Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste


Unsere Abbildung zeigt in dem Kamm des Mokattam-Gebirgs, der sich wie ein gelbgrauer Wall, von der rotlien Klippenwand des Dschebel Achmar unterbrochen, ernst und öde über Kairos Thürmen erhebt, den Anfang der grossen östlichen Wüste. Sie beginnt hart vor den Thoren der Stadt und endigt erst am Ufer des Kothen Meeres. An ihrem Saum bewegen zahlreiche Windmiihlen ihre Flügel, ragen die vorhin geschilderten Sultansgräber, steht noch hier und da ein einsames Haus oder ein Zelt, in welchem ein brustkranker Europäer von ihrer stärkenden Luft Heilung seines Leidens erwartet. II ier und da auch ist ein Baum oder Strauch in den Felsen zu sehen. Allmählig aber verliert sich jede Spur menschlicher Thätigkeit, und kahl wie die Berge des Mondes starren uns die Hügel des Thales an, in welches unser Führer uns hineinleitet.

Wir sind auf dem Wege zu dem versteinerten Walde, einer der interessantesten Naturmerkwürdigkeiten in der Nachbarschaft Kairos. Die Wüste der Mokattam-Berge wird immer einsamer, die Hitze im Thale immer stärker. Gerippe von Eseln und Kamelen verkünden, dass wir eine Stätte des Todes betreten haben. Ein Quell mit Brackwasser, umgeben von etwas Strauchwerk, erscheint, ein Stück davon erhebt sich ein dunkler Hügel, vor dein wir absteigen, um ihn zu Fusse zu erklimmen. Es ist der Dschebel Chaschab, der „Holzberg“, und wir sind zur Stelle. Von dem Friedhof der Menschen sind wir an einem grossen Friedhof von Bäumen der antediluvianischen Weit angelangt. Ringsum stundenweit nach Osten hin ist der Boden mit Massen umgefallener Bäume bedeckt, die, da sie in Stein verwandelt und nur die Stämme erhalten, diese aber zum Theil bis 25 Fass lang sind, in ihrer Gesamteinheit wie die Trümmer einer ungeheuren Säulenstadt aussehen. Diese Stämme und Stammbruchtheile haben die Farbe von röthlich grauem oder bläulichem Achat und sind von dem über sie hinstreichenden Sande der Wüste glatt abgeschliffen. Lange hielt man sie für versteinerte Palmen, aber das Mikroskop hat gelehrt, dass sie einem Laubholz aus dem Geschlecht der Dikotyledonen und Malvazeen angehörten, welches in Aegypten jetzt nicht mehr vorkommt.

Wie dieser fossile Wald, der grösste, der auf Erden bekannt ist, sich gebildet hat, ist eine Frage, die nur durch Vermuthungen gelöst werden kann. Die Wissenschaft nimmt an, dass diese Millionen von Bäumen einst nicht an der Stelle standen, wo sie jetzt versteinert liegen. Sie lässt dieselben an irgend einem entfernten Orte in der Urzeit durch einen der grossen Erdkrämpfe des Diluviums, einen Orkan oder eine vulkanische Erschütterung entwurzelt und wie Treibholz durch eine gewaltige Strömung in jenen Süsswassersee geschwemmt werden, welcher in unvordenklicher Zeit dort fluthete, wo jetzt Wüste ist. Weil aber süsses Wasser die zur Versteinerung von Holz erforderliche Menge von Kieselsäure nicht enthält, so wird weiter geschlossen, dass sich in dieser Gegend damals Mineralquellen befunden haben, die den zusammen-geflössten Wald allmälig durclidrangcn und in Stein verwandelten. Da dieser Process geraume Zeit erfordert, so blieben nur die festeren Theile erhalten, und so finden wir hier nur die Stämme, während sowohl die Kinde, als die Blätter und Früchte sich vor der Petrificirung auflösten.

Der See, welcher die Bäume aufnahm, muss eine ungeheure Ausdehnung gehabt haben, und der versteinerte Wald, den wir auf der Oberfläche seines einstigen Bodens erblicken, ist nur ein Theil der gewaltigen Holzmasse, die einst hier aufgeschichtet lag. Vor einigen Jahren suchte man in dieser Gegend nach Steinkohlen, und bei dem Graben stiessen die Arbeiter auf Tausende wohlerhaltener entweder noch aufrecht stehender oder nur wenig geneigter versteinerter Stämme, die dicht aneinander standen und so das Aussehen von Basaltlagern oder riesigen Orgelpfeifen hatten.

Der versteinerte Wald von Kairo ist übrigens nicht der einzige in Aegypten. Aehnliches trifft man weiter nördlich an der Karawanenstrasse nach Suez, und dieselbe Art von Petrefacten findet sich am andern Ufer des Nil in der Nähe der Natronseen. Ausserdem aber sieht man im Mokattam-Gebirge, und zwar unmittelbar hinter der Citadelle, häufig andere Versteinerungen, darunter Krabben und llaifisehzähne, die schliessen lassen, dass in einer Periode vor oder nach der Entstehung jenes urweltlichen Süsswassersees das Meer die Gegend bedeckte, wo jetzt die Wüste und der Nil sind.

Statt diesen Zeugen einer vergangenen Welt weiter nachzugehen, führen wir den Leser tiefer in die Einöde hinein, welche unsere Abbildung in ihren Grenzen zeigt. M ir folgen dem einsamen Kamcelreiter und befinden uns auf dem Wege nach Suez, nicht auf der grossen lleer-strasse, die immer mehr oder weniger belebt ist, da der Verkehr zwischen Arabien und Aegypten fortwährend Massen von Reisenden und Waaren auf ihr hin und herführt, und noch weniger an der Stelle, wo jetzt die Loeomotivcn der Eisenbahn ihre langen Wagenzüge vorüberführen, sondern auf Seitenpfaden, wie sie von den Beduinen und Eilboten eingeschlagen werden, und wo wir die Majestät der Wüste in ihrer ganzen Gewalt und Grösse auf uns wirken lassen.

