Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien


Wieder nimmt uns die Legende an die Hand, diesmal, um uns zum Stephansthor hinaus zu führen. Hart vor demselben treffen wir die Stelle, wo der christliche Märtyrer, der dem Thor den Namen gab, von den Juden gesteinigt wurde. Nicht weit davon ist der Stein, von dem Maria der Hinrichtung zuschaute, ein paar Schritt weiter herauf der kleine Teich, in dem sie zu baden pflegte, auf dem Loden, des Thales endlich die Grottenkirche, in welcher sie von den Aposteln begraben wurde, um nach drei Tagen ins Paradies entrückt zu werden.

In die Grabkirche der Maria führen 48 breite Marmorstufen hinab. Der Eingang zu dieser Treppt ist ein schöner Spitzbogen. Auf der Mitte derselben zeigt man uns in zwei Nischen oder Seitencapellchen die Gräber der Eltern Marias und das des Joseph. Von der letzten Stufe tritt man in einen viereckigen Kaum, der nach Osten über die Breite der Treppe hinausgeht und hier einen Altar hat, an dem ein Sarkophag, bedeckt mit einer weissen, schwarzgeäderten Marmorplatte, als das Grab der allerseligsten Gottesmutter, der Verehrung der Gläubigen ausgestellt ist. Eine Menge von Hängelampen, Leuchtern, Strausseneiern und ähnlichem Schmuck und Zierrath bezeugen, wie gross diese Verehrung zu allen Zeiten gewesen ist.

Nicht fern von hier ist die unterirdische Höhle, in welcher Jesus in der Nacht seiner Gefangennehmung Blut schwitzte, jetzt eine kleine Capelle mit drei Altären, an welchen die Franciskaner des Salvatorklosters fleissig Messe lesen. Einige Schritte südlich von hier umschliesst eine Mauer einen viereckigen Garten mit acht alten Oelbäumen und wohlgepflegten Beeten von Rosen, Rosmarin und anderen Blumen. Ein Mönch öffnet uns die kleine Pforte, und wir stehen auf dem Boden von Gethsemane. Die Olivenbäume haben zwar gewiss nicht, wie der gute Frater uns sagt, das Leiden des Herrn gesehen, sie mögen drei bis vierhundert Jahre zählen. Die Mauer wurde erst vor einigen Jahren aufgeführt, und die Anlagen des Gartens sind ebenso neuen Datums. Dennoch ist nicht zu zweifeln, dass Gethsemane in dieser Gegend des Kidronthales sich befand, und da es gleichgiltig ist, ob ein paar Schritt weiter nach rechts oder links, so nehmen wir gern den Strauss und das Olivenzweiglein an, die uns von dem freundlichen Führer zum Andenken an diesen Besuch übergeben werden. Vor der Gartenthüre deutet die Legende auf einen Felsblock als denjenigen, an Avelchem Jesus die Jünger zurückliess, als er sich zum Gebet in die Grotte begab. Ein Stückchen höher den Oelberg hinauf liegt die Höhle, in der er sie bei seiner Zurückkunft eingeschlafen fand. Wieder eine kleine Strecke von hier küssen die Pilger den flechtenbekleideten Stein, wo Judas ihn mit einem Kuss verrieth.

Ein vielgewundener Pfad führt auf den Mittelgipfel des Oelberges, der sich etwa fünfhundert Fuss über die Sohle des Kidronthales und ungefähr halb so hoch über die niedrigsten Theile von Jerusalem erhebt. Die Aussicht nach Westen hin ist schon in einem früheren Abschnitte beschrieben. Die nach Süden und Osten ist nicht weniger schön und bedeutungsvoll. Sahen wir dort die Stadt mit ihren Heiligthümern, die Kuppel und den verfallenen Glockenthurm des heiligen Grabes, den Moscheengarten auf Moriah, den Tempelberg, den Davidsthurm und dahinter die Berggipfel von Judäa und Samaria, so erscheinen hier über den grauen Wüstenhügeln des Vordergrundes die schroffen Felsenkämme des Moabiterlandes, des Morgens rosenroth, überhaucht mit lichtblauen Schatten, am Tage in das einfache Graublau aller Ferne gekleidet. In der tiefen weiten Senkung unter ihnen aber zieht sich durch gelbes Wüstenland der dunkelgrüne Streif eines Flusswaldes hin, glänzt weiter südlich der blaue Spiegel eines grossen Landsees. Der höchste jener Berge im Südosten ist der, von welchem Moses zum ersten und letzten Male das gelobte Land überschaute. Der dunkelgrüne Waldstreif beschattet mit seinen Wipfeln die heilige Flutli des Jordan. Der blaue Landsee ist das Todte Meer.

Den Gipfel des Oelberges bedeckt ein ärmliches Dorf von etwa zwanzig Hütten, in dem sich das Minaret einer Moschee und daneben eine kleine achteckige Capelle befinden, die sehr schmucklos ist und nur durch die Thüre Licht erhält, aber eine sehr hochverehrte Reliquie einschliesst. Sie bedeckt nach alter Tradition die Stelle, von welcher der auferstandene Christus gen Himmel fuhr, und wer daran zweifelt, dein zeigt man nicht weit von der Thüre der Capelle einen gelblichen Kalkstein mit einer Vertiefung, welche wie der Abdruck eines rechten nach Mittag hingerichteten Menschenfüsses aussieht. Es ist, so erklärt die Legende, die Spur des Herrn, der von diesem Stein sich erhob, um fortan zur Rechten des Vaters zu sitzen.

Vom Mittelgipfel des Oelberges steigen wir nach dem eine Viertelstunde von hier auf dem südöstlichen Abhange des Berges gelegenen Bethanien hinab, welches jetzt nach dem von Johannes berichteten Wunder Einsarijeh, Lazarushausen heisst. Das Dorf selbst ist hässlich, halb Ruine, halb Kothhaufen. Dagegen ist die Umgebung mit ihren Getreidefeldern, ihren Oliven-, Feigen- und Mandelbäumen ein recht anmuthiges Bildchen. Die Einwohner sind Mohammedaner. Die christlichen Kirchen und Klöster, mit denen das Mittelalter den Ort schmückte, liegen in Trümmern, doch weiss die Legende, unsere Führerin, in dem Schutt noch manche Reliquien alter Zeit zu finden und zu deuten.

Auf einer Anhöhe im Südwesten des Dörfchens kommen wir zur Ruine eines grossen Gebäudes, dessen Mauern mit ihren mächtigen, fugengeränderten Quadern auf ein hohes Alterthum zurück weisen. Die gelehrte Forschung meint darin das Gebäude zu sehen, welches im zwölften Jahrhundert von der fränkischen Königin Melesendis für das Kloster angekauft wurde, das sie hier gründete. Wer es erbaut, ist unbekannt. Die Ueberlieferung der Mönche erblickt in ihm das Schloss, in welchem Lazarus, der Freund Jesu, mit seinen Schwestern Martha und Maria gewohnt habe.

Eine andere Ruine soll das Haus Simons des Aussätzigen sein. Ferner zeigt man uns im Osten des Ortes einen Stein, an welchen schon die Zeit der Kreuzfahrer die Begegnung des Heilandes mit Martha, die im elften Capitel des Johannesevangeliums berichtet wird, verlegen zu dürfen meinte.

Von grösserem Interesse ist das sogenannte Grab des Lazarus, welches ohne Zweifel eine Bejrräbnissstätte des Alterthums ist. Dasselbe befindet sich im Nordwesten des Dorfes und gehört einem Feliah, der gegen Bakschisch, mit einem AVachsstock versehen, den Pilgern als Führer in dem unterirdischen Raume dient. Ein viereckiges Loch lässt uns auf eine schmale Treppe hinabblicken. Das Licht voran, steigen wir auf fünfundzwanzig steinernen Stufen in ein Felsengewölbe hinab, wo ein kleiner Maueransatz in einem Winkel als Altar dient, und aus dem wir über zwei sehr hohe Stufen nicht ohne Beschwerde in einen tiefer gelegenen, etwa sieben Fuss langen und ebenso breiten Raum gelangen. Hier war nach der Ueberlieferung die Stätte, wo Lazarus lag, als Jesu Stimme ihm das erweckende

„Lazarus, komme heraus!“

zurief.

Nicht blos die Christen, sondern auch die Moslemin halten die Stelle heilig, und zwar schon seit Jahrhunderten. Eine zu Ende des zwölften Jahrhunderts zur Moschee umgewandelte kleine Kirche enthielt früher das Lazarusgrab als unterirdische Capelle. Diese Moschee grenzt noch heute unmittelbar an die Grabhöhle, und war einst auch den Christen geöffnet. Als die mohammedanischen Besitzer derselben aber immer mehr Schwierigkeiten machten, den Andersgläubigen den Zutritt in ihre Moschee und durch diese in das Grab zu gestatten, wurde der jetzige Zugang angelegt. Wenn also die Gruft überhaupt echt wäre, so könnte wenigstens Jesus nicht hier im Osten gestanden haben, als er das Auferstehungswunder vollbrachte.

Indess sind alle solche Fragen ziemlich müssig. Es ist genug an den unzweifelhaft echten Alterthümern Jerusalems und seiner Umgebung. Das Bewusstsein, hier allenthalben auf einem Boden zu stehen, auf dem der Herr gewandelt, wird auch den, welcher nicht an alle einzelnen Reliquien glaubt, in gerührte Stimmung versetzen und erhabene Erinnerungen wecken. Im Uebrigen aber ist der Geist nicht an Holz und Stein gebunden, und der Himmel überall Himmel und überall gleich fern für den Gottlosen, gleich nah für den Frommen und Gerechten. Das heilige Land ist eine ungeheure Kirche, Jerusalem sein Chor, das heilige Grab sein Hochaltar. Aber ein edles Gemüth kann auch ausser der Kirche und fern vom Altar sich erbauen, sich heiligen und bei Gott sein.

Es ist das eben keine neue Wahrheit. Indess wird sie von Wallfahrern aller Glaubensgenossenschaften so häufig ausser Acht gelassen, dass, sie zu erwähnen, auch hier nicht unangemessen schien.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem