Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif


Das dritte Bild des vorigen Abschnittes führte uns vor die südliche Mauer des Tempelplatzes. Das jetzige lässt uns vom Dache eines der Häuser am Stephansthor über die nördliche blicken. Vielen ist nur dies vergönnt, da die arabischen Wächter an der Pforte, in der Regel jeden Ungläubigen vom Eintritt in diesen Raum abhalten, der ihnen das Haram Esch Scherifl das fürstliche Heiligthum ist. Wir kehren uns ln frcdaukcn so wenig an sic, als der Verfasser dieser Mittheilungen in der Wirklichkeit sich an siezu kehren hatte.

Ein hochgewölbter Gang führt uns auf einen freien Platz, der, im Norden und Westen von Gebäuden umgeben, ein längliches Viereck bildet. Er ist grossentheils mit Gras bewachsen. Hier und da sieht man Olivenbäume und Cypressen, Gräber von mohammedanischen Heiligen, kleine Kuppelpavillons und Bäder. In der Mitte ungefähr erhebt sich auf einer Plattform, zu welcher von allen vier Seiten breite Stufen hinauf führen, eine Moschee im edelsten sarazenischen Styl, im Hintergründe, nach Süden zu, wird etwas tiefer eine zweite sichtbar. Jene ist die berühmte Omar-Moschee, diese die Aksa.

Die Omar-Moschee ist nicht, wie die Sage will, von Omar, dem dritten Chalifen, sondern von einem der Nachfolger desselben, Abd El Melik, erbaut und wahrscheinlich im Jahre 686 unserer Zeitrechnung vollendet, ein bewundernswerther Prachtbau, der aus zwei Theilen, einem oberen und einem unteren besteht. Der untere ist ein Achteck, dessen Wände unten mit hellfarbigen Marmorplatten, oben mit blauen, grünen, rothen und weissen Ziegeln belegt und von Spitzbogenfenstern durchbrochen sind. Den Fries der Wände verzieren Koransprüche in arabischer Goldschrift. Ueber diesem Achteck, welches einen Umfang von etwa 540 Fuss hat, erhebt sieh der cylinderförmige Oberbau, welcher eine mit Blei gedeckte Kuppel trägt und einen beträchtlich geringeren Durchmesser hat, als der Unterbau. Auf der Kuppel glänzt der goldene Halbmond des Islam, die 52 Fenster der Moschee haben buntes Glas, die 4 Portale, von denen das östliche Thor des Propheten David, das nördliche Thor des Himmels heisst, sind mit schönen Marmor- und Porphyrsäulen geschmückt, die Glasur der bunten Ziegel an den Wänden schimmert prächtig im Sonnenglanz.

Das Innere, durch die farbigen Fenster magisch beleuchtet, zerfällt in einen äusseren und einen inneren Kaum; jener wird nach aussen von den weissen Marmorwänden, nach innen von 16 korinthischen Säulen und den Wandecken gegenüber von 8 Pfeilern begrenzt, welche Kund-bogen über sich haben. Den inneren Kaum begrenzen 12 Säulen, ebenfalls korinthischer Ordnung, und 4 Pfeiler, welche die Kuppel tragen. Die Decke über dem Kundgang zwischen der äusseren und der inneren Säulen- und Pfeilerreihe ist eben, aber in verschiedene Felder mit reicher Goldverzierung getheilt. Die Kuppel zeigt auf grünem Grunde goldene Arabesken und Sprüche. Unter ihr liegt, von einem zierlichen vergoldeten Gitter umgeben und mit einer grün und roth schillernden Decke von schwerem Seidenstoff belegt, der heilige Stein, nach welchem die Moschee auch die Sakhra genannt wird. Es ist ein 5 Fuss hoher, etwa 30 Fuss langer und ungefähr 25 Fuss breiter unbehauener Kalkblock, der nichts anderes als eine hervorstehende Klippe des Tempelplateaus ist, und unter dem sich eine Höhle befindet, in welche man auf der südöstlichen Seite auf einer kleinen Treppe hinabsteigt. An den Wänden dieser „edlen Höhle der Moslemin“ sieht man mehre Nischen, auf dem Boden erblickt man eine Marmorplatte, welche eine zweite tiefere Höhle verschliesst.

Der Steinblock ist eines der grössten Heiligthümer der islamitischen Welt und als solches das Ziel von vielen Wallfahrern und der Gegenstand von allerlei wundersamen Legenden. An ihm gesprochen ist jedes Gebet doppelt wirksam, auf ihm wollte Abraham seinen Sohn Isaak schlachten, er ist vom Himmel gefallen, als zu Jerusalem die Prophezeiung begann, er wollte, als bei der Zerstörung der Stadt die Bekenner des einigen Gottes flohen, wieder gen Himmel aufsteigen, aber der Engel Gabriel hielt ihn so lange auf, bis Mohammed kam und ihn für immer befestigte, u. s. w. Auch die Juden wissen viel von ihm zu berichten, und wenn wir ihnen nicht glauben, dass aus ihm die Welt geschaffen worden, so lässt sich die Behauptung, dass er die Tenne Arafnas, des Jebusiters, und später der Stein gewesen, auf welchen der Hohepriester bei grossen Festen seine Räucherpfanne gestellt habe, recht wohl hören; denn man steht hier ohne Zweifel auf der Stelle, wo einst der Tempel sich erhob, welcher das grosse Nationalheiligthum Israels war.