Die Wüste nicht durchwandert, in ihr nicht wenigstens eine Nacht verlebt zu haben, heisst Aegypten und den Orient nur halb gesehen, nur halb begriffen und genossen haben.

Der Reisende lebt hier in einer völlig andern, als der gewohnten Welt, er empfindet und denkt, er sieht und hört anders als bisher. Die Gegend ist einförmig, Sand und Felsen wechselt mit Felsen und Sand. Und doch ist Beobachtung und Einbildungskraft auf das Lebhafteste beschäftigt. Jede kleine Veränderung in der Bodenbildung, jeder Farbenwechsel am Himmel erregt Aufmerksamkeit, das Auge sieht schärfer, das Ohr hört freier. Fortwährend befindet sich der Reisende in Aufregung. Es ist, als ob sein Puls mit stärkeren Schlägen schlüge, als ob das Herz ihm aufginge und sich erweiterte, wenn er von seinem Kaineel herabschaut und um sich nichts als die Einsamkeit erblickt. Das stürmische Meer, die Gletscherwelt der Alpen, die unermesslichen blumigen Prärien Amerikas machen keinen tieferen Eindruck auf seine Seele als diese Wüste. Keine Molke am Himmel, kein Mensch auf Erden, Sonnengluth ringsum auf den Berggipfeln und in den Thälem, und zur Seite der Samum, der ihm mit seinem Flammenkuss die Wange verbrennt.

Das Alles gilt nicht nur von den grossen Wüsten des Morgenlandes. Der Reisende braucht nur von der Strasse nach Suez nach rechts oder links eine Wegstunde weit abzulenken, und er wird alle diese Eindrücke an sich erfahren. Dann ist er von Todtenstille umgeben, die nur da, wo ein Thier gefallen, von herbeieilenden Aasgeiern und Schakalen unterbrochen wird. Der Horizont flimmert vor ihm. Fortwährend verwandelt der Wind mit dem Schlag seiner Flügel neben ihm die Gestalt der Bodenfläche, bald schichtet er den gelben Sand zu Haufen, bald glättet er die Stelle wieder und legt die Rippen der Felsen bloss, bald wieder begegnet er einem Gegenwinde, umfasst ihn, ringt mit ihm und tanzt, in einer hohen Staubsäule Gestalt annehmend, in wildem Wirbel über die Fläche hin.

Wie entzückt ist der Wanderer, wenn er dann eine kleine Oase erreicht. Ein Wady El Ward erfreut sein Herz wie ein Paradies, wenn auch ein solches „Thal der Blumen“ nichts weiter ist als ein halb bitterer Quell, an dessem Rande ein paar armselige Stachelgewächse stehen. Der Gaumen brennt, die Haut springt auf unter der glühenden Sonne, sein Odem geht wie der Broden eines Ofens aus seinem Munde. Er sagt sich, dass der Tod neben ihm hergeht und ihn fassen wird, wenn ihm sein Wasserschlauch platzen oder sein Kameel sich einen Dorn in den Fuss treten sollte. Es ist ihm, als ob selbst die Quellen ihm zuflüsterten: Trink und eile weiter. Aber seine Nerven sind der Gefahr gewachsen, seine Brust fühlt sich doppelt gesund in der reinen Luft, er verspürt keinerlei Abspannung, wie man sie in heissen Gegenden, die zugleich feucht sind, empfindet. Im Gegentheil sind alle seine Muskeln gespannt, seine Thatkraft auf dem Gipfel ihrer Entwickelung, es ist ihm als könne er jeden Feind bekämpfen und bezwingen, in Herz und Ädern regt sichs wie zum Fliegen. Die reine unverfälschte Sonne durchdringt ihn mit ihrem Licht und ihrer Wärme wie edler Wein, läutert und erhebt ihn und lässt, da der Körper an die Schwerkraft gebunden bleibt, wenigstens seine Einbildungskraft mit Macht die Schwingen regen. Grossherzige Empfindungen wechseln in ihm mit erhabenen Bildern. Er athmet gleichsam die Freiheit, athmet den Muth, der dem Araber das Sprichwort eingab:

„Das Reisen ist ein Sieg.“

Hinter ihm liegt die gemachte Höflichkeit, das falsche Wesen, der Zwang des Herkommens, vor ihm die Wüste, die allein den Menschen in seiner Urgestalt bewahrte, die Welt der Einfachheit und Wahrhaftigkeit, wohin alle Heroen der Religionen sich zurückzogen, bevor sie mit ihrer Verkündigung auftraten.

Welcher Reisende wäre je durch sie getäuscht worden, wem hätte sich nicht in die Freude, am Ziel zu sein, eine gewisse Wehmuth gemischt, wenn er ihr den Rücken kehrte und durch das Thor wieder in den Dunst und die Schatten der Stadt einzog! Die Wüste war ihm mit ihrer Luft und ihrem Licht ein Bad für Leib und Seele. Er begreift, wie ihre Kinder nur ungern sie verlassen, er versteht die Sehnsucht Israels in der ägyptischen Knechtschaft, das Heimweh des gefangenen Beduinen. Fühlt er doch noch spät in der Erinnerung etwas von jener Sehnsucht und von diesem Heimweh.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo