Bilder aus dem Orient – Die Ruinen von Baalbek


Die Ruinen der Tempel von Baalbek sind das grösste Menschenwerk, welches das westliche Asien aufweist. Sie sind fast so imposant wie die Ruinen von Karnak. Selbst der Libanon, der auf sie herabschaut, könnte stolz auf ihre Grösse sein. Die Moslemin der kleinen Stadt, die dabei stellt, und das ganze Volk der Ebene zwischen Libanon und Antilibanon, auf der sie sich- befinden, meinen, dass Salomo, der grosse Gebieter der Geisterwelt, sie mit Hilfe seiner Dschinnen erbaut habe.

Die gelehrte Forschung sieht in ihnen die Reste eines Heiligthums des syrischen Sonnengottes, welches in der Zeit errichtet wurde, wo das Land schon den Römern gehörte.

Wir beginnen unsere Umschau am besten auf der Ostseite, wo einst die Vorderfronte der ganzen Anlage war. Es war dies eine Halle von zwölf Säulen, von denen jetzt nur noch die Fussgestelle übrig sind, und zu welchen früher eine breite Treppe von 30 Stufen emporführte. Zu beiden Seiten der Halle befanden sich vierseitige geschlossene Flügelräume,’ die nach aussen mit korinthischen Pilastern geschmückt sind, und ans denen die Sarazenen, die den Tempel in eine Burg umgestalteteu, Festungsthürme gemacht haben.

Aus der Hinterwand unserer Halle treten wir in einen sechsseitigen, rings mit kleinen Kammern umgebenen Hof und aus diesem wieder in einen grösseren vierseitigen, der sogar breiter als die Vorhalle mit ihren Flügeln ist. Derselbe ist rings ebenfalls mit Kammern oder Nischen gesäumt, welche abwechselnd halbrund oder viereckig, nach vorn aber bifen sind. Säulen von Porphyr und Granit, von denen jetzt nur noch Stümpfe stehen, schmücken den Eingang in diese Seitenkammern, in welchen einst zwischen korinthischen Pilastern Statuen aufgestellt waren.

An die Mitte dieses grossen Hofes schloss sich der grosse Tempel an, der, so breit wie der sechsseitige Hof zwischen dem vierseitigen und der Vorhalle, zehn Säulen in der Front und wahrscheinlich neunzehn auf jeder Langseite hatte, von denen aber nur noch sechs auf der linken Seite ganz erhalten sind, während von den übrigen nur die Fussgestelle noch gefunden werden. Die Maasse aller dieser Mauern und Säulen waren ungeheuer. Der ganze Tempel mit seiner vorderen Säulenhalle und seinen beiden Höfen ist tausend Fuss lang und steht auf einer Plattform, die eine Höhe von dreissig Fuss’hat und auf mächtigen Wölbungen ruht. Jene sechs Riesensäulen aber, die ihr gemeinsames Gebälk noch tragen, sind ohne dieses siebzig, mit ihm zweiundsiebzig Fuss hoch. Sie bestehen nicht wie die von Karnak und die der griechischen Tempel aus sogenannten Trommeln, sondern jede nur aus drei Stücken und haben im Durchmesser acht Fuss. Wann der Tempel erbaut wurde, und von wem, ist nicht völlig sichergestellt. Gelehrte wollen an einer der Säulen in der Vorhalle eine halbverwischte Inschrift gelesen haben, nach welcher dieses Heiligthum den grossen Göttern von Heliopolis für das Heil des Antonius Pins und der Julia Augusta geweiht gewesen wäre. Sicher ist, dass die Säulen, deren Kapitale im Verhältniss zum Schaft stärker sein könnten, in die Zeit des Verfalles der antiken Kunst gehören, und die grossen Götter von Heliopolis, der Sonnenstadt, werden die syrischen Landesgötter, namentlich Baal, der Sonnengott gewesen sein, von dein sich auch in dem Namen Baalbek eine nicht zu verkennende Erinnerung erhalten hat.

Dass dieser grosse Tempel vollendet gewesen ist, als das Heidenthum durch Christi Lehre verdrängt wurde, möchte man daraus schliessen, dass man ihm zur Seite, links an der Südwestecke des vierseitigen Hofes, eine neue Terrasse angebaut, und auf diesen tieferen Grund, der die Symmetrie der Anlage aufhebt, parallel mit jenem, einen zweiten, weniger kolossalen, aber immer noch der Bewunderung werthen Tempel gestellt hat.

Dieser zweite Tempel ist besser erhalten als der soeben geschilderte. Seine Plattform oder Terrasse ruht gleichfalls auf Gewölben. Seine Länge beträgt 225, seine Breite 120 Fuss. Zu beiden Seiten der Treppe, die zu ihm hinaufführte, jetzt aber gleich dem Innern beider Tempel ein Schuttlhigel ist, befanden sich fünfzehn Fuss hohe Piedestale, welche Bildsäulen trugen. Die Langseiten umgaben je fünfzehn, die schmalen Seiten je acht Säulen. An der östlichen Seite standen nach innen noch acht Säulen, die mit den äussern die Eingangshalle bildeten. Nach den noch aufrechtstellenden dreizehn Säulen zu schliessen, war auch dieser Tempel im korinthischen Style erbaut. Die Höhe jener beträgt 45 Fuss, und das auf ihnen ruhende Karniess ist mit der Cella durch schön gemeisselte Platten verbunden, in deren Mitte sich Sechsecke befinden, welche mit Basreliefs geschmückt waren. Nur ein Ganymed, der vom Adler entführt wird, und eine Leda mit dem Schwan sind, obwohl in sehr beschädigtem Zustande und kaum noch erkennbar, erhalten geblieben. Man hat daraus schliessen wollen, dass dies ein Jupiterstempel gewesen.

Die Vorderseite des Tempels ist durch eine Mauer verbaut, die von den Sarazenen aufgeführt wurde, als sie sich bald nach dem Fall von Damaskus auch Baalbeks bemächtigten und diesen Tempel, der damals eine christliche Kirche war, gleich dem anderen in eine Festung umschufen. Ihre Maurer haben die Zinnenmauer au der Aussenseite sogar auf dem Säulengebälk selbst herumgeführt. Ueber Schutt, Brocken von Quadern und Trümmer von Säulen müssen wir, nachdem wir durch ein enges Loch gekrochen sind, uns nach dem Innern des Tempels emporarbeiten. Hier aber erwartet uns ein staunenswerther Anblick, das grösste Portal, das vielleicht jemals auf Erden gebaut worden ist. Die zu ihm führende Vorhalle ist tief, lässt aber uur noch seine Breite, 21 Fuss, sehen. Die ihr entsprechende Höhe ist nicht zu messen, da hochgehäufter Schutt den Boden bedeckt. Die Seitenpfosten des mächtigen Thores bestehen aus einem Stück. Die gewaltigen Monolithen sind mit reichen Ornamenten, sorgfältig ausgemeisselten Blumenarabesken geschmückt. Den Schlussstein des aus drei Quadern bestehenden Obertheiles hat ein Erdbeben gelockert, so dass er nur mit den äussersten Kanten noch oben hängt und jeden Augenblick auf uns herabzustürzen droht. Der orientalische mit einem Federbusch gekrönte Adler, dessen Krallen eine Schlange halten, ist auf die Unterseite dieses gewaltigen Blocks gemeisselt. Von seinem Schnabel gehen Blumengewinde aus, die mit argverstümmelten Menschengestalten zusaminengehangen zu haben scheinen.

Die Cella des Tempels ist und war, da sie keine Fenster hat, vermuthlich immer ohne Dach. Die Seitenwände haben kannelirte Halbsäulen korinthischer Ordnung, zwischen denen sich zwei Leihen von Nischen, die obere oben giebelgekrönt, die untere in Muschelform endend, hinziehen. Der innerste Theil des Tempels war eine höhere Stufe, so wie cs Lucian vom Tempel zu Hieropolis erzählt.

Sind diese Bauten unzweifelhaft spätrömischen Ursprunges, so herrschen über die Substructionsinaner mit ihren beispiellos grossen Quadern sehr verschiedene Meinungen. Im Westen, da, wo einst das Hinterende des grossen Tempels stand, finden wir in einer Höle von dreissig Fuss drei behauene Steinblöcke, von denen jeder bei einer Höhe von vierzehn Fass eine Lange von mehr als sechzig Fnss hat, einer sogar nahezu siebzig Fass lang ist. Aehnliche kolossale Quadern treflen wir auf der Nordseite der Terrasse, und alle sind nur an den Fugen glatt behauen oder gerändert, genau so wie wir dies an den Seitenmauern beobachteten, welche den Gipfel des Moriah-IIügels in Jerusalem in ein Viereck verwandelten. Die Römer haben nirgends mit solchen riesigen Steinen gebaut. Vielleicht aber die Syrer, die hier zwischen Libanon und Antilibanon den Sonnengott der Semiten verehrten. Bauten sie diesem hier einen Tempel, so kann derselbe kaum vollendet worden sein, da sonst wohl die Propheten des alten Testaments, die uns das benachbarte Tyrus so genau schildern, seiner gedenken würden. Es ist daher anzunehmen — wofern das steinerne Räthsel von Baalbek überhaupt zu lösen ist — dass die Landesbewohner in alter Zeit hier ein Heiligthum zu bauen anfingen, welches aber ins Stocken gerieth und erst Jahrhunderte später von Römern oder doch in fremdem Styl ausgeführt wurde. Jene Anfänge aber mögen in die Zeit fallen, wo im Osten von Damaskus Palmyra, die Oasenstadt der syrischen Wüste, seine Glanzperiode hatte, und wo von dort über Damaskus und Baalbek die grosse Handelsstrasse nach Tyrus und Sidon hinabführte.

Gewisses darüber zu sagen, ist unmöglich. Die Geschichte beginnt erst mit der Schrift, und jene Steine haben keine Inschrift.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho
Bilder aus dem Orient – Am Jordan
Bilder aus dem Orient – Mar Saba
Bilder aus dem Orient – Bethlehem
Bilder aus dem Orient – Sichem und Nablus
Bilder aus dem Orient – Nazareth
Bilder aus dem Orient – Am See Genezareth
Bilder aus dem Orient – Beirut
Bilder aus dem Orient – Damaskus