Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx


Durch den Palmenwald von Giseh, dann über Klee- und Gerstenfelder, zuletzt in den Sand der Wüste hinauf aus dem grünen Nilthal, und wir stehen am Fusse der Pyramiden. Aus weiter Ferne gesehen, erschienen sie so ungeheuer, wie sie wirklich sind, aus grösserer Kühe betrachtet, kamen sie uns weniger imposant vor, als vorher, jetzt sind sie wieder die Kolossalbauten, als die sie zuerst vor uns am Horizont auftauchten. Ihre ganze Grösse aber werden wir erst inne, wenn wir die eine besteigen. Zwei von den Fellahs des benachbarten Dorfes fassen den Reisenden bei den Händen und ziehen, ein Dritter schiebt von hinten, und so geht es ziemlich rasch und ohne Gefahr die etwa drei Fuss hohen Stufenblöcke bis zum Gipfel hinauf, wo uns eine weite Aussicht über das Nilthal und die Wüste im Westen belohnt.

Es ist der grosse Friedhof, die Todtenstadt des alten Memphis, auf die wir herabsehen. Zwischen Schutthügeln, die in ihrem Schooss vom Wüstensand verwehte Tempel bergen, zwischen den Grabmälern und Felsengrüften der vornehmen Welt, der Minister, Oberpriester und Hofräthe jener Stadt der Urzeit erheben sich die drei gewaltigen Grabmonumente der Könige Clnifu, Chafra und Menkeren, oder, wie Herodot sie nennt, Cheops, Chefren und Mykerinos.

Die Chufu – Pyramide, auf deren jetzt abgeplatteter Spitze wir stehen, ist die grösste. Einst 480 Fuss hoch, erhebt sie sich über ihren natürlichen Felssockel 422 Fuss, bedeckt, indem jede ihrer Seiten 746 Fuss Länge hat, einen Flächenraum von mehr als 21 preussischen Morgen, und könnte, wenn sie hohl wäre, die ganze gewaltige Peterskirche von Rom in sich aufnehmen. Den Gesaimntinhalt ihrer Steimnassen schlägt man auf neunzig Millionen Kubikfuss an. Um uns ihre Grösse recht zum Bewusstsein zu bringen, versuchen wir einen Stein von oben nach ihrem Fuss zu werfen, und staunend finden wir, dass keine Menschenkraft so weit reicht. Ursprünglich Avar sie mit einem Mantel geglätteter und genau aneinandergepasster Steinplatten bedeckt, welche ihren Seitenflächen den Charakter glatter Wände gaben; jetzt ist diese Bekleidung, die man an einem Theile der nächststehenden Pyramide des Chafra noch sieht, heruntergefallen, und jede Seite bietet das Bild einer nach oben zu schmaler werdenden Treppe, die etwa 200 Stufen hat.

Der Eingang in die Pyramide befindet sich auf der Nordseite, einige fünfzig Stufen über der Basis. Er führt durch verschiedene schachtartige Gänge hinab bis 600 Fuss unter den Gipfel, und nach einer andern Seite empor bis zu der Grabkammer, in welcher der alte Pharao schlief, und die 138 Fuss über der der Grundfläche ist. Beim Schein der mitgenommenen Kerzen erblicken wir hier mit Granit ausgelegte Wände und den einfachen, sehr zerkratzten Sarkophag des Königs, der diesen Quaderberg über sich aufthünnte, um seine Mumie und damit Glauben seiner Zeit gemäss die Existenz seines Ichs zu sichern. Das letztere ist ihm auf die Dauer nicht gelungen. Chalif Maimm liess vor circa tausend Jahren die Pyramide öffnen, weil er sie für eine Schatzkammer der Pharaonen hielt, und der todte König wurde dabei aus seinem Sarge herausgeworfen. Seine Pyramide aber blieb unversehrt und wird nach menschlicher Voraussicht stehen so lange die Erde steht.

