Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt


Eine prächtige orientalische Baumgruppe! Palmen mit Wipfeln wie gewaltige grüne Federbüsche, breitblätterige Bananenbämne, zur Rechten seltsam gestalteter Kaktus, mit seiner Plumpheit der vollendete Gegensatz gegen die schlanke Anmuth des königlichen Dattelbaumes, zur Linken Sykomoren- und Tamariskengebüseh, überklettert von Schlinggewächsen. Im Vordergründe eine Wasserschöpferin, die der Urzeit des Landes angehören könnte, dann im Schatten der Bäume eine ruhende Karawane mit Kameelen. Im Hintergründe endlich zwischen dem Grün von Gartenanlagen, dem gelhen Wüstengebirge und dem blauen Himmel das Wunderbild einer morgenländischen Grossstadt : weisse Mauern, über w elche sich weisse Kuppeln und Minarets erheben. Alles in die wärmsten Farben des Südens getaucht, übergossen mit dem Licht einer Sonne, wie sie in der alten Welt nur Afrika kennt. Das ist Kairo, wenn man sich ihm von Westen nähert.

Graurothe verwitterte Kalkfelsen, über weht von gelbem Wüstensand, links zum Hügelland ansteigend, alles Pflanzenwuehses bar, dürr und öde, dabei die Grabmonumente von Mameluckenkönigen, zierlich in ihren Formen, wie alles, was die Baukunst der Sarazenen geschaffen, aber verfallen und halb verschüttet von den Dämonen der Sandhosen und Wirbelwinde, die in dieser Wüste ihr unheimliches menschenfeindliches Spiel treiben. Weiterhin im Mittelgrund unter einer alterthümliehen Citadelle, auf deren nadelfeinen Minarets der goldene Halbmond blitzt, eine weitgedehnte arabische Stadt mit zahllosen schlanken Thürmen und Tempeln. Dahinter eine grüne Flussebene, am Horizont wieder die gelbe Wüste, aus welcher, gleich den Spitzen riesiger Krystalle, Pyramidengruppen zu Tage treten. Es ist unser zweites Bild der Chalifenstadt am Nil, Kairo von Osten gesehen. Jenes war Kairo, die Fürstin der Gartenoase des Nil, dieses ist Kairo, die Königin der arabischen Wüste.

Kairo — arabisch Masr — ist nach Constantinopel die grösste Stadt des westlichen Orients, und wenn seine Lage der von Constantinopel nicht entfernt gleichkommt, so ersetzt es für den Beschauer diesen Mangel durch grössere Schönheit, Eigenthümlichkeit und Gediegenheit seiner Bauwerke, dureli einen helleren Himmel und durch ein Leben auf den Strassen, das weit originellere Gestalten an uns vorüberfuhrt, als das der grossen Sultansstadt am Bosporus. Einwohner hat das heutige Kairo gegen 230,000, von denen sich nur einige Tausende europäisch kleiden und nur etwa 25,000 dem Christentlnune angehören. Die vornehme Welt, die höheren Beamten, die vicekönigliehe Familie sind von türkischer Abstammung. Unter den hier lebenden Franken wiegt das italienische Element vor. Vom Nil ist die Stadt etwa eine Viertelstunde entfernt. Die w üste erstreckt sich im Osten bis hart vor die Thore und giesst ihre Saudfluth bis in die östlichen Strassen hinein.

Und nun denken wir uns gleich mitten hinein in das Treiben der Gassen und Plätze hinter jenen weissen Mauern. Da ist die Esbekieh, ein weiter grüner Platz irn Westen, von Mehemed Ali aus einem Sumpf in eine schöne Promenade verwandelt. Breite Alleen von hochwipfeligen Nilakazien fassen die Atdage ein, die, immer frisch bewässert durch eine von Ochsen getriebene Wasserkunst, Gebüsche von Mimosen und Tamarisken, Blumenbeete und Lauben zeigt, und auf welche durch die Zwischenräume in den Alleen orientalische Paläste und Hotels im fränkischen Styl, anmuthig geformte Minarets und Palmen herabschauen, liier spaziert die europäische Bevölkerung der Stadt, schlürft vor den griechischen Kaffeehütten ans winzigen Tässchen köstlichen Mokka und raucht aus dem Schlangenrohr des Nargileh den aromatischen Tabak von Schiras. Auch die Orientalen lassen sich gern hier nieder, um zu rauchen und zu träumen oder sich von wandernden Geschichtenerzählern Märchen und Lieder von Antar und Bibars vordeclamiren zu lassen. Hilft dann von dem Balkon der Mueddin zum Gebet, so erheben sie sich, breiten ihren Teppich auf den Sand oder Rasen aus und entsprechen der frommen Mahnung in den von der Sitte vorgeschriebenen Stellungen: erst aufrecht, die Hände nach oben gestreckt, die Daumenspitzen an den Ohrläppchen, dann vorwärts gebeugt, die Hände auf den Knien, dann kniend, zuletzt mit der Stirn am Boden, alles in der Richtung nach Siidosten, wo Mekka mit der Kaabah, dem Allerheiligsten der moslemitisehen Welt, liegt. Sinkt dann die Sonne, so entwickelt sich der Duft der Büsche stärker, Laternen mit rothem und gelbem Licht tanzen wie Leuchtkäfer durch die Finsterniss, und in den Wipfeln der Bäume beginnen Nachtigallen zu flöten. Die Luft ist lau, der Himmel klar, und wie ein Märchen erscheint uns alles, wenn wir der Heimat gedenken, die jetzt unter der Schneedecke des W inters liegt.

Hier ferner thut sich die grosse Strasse der Muskih, des Frankenquartiers auf. Die Mehrzahl der hohen Häuser ist von europäischer Bauart, europäische Glasfenster, europäische Firmen sehen auf uns herab. Aber das dichte Mensehengedränge, das auf und ab wogt, ist fast rein morgenländisch, und der erste Tritt in eine der Seitengassen versetzt uns aus der modernen Culturwelt in die Zeit der Sarazenen zurück. Eine schmale Gasse, halb dunkel, kühl wie ein Keller, überhangen von Erkern, nimmt uns auf. Wie fremdartig uns die hohen Steinhäuser anstarren! Die Thüren sind ohne Ausnahme geschlossen, die Fenster zeigen statt der Glasscheiben filigranartiges Ilolzgitterwerk, der unterste Stock tritt uns nur als nackte Quadermauer entgegen. Jedes Haus ist eine Festung, welche die Geheimnisse des Harems verbirgt. Timt sich einmal eine der Pforten auf, so blicken wir in einen kleinen, hübsch verzierten Hof mit einem Springbrunnen, über den die Palmen und Orangenbäume eines mysteriösen Gärtchens ihre Wipfel ausbreiten.

Und so gehen wir weiter, bald gerade, bald krumm, immer im Zickzack; denn ein regelmässiger Plan, ein Strassennetz, wie in unseren modernen Städten, findet sich hier so wenig, wie in anderen Orten des Orients. Aus der einsamen Seitengasse gelangen wir wieder in eine der grossen Markt- und Verkehrsstrassen, in denen Geschäft und Handel der Stadt pulsiren. Rechts und links sind iin Erdgeschoss Nischen angebracht, in denen Handwerker arbeiten, Händler mit allerlei Wareu feilhalten, Kaffeewirthe ihren braunen Trank brauen oder Schulmeister einer Schaar kleiner Turbane ihre Lection überhören. Die eine Strasse zeigt nichts als Tschibbuk-maeher, die andere nur Blechschmiede, die dritte Sattler oder Tischler. In einer vierten treiben ehrwürdige Moslems mit Patriarchenbart, Turban und Kaftan, umgeben von zahllosen Paaren rother und gelber Schnabelschuhe die Kunst der Fussbekleidung. W ieder in einer anderen Gasse widmen sich nicht weniger würdig aussehende Gestalten mit Nadel und Scheere dem Geschäft, ihre Mitmenschen mit Hosen und Kaftanen zu versehen. Unbekümmert um die Menge, die sich im buntesten Gemisch an ihnen vorüberwälzt, nähen und hämmern, raspeln und hobeln sie weiter.

Treten wir auf einen Augenblick in eines der Kaffeehäuser, tun dieses Getümmel an uns vorüberfluthen zu lassen. Turbane von allen Farben, weisse, rotlie, grüne, letztere die Nachkommen Mohammeds bezeichnend, himmelblaue, braune, orangefarbene, schwefelgelbe Kaftane, schwarze und weiss und braun gestreifte Abajen, wie sie die Beduinen tragen, prächtig gestickte Jacken, Westen und Gürtel, rotlie und gelbe Schuhe passiren an uns vorbei. Arnauten in der faltenreichen Fustanella, im Gürtel ein ganzes Arsenal von Mordwerkzeugen, sonneverbrannte Fellahs, nichts als das blaue Baumwollenheind auf dein Leibe, Negersoldaten in weissen Jacken und eben solchen Pumphosen, katholische Mönche, griechische Popen, Kopten, am schwarzen Turban und dem Schreibzeug im Gürtel erkennbar, mischen sich drein. Eine Kameclkarawane mit Grasbündeln oder Mühlsteinen beladen, schwankt in langem Zug mitten durch das Gewühl. Eine vergoldete Kutsche, im Trabe gefahren, zwingt die Menge, sich zur Seite zu flüchten. Vor den Kutschen rennen Läufer her, um mit lautem „Guarda 1 Guarda!“ vor dem Ueberfahrenwerden zu warnen. Dazwischen schallt das

„Piglak! — Jeminak! — Schemalak!“

der Eselsbuben, deren buntgesattelte Grauthiere in der Stadt dieses Reitervolkes die Stelle der Fiaker vertreten, das dumpfe Gebrüll von Büffeln und Kameelen und das unaufhörliche Gezänk des gemeinen Volkes.

Da lässt sich einer der vielen Blinden Kairo’s von seinem Knaben durch das Gedränge führen. Hier reitet auf magerem, aber edlen Pferde ein stolzer Beduine vom Sinai vorüber. Dort erscheint mit einem ungeheuren Turban ein würdiger und wohlgenährter Graubart auf sanftgehendem Maulthier, vielleicht ein Mollah, jedenfalls ein gelehrter und frommer alter Herr. Neben Bettel-Derwischen mit seltsam geformten spitzen Mützen, langen rothgefärbten Haaren, struppigen Bärten und zerfetzten Kleidern treiben in dem murmelnden Menschenstrom prächtig gekleidete Beis und Paschas hin, gaukeln, das hohe rotlie Fcss auf die Seite gesetzt, die vielfältige schnee-Aveisse Fustanella schaukelnd, kockettc Griechenjünglinge wie Schmetterlinge von Gruppe zu Gruppe.

Wieder lässt der Geist der Stadt, der dieses Kaleidoskop vor uns dreht, ein anderes buntes Bild vor uns erscheinen. Mit seinen Messingbechern klingend, kommt vom nächsten Brunnen ein Wasserträger, um aus dem Ziegenfell-Schlauch, den er auf dem Rücken trägt, den Vorübergehenden Erquickung zu verschänken. Hinter ihm schreiten Frauen vom Volk der Dörfer draussen einher. Ein blaues Baumwollenhemd mit einem Kopftuch ist ihr einziges Kleidungsstück, das gelbe Gesicht wird unter den Augen von einem langen schmalen Schleier verhüllt, der immer von schwarzer Farbe und an den Schläfen sowie durch eine über die Stirn gehende Messingspange am Kopftuch befestigt ist. Aufrechten Ganges, die Brust stark vorgedrückt, tragen sie einen dickbauchigen alterthümlich geformten Krug auf dem Kopfe, bisweilen reitet ihnen ein nackter Sprössling auf der einen Schulter, wie einst altägyptischen Müttern, bisweilen auch tragen sie, gleichfalls nach der Sitte der Vorzeit, ein kleineres Gefäss auf der flachen über die Schulter zurückgelegten Hand. Vornehme Damen erscheinen in der Regel zu Esel und bis zur Unförmlichkeit in rosenrothe, papageigrüne oder strohgelbe Seidenkleider versteckt. Vor dem Gesicht hängt ein weisser Schleier, über Kopf und Rücken eine schwarzseidene Mantille, die, unter den Schultern mit beiden Händen zusammengehalten, den Frauen, wenn der Wind hineinblässt, das Aussehen von reitenden Luftballons gibt. Ein Sclave, gewöhnlich ein Eunuch, führt das Thier der Gebieterin am Zügel.

Die Augen flimmern von den ewig wechselnden Bildern, der Kopf summt von dem Getöse, das sie begleitet, und noch immer ist Neues zu sehen und zu hören. Schlangenbändiger produciren ihre Künste, Derwische suchen die Aufmerksamkeit der Menge durch ein abgerichtetes Kalb, das die wunderlichsten Kunststücke macht, auf sich und ihren Bettelsack zu lenken. Andere von der Zunft bieten mit Rosenöl gemischtes Trinkwasser aus, wozu sie rufen:

„Die Worte des Propheten sind kühlende Rosen!“

Mieder andere schlagen die Schellentrommel und singen dazu das Lob Allahs. Ein Bettler schreit uns zu:

„Ich bin der Gast Gottes und des Propheten!“

Ein Feigenverkäufer folgt mit dem Ruf:

„Süss wie Küsse der Houris dem Rechtgläubigen!“

Aehnlich kündigt sich der Scherbetverkäufer, wieder anders der Brotträger an. Alles summt und gurgelt, schwirrt und näselt durcheinander, accompagnirt von dem schrillen Geklingel, mit welchem die an den Ecken sitzenden Wechsler der Strasse, ihre Münze schüttelnd, auf ihre Existenz aufmerksam zu machen bemüht sind.

