Bilder aus dem Orient – Jericho


Eine herrliche Gartenlandschaft, auf welche mächtige gelbe Wüstenbeige herabschauen, weitgestreckte Palinenhaine, in deren Schatten die kostbare Balsamstaude wächst, deren Harz von der vornehmen Welt Roms und Alexandriens mit Gold aufgewogen wird, alles wohlgepflegt und reichlich bewässert.- Inmitten dieser grünen Welt eine grosse blühende Handelsstadt mit Königspalästen und mächtigen Wasserleitungen, mit einem Circus, einem Platz für Volksversammlungen, mit Magazinen und reichversehenen Marktstrassen, mit einem Gewühl-von Menschen und M aaren, Karawanen, Soldaten, Kaufleuten und Sclaven, die Wüste draussen scheinbar nur des Contrastes wegen da — das ist der Anblick von Jericho zur Zeit Jesu, der reichsten Stadt von ganz Judäa, wie Josephus sagt.

Eine weite dürre Einöde, fast so dürr und wüst wie die Felsenkämine -über und neben ihr, beinahe ohne alle Spur menschlicher Thätigkeit, nur wo Wasser fliesst mit einigen Gemüsebeeten und Fruchtbäumen ausgestattet, zwei oder drei dürftige Ruinen, Bogen von Aquäducten, Säulenstümpfe, halb im Sande begraben, hier und da ein altes Gemäuer, ein elendes Ilüttendörfchen, daneben ein Wartthurm, sonst nichts als Wüste und stachliche Wiistensträucher, da und dort ein Beduinenzelt und daneben eine kleine Viehheerde, des Nachts Geheul von Schakalen und Froschgeschrei am Bache — das ist das Bild des heutigen Jericho, eines der unschönsten im ganzen heiligen Lande. Die alten Pflanzungen von Zuckerrohr und Indigo sind verschwunden, von dem prächtigen Palmenwalde ist keine Spur mehr übrig. Wo die Balsanistaude duftete, verbreiten die mit Kuhdünger genährten Heerdfeuer des Dorfes Ivicha ihre Uebelkeit erregenden Gerüche.

Die Stätte von Jericho wird zu Pferde von Jerusalem aus in etwa sechs Stunden erreicht. Hinter Bethanien, welches man dabei zu passiren hat, wird die Gegend allmälig baumloser, auch die Getreidefelder hören endlich auf, und die Strasse führt durch eine aus Hunderten von öden wasserlosen Bergen und Schluchten bestehende Wüste. Vier Stunden von Jerusalem wird der Weg felsig, und man steigt nach einem weissschimmernden Pass hinauf, neben dem die Ruinen eines Castells liegen, und der uns an den Rand der Bergwand bringt, welche, vielfach gebrochen, das Ghor, d. h. die Jordanebene begrenzt.

Auf der Höhe angelangt, blicken wir links in ein tiefes Seitenthal hinab, an dessen schroffen Abhängen in wagerechtlaufenden bandartigen Streifen röthliches Gestein zu Tage tritt, und in dessen Grunde, von Schilf und Buschwerk umgrünt, die Wasserfälle eines Baches rauschen, welchem das arabische Volk der Gegend den vornehmen Namen Ain Es Sultan, Sultansquelle, gegeben hat.

Nach der Tradition der Mönche haben wir in ihr die Quelle vor uns, welche der Prophet Elisa nach dem zweiten Capitel des zweiten Buches der Könige auf wunderbare Weise aus einer bittern in eine süsse, trinkbare verwandelt hat. Sie entsendet einen ziemlich starken Bach in die Ebene. Nicht fern von hier erhebt sich der kahle Berg, von dem der Satan dem Hailand, als er hier vor Antritt seines Lehramtes vierzig Tage gefastet, alle Reiche der Welt gezeigt haben soll. Felsengrotten, in denen einst Eremiten wohnten, eine kleine Höhlenkirche und andere Zeichen erinnern daran, dass früher hier Tausende von Christen das Beispiel des Heilandes durch Leben in der Einsamkeit naehzualnnen suchten.

Wir aber wenden uns rechts hinab, um auf steilem Zickzackpfade in die Tiefe zu gelangen. Wir passiren den Bach vermittelst einer Furth, setzen über mehre Gräben, welche das Wasser nach den Feldern von Richa leiten, und machen endlich, da im Dorfe an ein Unterkommen für Culturmenschen nicht zu denken ist, nicht fern von dem Castell und den Ruinen einer Wasserleitung aus der Zeit der Herodianer am Ufer des Baches Halt, um hier im Gebüsch unser Zelt aufzuschlagen. Dieses Gebüsch hat nichts von einem Walde, weder frisches Grün, noch reichlichen Schatten. Es besteht aus dorneureichen Nebkbäumen und baumartigem Haidekraut, hier und da wächst der Oscher, ein Strauch mit blauer Kartoffelblüthe, der angeschnitten einen weissen Saft wie dicke Milch ausströmt, an einigen Stellen auch die Leimun Lut, die Limone Lots, ein Wüstenstrauch mit gelben Früchten von der Form kleiner Orangen, die aber aufgebrochen nichts als Staub enthalten. Wo der Boden etwas besser und durch künstliche Bewässerung getränkt ist, sehen wir einige sehr stattliche Feigenbäume, kleine Felder mit Gerste, Sesam und Weizen, und Beete mit Tabak und Ricinus bepflanzt.

War die Hitze schon oben im Gebirge sehr stark, so ist sie hier unten fast nicht zu ertragen. Die Sohle des Thaies liegt über 1300 Fuss unter dem Spiegel des Mittelmeeres, die kahlen Bergwände ringsum fangen die Sonnenstrahlen wie ein Brennspiegel, der Wind, der sich gelegentlich erhebt, gewährt, aus der selbst glühend heissen Wüste kommend, keine Kühlung, und wellt der Scirocco, so zittert die Luft über dem Erdboden wie über einem glühenden Ofen.

Ermüdet, abgespannt, kaum zum Beobachten mehr fähig, strecken wir uns am Bache hin, dessen Wasser zwar seit Elisas Wunder süss geblieben, aber lau, fast warm ist. Massen von Mücken verjagen uns von hier. Ein Abendspaziergang nach dem Thurm von Richa lohnt sich wenig. Das Gebäude scheint aus der Zeit der Kreuzzüge zu stammen und ist jetzt mit einigen Baschibosuks besetzt, welche indess gegen die Beduinen der Nachbarschaft wenig ausrichten. Im Dorfe kläffen uns aus den Löchern, welche hier die Ilausthüren vorstellen, magere Hunde mit weitaufgerissenem Rachen an. Mit Vergnügen sehen wir die Sonne sinken und die Nacht sich über die Gegend breiten. Das Schauspiel, wie die Berge allmälig ihre Farben ändern, zuerst in feuerigem Roth, dann in tiefem Violet erglühen, zuletzt in Grauschwarz sich hüllen, ist herrlich. Aber die Kühle der nordischen Sommernacht bleibt aus, erst gegen die Morgendämmerung spüren wir Nachlass der Hitze in diesem Thal mit dem tropischen Klima.

Die zwischen dem rechten Jordanufer und Jerusalem hausenden Beduinen sind Viehzüchter und nebenher Zunftgenossen der Räuber, welche in der Geschichte vom barmherzigen Samariter, die bekanntlich auf der Strasse von Jerusalem nach Jericho spielt, ihr Handwerk in so wenig humaner Weise betrieben. Unter einem Scheeli stehend, der sich und seinen Stamm als Herren des genannten Gebietes betrachtet, verfahren sie etwa wie unsere alten Raubritter im Mittelalter. Wer sich vornimmt, ihr Gebiet zu durchwandern, der muss sich mit Geleit aus ihrer Mitte versehen. Für dieses Geleit, welches für drei bis vier Tage genommen wird, zahlt der Mann in der Regel ein Pfund Sterling. Wer diesen Tribut und die dafür gewährte Escorte nicht beachtet, der gilt nach der alten Regel, dass jeder Fremde ein Feind ist, für vogelfrei und wird sicher, noch ehe er das Thal von Jericho erreicht, vollständig ansgeplündert und, falls er sich zur Wehre setzt, niedergeschossen. So will es der Brauch dieser Stämme, und die türkische Regierung ist zu schwach, um Ordnung zu schaffen. Unter der Herrschaft Ibrahim Paschas freilich war es anders. Da merkten auch die Söhne der Wüste, dass es eine Obrigkeit gab, und die Räuberromantik hatte bis über den Jordan hinaus auf mehre Jahre ein Ende.

Wir wissen natürlich das Sprichwort, dass der, welcher sich in Gefahr begibt, darin umkommt, und so umgibt uns hier unten eine ganz stattliche Escorte jener sonnenverbrannten schwarzbärtigen Burschen, bewaffnet mit langen Flinten, Pistolen und Lanzen. Sie sind so freundlich, als es ihre Natur erlaubt, obwohl sie sicherlich lieber die ganze Karawane ausraubten. Ja zum Abendessen geben sie uns, von dem flackernden Lagerfeuer angestrahlt, sogar eine Art pantomimisches Schauspiel zum Besten, welches in einem ihrer Tänze besteht und mit rauhem Gesang begleitet wird. Der Tanz hat allerdings nichts mit unseren Tänzen gemein. Sie bewegen sich kaum von der Stelle, trippeln, dicht aneinander gedrängt, einen Schritt vorwärts, dann einen zurück, springen in die Höhe und klatschen nach dem Tact in die Hände, während einer vor ihnen allerlei Körperverrenkungen vornimmt, lebhaft gesticulirt und mit einer Keule oder einem Yataghan um sich schlägt, bis zum Schluss einige ihre Pistolen abfeuern. Auch der Gesang ist nicht eben schön und, die Wahrheit zu sagen, mehr eine Art Gebell als Rhythmus und Melodie. Indess haben wir dergleichen auch nicht erwartet, und das Bild, das die wilde Gruppe im Scheine der flackernden Flamme auf- und abgaukelnd gewährt, gehört ganz in eine Nacht bei den Ruinen von Jericho. Unsere Halbwilden haben dafür, wie für alle ähnlichen Kunststücke und Scherze ihres einfachen Lebens das schöne, griechischer Rede entlehnte Wort „Fantasia“, und da jeder seine besondere Vorstellung von Phantasie haben darf, so wollen wir es ihnen nicht als falsch angewendet tadeln. Wenn nur nicht gleich darauf das garstige „Baksclnsch“ folgte, das auch für diese oft so ritterlich geschilderten Bursche heutzutage das Alpha und Omega alles Thuns und Redens ist.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien

One Comment

Comments are closed.