„Alles fürchtet die Zeit,“

sagt der arabische Poet in Tausend und Eine Nacht,

„aber die Zeit fürchtet die Pyramiden!“

Die zweitgrösste Pyramide, einige Hundert Schritt südwestlich von der ersten sich erhebend, hat eine Höhe von 447, die dritte eine Höhe von 203 Fuss. Heide haben in ihrem Innern ebenfalls kleine Grabkammern, in welchen man Königssärge fand. Keine von den dreien ist jünger als die Zeiten Abrahams, ja aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie alle in einer Periode entstanden, die über tausend Jahre vor diesen Patriarchen zu setzen ist.

Von den Königsgrüften begeben wir uns nach den etwas weiter nach Westen gelegenen Gassen und Feldern des Friedhofes, wo der Hofstaat der Pharaonen im Tode gebettet wurde, „die ewigen Wohnungen,“ um mit dem Styl der Hieroglyphen zn reden, „wo die Auserlesenen des Königs liegen.“ Es sind grössere und kleinere Quaderbauten mit pyramidal geneigten Wänden und flachen Dächern. Alle bestehen aus zwei Theilen, einem oberen, der die dem Cultus des Verstorbenen geweihte Capelle, und einem untern, der die Mumie desselben enthielt. Vieles von dem Bilderschmuck dieser Bäume ist zerstört, nicht weniges aber auch erhalten, so dass ein Blick in diese Grüfte ein lehrreicher Blick in die Cultur Altägyptens ist. Der Eingang befindet sich stets auf der Seite, wo die Sonne aufgeht, der Sarg dagegen stand im Westen, wo sie sinkt, und wo Osiris, der Gott der Todten, wohnte. An den Wänden der Grabcapellen sind mancherlei Abbildungen zu sehen, auf denen namentlich der Todte selbst eine Bolle spielt, ln der einen erscheint er sitzend, in der andern stehend in erhabener Arbeit auf dem Stein, um zu opfern. Vor ihm liegen Haufen von Opfergaben: Ochsenkeulen, gerupfte Gänse, Blumen u. A., alles noch in den ursprünglichen Farben. Seine Frau, die hinter ihm steht und die Hand um ihn legt, ist gelb, also wohl eine Fremde, er als Aegypter braunroth. Bunte Hieroglypheninschriften nennen die ihm dargebrachten Opfer oder seine Heichthümer, vor allem aber seine Titel — ein Beweis, dass schon vor fünf Jahrtausenden ein 1 Iof existirte, der auf das Titelwesen Gewicht legte. Andere Wände geben Abbildungen altägyptischcr Gewerbe, Scenen des häuslichen Lebens, der Jagd, des Fischfanges und des Ackerbaues.

Eine andere Reihe von Gräbern besteht aus einfachen Höhlen, welche wagerecht in den Fels hineingearbeitet sind, auf dem die Pyramiden ruhen. Mehre derselben haben noch Ilieroglyphenschrift, einige auch Bilder. Eines der bekanntesten ist das, welches die Engländer das Grab der Zahlen genannt haben. Ein „Gelehrter des Palastes“, welcher eine „Prophetin und Auserlesene des Königs“ zur Gemahlin hatte, und unter dessen Söhnen sich „auch drei Schriftgelehrte“ befänden, der reiche und weise Sehafraanch, hat es für sich und die Seinigen eingerichtet. Von den Darstellungen an den Wänden intcressirt uns namentlich die, wo er seinen patriarchalischen Viehreichthum überzählt. Er steht in grosser Figur auf seinen Stab gelehnt und hat einen Hund neben sich. Die Ileerden erscheinen in verschiedenen Bedien über einander sehr klein, und es ist jeder einzelnen beigeschrieben, wie viel Stück sie hat. Es sind 834 Ochsen, 760 Esel, 220 Kühe, 974 Schafe und 2235 Ziegen — wie man sieht, ein recht ansehnlicher Besitz, der recht wohl der Verzeichnung werth war.

Andere Gräber, die drei kleinen Pyramiden östlich von der grössten, die Spuren des Dammes, auf welchem die Nummulitenkalkblöcke herbeigeschafit wurden, aus denen die Pyramiden aufgesehiehtet sind, gewähren nur geringes Interesse, und über die südlicher gelegenen Pyramidengruppen von Daschur und Abusir, sowie über die Ibis- und Apisgräber des nahen Sakkara zu sprechen, ist hier nicht der Ort.

Dagegen verweilen wir noch einen Augenblick vor der Sphinx, die gleichsam wie der Cerberus neben dem Zugang zu dieser Todtenstadt liegt. Dieselbe,, oder richtiger derselbe (denn das Kinn trägt einen Bart), ist ein riesiger Mannlöwe, der bis auf den Kopf, wo deutlich Meissei und Pinsel geschaffen haben, ein Gebilde der Natur ist. Der Hals ist noch der natürliche Felskegel mit seinen rissigen Schichten, der ungeheure tonnenförmige Leib gleichfalls nur wenig behauen. Nach vorn aber wurden durch grosse Blöcke die ruhenden Vordertatzen ergänzt, und an andern Stellen verstopfte man die Löcher des Gesteins durch Mauerwerk. Das Gesicht, vom Kinn bis zum Stirnende volle 14 Ellen messend und einst roth bemalt, soll von grosser ernster Schönheit gewesen sein, jetzt ist es durch Abschlagung der Nase arg verstümmelt. Das ganze Steinbild hat eine Länge von 172 Fuss.

Eine wichtige Entdeckung wurde im Jahre 1852 von dem Franzosen Mariette gemacht. Derselbe liess den Sand rings um den Sphinx wegschaffen und stiess dabei plötzlich auf einen Gang, der nach einem vor dem Coloss liegenden kleinen Tempel führte. Das Material dieses prächtigen Bauwerkes, welches jedenfalls zu dem Sphinx gehörte, besteht aus rosenrothem Syenit und Tafeln von gelbem Alabaster, dessen Politur das Licht der Kerzen in zauberhafter Weise widerstrahlt. Leider war nirgends eine Inschrift oder ein Bild zu finden, welches über das Alter dieses Prachtbaues Aufschluss hätte geben können.

Dagegen gibt der Sphinx selber keine Räthsel mehr auf. Zwischen den Vordertatzen und der Brust des Steinbildes befindet sich, jetzt im Sande verborgen, ein kleiner Tempel, auf dessen Rückwand Hieroglyphen angebracht sind. Aus letzteren erhellt, dass der Sphinx unter dem Pharao Chafra, dem Erbauer der zweiten Pyramide entstand, und dass er ein Bild des ägyptischen Sonnengottes war. Sein Name, wie man ihn auf jener Platte gelesen hat, ist Ra Ma Schoi, d. i. der Sonnengott am Abendhimmel.

Das Bewusstsein, hier überall auf sandbegrabenen Geheimnissen zu stehen, wirkt fast noch mehr als die Riesenhaftigkeit dessen, was man sieht, auf die Stimmung. Alles so unverständlich vorzeitlich. Solch ein gigantisches Aufthürmen von Wällen gegen den Strom der Zeit, und doch so viel verweht und begraben. Sie kannten einen Gott am Horizont, aber es war der Horizont des Sonnenunterganges, der Gott des scheidenden Lichtes. Er blickt mit dem Gesicht hinweg von der Stätte des Todes nach der Gegend hin, wo alhnorgendlich die neue Sonne, das neue Leben aufgeht. War er vielleicht die versteinerte Ahnung der Auferstehung? Wir wissen es nicht, auch in dem Todtenbuch der alten Priester ist nichts davon zu lesen. Die Araber der Gegend aber nennen ihn Saba El Lejl — Löwe der Nacht.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis