Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo

Unmittelbar über der Dschami Sultan Hassans, inmitten der Kasernen und Regierrungspaläste der Citadelle von Kairo erhebt sich eine Moschee, an der die Gegenwart zu zeigen versucht hat, was sie in der Kunst vermag. Sie fordert gleichsam zum Vergleich mit jenem alten Bau heraus. Aber wie vortheilhaft auch ihre Lage auf der Höhe ist, auf welcher sie wie die Krone der Stadt von fern schon schimmert, wie stolz sich ihre mächtigen Backsteinkuppeln wölben, ihre vier schlanken Minarets in den blauen Himmel emporstreben, wie schön der gelbe Alabaster von Tel El Amarna ist, aus dem sie erbaut wurde, und wie verschwenderisch Glaser und Vergolder, Wandnialer und Teppichwirker sie schmückten, der Vergleich fallt zu Gunsten ihrer alten halbverwitterten Nebenbuhlerin in der Tiefe aus, der sie auch an Grösse nachsteht. Tn einem Winkel der Alabastermoschee, nicht fern der Kanzel, liegt unter einem hohen Marmormonument ohne Inschrift ihr Erbauer begraben — Mehemed Ali, der grosse Nebenbuhler Sultan Mahmuds II., der Vertilger der Mameluken.

Wie einst jeder Pharao sich noch bei Lebzeiten seine Grabpyramide baute oder seine riesige Felsengruft sich höhlte, begann auch Mehemed Ali lange vor seinem Ableben schon für die Stätte zu sorgen, wo er einst zu ruhen gedachte von seinen Unternehmungen. Dass er dazu gerade diese Stelle wählte, beweist, dass der alte Herrscher sich über die Art, wie die Mameluken umkamen, nicht beunruhigt fühlte. Seine Grabmoschee steht hart neben dem Hofe, wo er die Häupter dieses unbotmässigen Adels Aegyptens am 1. März 1811 von seinen Anmuten zusammen-schiessen Hess. Er hatte die Mamelukenbeis zu einer grossen Festlichkeit auf die Citadelle geladen. Sie stellten sich in Masse ein, wurden freundlich empfangen und freuten sich arglos der dargebotenen Genüsse. Nachdem das Fest geendet, zieht sich der Pascha in seine Gemächer zurück, und die Beis besteigen im Hofe ihre Pferde, um ebenfalls heimzukehren. Aber siehe da, alle Thore der Burg sind geschlossen, und plötzlich beginnt es aus allen Fenstern von Flintenschüssen zu krachen. Ein Kreuzfeuer wirft die Fürsten sainint ihren Possen nieder. Vergebens suchen sie sich zu wehren, umsonst zu fliehen. Endlich wird es still — vierhundert und neuii-unddreissig Leichen liegen auf dem blutgetränkten Sande des Citadellenhofes.

Nur einem einzigen der Fürsten, Emin Bei, gelang durch einen kühnen Sprung die Flucht aus diesem Gemetzel. Entschlossen setzte er wie der böhmische Bitter II orimir vom Prager Hradschin über die Brustwehr des Platzes und die Felsen unter derselben hinab, keine der ihm nachgesandten Kugeln erreichte ihn, und glücklich entkam er nach Oberägypten. Die Stelle aber, wo er sein Boss in die Tiefe hinabspornte, wird noch heute gezeigt.

Die Moschee bestellt zunächst aus einem offenen Hofe mit Säulenhallen an der westlichen, südlichen und nördlichen Seite. Die Mitte des Hofes zeigt ein sehöues Brunnenhaus, die westliche Umfassungsmauer einen Thurm mit einer arabischen Uhr. Im Osten führt eine hohe Pforte in die eigentliche Moschee, die aussen von vier sehlanken Minarets wie von vier gewaltigen Kerzen überragt wird, während sieh über die Mitte des Gebäudes eine grosse Kuppel wölbt, neben der mehre kleinere emporschwellen. Die inneren Wände sind mit Alabastertafeln von der Farbe leicht aiigerauchten Meersehaums bekleidet, die Kuppeln sehimmern von kunstreichen Arabesken in Grün, Roth und Blau mit Gold, dureli das bunte Glas der Fenster fällt in den halbdunkeln Raum ein magisches Licht.

Der Palast des Vicekönigs und die Gebäude der verschiedenen Ministerien und Kanzleien, die sieh nieht fern von der Moschee der Citadelle befinden, die Kasernen und Festungswerke dieser Zwingburg Kairos bieten nur geringes Interesse. Von der Wohnung Saladins sind nur noch einige Mauerreste übrig. Der uralte Josephsbrunnen, den man nieht weit von der Ruine des Saladinspalastes trifft, hat nichts mit dein keuschen, klugen und glücklichen Sohne des Patriarchen Jacob zu sehaffen, sondern heisst eigentlieh Jussuffsbrunnen und erinnert mit dieser Bezeichnung an den Vornamen Saladins, der ihn im zwölften Jahrhundert unserer Zeitrechnung reinigen liess. Der Brunnen selbst schreibt sich ans altägyptischer Zeit her, war aber bis auf die Zeit des grossen Sarazenensultans mit Sand gefüllt und fast völlig verschwunden. Er besteht aus einem obern und einem untern Sehacht und ist 260 Fuss tief durch den Kalkfelsen bis hinab auf die Höhe des Nilspiegels getrieben. Eine von dem Sehaeht ihr Licht erhaltende Wendelgalerie geht bis auf den Grund der ersten Abtheiluiig, wo in einer kleinen Felsenkammer ein Pferd das grosse Rad dreht, welches beständig eine Anzahl mit Wasser gefüllter Eimer aus dem untern Raume heraufwindet. Das Wasser wird in ein geräumiges Becken gegossen und aus diesem durch eine zweite Kette von Eimern hinauf an das Tageslicht befördert. Von einem Araber mit einer Kerze oder Fackel begleitet, steigt man in den ersten Sehaeht hinab und trinkt von der frisehen klaren Fluth.

Blicken wir oder wandern wir von der Citadelle nach Nordwesten hinab, so treffen wir die grosse Gräberstadt Kairos, die Nekropole der Mamelukenkönige, welche von 1382 bis 1517 über Aegypten herrschten. Eine weite Fläche ist mit den edelsten Proben altsarazenischen Baustyls bedeckt. Neben jeder Sultansgruft steht eine kleine Moschee mit Kuppel und Minaret. Die Kuppeln sind mit dem zierlichsten steinernen Netzwerk überspannt, präehtige Portale, reizende Nischen, Rosetten, Säulenbündel und anderer architektonischer Sehmuck erfreute, einst mit bunten Farben bemalt, und erfreut noch jetzt das Auge des Kunstfreundes. Doch nimmt der Verfall von Jahr zu Jahr mehr überhand. Viele der Minarets sind zusammengestürzt, die llallenhöfe vor den Grüften weggerissen, die Ornamente beschädigt, die Farben verbliehen oder verwischt, und die ganze grosse Nekropole ist verrufen als nächtlicher Aufenthalt von allerlei losem Gesindel, dem innerhalb der Stadtthore die Polizei Herberge zu suchen wehrt. Wird diesem Verfall nicht Einhalt gethan — wofür bei dem geringen Interesse der ägyptischen Regierung an den Alterthümern ihres Landes wenig Aussicht ist — so ist zu fürchten, dass am Ende dieses Jahrhunderts schon diese praehtvoHe Todtenstadt nichts mehr als ein Haufe trostloser Ruinen sein wird.

Die Europäer bezeichnen die Nekropole häufig als die Chalifengräber — mit Unreeht, da diese, soweit sie überhaupt erhalten sind, sieh in verschiedenen Moseheen der inneren Stadt befinden. Die arabische Bevölkerung nennt jene richtiger El Kaidbai, ein Name, der von der schönsten und grössten dieser Mausoleen, der Grabmoschee El Aschraf Abul Nasr Kaidbai Es Sahiris, des neunzehnten Sultans der Mamelukendynastie, der 1466 n. Chr. starb, hergenommen ist.

Fast eben so viel künstlerisches Verdienst hat die zu derselben Gruppe von Grabdenkmalen gehörende Gruft und Moschee des Sultans Es Salier Barkuk, welcher der Gründer der Mameluken-herrsehaft war und in den Jahren 1393 und 1394 wiederholt siegreich mit Timur Lengs Mongolen kämpfte. Die Mauern dieser Bauwerke bestehen abwechselnd aus weissen und schwarzen Quaderlagen von Kalkstein, die Kuppeln und Minarets sind von der höchsten Eleganz.

Andere Mamelukengräber liegen im Südosten der Stadt, ebenfalls nicht fern von der Citadelle. Die Kairencr nennen sie nach dem berühmten Imam Es Schaffei, dem Gründer der Schaffeitensecte, dessen Mausoleum das stattlichste dieser Gruppe ist und schon von fern durch seine grosse Kuppel mit der Wetterfahne in Gestalt eines Bootes erkannt wird. Man sagt, dass es von Saladin erbaut worden sei.

Endlich befindet sich hier ganz nahe bei Imam Schaffeis Gruft das Familienbegräbniss des viceköniglichen Hauses. Man tritt durch einen langen Corridor in zwei Säle, von denen jeder mit einer besonderen Kuppel überwölbt ist. Der eine war ursprünglich bestimmt, die Gebeine Mehenied Alis aufzunehmen. In dem anderen ruhen seine Kinder und Verwandten: seine Söhne Tussiun und Ismael Pascha, der blutbefleckte Mohammed Bei Defterdar, Mehemed Alis Schwager Mustafa Bei Delli Pascha, sein Vetter Ali Bei Salonikli, sein Neffe Ilossein Bei, mehre Frauen und jüngere Kinder des alten Vicekönigs, endlich Ibrahim Pascha, sein grosser Stiefsohn. Letzterer liegt unter einem imposanten Denkmal von blauem Marmor mit goldener arabischer Inschrift, und eine der Wand gegenüber eingefügte, mit einem grünen Vorhang verhüllte Tafel, die ebenfalls von bläulichem Marmor ist, berichtet dem Besucher des Mausoleums mit goldenen Lettern von den Timten Ibrahims in der Morea und in Syrien. Goldschrift ist überhaupt nicht gespart, eine Fülle von hellen Farben, Mosaik und anderen Ornamenten schmückt die Räume, Ueberzüge bedecken das Pflaster des Bodens, prachtvolle persische Teppiche lallen in Falten über die Sarkophage unter denen die Fürstensöhne, als gute Moslemin die Hände unter den Wangen, die Gesichter nach der Stadt des Propheten gewendet, den Tag der Auferstehung erwarten. Aber mit Recht liegen sie fern von dem Vater und in der Ebene unter seinem hochragenden Grabe; denn keiner als Ibrahim war seines Geistes und Ibrahim nicht seines Blutes.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt