Grecos von der spanisch-nationalen Mystik allerdings unbestreitbar. Aber auch in der Formgebung ist Greco ein Mystiker von durchaus persönlichem Gepräge. Seine Bilder lassen uns hineinsehen in seine unruhige, gequälte Seele, die in ihrem Gott, an dem sie gläubig hing, nur den strafenden, unerbittlichen Richter erblickte. Alles loht und lodert in seiner Technik wie Feuersgluten, selbst die Figuren gleichen züngelnden Flammen. Greco ist der Maler-Mystiker der christlichen Furcht in übertriebener, fast krankhafter Steigerung.

Wie ganz anders ist das Antlitz der Beuroner Kunst! Die Angst ist entschwunden, die Züge sind verklärt. Ihr ist Gott nicht der strafende Rächer, sondern der anbetungswürdige König, dem sie ihre Hymnen zujubelt, in dessen Anblick versunken sie entzückt am Boden kniet. Es gibt wohl keine Kunst, die das Ruhen in Gott, jenen Grundzug mystischer Beschauung, klarer zum Ausdruck gebracht hätte als die Beuroner. Es ist aber eine Kunst, die nicht an der äußern Formerscheinung ihre volle Befriedigung sucht, sondern die Formerscheinung mit Absicht so abstrakt gestaltet und aller individuellen Züge entkleidet hat, daß der empfängliche Beschauer wie von selbst hinausgelenkt wird in überirdische Sphären, in die unendlichen Weiten einer höheren Welt. Insofern bildet diese Kunst freilich einen starken Gegensatz zu derjenigen, die nur ihre eigenen Schätze zum Genuß bietet und sonst nichts; sie will vielmehr die Pforten jener überreichen Schatzkammer öffnen, die der Zielpunkt alles religiösen Sehnens ist. Das ist die Mystik der christlichen Liebe.

Wenn es einem nicht schon die Bilder selbst sagen würden, daß sie aus einer höhenmystischen Stimmung erzeugt sind und für empfängliche Menschen den Erreger solcher Stimmungen bilden können, würde es einem ohne weiteres klar, wenn man die ästhetischen Anschauungen des Begründers der Beuroner Kunstschule in Betracht zieht, der überall das Symbolische betont und die Zahlenverhältnisse des „Urmaßes“ in Beziehung bringt zum Wesen Gottes, und umgekehrt aus der stillen Betrachtung der Geheimnisse Gottes die Inspiration zu seinen Schöpfungen gewinnt. Man mag über diese Beziehungen streiten, manche vielleicht vom theologischen Standpunkt aus ablehnen, die Tatsache bleibt bestehen, daß die Beuroner Kunst aus der Mystik geboren ist. Hören wir nur, wie P. Desiderius1 über die letzten Grundlagen seiner Kunst spricht:

„Wir müssen glauben, daß das Einfachste das Höchste, Gehaltvollste, inWahrheitReichste sei; dann werden wir in überströmendem Maße erfahren, daß es so ist.“

Es ist also diese Kenntnis zu erstreben, und zwar zunächst in Beziehung auf dasjenige Werk des Schöpfers, welches die Krone der Geschöpfe ist, die Gestalt des Menschen. Es wird sich hier wie eine zweite, eine formale Offenbarung Gottes erweisen, nächst dem heiligen Glauben den von der Kirche Behüteten als das Herrlichste, das Erfreuendste, was Menschen pflegen können; denn hier sind Geist, Herz und Sinn gleich bereichert, in Einmütigkeit empfangend, genießend, denn das, was durch die Sinne wahrgenommen, strömt hier wie Süßigkeit, Harmonie, Liebe, Weisheit, dem Herzen Gottes direkt entquollen, dem entgegen, der hier zu wachen versteht.

Es ist dies allerdings keine Sache für viele, aber die in der Kunst voranstehen, die dem Volke die Segnungen der Kunst vermitteln wollen, die sollten hier eingeweiht sein. Wo stammen aber diese Dinge her, und wie kamen sie zu den Menschen?

Sie gehören — das getraue ich mir getrost auszusprechen — wie sie in den Werken der Urzeit, in der Kunst der Alten, bewußt, als ausgebildete Wissenschaft angewendet sich finden, zur Uroffen-barung, durch die Altväter vom Paradiese her ererbt, als ein Freigeschenk Gottes an die Menschen, und in der Arche sehen wir das feste, geoffenbarte Vorbild. Die Kraft der Prinzipien liegt im Glauben.“

Sind das nicht mystische Klänge aus einer fernen Welt?

Beuroner Kunst; eine Ausdrucksform der christlichen Mystik (1923), Author: Kreitmaier, Josef.

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