Bilder aus dem Orient – Damaskus


Die Berge um Ostabhang des Antilibanon öffnen sich, in der Tiefe erscheint weiss und grün, mit Kuppeln und Minarets, mit silbernen Bächen und dichten Baumgruppen eine orientalische Gartenstadt, Sie verschwindet, taucht wieder auf wie ein Gesicht der-Wüste und verschwindet abermals, um von Neuem zu erscheinen. Es ist Damaskus, die paradiesesduftige. Wir reiten durch hundert Gärten hinein. Rechts und links in malerischer Unordnung Bäume mit Südfrüchten, Gras mit feurigen Blumen, darunter jene  berühmten Rosen, welche die Dichter des Orients so oft zum Gesang begeistert. Hier und da führt der Weg durch förmliche Laubenhallen, allenthalben rauscht es von Quellen und Bächen. So kommen wir in die Stadt, durch Gassen mit unscheinbaren Lehm wänden zur Seite und über einen von allerlei Trachten und Gestalten wimmelnden Bazar vor die Herberge. Wir staunen, dass wir in diesem schmutzigen Lehmhause wohnen sollen. Wir staunen noch mehr, als wir eintreten und im Innern die prächtigste Einrichtung finden, Mannorgetäfel, Springbrunnen,. Wände mit schöner Malerei, hohe luftige Spitzbogenhallen — das Ganze ein Palast ans Tausend und Eine Nacht, reich, bunt, phantastisch über alle Erwartung, ein echter Ausschnitt aus der alten glanzvollen Zeit der Chalifen-IIerrschaft. Und wie unser Gasthaus sind alle besseren Häuser in Damaskus, in irdener Schale ein goldener Kern.

Damaskus ist die älteste Stadt des westlichen Morgenlandes und sammt seiner Umgebung vielfach von Geschichte, Sage und Poesie verherrlicht. Auf dem Berge Kasiun erschlug Kain den Abel, hier, werden die Gräber von Seth und Noah gezeigt, hier bei Dorf Hoba besiegte Abraham den König Kedor Laomor, hier führen uns die Juden in der Dschobar-Synagoge zu der Stelle, wo Elias von den Raben gespeist wurde und wo er Hasael zum König von Syrien salbte, hier endlich auf dem Maidan wohnte der Apostel Paulus in den Tagen seiner Bekehrung. Und nicht weniger heilig ist die Stadt den Moslemin, da hier die Chalifen des Umajaden-geschlechts residirten und hier die Gräber des Nureddins, Saladins und des grossen Mamelukensultans sind.

Das heutige Damaskus hat, wie alle alten Städte der Levante, viel von seinem frühem Glanz verloren, und die schönen Bauten der Sarazenenzeit gehen auch hier von Jahr zu Jahr mehr dem Verfall entgegen. Dennoch ist es mit seinen hundertundfünfzigtausend Einwohnern noch immer eine grosse Stadt, und noch immer sieht man eine beträchtliche Zahl schöner alter Bauwerke und wundersamer morgenländischer Schauspiele. Die Stadt ist in acht Mahalles oder Quartiere getheilt von denen jedes wieder in drei Abtheilungen zerfällt. Eines der Quartiere, Salahije genannt, ist ganz von Kurden bewohnt. In einem andern haben sieh zahlreiche Drusen angesiedelt, wieder in einem anderen gegen achttausend Juden. Christen sollen sich hier gegen fünfzehntausend befinden, wenigstens vier Fünftel der Einwohner aber gehören dem Islam an.

Moscheen soll Damaskus an fünfhundert haben. Die grösste und schönste ist die Umajaden-Moschee, nur Schade, dass wir als Christen sie nicht betreten dürfen und dass selbst von ihrem Aeussern, da Häuser und Basare sie dicht umgeben, nur ein Theil zu sehen ist. Sie war, wie man schon an ihrem hohen schrägen Schieferdach bemerkt, einst eine christliche Kirche und Johannes dem Täufer geweiht, dessen Haupt im Grundstein liegen und dessen Grabmal im Innern des Baues noch jetzt zu sehen sein soll. Durch den Chalifen Omar wurde im Jahre 14 der Hedsehra die eine Hälfte der Kirche zur Moschee umgestaltet, die andere blieb den Christen, bis auch sie, etwa 70 Jahre später, von dem Chalifen Welid dem Ersten durch Kauf in den Besitz der Moslemin kam. Im Jahre 1400 n. Chr. wurde sie von dem Mongolen Tiinurs in Brand gesteckt, litt aber ihres massiven Baues wegen nur wenig. Die Pracht des Innern mit den Säulen und Kuppel Wölbungen wird als überaus glänzend geschildert. Nach Benjamin von Tudela wäre von ihren Mauern eine wie durch Zauber ganz von Glas aufgeführt, was aber nur so zu verstehen Dt, dass dieselbe mit einem grossen Mosaikbilde aus farbigen Glasstiften bedeckt ist —- eine Arbeit, welche die Mohammedaner, deren Religion alle Bilder von lebenden Wesen als zum Götzendienst führend verbietet, so hoch sie mit Leitern gelangen konnten, mit Kalk überstrichen haben. Nach demselben Reisenden hätte die Moschee so viele Fenster, als das Sonnenjahr Tage hat, und diese wären in zwölf Grade eingetheilt, so dass die Sonne in jeder Stunde einen anderen Grad beschiene und man genau wissen könne, welche Tageszeit es sei. Auch dies ist nicht richtig, die Moschee hat allerdings viele Fenster, aber dieselben sind weder so zahlreich, noch so abgetheilt, wie der berühmte jüdische Pilger berichtet. Die Mohammedaner glauben, dass einst, am Ende der Tage, der Antichrist, den sie sich als schreckliches Ungeheuer vorstellen, erscheinen und alle an Gottes Einheit Glaubenden bis auf ein kleines Häuflein in Jerusalem vernichten werde. Dann aber, wenn diese in der grössten Noth sein werden, werde plötzlich der Messias vom Himmel herabsteigen, sich zuerst auf dem östlichen Miuaret der Umajaden-Moschee der Welt zeigen, darauf zur Erde kommen, den Antichrist besiegen und das tausendjährige Reich stiften.

Die Bewohner von Damaskus sind sehr fanatische Mohammedaner, wozu die Abgelegenheit der Stadt von dein Verkehr mit Europa und die grossen Karawanen der Mekkapilger beitragen, welche hier alljährlich Tausende eifriger Moslemin aus dem Innern Syriens und Kleinasiens durchpassiren lassen. Moscheen zu betreten ist also nicht erlaubt. Dagegen steht es uns frei, fleissige Gänge durch die Basare zu machen, die sich in der Regel um die Khane oder Karawanen-Speicher gruppiren. Treten wir in einen der letzteren, etwa in den Khan Assad, so sehen wir einen grossen viereckigen Hof, der mit Marmorplatten gepflastert ist und einen oder mehre Springbrunnen hat. Um denselben erheben sich in Stockwerken mit Säulengängen die mit Kuppel räumen im prächtigsten alten Styl erbauten Lager und Läden der Kaufleute. In den grössten dieser Khane haben zweitausend Kameele und fünftausend Menschen Raum. Die Bogengänge hallen wieder von dem Ruf der Verkäufer, Massen von Käufern wandeln durch sie hin. Eine grosse Karawane, soeben von Bagdad eingetroffen, packt ihre Kisten und Ballen unter dem Zudrange des neugierigen Volkes aus. Eine andere harrt noch vor dem Eingänge des Khans, und in endlos langer Reihe stehen ihre Kameele in den Gassen des Basars. Eine dritte wird niemals ankommen, da, wie die Führer der zweiten den Umstehenden erzählen, die Beduinen der syrischen Wüste Kameele und Waaren derselben geraubt haben.

Die Basare mit ihren Buden und Verkaufsnischen gleichen im Wesentlichen denen von Kairo. Alle sind bunt wie der Geschmack des Morgenlandes, manche auch entfalten eine Fülle von Kostbarkeiten. Hier zeigen Gold- und Silberschmiede ihre geschmackvollen, reich mit Edelsteinen besetzten Arbeiten. Dort im Waffenbasar blitzt es von Mordwerkzeugen der verschiedensten Art: krummen Säbeln, Yataghanen, persischen Dolchen und langen mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegten Flinten. Da gibt’s kurdische und syrische Teppiche, indische Shawls, um den Turban zu winden. Die Kleiderhändler bieten reiche golddurchwirkte Seidenstoffe und bunte Reihen von Mänteln für vornehme Effendis, grobwollene Beduinengewänder und daneben Anzüge für die türkischen Beamten, die europäische Uniform tragen. In anderen Basaren erscheinen Ilunderttausende von hellgelben Lederstrümpfen neben anderen Hunderttausenden von rothen Schnabelschuhen. Wieder andere Basargassen senden uns den Duft von allerlei Specereien, wohlriechenden Essenzen, aromatischen Oelen und Wassern entgegen. Besondere Betrachtung endlich verdienen die kunstreichen Arbeiten der Sattler und Riemer von Damaskus, die mit ihren Silberbeschlägen, ihren Gold- und Perlenstickereien in ganz Syrien und Arabien geschätzt sind.

Zur Seite laden Kaffeeschenken durch das Geplätscher ihrer Springbrunnen zur Einkehr ein. Ausrufer schreien die berühmten Aprikosenkuchen der Damaszener Bäcker, die verschiedensten Früchte und vor Allem Scherbet aus, in das von einer hohen um einen Eisenstab gelegten Säule Schnees kleine Scheiben zur Kühlung gelöst werden. Der Schnee kommt vom Antilibanon, dessen weisse Gipfel in das Gewühl dieser heissen Gassen herabschauen, als •wollten sie durch ihr blosses Erscheinen kühlen.

Aber wie viel Eigenthümliches wir auch in den Strassen antreffen, die Schönheit von Damaskus liegt immer im Innern der Häuser und Höfe. Erst hier verstehen wir ganz das Entzücken der Reisenden, die vor uns hier waren, erst hier begreifen wir den arabischen Geographen, der sie „den farbigen Hals der Ringeltaube“ und „das Gefieder des Paradiesespfauen“ nannte.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho
Bilder aus dem Orient – Am Jordan
Bilder aus dem Orient – Mar Saba
Bilder aus dem Orient – Bethlehem
Bilder aus dem Orient – Sichem und Nablus
Bilder aus dem Orient – Nazareth
Bilder aus dem Orient – Am See Genezareth
Bilder aus dem Orient – Beirut

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