Bilder aus dem Orient – Jerusalem

(Hierzu 3 Bilder: 1. Jerusalem auf Engaddi, 2. Jerusalem vom Ölberg gesehen, 3. Jerusalem, Kirche der Tempelritter.)

Die erste unserer drei Ansichten von Jerusalem zeigt die heilige Stadt, wie sie sich vom nördlichsten der drei Gipfel des Oelberges in der Ferne als weisse Häusermassen inmitten von grauen, gegen den Horizont hin hellbläulichen und schwach rosenroth gefärbten Bergen präsentirt. Die Schlucht mit der Quelle im Vordergründe wäre nach Einigen das alttestamentliche, durch die Begegnung Sauls und des geächteten Davids uns bekannte Engaddi, welches indess von Andern mit mehr liecht in eines der Seitenthäler am Todten Meer verlegt wird. Der spitze Berg rechts am Horizont ist der Nebbi Samwil, auf dem das Grab des Propheten Samuel gezeigt wird, der Frankenberg, arabisch Dschebel Fureidis, bezeichnet die Gegend von Bethlehem, das Thal Josaphat ist ein besonders wilder Theil des Kidronthales.

Jerusalem liegt etwas mehr als sechs deutsche Meilen von und ungefähr dritthalbtausend Fuss über dem Mittelmeere. Auf vier Hügeln erbaut, von denen jetzt aber nur noch zwei, Zion und Moriah, deutlich erkennbar sind, ist es mit einer hohen Festungsmauer umgeben, vor der sich das Terrain im Süden und Siidwesten nach dem Thal des Baches Gihon, im Osten nach dem Thal des Ividron hinabsenkt, während im Norden und Nordwesten eine wellige Fläche sich anschliesst. lieber dem Gihon erhebt sich, dem Zion gegenüber, der Berg des Bösen Käthes, über dein Kidron im Süden der Berg des Aergernisses und im Osten der dreigipfelige, ungemein edelgeformte Oelberg. Die Thäler sind tief, die Bäche in ihnen den grössten Theil des Jahres ohne Wasser, ihre Wände ziemlich steil, zum Theil felsig, die Berge von gerundeter Gestalt. In unmittelbarer Nähe der Stadt tragen die Abhänge Gruppen von Olivenbäumen, seltener Maulbeer- und Feigenplantagen, hier und da auch ein Stückchen Gerstenfeld oder einen Gemüsegarten. Weiter hinaus bekleidet die Höhen fast nur dürftiges Gestrüpp, und obwohl das ganze Bild jetzt etwas grüner ist als früher, überwiegt in demselben doch noch immer die graue Farbe und die Kahlheit und Dürre alle anderen Eindrücke.

Die Stadt selbst nimmt sich, namentlich vom Mittelgipfel des Oelberges betrachtet — man vergleiche unser zweites Bild — recht gut aus. Die hohe Mauer mit der Zinnenkante lässt sie als feste Burg erscheinen. Ilochgewölbte Kuppeln und schlanke Minarets bringen in das Einerlei der dicht aneinander sich abstufenden Häuser Wechsel und Gliederung. Einige Palmen und Cypressen innerhalb der Mauern mischen dem monotonen Grau und Weiss der Wände, der Dachterrassen und der kleinen Kuppeln, welche jedes Gemach überwölben, wenigstens etwas Grün bei. Der Haramplatz endlich mit seinen beiden im bunten Farbenschmuck glänzenden Moscheen, seinen Brunnen, Grabmälern, Grasflächen, Cypressen und Olivenbäuinen setzt dem Gemälde links eine Ecke ein, auf welcher das Auge gern verweilt.

Das Innere gleicht dem Innern aller orientalischen Mittelstädte: enge, vielfach gebrochene, unsaubere Strassen, zum Theil überwölbt, häufige Ruinen alter Prachtbauten, Steinhäuser ohne Tünche, statt unserer hellen Fensterscheiben die Gittererker der Maschrebijeh, allenthalben üble Gerüche. Das Ganze zerfallt in vier Ilareth oder Quartiere, die nach den Religionsparteien das mohammedanische, das christliche, das armenische und das jüdische heissen, doch sind die Bekenner des einen Glaubens jetzt nicht mehr gehindert, sich im Bereich der Andersgläubigen anzusiedeln. Grosse öffentliche, dem gesannnten Publikum zugängliche Plätze sind fast gar nicht vorhanden. Von den sieben Thoren der Stadt sind gegenwärtig nur vier offen: an der Westseite das Hebronthor, aus dein man nach Bethlehem und Jaffa geht, im Nord westen das schön verzierte Damaskusthor, durch welches die Strasse nach Nablus und Galiläa führt, im Osten, dem Oelberg zugekehrt, das Stephansthor, das von den arabischen Christen, weil es der Ausgang nach dein sogenannten Grab der Jungfrau Maria ist, Bab Es Sitti Marjam benannt wird, endlich im Südwesten das Zionsthor. In der Nähe des letzteren befinden sich an der inneren Seite der Stadtmauer die Hütten der Aussätzigen, etwa ein Dutzend niedrige, aus Mörtel und Steinbrocken zusammengeklebte Geniste ohne Fenster, bewohnt von ungefähr dreissig Kranken beiderlei Geschlechts, die nur von milden Gaben leben.

Erwähnenswerthe öffentliche Gebäude weltlicher Art hat das heutige Jerusalem mit Ausnahme der Citadelle und des neuen österreichischen Pilgerhauses nicht aufzuweisen. Letzteres, ein sehr eleganter palastartiger Bau, der dem Charakter der Stadt vortrefflich angepasst ist, liegt im mohammedanischen Viertel, nicht fern vom Damaskusthor und zwischen diesem und dem Platz, wo der alte Tempel stand. Die Citadelle, im armenischen Quartier gelegen, zeigt, namentlich an dem dicken viereckigen Hauptthurme, in gewaltigen Quadern Spuren hohen Alterthums und ist sehr wahrscheinlich der Thurm llippieus des Josephus.

Wenn wir jetzt das geistliche Gebiet, das romantische Jerusalem, die in die prosaische Welt eingeschlossene Welt der Reliquien und Legenden betreten, so mangelt Zeit, Raum und Neigung, um vollständig zu sein. So werden wir von den weniger wichtigen Gegenständen absehen und nur daran erinnern, dass man ausser den Häusern verschiedener Apostel, meiner heiliger Frauen der Evangelien, der Hohenpriester Kaiphas und Annas, ausser dem Bad der Bathseba, der Ecke, wo Jesus am ersten Palmsonntag vom Esel stieg, der Stätte, wo Jacobus enthauptet wurde und dem Ort, wo Maria bei ihrer Himmelfahrt den Gürtel fallen Hess, auch das Haus des reichen Mannes — im Gleichniss und einen jener Steine zeigt, die — schreien sollten, falls die Menschen schwiegen.

Der Mittelpunct dieser wundersamen Heiligthümer ist die sogenannte Via Dolorosa mit ihrem Endpunet, dem Kirchen- und Capellencomplex, der die Stätte bedeckt, wo Christus nach der Tradition gekreuzigt und begraben wurde.

Die Via Dolorosa oder der Schmerzensweg ist eine lange Strasse, die, an der Kaserne, bei welcher der Pascha seine Amtswohnung hat, beginnend, in ziemlich gerader Richtung nach der Grabeskirche hinaufläuft. Sobald wir auf sie gelangen, stellt sich die Legende als Führerin neben uns ein. Die Kaserne bezeichnet sie uns als den Ort des Richthauses, wo das böse Judenvolk das erste „Kreuzige ihn!“ rief. Weiterhin macht sie uns auf den Ort aufmerksam, wo die Kriegsknechte Jesu das Kreuz auflegten. Dann folgt eine kleine Capelle, die nach der Meinung unserer Begleiterin auf der Stelle erbaut ist, an der er gegeisselt wurde. Dreissig oder vierzig Schritt weiter hält sie uns vor einem die Gasse überwölbenden Spitzbogen mit einem kleinen Häuschen an — es ist die Stätte, da Pilatus rief: „Sehet, welch’ ein Mensch!“ Dann kommen: der Ort, an welchem Jesus, unter der Last des Kreuzes zusannneiibrechend sich an eine Wand lehnte und hier — den Eindruck seiner Schulterblätter zurückliess, der Ort, wo dem abermals Fallenden Saneta Veronica ihr Taschentuch reichte, damit er sich den Schweiss abtrockne, bei welcher Gelegenheit ein Portrait von ihm auf dem Tuche zurückblieb, endlich der Ort, wo er zu den weinenden Frauen sagte:

„Weinet nicht über mich, sondern über euch und eure Kinder.“

Ein paar Schritte um die Ecke, an Buden mit Rosenkränzen vorbei, einige Stufen hinab, und wir sind vor der Grabeskirche. Im Hintergrund eines kleinen viereckigen Platzes, auf dem Händler mit Wachslichten, Jerichorosen und Perlmutterschnitzwerk von Bethlehem feilhalten, erhebt sich ihre aus der Kreuzfahrerzeit stammende Fassade, über der wir eine grosse und eine kleinere Kuppel, und weiter im Hintergrund das Minaret einer Moschee erblicken. Durch ein Rundbogenportal treten wir in einen vorderen Raum, wo wir in einer röthlichen, von Kerzen und Lampen beleuchteten Marmorplatte, auf welcher nach Angabe der Legende Joseph von Arimathia den vom Kreuz abgenommenen Jesus gesalbt hat, der ersten Reliquie dieses grössten Reliquienschreins der Welt begegnen. Wenden wir uns von hier zur Linken, so gelangen wir nach einigen Schritten in die grosse Rotunde, unter deren Kuppel die Capelle steht, welche das heilige Grab einschliesst. Die Kuppel, so verfallen, dass der Himmel durchblickt, ruht auf hohen viereckigen eingestellten Pfeilern. Die Capelle, ein längliches Viereck, ist mit Platten gelblichen Marmors bekleidet, ringsum mit Pilastern und anderen Zierrathen im Roccocostyl geschmückt und oben mit einer durchbrochenen Brüstung versehen. Vor dem Eingang hängen Reihen von Ampeln aus edlem Metall und stehen hohe Silberkandelaber. Ueber der Kuppel schweben blaue Seidenpaniere mit weissen Sternen. Das Innere zerfällt in zwei enge Räume, die Stelle, wo der Engel sass, der den trauernden Frauen die stattgefundene Auferstehung meldete, und dahinter den mit zahlreichen goldenen Lampen geschmückten Altar von weissem Marmor, unter dem sich das Grab selbst befindet.

Gehen wir von der Grabescapelle durch die Arcaden des nördlichen Theiles der Rotunde, so gelangen wir in die halbdunkle Franciscanercapelle, auf deren Fussboden ein Marmorstern den Punct anzeigt, wo der Anferstandene der Maria Magdalena als Gärtner erschien. Gleich daneben, einige Stufen höher, war’s, wo er seiner trauernden Mutter erschien, wieder ein paar Schritte davon sieht man hinter einem Gitter die eine Hälfte der Marmorsäule, an der er gegeisselt wurde, und nicht fern hiervon begrüsst der fromme Pilgrim die Nische, in der man ihn in Verwahrung hielt, bis das Loch zur Aufstellung seines Kreuzes gegraben war.

Im Osten der Grabescapelle befindet sich der Griechenchor, der prächtigste Theil des ganzen Baues und ein Gemisch aus byzantinischem, sarazenischem und modernem Styl. Gold und Silber, Marmor und Bronze sind bis zur Ueberladung verwendet. Allerlei Schnitzwerk, zahlreiche Ampeln, riesige Silberleuchter mit Kerzen von Mannsdicke, lange Galerien bunter Heiligenbilder mit strahlenden Glorien um die dunkelbraunen Mumiengesichter, schöngeschnitzte Evangelienpulte, Chorstühle und Thronsessel lassen das Ganze eher wie die Empfangshalle eines hohen Kirchenfürsten als wie eine Kirche erscheinen.

Ringsum den Griechenchor läuft nach Osten ein halbrunder Gang, der mit einer ganzen Anzahl von Legendenorten und Capellen besetzt ist. Da ist zunächst die Capelle des Kriegskneehts Longinus, der die Seite Christi mit seinem Speer durchstach und, später bekehrt, hier als Büsser lebte, daneben die Capelle, wo die Soldaten des Pilatus die Kleider des Gekreuzigten theilten. Da steigt man ferner auf dreissig Stufen in eine Felsengrotte hinab, wo die heilige Helena, Kaiser Constantin des Grossen Mutter, einem Traum folgend, das Kreuz Christi sammt denen der beiden Schächer, der Dornenkrone, den Nägeln und dem übrigen Zubehör der Passion fand. Wieder ein paar Schritt weiter endlich führt uns die Legende an den Altar einer vierten Capelle, unter welchem ein Stück der Säule steht, an der man dem Heiland die Dornenkrone aufsetzte.

Alle diese Capellen und Capellchen sind, je nach der Wichtigkeit, welche sie in der Ueberlieferung einnehmen, mit einer grosseren oder geringeren Anzahl von Lampen und Leuchtern, die meisten auch mit Bildern ausgestattet, von denen indess keines irgend welchen Kunstwerth hat, wie denn die Malerei in ganz Jerusalem auffallend übel vertreten ist. Vielleicht erklärt sich das aus dem Wesen des Orients überhaupt, der selbst malerisch ist, aber sich stets, wo nicht wie das alte Judenthum und der Islam geradezu feindselig, (loch gleichgiltig gegen die bildende Kunst und deshalb auf deren Gebiet unproductiv bewies.

Kehren wir aus diesem Kundgang hinter dem Griechenchor nach dem Salbungsstein zurück, so treffen wir links die Treppe, die nach Golgatha hinaufführt. Auch dieser einstige Felshügel ist durchaus mit Marmor bekleidet und mit einer Kirche überbaut, welche mit der Grabeskirche und ihren Capellen ein und dasselbe Dach hat und durch weisse Marmorsäulen in zwei Hälften geschieden ist. Die Nordhälfte umfasst, wenn wir unserer Begleiterin, der Legende glauben dürfen, die Stelle, wo die Kriegsknechte Jesum an das Kreuz schlugen, die südliche dagegen den Ort, wo sie dann die drei Kreuze aufrichteten. In beiden Abtheilungen brennen gegen hundert Kerzen und Ampeln. Ueber der Vertiefung, in welcher das Kreuz Christi stand, hat man eine Silberplatte mit der griechischen Inschrift:

„Hier bewirkte Gott, unser König, vor Jahrhunderten das Heil im Mittelpuncte der Welt,“

befestigt. Zu beiden Seiten zeigen schwarze Marmorvierecke die Stelle der Löcher, wo die Kreuze der Schächer sich befanden, und dahinter schimmert ein mit Silberblech beschlagener Altar. Nicht fern von dem Punct, wo das Kreuz des linken Schächers eingelassen war, macht uns Frau Legende, unsere fromme Führerin, auf den beim Verscheiden Jesu entstandenen Riss aufmerksam, der, wenn nicht noch etwas weiter, wenigstens bis zum Mittelpunkt des Erdballes hinabgeht und die Bestimmung hat, beim jüngsten Gericht die Lämmer von den Böcken zu scheiden.

Der Raum unter der Kreuzigungskirche ist ebenfalls in eine südliche und eine nördliche Hälfte geschieden, von denen man die erstere zu einer Art Sakristei für die griechischen Geistlichen eingerichtet hat, welche hier den Dienst versehen. Die andere Abtheilung ist eine Capelle, welche dem Evangelisten Johannes geweiht ist. Hier stand, so versichert unsere Begleiterin, das Grab Melcliisedeks, des Priesterkönigs von Salem, und hier wurde von einem glücklichen Reliquienseher der Schädel Adams, des Vaters der Menschen, gefunden. Vor der Capelle aber lagen einst — und das ist sicher — in ihren Steinsärgen die Kreuzfahrerkönige Gottfried von Bouillon und Balduin der Erste. Bei der Eroberung Jerusalems durch die Chowaresmier wurden die Sarkophage zerstört, und jetzt sind nicht einmal die Grabschriften mehr vorhanden.

Die Capelle des heiligen Grabes ist gemeinschaftliches Eigenthum aller christlichen Secten. Der grösste Theil des Uebrigen gehört jetzt den Griechen, welche, als der ganze Complex von Kirchen und Capellen zu Anfang dieses Jahrhunderts niederbrannte, das meiste Geld zum Wiederaufbau beisteuern konnten. Die kleineren armen Kirchengemeinschaften, die Copten, Abyssinier und Syrer, sind beinahe ganz hinausgedrängt und haben nur noch hie und da einen dürftigen Altar. Uebrig blieben ausser den Griechen nur noch die Lateiner und Armenier, um sich gegenseitig anzufeinden, Ränke gegen einander zu spinnen und sich bei Gelegenheit des Osterfestes mitten in der Kirche, zum Aergerniss selbst der Türken, blutige Knüppelsclilachten zu liefern.

Die Geistlichkeit, welche in den verschiedenen Abtheilungen der Grabeskirche den Dienst versieht, wohnt in zwölf Klöstern, unter denen das lateinische Franciscanerkloster zu St. Salvator, das grosse griechische, in welchem gegen 150 Cleriker höheren und niederen Ranges wohnen, und das den Armeniern gehörige Jacobskloster den ersten Rang einnehmen. Die Juden besitzen ausser einer noch im Bau begriffenen sehr grossen Synagoge eine Anzahl kleiner, in denen jeden Tag viermal Gottesdienst gehalten und in der Zwischenzeit fleissig Talmud studirt wird. Die Mohammedaner haben sechs grössere und zwei kleine Moscheen, von welchen mehre ehemals Kirchen waren.

Reste aus den Jahrhunderten der Kreuzzüge sind in den Trümmern des Johanniterconvents, sowie in der Ruine einer der heiligen Anna geweihten Kirche vorhanden. Der Johanniterconvent befindet sich hart vor dem Eingang zur Grabeskirche und besteht aus einem jetzt vermauerten Rundbogenportal und weitgedehnten Mauerresten von palastartigen Gebäuden, die einen mit Kaktusstauden und Unkraut bewachsenen Hof umgeben. Die Annenkirche liegt nicht weit vom Damaskusthor, etwa in der Mitte des Raums, den einst der Stadttheil Bezetha einnahm, und ist eine kleine Basilika mit Thören und Fenstern im Spitzbogenstyl. Früher der mohammedanischen Secte der Schafeiten gehörig, wurde sie 1856 vom Sultan den Franzosen abgetreten.

Echte Alterthümer aus der Zeit Christi glaubt man in einem Theil der Citadelle, sowie in den Mauern, welche den Moriah-Hügel im Südosten der Stadt einsehliessen, sehen zu dürfen. Man vergleiche hierzu unsere dritte Abbildung von Jerusalem. Der mit Kaktusstauden und niederem Gebüsch bewachsene Vordergrund bezeichnet die Stelle, wo im Süden des alten Jerusalem das sogenannte Tyropäon oder Käsemacherthal begann, um erst in der Richtung von Süden nach Norden zwischen Moriah und Zion, dann in der Richtung von Osten nach Westen zwischen Zion und Akra hinzulaufen. Diese Senkung ist jetzt nur noch wenig zu bemerken, der Schutt der Brücke, welche sie überspannte, der Mauern und Terrassen, welche sie einfassten, hat sie beinahe ganz ausgefüllt, und ein Theil wird von Häusern bedeckt. Die Mauer, welche wir im Mittelgründe des Bildes sehen, gehört ohne Zweifel wenigstens in ihren unteren Quaderlagen der alten Substructionsmauer des Plateaus an, auf welchem sich der Tempel Salomos und später der prachtvolle Ilerodianische Tempelhau erhob, in dessen Säulengängen Jesus lehrte. Die Weissagung, dass von Jerusalem kein Stein auf dem andern bleiben sollte, hat sich zum grossen Theil, aber nicht buchstäblich erfüllt. Diese Mauer, welche den Gipfel des Moriah in ein längliches Viereck verwandelte, scheint für die Ewigkeit gebaut zu sein, gleich den Pyramiden. Die Masse entsprechen im Allgemeinen denen des Josephus, und die ungeheuere Grösse der Quadern, sowie die Art, wie dieselben behauen sind, d. h. die Fugenränderung ihrer vier Seiten, lässt sogar auf einen Bau schliessen, der weit über die Zeit der Erbauung des dritten Tempels hinausliegt. Sehr grosse Blöcke dieser Art zeigt die auf unserem Bilde besehattet dargestellte Südseite; denn man trifft hier, und zwar bis in die achte Lage hinauf, gefugte Quadern von neunzehn Fuss Länge. Auf der Ostseite nach dem Oelberg zu, der mit seiner kleinen Moschee den Hintergrund unseres Bildes ausfüllt, sieht man in der Nähe der südöstlichen Ecke einen solchen Stein, der vierundzwanzig Fuss lang und fünf Fuss hoch ist. Noch kolossaler sind einzelne dieser behauenen Felsblöcke auf der Westseite, wo man unter andern einen Eckstein findet, der in der Länge fast volle dreissig Schuh misst. Weder der Islam noch das christliche Mittelalter verwendete bei seinen Bauten solche Riesenquadern. Sie finden ihr Seitenstück nur in den Mauern des Sonnentempels von Baalbek.

Auch die hier lebenden Juden hegen die feste Ueberzeugung, dass die Mauer aus Salomos Zeit stammt. Da ihnen der Eintritt in das Innere des Tempelplatzes von dem Fanatismus der Mohammedaner versagt wird, so haben sie sich aussen an der Westseite, nicht fern von der Stelle, wo mehre aus der Mauer hervortretende Steine den Ansatz der alten Bogenbrücke vermuthen lassen, die vom Moriah-IIügel nach der Terrasse des Ilasmonäerpalastes auf den Zion führte, einen Ort ersehen, wo sie sich alle Freitage des Nachmittags versammeln, um über den Fall Jerusalems zu klagen und die verheissene Zukunft, den Messias und die Wiederaufrichtung des Reiches David s herbeizubeten. Plier treffen wir sie dann in ganzen Schaaren, eine Synagoge unter freiem Himmel: weissbärtige Greise in arabischer oder polnischer Tracht, Männer und Knaben und Frauen. Alle kehren die Gesiebter der heiligen Mauer zu, einige küssen sie, andere stossen sehreiend den Kopf dagegen, wieder andere halten sich gegenseitig an der W and empor, um durch die Löeher und Ritzen in den unzugänglichen Raum zu schauen, wo jetzt eine Moschee die Stelle des Tempels bedeckt. Die Frauen kauern, in weisse Mäntel gehüllt, am Boden und stossen von Zeit zu Zeit ein gemeinsames Jammergeschrei aus. Die Mehrzahl der Männer murmelt aus heiligen Büchern die vorgeschriebenen Gebete ab, die schwerlich je Erhörung finden werden.

Von den verschiedenen alten Wasserbehältern innerhalb der Stadt, die beiläufig fast nur Cisternenwasser trinkt, erwähnen wir hier nur den sogenannten Hiskiasteieh und den Teich Bethesda. Jener liegt nicht weit vom heiligen Grabe hinter der Patriarchengasse, hat im W inter und Frühling reichliches W asser und ist bei einer Länge von 250 Fuss etwa 150 Fuss breit. Dieser, in der Nähe des Stephansthores, an der Nordmauer des Tempelplatzes befindlich, hat eine Länge von 350 und eine Breite von ungefähr 100 Fuss, ist grossentheils mit Schutt und Unkraut gefüllt und hat nur im Winter auf seinem Boden etwas W asser. Ob es der im Neuen Testament erwähnte Bethesda wirklich ist, bedarf noch des Beweises.

Einwohner hat Jerusalem etwa 18,000, von denen etwa 3500 auf die verschiedenen christlichen Secten, gegen 5000 auf die ebenfalls in mehre Seeten gespaltenen Juden und 8 bis 10,000 auf die Mohammedaner kommen. Die Hauptsprache ist die arabisehe. Die Sitten der Eingebornen sind im Allgemeinen denen in den übrigen von Arabern bewohnten Städten der Levante gleich, doeh wird hier unter allen Glaubensgenossenschaften mehr als anderwärts auf Beobachtung der äusseren Religionsvorschriften gehalten. Der Paseha und seine Unterbehörden üben, so gut oder sehleeht es heutzutage noch gehen will, das alte Willkürregiment mit seinen Erpressungen, vor dem nur die gesehützt sind, welche nicht zu den Unterthanen des Sultans gehören, sondern unter der Jurisdietion der verschiedenen hier befindlichen Consulate stehen. Die Mehrzahl der Juden sind Sepharedim, d. h. aus Spanien stammende Israeliten, die übrigen sind grösstentheils aus dein Osten Europas, besonders aus Polen, Russland und den Donauländern eingewandert. Unter den Christen überwiegen die Griechen, doch stellen auch die Armenier sowie die Lateiner zu der hiesigen Bevölkerung ein ansehnliches Contingent. Der armenische Patriarch wohnt in seinem grossen Kloster am Citadellenplatz fast wie ein Fürst, und die daneben befindliche Kirche wetteifert an Pracht mit dem Griechenehor in der Grabeskirche. Die Lateiner, d. h. die Kömisch-Katholisehen, bestehen theils aus arabischen Eingebornen, theils aus eingewanderten Italienern, Franzosen, Spaniern und Deutschen. Sie zählen, während die Griechen 2000 Seelen stark sein sollen, nur ungefähr 900 Köpfe. Ihr Mittelpunet ist seit alten Zeiten das Franciskanerkloster St. Salvator, welches nicht fern vom Jafläthor im westlichen Tlieil der Stadt liegt und jetzt durchschnittlich sechzig Mönche hat. Mit demselben ist eine Kirche, eine Sehule und eine Pilgerherberge verbunden. Aueli enthält es eine Druekerei und mehre Werkstätten, in weleheu Laienbrüder Schmiede-, Tischler-, Schuster- und Sehneiderarbeiten verrichten.

Endlich existirt in Jerusalem auch eine kleine protestantische Gemeinde, welche auf dem Zion, an der Stelle, wo einst der Palast des Herodes stand, eine Kirche hat, die recht stattlich aussieht. Die Zahl der Gemeindeinitglieder, an deren Spitze der preussische und der englische Consul, sowie ein von Preussen und England angestellter Bischof stehen, beläuft sich jetzt auf eirea 200. Anfangs fast nur aus bekehrten Juden zusaminengeschaart, hat die Gemeinde gegenwärtig eine weniger jüdische Physiognomie, indem jetzt etwa 40 Engländer, 50 Deutsche und etwas über 100 Israeliten, Griechen und Armenier dazu gehören. Mit dein Bisthum stehen ein Spital, in welchem Diaeonissen wirken, und eine wohlehigeriehtete Schule in Verbindung.

Von einem behaglichen Leben ist für den an abendländischen Comfort Gewöhnten in Jerusalem selbstverständlich nicht die Rede. Unter den geistigen Genüssen ist für Musik noch am besten gesorgt. Es gibt unter der vornehmen Welt einige gute Pianoforte und Damen, welche spielen, auch haben die Deutschen, wie allenthalben, auch hier ein Singkränzchen gestiftet, welches recht brav ist. Ausserdem hört man nur Orgeln, arabische Schellentrommeln und Schalmeien, arabische Lieder, durch die Nase gesungen, und das unaufhörliche klagende Geheul der türkischen Hörner auf Kasernenhof und Exercierplatz. Weite Spaziergänge verbietet am Tage die heisse Sonne, am Abend der frühe Thorschluss und die Unsicherheit der Gegend. Der gewöhnliche Spaziergang ist ein steiniger, banin- und schattenloser Platz vor dem Jaffathor, der nur das Gute hat, dass man hier des Nachmittags den Westwind, frisch und kühlend, wie er vom Meer kommt, gemessen kann. Clubs und Casinos sind unbekannt. Gelegentlich versammelt der protestantische Bischof oder einer der Consuln die gute Gesellschaft der Stadt zu einer Abendunterhaltung.

Geschickte fränkische Handwerker gehören zu den Seltenheiten. Alles, was zum Luxus gehört, muss von auswärts verschrieben werden, und ist in Folge dessen in der Regel noch einmal so theuer als in Deutschland. Wohnungen kommen hoch zu stehen, ebenso die meisten Lebensmittel. Die Auswahl der Speisen ist sehr beschränkt: die achtbare Familie der grünen Gemüse ist schwach vertreten, das Schaf liefert, wie in der ganzen Levante, auch hier das Hauptgericht für die Tafel, und so hat das Genie der Hausfrauen, aus Einerlei Mancherlei zu machen, weiten Spielraum. Für Getränk ist zunächst durch die Cisternen gesorgt, deren Wasser wie das beste Quellwasser schmeckt. Auch der hiesige Landwein ist, gut behandelt, ein nicht zu verachtendes Nass, und zwar wird der beste von Deutschen bereitet, welche die dazu nöthigen Trauben aus der Gegend von Hebron und Bethlehem beziehen.

Dass Jerusalem ein gesunder Aufenthalt sei, wird man schon ans seiner hohen Lage schliessen. Die Hitze ist im Sommer ziemlich stark, aber nicht allzu beschwerlich. Bemittelte, denen es in der Stadt zu heiss wird, halten unter Zelten in Thälern, die dem Winde offen sind, eine Art Sommerfrische. Landhäuser anzulegen ist der Beduinen wegen nicht gerathon. Von Krankheiten kommen vorzüglich Wechselfieber, Dyssenterien, Augenentzündungen und Masern vor, Aerztliche Hilfe ist zur Genüge vorhanden.

Der Ton, der durch die fränkische Gesellschaft geht, ist, wie dies von einer so wenig zahlreichen Ansiedelung nicht anders zu erwarten, etwas kleinstädtisch, jeder kennt die Verhältnisse des Andern und kümmert sich um dieselben auch in unbedeutenden Dingen, und andererseits gibt die Verschiedenheit der Interessen unter den einzelnen Gruppen dieser Gesellschaft mancherlei Anlass zu Streitigkeiten. Die Hauptrolle spielen in der feinen Welt der Stadt die C onsuln der fünf Grossmächte, Spaniens, Nordamerikas und Griechenlands, sowie Italiens. Sie fungiren, da ein Handel mit Europa so gut wie gar nicht existirt, lediglich als Richter der zu ihrer Jurisdiction gehörigen Palästinenser, sowie als politische Agenten, in welcher letzteren Eigenschaft sie ein wenig bei der Regierung der Stadt und des Paschaliks zn helfen pflegen — nicht gerade zu besonderer Befriedigung der türkischen Behörde, aber doch meist im Interesse der Gerechtigkeit. Früher war ihre Stellung bescheidener, aber mit jedem Jahre stieg die Wagschale ihres Einflusses, während die des Paschas sank, bis letzterer und seine Unterbeamten sowie seine Oberbehörde in Stambul zuletzt sogar bisweilen Demüthigungen sich gefallen lassen mussten. Bis zum Jahre 1855 duldeten die Türken nicht, dass die Consulate zu Jerusalem ihre Flaggen entfalteten. Die Feier des Falles von Sebastopol gab eine passende Gelegenheit, dies zum ersten Male zn thun, und jetzt wehen die Farben der verschiedenen christlichen Nationen, von Kronen überragt, auf ihren hoben Masten jeden Sonntag und bei allen sonstigen Feierlichkeiten.

Anderes zu besprechen ist hier nicht der Ort, und so mag nur noch der deutschen Handwerksburschen kurz gedacht werden, die in ziemlich starker Zahl hier durchwandern. Man kann eben nicht sagen, dass dieselben ihrer Nation in allen Stücken Ehre machen. Die meisten sind blosse Landläufer. Nur sehr wenige kommen hierher, um Arbeit zu suchen. Dunkle Vorstellungen von der Heiligkeit Jerusalems, Neugier, bisweilen der fromme Wunsch, als Weitgereister auch das Grab Christi zu sehen, Eingelebtsein inrs Herumtreiben mögen mit der Aussicht auf mehrwöchentliche freie Herberge in den hiesigen Klöstern und Hospizen die Hanptbeweggrfinde sein, welche sie hierher führen. Manche haben ungeheure Touren gemacht, und die Ausdauer und Unerschrockenheit, die sie dabei entwickeln, wären des edelsten Zieles würdig.

Beispiele, dass ein solcher Bursch zu Lande von Constantinopel bis Jerusalem läuft, und nachdem er sich hier an Klostersuppen erholt hat, sich, immer zu Fuss, nach Kairo und tief nach Oberägypten hinarbeitet, sind nicht ungewöhnlich. Nichts hindert ihn, durchzusetzen was er sich vorgenommen, weder Sonnenbrand noch Hunger und Durst, noch die Unbekanntschaft mit den Landessprachen, noch die Unsicherheit der Gegenden. Er schläft an Hirtenfeuern , in der Weise des Erzvaters Jacob, da er die Engelsleiter sah, lebt von milden Gaben, die freilich bei dem Landvolk nur etwa in einem Stück trocknen Brotes bestehen, ersetzt die mangelnde Sprache durch Geberden und führt in der Kegel so wenig Gepäck, dass es den Räubern die Mühe des Ausplünderns nicht verlohnen würde.

Man hat die weiten Wanderungen der orientalischen Derwische bewundert, aber diese deutschen Bettelbrüder haben mindestens eben so viel Anspruch auf unser Erstaunen, und so nehmen sie unter den lebenden Merkwürdigkeiten der heiligen Stadt eine Stellung ein, die sie auch in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt zu lassen gebot. In der That, wenn einmal das Geheimniss der Nilquellen aufgeschlossen oder das Räthsel von Wadai gelöst wird, so geschieht es vielleicht eher durch einen solchen Marko Polo mit dem Hobel oder mit Nadel und Scheere, als durch einen Gelehrten.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa