Bilder aus dem Orient – Beirut


Beirut gehört zu den grössten Städten der Levante und gilt mit Recht auch für eine der schönsten am ganzen Mittelmeer. Wer sie aber in ihrer ganzen Schönheit sehen will, muss sie in einiger Entfernung vom Meere aus betrachten. Sie bildet hier mit ihren gelben Häusern, ihren weissen Minarets, ihrem Castell und ihren Terrassen, zwischen denen einzelne Palmen und allerlei‘ Gärten erscheinen, mit ihren alten Hafenthürmen unten am Strande und mit dem dunkeln Pinienwalde am oberen Ende ein ausserordentlich prachtvolles Panorama. Der Vordergrund das blaue Meer mit zahlreichen Schiffen aller Nationen, im Mittelgrund die amphitheatralisch aufsteigende Stadt, dahinter auf den Vorbergen des Libanon die mit Dörfern besäeten, mit Manlberpflanzungen bedeckten Terrassen des Maronitenlandes, endlich über diesen wie mächtige gelbgraue Wolkengebilde die gewaltigen Bevgniassen des Libanon selbst — in der That ein unvergessliches Bild, das noch schöner wird, wenn der Morgen oder der Abend seine brennenden Farben darüber giesst. Dann findet sich hier alles zusammen, was den Reiz des Morgenlandes ansmacht: Droben glühende Berghäupter, roth oder violett, in der Mitte grünes Land mit Palmen und Cypressen, von welchen süsse Düfte herüberwehen, eine Stadt mit Kuppelbauten und Minarets und daneben zur Rechten in den gelben Sanddünen, welche der Nil nach diesen Küsten herabgeführt hat, eine Erinnerung an die Wüste, rings um unser Boot endlich das weinfarbig schimmernde Meer Homers.

Das Innere von Beirut hat für den, der schon einen Theil des Orients gesehen hat, nichts von Interesse. Es sind dieselben platten Dächer, dieselben imgetünchten Wände, dieselben Ilolzgitterkasten vor den Fenstern wie in Alexandrien. Die Moscheen haben, meist erst vor einigen Jahren erbaut, keinen Kunstwerth, die Strassen sind krumm und laufen ziemlich steil den Abhang hinan. Die Wohnung des Pascha im Castell ist weitläufig, aber eben so wenig durch besondere Zierlichkeit oder Pracht ausgezeichnet als die* übrigen Häuser. Der Grund davon ist, dass die Stadt erst in diesem Jahrhundert -Bedeutung erlangt bat. Früher war Beirut, das Berytos des Alterthums, ein unansehnlicher Flecken, und wenn es jetzt gegen 70,000 Einwohner hat, so erklärt sich dieses im Orient unerhörte Wachsthum fast nur dadurch, dass sich eine grosse -Anzahl von Griechen und Italienern, durch den fortwährend sich steigernden Verkehr Enropa’s mit Syrien angelockt, hier niedergelassen haben. Im vorigen Jahrhundert war Saida, das alte Sidon, der Hanpthafenplatz für den Libanon und Damaskus. Dass es diese Eigenschaft verloren hat, liegt darin, dass Beiruts Hafen grösser und sicherer ist.

Das Treiben in der Hauptstrasse, die sieb unten am Stadtberg hinzigiit,1 ist fast so bunt wie in Kairo, nur sieht man mehr fränkische Trachten, und die Beduinen werden -hier durch die Stämme des Gebirges, Drusen und Maroniten, ersetzt. Die Drusinnen tragen einen eigenthümlichen Kopfputz, Tartur genannt, der einst auch unter den inaronitischen Frauen gebräuchlich war. Es ist diess eine Art spitzer Kegel aus Silberblech, welches schräg wie das Horn eines Einhorns vor der Stirn befestigt wird und bisweilen 3 Fass Höhe hat. Von diesem aus geht quer über den Hinterkopf eine gepolsterte Wulst, an welcher zu beiden Seiten dünne rothe Bänder festgenäht sind, die man unter dem Kinn festbindet. Darüber wird ein weisser Schleier gelegt, der den ganzen Körper einhüllt und vorne mit den Händen zusammengehalten wird.

Ein lohnender Ausflug von Beirut ist der nach dem Schloss von Sibne, wo früher der Fürst des Libanon wohnte. Man reitet dann zum östlichen Thor hinaus und auf sandigem Boden durch einen mit Kaktuswänden eingefassten Hohlweg. Aus diesem herausgekommen, befindet man sich auf einer mächtigen Sanddüne, die von Wind und Meer hier im Süden der Stadt auf-gethürmt worden ist und deren Fortschreiten man durch Anpflanzung des erwähnten Pinienwaldes mit Erfolg zu hemmen versucht hat. Wir bewegen uns eine Strecke am Saum des Waldes hin und erfreuen uns an seinem Schatten und seinem Grün, obwohl er unseren nordischen Wäldern an Frische und Fülle der Vegetation nicht gleichkommt. Jeder Stamm ragt, einige Schritte vom nächsten entfernt, hoch und schlank empor, dazwischen aber ist kein Gras oder Moos, kein Kraut oder Unterholz, nichts als der gelbe Sand der Düne.

Vor den Wald hinausgelangt, sehen wir die Vorberge des Libanon und dahinter diesen selbst deutlich vor uns aufragen. Schroff absinkend, von dunkelblauen Schluchten getrennt, erscheinen in der Nähe und Ferne auf Felsenterrassen eine Menge grüner Oasen im grauen Gestein, wie die schwebenden Gärten der Semiramis. Dazwischen erheben sicli Gipfel mit weissschimmernden Maronitenklöstern oder Burgen von Schecks und Emiren, und an den Abhängen lagern sich graue Dörfer. Allmälig senken sich diese Vorhöhen und verlieren sich in eine wohlbebaute Ebene. Wir hören hier die Brandung des jetzt unsichtbar gewordenen Meeres donnern, in deren wilde Musik sich das Brausen der Pinienwipfel mischt. Der vom Winde aufgejagte Sand der Düne schwebt wie eine rothgelbe Wolke über unseren Häuptern. Züge von Kameelen, Trupps orientalischer Reiter, weissverschleierte Frauen auf kleinen Eseln ziehen, von Damaskus kommend oder dahin gehend, an uns vorüber. Die Ebene, durch die sich ein Fluss mit Oleanderbüschen wie eine rosenrothe Schlange hinwindet, ist mit grauen Oliven- und hellgrünen Maulbeerbäumen bepflanzt; denn Oel und Seide sind die Hanpterzeugnisse dieses Landstrichs. Hier und dort steht eine Gruppe von schwarzen Cypressen, bisweilen schwenkt eine Palme ihre Krone im Winde.

Wir überschreiten wiederholt den Fluss und kommen auf beschwerlicher werdendem Wege nach dem Dorfe Hadet, das mit seinem kleinen Kloster auf einem steinigten Hügel in einer Umzäunung von Kaktus liegt. Auf den flachen Dächern sind Frauen, die sich bei unserem Nahen rasch verhüllen, mit der Ausbreitung von Getreide und dem Trocknen neuverfertigter Thonkrüge beschäftigt. Männer in weissen Turbanen grüssen mit lautem Wort oder stummer Bewegung der Hand, der Brust und Stirn.

Ein gleiches Bild bietet das Dorf Balba, zu dem wir über nackte Felsblöcke emporklimmen. Endlich gelangen wir nach Sibne. Es ist ein weitläufiger unregelmässiger Bau mit platten Dächern, kleinen, oben runden Fenstern und fast ganz schmucklosen Wänden. Treten wir mit einer guten Empfehlung ein, so wird man uns aus dem ersten Hof durch einen Bogengang in einen zweiten und von da über eine Freitreppe in einen einfach möblirten Emplängssaal führen, und Pfeifen, Zuckerwasser und Caffee bringen und die orientalisch gekleideten Damen und Herren vorstellen, welche hier die Zeit mit Nargileh-Rauchen verbringen. Man wird uns dann, nachdem die Frauen tausenderlei Fragen an uns gethan, von denen viele sehr naiver Natur sind, zu Tische einladen und wir werden in lebhaftester Unterhaltung bis tief in den Nachmittag hinein hier verweilen. Bei Tafel geht es sehr einfach zu. Mancherlei Gerichte folgen sich, die Civilisation hat silberne Messer und Gabeln auf den Tisch gelegt, aber sie scheinen mehr zum Schmuck als zum Gebrauch da zu sein, und häufig bemerken wir, dass die kleinen, wohlgeformten Hände der Damen sich von ihnen dispensiren und selbst Gabel und Löffel spielen.

Der Abend naht, im Saale fängt es an zu leuchten wie Sonnenuntergang. Wir treten an eines der Fenster und blicken in ein Paradies hinab. An dem Berghang hinunter, den das Schloss beherrscht, schlingen sich Reben um Cypiessen und Maulbeerbäume, zwischendurch liegen mächtige Kalkblöcke, alles vom goldnen Schein des schwindenden Lichtes umflossen. Vor uns zur Linken schimmern röthlich die Dünen von Beirut, tiefer hinab liegt das dunkelblaue Meer, am Horizont glüht die Sonnenscheibe, an der weisse Segel von Schiffen vornbergleiten. Vor der See und den Dünen, uns näher, breitet sich der dunkle Pinienwald aus, den wir am Morgen passirten, und noch näher windet sich der silberne Fluss durch die Maulbeergärten und Olivenhaine der Ebene. Die weissen Klöster und Castelle der Vorberge, denen der Abend seine rotlien Lichter aufgesetzt hat, erscheinen w ie rubinenbesetzte Silberkronen auf den Häuptern ihrer Felsen.

Mit Wehmuth trennen wir uns von diesem Bilde, das so erhaben und zugleich so lieblich ist. Wir wissen, dass es unter diesem glücklichen Himmel, mit allen Glorien des Lichtes geschmückt, jeden Abend wiederkehrt. Glücklich, wrem das Loos beschieden, es immer zu sehen. I ns, den Wanderern, war es nur einmal zu gemessen vergönnt, und wir müssen uns begnügen, wenn es sich dem Gedächtniss so unvergesslich einprägt, dass wenigstens ein Abglanz der Wirklichkeit uns wdedererscheint, wenn wir Beiruts und des Libanons gedenken.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho
Bilder aus dem Orient – Am Jordan
Bilder aus dem Orient – Mar Saba
Bilder aus dem Orient – Bethlehem
Bilder aus dem Orient – Sichem und Nablus
Bilder aus dem Orient – Nazareth
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2 Comments

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    5. Januar 2016

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