Bilder aus dem Orient – Jaffa

Palästina


Ein gelbes Sandgestade taucht aus dem Meere auf, dahinter ein langer bläulicher Höhlenzug. Dann wird ein backofenförmiger Hügel vor uns sichtbar, auf dem wir beim Näherkommen dichtgedrängte, terrassenartig sich übereinander erhebende Häuser wahrnehmen. Das Schiff wirft Anker, wir liegen in der Entfernung eines Büchsenschusses vor einer Stadt von Mittelgrosse. Es ist eine hart am Ufer hinlaufende moosige Festungsmauer, darüber bergabwärts ein Gewirr grauer Steinhäuser, flache Dächer mit weissgetünchten Kuppeln, ein niedriges Minaret, drei Klöster, rechts von der Stadt eine schroffe dunkle Felswand, links eine gelbe Sanddüne, hinter welcher Gärten grünen.

Die Pilger und Pilgerinnen an Bord sind alle auf dem Deck, blicken nach dem Lande hin und sprechen kniend und sich bekreuzend inbrünstige Gebete. Viele weinen vor Entzücken, andere legen ihre freudige Rührung auf andere Weise an den Tag. Das gelbe Gestade ist das heilige Land, die weissgraue Stadt auf dein backofenförinigen Hügel Jaffa, die Hafenstadt von Jerusalem. Froher Erwartung voll eilt alles den Booten zu, die durch die Brandung der Rhede dem gebenedeiten Strande zufahren. Der Jude geht sehnsuchterfüllt hierher, da er weiss, dass dein, welcher hier auch nur vier Ellen weit reist, Aulorn Ilabo, ewiges Leben zu Theil wird. Der Moslem kommt, um am Stein der Sakrah-Moschee zu beten, dein grössten Ileiligthum des Islam nach der Kaabali. Dem römischen Katholiken, der die Terra Santa betritt, ist von seiner Kirche vollkommener Ablass verheissen, dem griechischen Pilgrim sind gleiche Gnaden in Aussicht gestellt. Es ist das Land, wo ihr Erlöser gelebt und gelitten, wo er triumphirend über Welt und Tod auferstanden und aufgefahren ist gen Himmel. Eine Fülle von Reliquien mit entsündigender Kraft, Erinnerungen an heilige Patriarchen und Propheten, Apostel und Eremiten, eine Unzahl von heiligen Häusern, Höhlen, Klöstern, Bäumen und Quellen, von heiligen Knochen und Marterwerkzeugen, jedes von einer besonderen Glorie umgeben, leuchtet ihrem gläubigen Auge entgegen. Andächtig küssen sie, ans Land gestiegen, den gesegneten Boden.

Jaffa, das alte Joppe, hat über zehntausend Einwohner, unter denen sieh etwa dreihundert Christen und circa vierhundert Juden befinden. Der Handel ist nicht von Bedeutung. Dagegen werfen die ausgedehnten Citronen- und Orangengärten, die sich, mit hohem Kaktus eingehegt, hinter der Stadt wie ein grosser grüner Wald hinziehen, ihren Besitzern jährlich beträchtliche Summen ab, und nicht unerheblich ist die Production der hiesigen Gerbereien und Seifenfabriken. Um die Stadt laufen Festungswerke, die indess keinen Sturm aushalten. Der Graben ist trocken, die Mauer zum Theil verfallen, die Sehiessseharten sind nur noch hier und da mit Kanonen besetzt. Das Innere der Stadt ist sehr eng gebaut, die Gassen sind, überragt von hohen grauen Quadermauern, krumm, winkelig und düster. Hier und da hängt an den Wänden ein kleiner blau oder roth angestrichener vergitterter Holzerker. In die Brüstungen der platten Dächer sind musterartig übercinandergelegte Ziegelröhren eingelassen, deren Mündungen, Reihen von Dreiecken bildend, den Luftzug vermitteln und zugleich als Taubenwohnungen dienen. Mitten in dem starren Gemäuer erhebt sich bisweilen eine Palme mit ihrer grünen schwankenden Federkrone.

Da Jaffa in der Bibel wiederholt erwähnt wird, muss es natürlich auch seine Reliquien haben. In der Capelle des Franciscanerklosters sehen gläubige Wallfahrer das Haus des Gerbers Simon, bei dem Petrus einmal Herberge fand, in einigen Trümmern östlich von der Stadt die einstige Wohnung der Jüngerin Tabitha, die durch den Apostel von den Todten auferweckt wurde. Auch das W under des Propheten Jonas mit dem grossen Fisch soll sich hier begeben haben.

In dein Gartenparadies hinter der Stadt, einem Reste der Anmutli und des Reichthums, der Palästina einst zu einem vielbegehrten Lande machte, liegen mehre Dörfer, deren Bewohner als fleissige Arbeiter von Mehemed Ali aus Aegypten hierher gebracht wurden, und die jetzt zusammen gegen zehntausend Seelen zählen.

