Bilder aus dem Orient – Alexandrien


Vor neunzehunmdert Jahren stand auf der Stätte, wo jetzt Alexandrien liegt, eine der glänzendsten Städte der damaligen Welt, bewohnt von sechseinalbhunderttausend Menschen, geschmückt mit zahlreichen Werken der griechischen Kunst, Königspalästen, Tempeln, Museen, Gymnasien der prächtigsten Art, ein Sammelplatz der Gelehrten» eine Börse der Kaufleute aller Länder des Miftelmeeres — Alexandria, das London des Alterthnms. Sein Leuchtthurm, von weissem Marmor erbaut, zählte zu den sieben Wundern der Welt, seine beiden Bibliotheken, zusammen über eine halbe Million Werke umfassend, waren die reichsten der damaligen Zeit, sein Sarapion kam an Ausdehnung und Pracht dem römisehen Capitol gleich.

Was ist von dem allen noch übrig? Wenn wir das, was unter der Erde liegt, ausnelnnen, nieht viel mehr als die Ruinen, welche unser Bild zeigt. Die Stürme der Weltgeschichte stürzten die Prachtbauten um, verwehten die Einwohnerschaft, zertrümmerten die Bildsäulen und verwandelten diese Stätte regsten geistigen und materiellen Verkehrs in eine Wüstenei, auf deren Schutthaufen sich erst in neuester Zeit wieder die massig grosse Stadt erhob, die jetzt hier blüht.

Die letztere hat ausser dem schönen, von stattlichen Gasthöfen, Consulatsgebäuden und Waarenläden umgebenen Europäischen Platze, dem Schloss des Vicekönigs von Aegypten und mehren anmuthigen Gärten keinerlei Sehenswürdigkeit von Bedeutung. Auch die Umgebung, flach, zum Theil Wüste, zum Theil Morast, lockt nicht zu Ausflügen. Von Interesse ist nur noch das Leben im Hafen, wo in der Regel die ägyptische Flotte ankert, und das Treiben am Kanal, welcher Alexandrien mit dem Nil verbindet, und auf dem der Fremde zum ersten Male die seltsam alterthümlieh gebauten und getakelten Fahrzeuge bewundert, welche hier zu Lande den Transport zu Wasser vermitteln. Das heutige Alexandrien beansprucht fast nur das Interesse des Kaufmannes, und selbst der bunte Menschenstrom in seinen Hanptstrassen fesselt, da er stark mit europäischen Elementen gemischt ist, das Auge nicht so dauernd, als das Leben in mancher kleineren Stadt des Morgenlandes.

Dagegen fordern die Alterthümer eine genauere Betrachtung. Es sind die auf unserer Abbildung dargestellten beiden Obelisken, die Pompejussäule und die Pompejussäule.

Die Obelisken, hart am Rande des Grossen Hafens, der jetzt der neue heisst, einige hundert Schritte östlich vom Franken quartier befindlich, und gewöhnlich als die „Nadeln der Kleopatra“ bezeichnet, standen einst vor einem Tempel, welcher dem Cäsar geweiht war. Der eine derselben steht noch aufrecht, der andere liegt umgestürzt daneben, zum Theil mit Erde bedeckt. Jener ist von Mehemed Ali den Franzosen, dieser den Engländern geschenkt worden, doch verhinderte der grosse Kostenaufwand der Fortschaffung die Wegführung nach Europa.

Es sind vierkantige, oben zugespitzte Säulen von rotliem Granit, die aus einem Stück gearbeitet und auf jeder Seite mit drei Reihen von Hieroglyphen geschmückt sind. Der aufrechtstehende ist gegen 70 Fuss hoch, der andere hat eine Länge von 66 Fuss, jener zeigt an der Basis einen Durchmesser von beinahe 8 Fuss. Ihr ursprünglicher Standort war nicht hier, sondern in der berühmten Priesterstadt On oder Ileliopolis, und die Zeit, in welcher sie dort aufgestellt wurden, reicht weit über Cäsar, über die Gründung Roms, ja über die ersten Regungen europäischen Culturlebens, bis hoch in das zweite Jahrtausend vor Christus zurück. Der Hieroglyphendeuter erkennt auf ihnen die Wappen oder Namenringe des dritten Pharao, welcher den Namen Thothmes trug, sowie in den Seitenlinien die Ovale Ramses des Grossen, den wir Sesostris nennen, und unten an den Ecken die eines anderen uralten Aegypterkönigs, wahrscheinlich Osirei des Zweiten, welcher der dritte Nachfolger des Sesostris war. Der Thurm neben den Obelisken ist ein Rest römischer Zeit. Die Säulentrümmer im Vordergründe könnten dem alten Poseidonstempel angehört haben, der in dieser Gegend sich erhob.

Die sogenannte Pompejussäule befindet sich im Süden der jetzigen Stadt auf einem sandigen Hügel, unmittelbar über einem grossen mohammedanischen Begräbnissplatze. Die totale Höhe derselben beträgt nicht weniger als 99 Fuss, die Höhe des Schaftes 73, der Umfang desselben nahezu 30, der Durchmesser der Oberfläche des Capitäls 16 1/2 Fuss. Mit diesen Haussen zählt sie zu den grössten Säulenmonolithen der Welt, ja es stellt ihr unter diesen nur die gewaltige Alexanderssäule vor dem Winterpalast von St. Petersburg voran. Das corinthische Capitäl sowie das Fussgestell scheinen aus späterer Zeit als der Schaft zu sein, welcher letztere aus demselben dunkelrothen Granit besteht, aus dem die Nadeln der Kleopatra gehauen sind. Auf den Sandsteinblöcken des Untersatzes haben Gelehrte den Namen Psammetichs des Zweiten gelesen. Auf dem wiederholt schon bestiegenen Gipfel der Säule bemerkt man Spuren, aus denen man schloss, es habe hier früher eine Statue gestanden.

Der Name, den dieses hochinteressante Denkmal des Alterthums führt, ist unrichtig, die einstige Bestimmung der Riesensäule nur theilweise aufgeklärt. Sie hat mit dem grossen Römerfeldherrn Pompejus nichts zu thun. Ebenso wenig begründet ist es, wenn man aus dem Namen Amud Es Sauari, den sie im Arabischen führt, geschlossen hat, sie deute auf den Kaiser Severus hin; denn Sauari oder Sari ist ein Ausdruck, der auf jedes grosse Denkmal angewendet wird, welches hoch und schlank ist. Die Säule wurde vielmehr von dem römischen Präfecten oder Eparchen Publius zu Ehren des Imperators Diocletian errichtet. Das sagt deutlich die griechische Inschrift, welche sie trägt, und wenn diese den Kaiser als „unbesiegten“ feiert, so ist dies ein Wink auch nach dem Jahre hin, wo sie aufgestellt wurde. Es ist die Zeit, wo Alexandrien, nach Ausbruch einer Empörung und nach achtmonatlicher, von furchtbaren Greueln begleiteter Belagerung sich der Gnade Diocletians ergeben musste, das Jahr 296 n. Chr. Die Araber haben eine Sage, dass die Säule früher mit drei gleich grossen eine Kuppel getragen habe, doch ist auf solche Ueber-lieferungen wenig zu geben. Makrisi meldet, sie habe in einer Stoa, umgeben von vierhundert Säulen, und zwar da gestanden, wo die von Omar verbrannte Bibliothek sich befunden, doch muss auch das bezweifelt werden. Wäre es sicher, so läge darin der Beweis, dass sie die Stelle des Sarapion bezeichne.

Die Katakomben befinden sich am Hafen, westlich von der Stadt, etwa eine Stunde Weges von dem Europäischen Platze. Ihre Ausdehnung ist ungeheuer, aber die Hauptveranlassung zu einem Besuch in dem Labyrinth dieser Todtenstadt von Alexandrien gibt die Eleganz und Symmetrie in einem ihrer unterirdischen Gemächer, in welchem sich Sculpturen vom besten griechischen Geschmack finden, wie man sie im heutigen Aegypten sonst nirgends mehr antrifft.

Andere Alterthümer, die Substructionen von öffentlichen Gebäuden, Tempeln und Palästen, die Reste von Säulen und Pfeilern, die man beim Grundgraben für neuere Bauten gefunden hat, beanspruchen nur das Interesse des gelehrten Forschers. Dagegen liegt ausserhalb der Stadt, vor dem nach Rosette bin mündenden Thore ein auch für uns sehr merkwürdiges Ueberbleibsel aus der Römerzeit. Es ist dies ein im Allgemeinen wohlerhaltenes römisches Lager. Wir sehen ein grosses Viereck, dessen Langseiten gegen 300 Schritte lang sind, während die Breite circa 270 Schritte beträgt. Ziemlich hohe, 6 Fuss dicke Wälle sekliessen es auf allen vier Seiten ein. In der Mitte jeder Seite befindet sich ein 15 Schritte breiter Eingang, der von mehreren runden oder halbrunden Thürmen von 18 Fuss Durchmesser vertheidigt wird. Das Ganze war einst von einem Graben umgeben, welcher von der hart an die nordwestliche Seite grenzenden See mit Wasser gefüllt werden konnte.

Dieses Lager hat eine doppelte geschichtliche Bedeutung. Es bezeichnet die Stätte von Nikopolis oder Juliopolis, wo Augustus die Anhänger des Antonius besiegte, und wo 1832 Jahre später die Engländer von den Franzosen geschlagen wurden.

Alexandrien ist die Vorhalle zu den Wundern Aegyptens. Wie im Alterthume, so ist es auch jetzt in seiner Gestalt wie in seinem Leben ein gemischtes Bild, halb Orient, halb Abendland. Die Pompejussäule erinnert an dieses, die Obelisken mahnen an jenen. Beide aber lassen schon ahnen, was droben im Binnenlande den Reisenden erwartet, in das wir den Leser nunmehr uns zu folgen einladen. Die Pompejussäule, oder wie wir sie jetzt nennen müssen, die Säule Diocletians, hat zu den Hunderten von Minarets, die sich über der Hauptstadt erheben, das Urbild geliefert. Die Obelisken Alexandriens begrüsseu uns als die am weitesten nach Korden vorgerückten Vorposten der Titanenarchitektur Urägypteus.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.

One Comment

Comments are closed.