Auch die Höhle enthält nach dem Glauben der Moslemin grosse Heiligthümer. In ihren Nischen haben David und Salomo gebetet, und die Platte auf ihrem Boden verschliesst den Birre Ruah, den Brunnen der Seelen, d. h. den Eingang in die Unterwelt. Dem Archäologen ist sie eine alte Cisterne, die sich wahrscheinlieh schon unter jener Tenne Arafnas befand, und der Brunnen der Seelen mag einer Wasserleitung oder Schleuse des Tempels angehört haben.

Die Aksa-Moschee, von den Juden Midrasch Schelomo genannt, ist ein sehr grosses Gebäude, welches eine Fläche von ungefähr fünftausend Quadratfüss bedeckt und eigentlich eine Vereinigung von fünf Moscheen ist. Der Hauptkörper ist eine vom Kaiser Justian erbaute und der Gottesgebärerin geweihte Basilika, welche von dein Chalifen Abd El Melik in eine Moschee umgestaltet wurde. Das Aeussere dieses Baues hat wenig Interesse. Sieben Türme führen von der Nordseite in das Innere, welches aus einem grossen Mittelschiffe und je drei eben so langen Seitenschiffen auf beiden Seiten besteht. Die 45 Säulen und Pfeiler, welche diese Abtheilungen bilden, sind theils römischen, theils sarazenischen Ursprunges, meist dick und plump und gleich den Wänden einfach weiss getüncht, auch wo sie von Marmor sind. Ihre Capitäler tragen gewaltige Architrave, über denen sich bis zur flachen Decke hinauf Bundbogen spannen. Am südlichen Ende des Mittelschiffes befindet sich eine Art Chor mit einer Kanzel, über dem sich eine Kuppel wölbt, durch welche zwei Reihen mit Glasmalereien geschmückter Fenster farbige Lichtstrahlen in das unter ihr herrschende Halbdunkel fällen lassen.

Der Boden, auf dem diese Moscheen stehen, der Platz, der sie umgibt, ist eine Stätte der höchsten Bedeutung, ein Ort der erhabensten und traurigsten Erinnerungen. Hier erhob sich Salomos Tempel mit seinem Allerheiligsten. Hier ertönten die Psalmen Davids, die Lieder für Jeduthun, die Hymnen der Kinder Korali, der Gesang vom goldenen Rosenspahn. liier wohnte über der Bundeslade, zwischen den Flügelspitzen der Cherubim, Jahve, der Gott Israels. In den Colonnaden, die später den Platz umgaben, wandelte Jesus mit den Jüngern. Auf dem

Gipfel des Oelberges, der dort über die Mauer blickt, weissagte er die Zerstörung, die bald nach ihm über dieses Ileiligthum hereiiibreehen sollte. Auf dem Tempelplatze war’s, wo die letzten Kämpfer der grossen jüdischen Revolution unter dem weltbelierrschenden Schwerte Roms blutend verstummten. Hier würgten sich in grausigem Gemetzel Kreuzfahrer und Sarazenen, bis der Islam endlich das Kreuz verdrängte. Der heilige Berg der Friedensstadt war Jahrhunderte hindurch mit geringen Unterbrechungen der Schauplatz des furchtbarsten Streites. Wolke auf Wolke, Strom auf Strom wälzten sich die Völker aller Länder über ihn hinweg. Flammen umloderten ihn, Blutbäche rieselten zwischen seinen Ruinen, bis der Vulkan, den sein Schoos barg, ausgetobt hatte.

Es ist jetzt still auf dem Moriah, sehr still. Nur der Mueddin, der vom Minaret der Aksa zum Gebet ruft, und die Kinder der Rechtgläubigen, die auf den Rasenplätzen der Saklira spielen, unterbrechen die feierliche Ruhe, die über das alte Schlachtfeld gebreitet ist. Das Weinen und Klagen der Juden drunten an der Westmauer dringt nicht herauf. Ihre Gebete um W iederkehr der alten Herrlichkeit werden nicht gehört — sie rufen um Trost und Hilfe zu tauben Steinen. Der Heilige Israels hat seine Wohnung verlassen, und nie wieder wird ein Hohepriester seine Räucherpfanne auf den heiligen Felsen stellen.

Der Platz ist ein Friedhof geworden und wird es bleiben. Die Cypressen, die zwischen den Moscheen sich erheben, bedeuten jede ein Grab von Tausenden, die hier das Schwert frass. Die rothen Mohnblumen, die im Grase leuchten, sind Sprösslinge der Blutstropfen, die immer und immer wieder diesen Boden benetzten. Die Krieger, die sie vergossen, sind hinabgestiegen in den Brunnen der Seelen. Oelbäuine, deren Zweige das Symbol des Friedens sind, bilden den Hauptschmnck des Platzes.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
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