Bilder aus dem Orient – Die Insel Rhodus


Unter den glücklichen Inseln der Sporaden, die sich an der Küste des westlichen Kleinasiens hinziehen, ist Rhodus nächst Chios die schönste und glücklichste. Wegen ihres heiteren Himmels liess sie die Sage des Alterthums in der Vorzeit von den Helinden, den Kindern des Sonnengottes, bewohnt werden. Wegen ihres Keichthmnes an vortrefflichen Früchten war sie zu allen Zeiten gepriesen, ebenso wegen ihrer Rosengärten und ihrer Traubenfülle. Grosse und dichte Waldungen geben ihr noch jetzt einen für das Auge des Malers sehr bedeutenden Vorzug vor ihren meist von Gehölz entblössten Nachbarinseln. Auch die Menschen, die sich hier niedergelassen, machten mehr als in einer Periode der Geschichte von sich reden. In sehr alter Zeit schon tüchtige Schiffer, gründeten sie Colonien an verschiedenen Küsten des westlichen Beckens des Mittelineeres. Wohlhabend, klug und tapfer, wussten sie sich sehr bald des ihnen von Alexander dem Grossen auferlegten Jochs zu entledigen und sieh ihre Freiheit bis auf Vespasian zu bewahren. Die grösste Bedeutung aber gewann die Insel im Mittelalter, als der streitbare Kitterorden der Johanniter nach dem Verluste von Palästina hier seine grosse Seeburg gründete und von da an fast zwei Jahrhunderte hindurch mit seinen Galeeren den Halbmond bekämpfte. Der Orden musste vor Sultan Solimans Macht sich nach Malta zurückziehen, und jetzt ist die Insel mit acht benachbarten kleineren Eilanden ein Sandschak des türkischen Ejalets Dschesair.

Die Einwohner von Rhodos, ungefähr 22,000, darunter 17,000 Griechen und einige Hundert Juden, sind vorzüglich Schiffer und Schiffbauer, ausserdem bauen sie Wein und Getreide und führen Oel, Baumwolle, Südfrüchte, W achs, Honig und Vieh aus. Von der Kunst ihrer Urväter, der Teichinen, bildhauender Zauberer, die nach der Sage zuerst es verstanden, dem Stein menschliche Gestalt zu verleihen und ihn zu beseelen, ist unter ihnen nichts mehr vorhanden, so wenig wie von der grössten. Statue des Alterthums, dem ehernen Koloss, der, von Chares geschaffen und siebzig Ellen hoch, am Eingang des Hafens der Hauptstadt stand. Jene Kunst hat praktischen Beschäftigungen Platz gemacht, dieses Riesenbild warf ein Erdbeben um, und der Chalif Moawijah, der sich im siebenten Jahrhunderte der Insel bemächtigte, überliess die Trümmer einem Juden aus Emesa, der sie auf neunhundert Kameelen fortschaffen liess.

Die Hauptstadt, von der unsere Abbildung nur das Castell und den Eingang zum Hafen zeigt, hat etwa 12,000 Einwohner und ist stark befestigt. Schildern wir sie, wie sie zu der Zeit war, als das Bild anfgenommen wurde.

Ein Boot trägt uns an das Ufer, wo wir zunächst nach ausgedehnten Weiften kommen, auf denen Schiffszimmerleute so fleissig als es die brennende Sonne gestattet, an Fahrzeugen aller Grössen bauen. Durch ein Thor gelangen wir in das Innere der Stadt, wo wir sofort nach der berühmten Strada dei Cavalieri, der Ritterstrasse fragen. Sie ist bald in einer schmalen, massig ansteigenden Gasse gefunden, die rechts und links hohe massive Gebäude zeigt, welche sämmtlich gut erhalten sind und mehr wie Burgen als wie Wohnhäuser aussehen. Schöne Thore führen in gewölbte Hallen, steinerne Treppen und dunkle Corridore zu Zimmern und auf die platten Dächer. Viele dieser Häuser der alten Ritter von Rhodos sind unbewohnt, in anderen hausen Türken, wie die mit Gitterwerk verschlossenen Haremsfenster andeuten. An mehreren sieht man die Wappen ihrer ehemaligen Besitzer in Stein gemeisselt. Das Pflaster der Strasse, noch aus alter Zeit erhalten, ist besser als irgendwo in der Levante, und an den Seiten befindet sich sogar ein erhöhtes Trottoir. In der ganzen Strasse, die früher ohne Zweifel die vornehmste und lebhafteste der Stadt war, herrscht auffallende Einsamkeit.

Besteigen wir das Dach eines der unbewohnten Ritterhäuser. Aus den Fugen des Mauerwerkes wachsen Feigenbäume und Kapernsträuche hervor. Unter uns liegt die Stadt, in der Ferne unser Dampfer. Die Umgebung ist fruchtbar. Wir sehen hier und da eine schlanke Dattelpalme und ganze Gruppen und Wäldchen von Feigen-, Orangen- und Oliveubäumen, Terebinthen, Maulbeerbäume und Silberplatanen. Unmittelbar neben unserem Hause befindet sieh ein verfallenes Portal, das auf die bergansteigende Gasse wie ein Triumphbogen herabsieht. Es führt uns auf einen kleinen Hof, in welchem links eine Moschee steht. Früher war diese eine christliche Kirche und zwar die Ilauptkirche der Rhodiser-Ritter. Sie war als solche Johannes dem Täufer geweiht und hat im Schiff zwei Reihen schöner Säulen, die, von den Türken barbarisch übertüncht, nur an den Stellen, wo der Kalküberzug abgefallen ist, zeigen, dass sie von Marmor sind. Hier liegen die Ritter und Grossmeister des Ordens begraben. Steinerne Tafeln mit Wappen und Inschriften nennen ihre Namen und Titel. Auf einer dieser Marmortafeln, unmittelbar unter den Stufen, die zum Altar führen, bemerken wir ein Wappenschild mit angefügten Flügeln und einem gekrönten Adlerkopf, und darunter lesen wir in Uncialbuchstaben: R. et IIl. D. F. Fabricius de Capperto Magnus Rhodi Magister Urbis Instaurator et ad Publicum Utilitatem per Septennium Rector hie jacet. Anno MDXX. Es ist die Gruft des letzten Grossmeisters der Rhodiser-Ritter. 1522 zog der Orden von hier hinweg, und die Ritter hiessen fortan Malteser. Das Hospital der Ritter ist jetzt ein Getreidespeicher, der Palast der Grossmeister ein Haufen von Schutt und Quadersteinen.

So sah die Stadt im Frühling des Jahres 1856 aus, noch gewaltig in ihren Ruinen, ehrfurchtgebietend durch die Erinnerung an die ehernen Gestalten der Johannes-Ritter, die hier ihre Burgen zurückgelassen. Wenige Monate nachher war der grösste Theil dieser Reste mittelalterlichen Ritterthums vernichtet. Ein Pulver-Depot, noch aus der Zeit der Johanniter herrührend und von den Türken vergessen, flog plötzlich mit entsetzlichster Wirkung auf die Stadt auf. Der furchtbare Knall mit seinem donnernden Widerhall in den Bergen, die heftige Bewegung des Erdbodens, das Zurückprallen des Meeres, das dann brandend wiederkehrte, liessen die Bewohner iin ersten Schrecken glauben, dass ein Erdbeben begonnen habe, wie ein solches fünf Jahre vorher die Stadt heimgesneht hatte. Man stürzte auf die Strassen, sah dicken Pulverdampf über sich und hörte, wie ein Hagel von Säulen und Quaderstücken aus der Luft herniedersauste. Als der Qualm sich endlich verzog, war der grösste Theil von Rhodus ein Trümmerhaufen. Von der Johanniskirche stand nur noch der Thurm und die Rückseite des Chors, von der Ritterstrasse waren fast nur noch die Häusermauern übrig, von dem Conferenzsaale des Capitels hatte nur das Portal der Explosion widerstanden, und fast das ganze Quartier, welches die Altstadt bildete, war damals verlassen.

Am 22. April 1863 endlich, um 11 Uhr Abends, versetzte ein heftiger Erdstoss diese Insel abermals in den bedauernswürdigsten Zustand. Zwanzig Secundcn reichten hin, ganze Dörfer zu zerstören und aus der Insel Bhodus fast nur einen Trümmerhaufen zu machen. Mehr als 300 Personen verloren bei die-em Erdbeben ihr Leben und über 1500 Häuser stürzten ein. Der St. Johannisthurm, dieses schöne Baudenkmal der Johanniter-Ritter, das seit Jahrhunderten allen Arten von Gefahren getrotzt hat, ist nur noch eine Ruine.

Von Rhodus aus fährt das Schiff, das von Beirut nach Smyrna geht, fast ohne Unterbrechung zwischen Inseln hin, und nicht selten wird auch zur Rechten das Felsengestade Kleinasiens sichtbar. Zunächst erscheint Kos, die Geburtsinsel des Hippokrates, jetzt Stanco genannt. Dann Patmos, wo der Apostel Johannes in der Verbannung starb. Ein burgartiges auf steiler Höhe thronendes Kloster, umgeben von weissen Häusern, bezeichnet die Stelle, wo er der Sage nach wohnte und sein Evangelium schrieb. Unten am Hafen zieht sich die Niederstadt hin. Auf dem Festland gegenüber liegt die Stadt Skala Nuova und daneben die Trümmerstätte von Ephesus, wo der greise Apostel Bischof war und wo auch sein Grab gezeigt wird. Weiterhin folgen andere Inseln, Kalymnos, Leros, Nikaria, dann Samos, ein hoher kahler, vielfach zerklüfteter Felsgipfel, umgeben atoii niedrigeren mit Wald bedeckten Höhen, liier wurde im Anfang der Tage im Schatten eines Agnus Castus-Baumes die Gemahlin des griechischen Göttervaters, Hera Boopis, geboren, und hier spielte die Geschichte vom Ring des Polykrates. Wir sind auf classischem Boden, auf dem Boden der Gesänge Homers. Ein paar Stunden noch, so sind wir auf der Rhede von Chios, deren Umgebung mit ihren schöngeformten Bergen und ihren in die verschiedensten Schattirungen von Grün gekleideten II ainen von Oliven-, Orangen- und Feigenbäumen, von Cypressen, Silberpappeln und Platanen, Mastix- und Mandelsträuchern unser Schiff wie ein prächtiger Kranz umschliesst, und vor deren bezauberndem Anblick wir es nur natur-gcmäss finden, wenn, wie man sagt, auf Chios die schönsten Frauen des Archipelagus wohnen.

Wieder ein paar Stunden auf dem blauen Meere. Dann fahren wir in eine weite apfelgrünschimmernde Bucht hinein, die zu beiden Seiten und ebenso im Hintergrund von hohen Bergen überragt wird. Es ist die Bai von Smyrna, und bald darauf erscheint sie selbst vor uns, die Königin von Anatolien, ihr Haupt gekrönt mit einer Burgruine, neben sich ihren Sprössling, das amnuthige Burnabat.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
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Bilder aus dem Orient – Jaffa
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