Nicht selten erscheint mitten in diesem brausenden Leben der Tod in Gestalt einer Lciehen-Procession mit der buntüberhangenen Bahre, auf welcher der Turban des Verblichenen liegt. Laut heulende, tücherschwingende Klageweiber folgen dem Sarge, dem die Fahnen eines Derwisch-Ordens vorangetragen werden. Bisweilen führen mitten in der Strasse Tänzerinnen nach dein Schall von Cimbel und Tamburin uralte Tänze auf, die sie mit kreischendem Gesang begleiten. Häutig auch sieht man lustige Brautzüge, mit denen in der Regel das Beschneidungsfest eines Knaben armer Eltern verbunden ist, sich durch die Strassen bewegen. Das bei Feierlichkeiten dieser Art übliche gellende Freudengeschrei der mitgehenden Frauen und das von Musikanten auf Hoboen und Trommeln ausgeführte wilde Concert lässt einen solchen Zug schon von Weitem erkennen. Voraus gehen Spassmaeher in wunderlichem Putz und Männer mit wohlriechenden Essenzen, mit denen sie die Vorüberwandelnden besprengen. Dann kommen Musikanten und hinter diesen der Barbier, der die Beschneidung vollzieht, mit seinem verzierten Spiegelschränkchen, hierauf, gewöhnlich zu Pferde, manchmal in Frauenkleider gehüllt, der betreffende Knabe, alsdann in langer Reihe die Basen und Freundinnen der Braut und zuletzt diese selbst in einem rothen Schleier oder unter einem wandelnden Zelt von gleicher Farbe.

Wir verlassen unsern Beobachtungsposten und wandern durch ein Labyrinth von dunkeln Gassen und Gässchen, um einen der Basare aufzusuchen, wo sich der Handel der Stadt concentrirt. Da ist der El Gori-Basar mit seinen Schnittwaaren, da der Chanchalil-Basar, der mit seinen prächtigen alten Thoren und Höfen die Stelle der einstigen Chalifengrüfte im Herzen der Stadt einnimmt, da treffen wir auf den Hamsaui-Basar, wo nur Christen feilhalten. Hier wieder glänzt und duftet uns der Tarbieh-Basar entgegen, wo Rosenwasser und Golddraht verkauft wird, und dort ist die Sukarieh mit ihrem Zucker und ihren getrockneten Früchten. Die Chans, welche sich in der Mitte dieser meist grossen Gebäudecomplexe erheben, sind Magazine, in denen die Waaren ans allen Ländern des Orients von Indien bis zum Sudan hin aufgespeichert werden, auch dienen sic den arabischen und türkischen Reisenden, namentlich den Mekkapilgern, als Herbergen.

Noch reicher sind die Moscheen geschmückt, denen wir bei unserem Gange durch die Strassen fast in ununterbrochener Aufeinanderfolge begegnen. Schade nur, dass die meisten statt frei zu stehen in Häuser eingeklemmt sind, und dass mehre der grössten und schönsten in Ruinen liegen! Welch ein unerschöpflicher Wechsel in der Form ihrer Minarets, die in den Kränzen ih rer Rundbaikone so prächtig schlank emporsteigen, rund oder vielkantig, in edler Verjüngung bis zum Kuppelknopf mit dem Halbmond! Wie ainnuthig schwingt sich über ihrer Portalnische das Tropfsteingewölbe, diese eigenthümlich sarazenische Kunstform! Wie zierlich ist das Gitterwerk der Fenster, wie viel Phantasie in den Rosetten und Säulcnbündeln, welche die Aussenseite der Wände zieren!

Die älteste Moschee Kairos ist die von Achmed Ihn Tulun nach dem Plan der Kaabah in Mekka erbaute. Den Mittelpunct bildet ein offener Hof, der mit Säulengängen umgeben ist, welche Spitzbogengewölbe tragen. Drei Seiten haben zwei, die vierte, welche nach Osten gekehrt ist, hat fünf Säulenreihen. Das Minaret hat ein eigenthümliches Aussehen, indem sich die Treppe aussen um dasselbe herumwindet. Die Moschee stammt, wie die kufischen Inschriften an ihren Wänden zeigen, aus dem Jahre 879 n. Chr., und wenn sie nicht so schön ist wie andere Gebäude ihrer Art, so hat sie für die Geschichte der Architektur ein hohes Interesse, indem sie zeigt, dass der Spitzbogenstyl schon zweihundert Jahre vor seiner ersten Anwendung in Europa von den Baumeistern der Araber gekannt war.

Nicht weniger interessant ist die Asher-Moschee, eine der grössten Kairos. Sie ist ebenfalls mit grossartigen Colonnden geschmückt und enthält in diesen eine Art von Universität für Theologen und Rechtsgelehrte. Trifft sie hierin mit dein einstigen Tempel zu Jerusalem zusammen, so ist sie wie alle anderen Moscheen Kairos auch in anderer Beziehung ein Seitenstück zu letzterem. Wie damals im Tempel Jehovahs, sieht man auch hier zahlreiche Käufer und Verkäufer sich durch die heiligen Räume bewegen, ja es fehlt sogar nicht an Faullenzern, die hier, die Kühle der Hallen benutzend, die Hitze des Tages verschlafen.

Die schönste aller Moscheen der Chalifenstadt am Nil ist die, welche Sultan Hassans Namen führt. Sie liegt unmittelbar unter der Citadelle am Rumelieh-Platz, dessen Zierde sie ist. Die majestätisch hohen Wände, mit denen sie die Gassen zur Seite überragt, die gewaltigen flachen Nischen in diesen Wänden, welche sechs bis sieben Fenster übereinander haben, die bis zum obersten Rande der Mauer reichende riesenhafte Portalnische, über der sich ein prächtiges Tropfengewölbe zusammenzieht, ihr aumuthig geformtes Minnret verdienen die Bewunderung jedes Freundes der Baukunst und erklären es, wenn die Sage geht, der Sultan habe dem Meister, der dieses edle Werk geschaffen, nach Vollendung des Baues die Hände abhauen lassen, damit er kein zweites, ebenso schönes errichte. Weshalb ihm der Tyrann gerade die Hände nahm, bleibt freilich unerklärt, da sich ein Bau auch ohne Hände leiten lässt.

Die Dschami Es Sultan Hassan ist um das Jahr 1360 erbaut und zeigt im Innern einen Styl, der von dem aller älteren Moscheen wesentlich abweicht. Man tritt hier ebenfalls in einen vierseitigen Hof, der ein Parallelogramm bildet und in welchen, da er oben offen ist, das Minaret herabsieht. Allein es fehlen jene die inneren Wände umsäumenden Säulengänge. Statt deren hat jede Wand eine grosse tiefe Spitzbogennische oder ein Seitenschiff, eine architektonische Form, die an die Kreuzesgestalt der christlichen Kirchen erinnert. Die nach Osten zu befindliche Colossalnische ist beträchtlich grösser als die drei anderen, sie hat eine Spannung von mehr als siebzig Fuss und enthält die Kanzel (Mimbar) und die kleine Nische, welche den Betern der Moscheen die Richtung von Mekka anzeigt (Mechrab). An den Wänden bemerkt man einige Koransprüche in sehr grossen Charakteren. In der Mitte des offenen Hofes befindet sich unter einem Kuppeltempelehen das Bassin für die Abwaschungen. Von der Wölbung der Nischen hängen zahlreiche Lampen und Laternen herab. Zu beiden Seiten des Mechrab führen Pforten in einen Raum, der das Grabmal des fürstlichen Erbauers einschliesst. Lieber demselben wölbt sich eine mächtige, jetzt leider den Einsturz drohende Holzkuppel. Der Grabstein des Sultans ist ohne alle Verzierung, durch das Gitter blickend, das ihn umgibt, gewahrt man auf ihm nur eine Abschrift des Korans und eine Almosenbüchse.

Die Steinblöcke, aus denen die Hassan-Moschee besteht, sollen von einer Pyramide stammen. Es wäre zu wünschen, dass Aegypten die Alterthümer, die es abbrach, überall so anmuthig verwendet hätte. In vielen Moscheen sind die Säulen sämmtlich geraubtes Gut, und zwar stehen sie fast immer ohne Rücksicht auf gleiches Material oder gleiche Form, Granit oder Marmor, dorischer, jonischer und korinthischer Styl durcheinander. Schlimmer aber ist, dass Hunderte der schönsten Säulen und Statuen zerschlagen worden sind, lediglich um in die Kalköfen zu wandern, wo man den Mörtel zur Erbauung von Zuckersiedereien und anderen Fabriken der Beis und Paschas bereitet.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien