Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos


AlS Gegenstück zu dem Wüstenbilde, das wir soeben betrachteten und welches den Osten von Kairo begrenzt, zeige ich jetzt dem Leser die reizenden Gartenanlagen, welche im Westen der Stadt aus den befruchtenden Wassern des Nil emporgewachsen sind.

Wir besuchen zunächst Schubra. Eine breite schattenreiche Allee von alten Nilakazien und Sykomoren führt vom Thore Bai El Hadid durch wohlangebaute Fluren, die von weissschimmernden Landhäusern und einzelnen Palmengruppen unterbrochen werden, hinaus vor das Gitterthor dieses vierköniglichen Landsitzes. Den Weg beleben elegante Equipagen und europäisch gekleidete Reiter, verschleierte Frauen zu Esel, lange Kameelzüge mit Lasten und andere Gestalten und Erscheinungen des Orients. Der Garten des Schlosses nimmt einen Flächenraum von etwa vierzehn Morgen ein und ist seltsamer Weise im altfranzösischen Geschmack angelegt, indem die Wege mit verschnittenen Myrthenhecken eingefasst sind. Indess vergisst man den Zopf dieses Styls über der orientalischen Vegetation, welche ihn überwuchert. Das Wandeln in einem wohlgepflegten Garten macht hier einen ganz anderen Eindruck als in Europa, wo der Gegensatz der Wüste fehlt. Die Schatten sind doppelt kühl, die Düfte süsser, das Grün der Baumgruppen und Rasenplätze reicher, tiefer und erquickender. Das in Rinnsalen durch die Gänge geleitete Wasser bringt im Verein mit der Sonne Afrikas einen Trieb in die Pflanzenwelt, der sie doppelt so rasch wachsen lässt als in unseren Breiten. Eine Menge subtropischer Gewächse, Citronen- und Feigenbäume, selbst indische Limonensträuche, kommen hier mit Blüthen und Früchten beladen im Freien fort, und die reizenden Rosen- und Geranienbeete neben den mit bunten Steinchen gepflasterten Wegen, die Farbenpracht anderer mit Wasserkünsten geschmückter Anlagen und der balsamische Wohlgeruch des Ganzen bieten dem hier lustwandelnden Fremden aus dem Norden hohen Genuss, zumal im Winter.

Den Mittelpunct des Gartens bildet ein Palast. Eine breite steinerne Treppe führt uns empor auf eine Terrasse mit einem grossen viereckigen Bassin von grauem Marmor, in welches vier gewaltige Steinlöwen Wasser speien, und welches rings mit marmorgeschmückten Kolonnaden umgeben ist. In der Mitte der Wasserfläche erhebt sich, von vier Marmorkrokodilen getragen und von einem vergoldeten Gitter eingeschlossen, eine kleine Insel, auf welcher einst Mehemcd Ali gern zu weilen und sich an den Gesängen und Tänzen weisser Sklavinnen zu ergötzen pflegte. An jeder Ecke des Bassins steht ein prächtiger Kiosk. Durch hohe goldgesehmückte Tliüren tritt man in reich verzierte Salons mit Möbeln, die im Rococcostyl geschnitzt und durchweg vergoldet sind, mit seidenbckleidetcn Divans, schönen Bildern, die von französischen Malern herrühren, und Teppichen, die das Höchste zeigen, was die Webekunst leistet. Auf der andern Seite blickt man von einer Terrasse auf die breite Stromfläche des Nil hinab.

Noch lohnender ist ein Ausflug nach der Insel Roda (oder lioudah), welche eine halbe Stunde südlich von Kairo liegt und durch einen schmalen Arm des Nil von dem Ufer zwischen Kulak und Masr Atika oder Altkairo getrennt ist. Der Weg dahin geht eine lange Strecke durch die düsteni, mit Matten überhangenen Gassen der Stadt, dann durch Sykomorenalleen, neben denen Pflanzungen von Kaktus und Zuckerrohr grünen, zuletzt an einem grossen Militiirhospital vorüber nach Altkairo, von wo man sich in einem Kahn nach der von hohen Steinterrassen eingefassten Insel hinüberfahren lässt, um hier die von Ibrahim Pascha angelegten Gärten und Paläste und den uralten Nilmesser anzusehen und die Majestät des Stromes zu bewundern, der hier nicht mehr, wie da, wo die Eisenbahn über ihn hinwegläuft, ein blosser Arm, nicht breiter als die Donau bei Passau, sondern der Kiesenstrom ist, von dem wir träumten, wenn wir in unserem Pionier lasen, und von dem noch die Wallfahrer des Mittelalters glaubten, dass er direct aus dem Paradiese komme. Wir gedenken der Sage, welche hier, an dein Gestade dieser Insel, von Thermutis, der Pharaonentochter, das Kind Moses finden liess. Wir erinnern uns der Tage, wo in dieses gelbe Wasser die Thräneu des weinenden Jeremias fielen, der grossen Zeit Aegyptens, wo der breite Kücken des Stroms aus den Granitbrüchen von Syene jene staunenswerthen Colossalstatuen und Obelisken herabtrug, welche Memphis und On schmückten, wir sehen in der Fluth neben uns im Geiste die Prachtbarke sich spiegeln, mit welcher Kleopatra die Imperatoren Roms zu bezaubern auszog.

Wir landen endlich an der Insel und betreten ihre Gärten, die namentlich sehr reich an tropischen Gewächsen, aber jetzt durch Vernachlässigung ziemlich verwildert sind und so eher einem grossen prächtigen Naturpark oder Urwald Indiens oder Ceylons gleichen, als einer künstlichen Anlage. Aus ihnen erheben sich drei Paläste, ein rotlier, ein gelber und ein weisser, ursprünglich für die drei Söhne Ibrahim Paschas bestimmt. Ein grosses Bassin inmitten dieser selbst in ihrem jetzigen Verfall reizenden Anlagen enthielt früher viele Fische, jetzt ist es zu einem Sumpf eingetroeknet. An der rechten Seite steht, von allerlei Bäumen und Sträuchen umgeben, ein anmuthiger Pavillon mit einer Grotte, deren Wände mit Muscheln und Korallen belegt sind. Darunter war Wasser, das indess jetzt ebenfalls verschwunden ist und einer Fülle von wild verworrenen Pflanzen Platz gemacht hat. Mit Entzücken finden wir hier überall eine Menge exotischer Gewächse, neue Baumformen, bisher noch nie gesehene Palmenarten: die Cassia Fistula mit ihren langen Früchten und ihren schönen goldgelben Blüthentrauben, Aloen und Kaktus verschiedener Gattung, den Theebanm, den Kaffee- und Zinnnetstraueh, dazwischen Orangenbäume mit betäubendem Duft. Hier steht eine uns noch unbekannte Palme mit weissem, glattem, schwebendem und oben schwellendem Stamme, die einen prächtigen Busch dunkelgrüner Straussfedern in dem Winde flattern lässt. Es ist die Sagopalme. Dort sind ungeheure Bambusstauden, Gräser mit mannsdickem Kohr, Alleen vom Kautschukbaum, jener seltsam gestalteten Feigenart mit dem glänzend dunkelgrünen Blatt und den Zweigen, die, sich dem Erdboden zuneigend, wieder Wurzeln schlagen. Da wieder erblicken wir den von Ostindien hierher verpflanzten Pisang oder die Banane, den Schmuck der tropischen Landschaft, mit seinen glänzend grünen, zehn Fuss langen und drei Fuss breiten Blättern, die wie Schilde um den Stamm herumstehen, um diese Jahreszeit aber zum Theil schon vielfach durchlöchert und zerfetzt sind. Die Frucht in Gestalt von kleinen Gurkenbündeln mit dem aromatischen auf der Zunge zerschmelzendem Fleisch ist bereits abgepflückt und hängt quirlförmig, wie sie wächst, in den Buden der Basare von Kairo. Dazu unendliches Unterholz, kletternde Schlinggewächse und andere Schmarotzerpflanzen in diesem indischen Park, aus dem jene kleinen Villen emportaueheu, um auch ihren Antheil an der Aussicht auf den Strom und die Stadt zu haben. In dev That, eine solche Stelle kommt in Aegypten nicht wieder. Sie ist doppelt schön in ihrer Einsamkeit: denn die Insel wird jetzt nur fast von den fremden Reisenden besucht. Sie ist dreifach schön, da ein Blick von einer der Terrassen plötzlich aus der Einsamkeit in ein reichbelebtes Landschaftsbild hinausführt.

Vor der Estrade am westlichen Rande erblicken wir die Pyramiden von Giseh. Sie scheinen hei der Klarheit der Luft unmittelbar hinter der grossen Palmenpflanzung dieses Dorfes zu stehen, obschon ihre Entfernung von uns fast drei Stunden beträgt. Mit ihnen vollenden auf dieser Seite die Pyramiden von Sakkara und Abnsir, ebenfalls hinter Palmen auftauchend, aber mehr in den Duft der Ferne gehüllt, das bezaubernde Gemälde, dessen Vordergrund die tropische Pflanzenpracht der Insel bildet. Drehen wir uns nun nach Osten, so erscheinen in dem Panorama die Ruinen, welche sich über den grauweissen Häusermassen von Altkairo erheben, die Windmühlen des Mokattam, die nadelfeinen Minarets der Citadellenmoschee und zuletzt im Norden die rastlose Geschäftigkeit des oberen und unteren Hafens von Bulak, aus dessen Mastenwald sich fortwährend Dahabien mit weissen dreieckigen Segeln lösen, um auf der breiten Spiegelfläche des Flusses auf uns zu und an uns vorüber zu gleiten.

Zur Zeit des oströmischen Kaiserthums war zwischen der Insel und den beiden Ufern des Nil eine Schiffbrücke geschlagen, welche die jetzt verschwundenen Städte Memphis und Babylon verband. Auch befindet sich auf Roda, an der Seite nach Altkairo hin, wo Babylon lag, der Nilmesser, eine steinerne mit vielen Strichen versehene Säule inmitten eines viereckigen Gemachs, in welches das Wasser von unten hineinströmt, und welches oben eine Inschrift in alten kritischen Charakteren hat. Dieses Observatorium, noch jetzt benutzt, wurde von dem Chalifen Motawakel im Jahre 860 n. Chr., also vor länger als tausend Jahren errichtet. An der Säule beobachten Regierungsbeamte das Steigen und Fallen des für den Ackerbau des Landes so überaus wichtigen Stromes, und ihre Berichte werden zur Zeit der Uebersehwemmung, welche im Oktober und November ihren höchsten Stand zu erreichen pflegt und das ganze Nilthal in einen ungeheuren See verwandelt, durch Ausrufer der Bevölkerung Kairos kundgethan. Achtzehn Ellen Höhe ist das geringste Maass, welches die Wohlfahrt des beinahe ganz regenlosen Landes erfordert. Zwanzig Ellen sind gut, zweiundzwanzig die Erfüllung aller Wünsche. Mehr als das gilt als ein Unglück, da man auf so reichen Wassersegen nicht eingerichtet ist, und die erhöhte Lage der Dörfer sowie die Dämme zwischen den Feldern nicht mehr gegen die Gewalt der Fluthen schützen.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste

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    27. Dezember 2015

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