Bilder aus dem Orient – Bethlehem


Ein fast vollkommenes Gegenstück zu der Einöde von Mar Saba ist die Umgebung von Bethlehem. Da liegt sie vor uns, die Geburtsstadt Davids, die nach dem Evangelium auch die Geburtsstadt des Erlösers war, umgeben von Gärten mit Oliven- .und Feigenbäumen, Reben und. Palmen. Ueber ihr zur Rechten sanfte Abhänge ohne Grün, hinter ihr der seltsam geformte Frankenberg, neben ihr zur’Linken Felsensülllüchten und ein Gewirr von Klippen und Gipfeln, zwischen denen in der Ferne der Spiegel des Todten Meeres gelänzt. Die Stadt selbst liegt auf zwei Hügeln die durch eine kleine Senkung getrennt sind, und von denen der westliche das profane Quartier, der östliche das heilige trägt. Dort wohnen die Bürger, hier um das Heiligthum der Geburtsgrotte gruppirt, von einer hohen Mauer mit Strebepfeilern gegen Angriffe der Nichtchristen geschützt, die Mönche der drei Klöster Bethlehems.

Jene Westhälfte hat nichts Sehenswerthes. Ihre Bewohner, mit wenigen Ausnahmen Christen, beschäftigen sich mit Garten- und Feldbau, sowie mit etwas Viehzucht, vorzüglich aber mit Anfertigung von allerlei kleinen Kunstwerken, Perlmutterschnitzereien, Rosenkränzen, Trinkschalen mit dein Bilde des Abendmahles u. s. w., welche meist nach Jerusalem gebracht und dort von den Pilgern als Andenken mitgenommen werden. Das Innere der Stadt, die von fern so anmnthig erscheint, ist düster und schmutzig. Die Einwohner kleiden sich, bis auf einen Deutschen, der sich hierher gewendet hat, um Weinbereitung zu treiben, nach arabischer Sitte.

Hauptziel der Wallfahrer nach Bethlehem ist der östliche Theil der Stadt mit seinen Klöstern, einem lateinischen, einem griechischen und einem armenischen, die mit einander Zusammenhängen. Durch ein enges Thor treten wir in einen gepflasterten und von Säulengängen eingefassten Hof, aus dem uns eine zweite Pforte in das Hauptheiligthum des Ortes, die Kirche Santa Maria de Präsepio führt. Dieselbe ist eine der ältesten und schönsten Kirchen Palästinas, von Justinian erbaut, im zwölften Jahrhundert verschönert und 1842 von den Griechen mit grossen Kosten restaurirt. Hier wurde am Weihnachtstag das Jahres 1101 Balduin zum ersten König von Jerusalem gekrönt. Das Schilf, von grossen Fenstern erhellt, hat in vier Reihen 48 gelbliche Marmorsäulen mit korinthischen Capitälen, die eine Holzdeeke tragen. Die Wände zeigen griechische Inschriften und Spuren von Mosaikbildern. Der Chor, nach Osten gelegen und vom Schiff durch eine Quermauer geschieden, ist drei Stufen höher als dieses und bildet jetzt eine Capelle für den griechischen Gottesdienst. Aus dem südlichen Nebenchor führt eine Treppe in das griechische Kloster, aus dem nördlichen, wo ein den drei Weisen geweihter Altar ist, eine Thür in die den Lateinern gehörige Kirche der heiligen Katharina.

Rechts und links von dem Altar des sehr reich verzierten Mittelchors steigt man auf Stufen in eine unter demselben befindliche Felsengrotte hinab, wo die Legende Jesum geboren sein lasst. Sie hat eine Breite von 12, eine Länge von etwa 40 und eine Höhe von 9 Fuss. Boden und Wände sind mit Marmor bekleidet. Silberne Ampeln und Leuchter erhellen sie. Gerade zwischen den letzten Stufen der beiden Treppen bemerken wir eine Nische mit einem kleinen Altar, unter welchem eine Sonne von Silber und Jaspis mit der lateinischen Inschrift: „Hic de Virgine Maria Jesus Christus natus est.“ Es ist die Stelle, wo Maria entbunden wurde. Ein paar Schritt südlicher befindet sich hinter der Säule, welche die Marmordecke der Hohle trägt, drei Stufen tiefer als der Boden der Geburtscapelle, in einem kleinen viereckigen Raum die Krippe, in die der neugeborne Heiland gelegt wurde — ein etwas ausgetiefter Marmorstein. Vor derselben stehen — als Symbol der drei Weisen aus dem Morgenlande, die einst hier anbeteten — drei grosse Silberleuchter. Alle diese Räume sind reich mit edlem Metall geschmückt, wogegen die Gemälde, die sich hier finden, mit Ausnahme eines Bildes von Giacomo Pahna, nicht viel bedeuten wollen.

Die Umgebung dieser Grottencapelle besteht aus vier kleinen Capellen, welche allesammt heiligen Personen geweiht sind, die in Bethlehem eine Rolle spielten. Da ist zunächst im Westen die Capelle des heiligen Joseph, des Pflegevaters Jesu, dann die Capelle der unschuldigen Kindlein, die auf Herodes Befehl kurz nach der Geburt des göttlichen Kindes ermordet und, wie die Legende weiss, in der hinter dem Altar dieses kleinen Heiligthums befindlichen Höhle beigesetzt wurden. Weiterhin bezeichnet ein anderer Altar die Grabstätte des heiligen Eusebius von Cremona. Dann folgen noch zwei kleine Felsenhöhlen, von denen die nördliche das Studirzimmer eines andern berühmten Kirchenvaters, des heiligen Hieronymus, ist, der hier im vierten Jahrhundert n. Chr. das Alte Testament übersetzte, während die südliche sein Grab enthält. Endlich zeigt man uns noch östlich von hier einen kleinen Altar, welcher über dem Sarge der heiligen Paula steht, jener edlen Römerin, die, nach ihrer von Hieronymus verfassten Grabschrift „aus dem herrlichen Geschlecht der Gracchen und von Agamemnons hohen Stamm entsprossen,“ das goldne Rom verliess, um ihre Tage als Siedlerin neben der Wiege des Heilands zu beschliessen.

Eine Treppe von 23 Stufen bringt uns aus diesem Complex unterirdischer Heiligthümer wieder auf die Oberwelt, und zwar in die bereits erwähnte, recht freundliche Katharinenkirche, die circa 100 Fuss lang und gegen 20 Fuss breit ist. Der Boden derselben besteht aus Marmorplatten, unter den Gemälden, welche Altar und Wände schmücken, sind einige recht gute, auch hat die Kirche eine Orgel.

Mit dem, was die Klostermauer einschliesst, ist das Gebiet der Reliquien und heiligen Stätten Bethlehems noch bei Weitem nicht erschöpft, und wieder nimmt uns die Legende bei der Hand, um auch den Rest zu zeigen. Im Südosten des Klosters bringt sie uns an die Grotte, in der die heilige Familie vor der Flucht nach Aegypten eine Zeit lang sich verbarg, und wo sich in einer mergelartigen Masse am Boden noch Tropfen der Milch finden, welche die Mutter Gottes beim Säugen verlor. Weiter östlich, eine halbe Stunde von der Stadt, geleitet sie uns auf das Feld, wo die Hirten von den Engeln der Vulgata mit dem „Gloria Deo in excelsis“ überrascht wurden. Etwa in der Mitte dieses Platzes liegt ferner von einer Mauer umschlossen und von Olivenbäumen beschattet, die Stelle, wo das Dorf jener glücklichen Hirten stand. Andere Legendenorte, die wir nur der Vollständigkeit wegen erwähnen, sind: die Stelle, wo Joseph den Traum hatte, der ihn zur Flucht nach Aegypten veranlasste, der Davidsbrunnen, das Grab Rahels, die Tenne, wo das schöne Idyll von Ruth und Boas spielte, nicht fern von dem Grabe endlich das sogenannte Erbsenfeld, wo eine Menge kleiner runder Steine den Fluch bezeugen, mit dem Maria die Hartherzigkeit eines Bauern bestrafte, der ihr verwehrte, sich zur Stillung ihres Hungers einige Erbsen von seinem Felde zu pflücken. Kaum war der Fluch ihren Lippen entflohen, als sämmtliche Erbsen sieh in Steine verwandelt hatten.

Ist dieses Wunder nicht sehr nach unserem Geschmack, so sind alle übrigen Reliquien harmloser und heiterer Natur. Die Welt von Bethlehem athmet, während die von Jerusalem uns allenthalben in Charfreitagsstimmung versetzt, die reinste Weihnachtsfreude, und fröhlichen Muthes kehrt man von hier zurück, auch wenn man nicht an alles glauben kann, was die Ueberlieferung zur Verehrung empfiehlt.

Unzweifelhaft echte Alterthümer sind dagegen die Teiche Salomos, ungefähr eine Stunde von Bethlehem, beim Dorfe Alias gelegen. Es sind drei mächtige Bassins, zum Theil in den Felsen gehauen, zum Theil aus Mauerwerk bestehend. Sie liegen stufenförmig am Abhang eines Thaies übereinander und nehmen von oben nach unten an Länge zu. Der oberste hat eine Länge von 380, der zweite von 424, der dritte und unterste von 580 Fuss, die Breite des letzteren beträgt an dem einen Ende 148, am andern 207, die des mittleren dort 160, hier 250, die des obersten hier 229, dort 236 Fuss. Im Winter füllt sie der Regen, der in Palästina sehr reichlich fällt, im Sommer wird die Verdunstung des Wassers durch eine über ihnen entspringende Quelle theil weise ausgeglichen, die für gewöhnlich mit einem grossen Stein bedeckt ist, und die nach der Sage der Mönche diejenige ist, von welcher das Hohelied singt:

„Ein verschlossener Garten ist meine Schwester, meine Braut, ein verschlossener Brunnen, eine versiegelte Quelle.“

Der Vers erinnert an die glänzendste Zeit des Landes, an die heiterste Periode seiner Geschichte, an die amnnthigen Tage Salomos des Weisen und Prächtigen, und so scheiden wir auch von dieser Stelle in der Nachbarschaft des heitern Bethlehem mit Erinnerungen an eine Welt, wo die Eugelchöre hier noch singen konnten:

„Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho
Bilder aus dem Orient – Am Jordan
Bilder aus dem Orient – Mar Saba

2 Comments

  1. […] Siehe auch: Bilder aus dem Orient – Der Orient. Bilder aus dem Orient – Alexandrien Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx Bilder aus dem Orient – Jaffa Bilder aus dem Orient – Jerusalem Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien Bilder aus dem Orient – Jericho Bilder aus dem Orient – Am Jordan Bilder aus dem Orient – Mar Saba Bilder aus dem Orient – Bethlehem […]

    3. Januar 2016

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