Einen sehr bunten und fremdartigen Anblick gewährt dem Fremden der Platz zwischen dem Ilauptthor und den Gärten. Derselbe dient als Markt und zugleich als Sammelplatz für die ankommenden und abziehenden Karawanen, und man sieht hier in der heiligen Woche sicher mehr als die Hälfte aller Reit- und Lastthiere Palästina’s vorübergehen. An der einen Stelle stehen [Massen reisefertiger Pferde und Maulthiere mit türkischen Sätteln und bunten Schabraken. An einer andern lagern Kameele mit vorgestreckten Hälsen und kauenden Mäulern. Hier feilschen Fellahs aus der Nachbarschaft schreiend und gesticulirend um eine Ziege oder ein Schaf mit Fettschwanz. Dort wieder traben Beduinen des Ostens, sonneverbrannte Gesellen mit blitzenden Augen und dünnen schwarzen Bärten, in weiss- und braungestreifte Kameelhaar-Mäntel gehüllt, die gelb und rothe Keffieh über Kopf und Nacken, die lange Lanze auf der Schulter, festen Sitzes, wie mit ihrem Ross zusammengewachsen, durch ein Gedränge von Handelsleuten, die sieb am Strande des Platzes neben Haufen von Orangen und Zwiebeln, Knoblauch und Gurken niedergelassen haben, Alles schreit, zankt, murmelt und gurgelt mit Semitischer Lebhaftigkeit durcheinander. Kameele brüllen, Ziegen meckern, Gewieher von Hengsten mischt sich mit dem Geblök von Schafen. Durch das Ganze aber bewegt sich wie ein ruhiger Strom durch einen tobenden See, aus der Gartenstrasse, die hier mündet, nach dem Thore der Stadt der in der Osterzeit fast nie abreissende Zug der Hadschis von Jerusalem.

Wolken gelben Staubes um und über sich, kommen eins hinter dem andern breithinwandelnde Kameele mit ganzen Familien in Tragsesseln oder Körben auf dem Rücken. Dahinter Gesellschaften zu Pferd oder zu Esel, daneben andere zu Ftiss, alle müde von der beschwerlichen Gebirgsreise, viele aber zugleich mit dem frohen Bewusstsein auf dem Gesicht, das ewige Leben mit heimzunehmen. Einzelne Züge sind von ihren Priestern geführt. Alle tragen in Bündeln von Stöcken werthe Andenken vom Jordan, in langen Blechkapseln Heiligenbilder, in den Klöstern von Jerusalem gekauft, einige auch in zerkratzten W angen und verbundenen Köpfen Erinnerungen an die grossartige Schlägerei um das heilige Feuer mit nach Hause, die zu jedem Ostersanistag am Grabe Christi so wesentlich wie zu jeder rechtschaffenen Kirmess in Deutschland zu gehören scheint. Alle Völker der Levante, alle Inseln und Küsten der östlichen Meere bis zum Asowschen hinauf, sind vertreten in dem Zuge: Araber, Syrer, Kopten und Maroniten, Griechen und Rumänen, Armenier, Bulgaren und Russen, selbst die schwarzen Christen von Habesch fern im Süden, und man schlägt die Zahl der Pilger, welche das Osterfest alljährlich in der heiligen Stadt versammelt, auf reichlich Zehntausend an.

Auch unser Weg führt dorthin, und er scheint zunächst ein nichts weniger als unbequemer und unschöner. Gärten voll Schatten und Duft, aus einem grossen Teich wohlbewässert, nehmen uns auf. Rechts und links schimmert in tiefgrünem Laub das brennende Roth von Granatblüthen, breiten mächtige Feigenbäume ihre Zweige und Wipfel aus, klettern an alten Sykomoren Weinreben mit breiten Blättern, empor. Vor allem aber sehen wir weite Pflanzungen von Limonen, von deren Aesten einige schon mit goldenen Früchten prangen, während andere noch mit den weissen Blüthen bedeckt sind. Der Duft, den letztere ansströmen, ist bisweilen förmlich betäubend.

Weiter hinaus windet sich der Weg durch Aecker und Weide. Auf den Feldern — es sind dieselben, wo Simsons Füchse die Saaten der Philister in Brand steckten — pflügen Fellahs mit dem Pflug der Vorzeit. Auf den Weideplätzen — sie trugen einst die Rosen von Saron — erblicken wir die schwarzen Zelte und die weissen Heerden von Beduinen, die vom Gebirge bis zum Meer hinab nomadisiren. Eine kleine weisse Stadt mit mehren Minarets wird sichtbar, Ramleh, vermuthlich das alte Arimathia, mit seinen Klöstern, ein Ruhepuuct für die Jerusalems-Pilger. Hügel und Thäler künden allmälig die Nähe des Gebirges an. Endlich betreten wir dieses selbst und damit beginnen Beschwerlichkeiten, wie man sie in dem vorwiegend flachen Aegypten nicht kennt. Von einer eigentlichen Strasse ist nicht mehr die Rede, häufig scheint der Pfad, der bald steil emporführt, bald über das Felsgeröll eines vertrockneten Regenbaches hinläuft, mehr für Ziegen als für Pferde geschaffen. Die vorherrschende Farbe der Landschaft ist das fahle Grau der Kalkberge, aus denen das Gebirge Juda besteht. Die spärliche Vegetation zeigt nur niedere Büsche von Stacheleichen und Stachelspargel, der von fern dem deutschen Wachholder gleicht, Johannisbrodbäume und Lentiscus, und wo Dörfer in der Nähe sind, Oliven- und Feigenbäume.

Nur selten ist ein Haus zu sehen. Nach mehren Stunden Auf- und Abklettern erscheint mit seiner stattlichen Moschee das hübsche Städtchen Kurjet El Enab, bald darauf über einem Bach zur Linken das Dorf Kulonieh. Dann gilt es einen hohen steinigten Bergrücken zu erklettern. Oben geht es über einen mit Felsbrocken besäeten Weg eine Strecke weiter, bis plötzlich auf der Hochebene eine Stadt mit einer hohen zinneugekrönten grauen Mauer, mehren Minarets und zahlreichen weissen Kuppeln sichtbar wird. Unsere Karawane hält. Die Frommen in derselben steigen aus dem Sattel, einige bekreuzen sich und beten, andere jauchzen der Stadt mit ausgebreiteten Armen entgegen — wir stehen vor Jerusalem.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx