Bilder aus dem Orient – Mar Saba


Das berühmte griechische Kloster Mar Saba liegt in einer Schlucht des Kidronthales, welche Wadi En Nar, zu deutsch das Feuerthal,. heisst,- etwa drei Stunden von Jerusalem und fünf Stunden vom Westufer des Todten Meeres. Die Umgebung ist die schauerlichste Felsenwüste, die man sich verstellen mag. Auf dem Wege trifft man da, wo auf der Thalsohle noch etwas Gras und Kraut wächst, zahlreiche Spuren von Beduinenlagern. Eigenthümlich wirkt es auf das Gemiith, in dieser menschenleeren schweigenden Einöde plötzlich Glockengeläut zu vernehmen, und sehr überrascht findet sich der Reisende, wenn er plötzlich, um eine Felsenecke biegend, den Ort, von dem die Töne erklingen, vor sich sieht. Zn beiden. Seiten, der Schlucht, .an deren Rand die wohlgebaute Strasse hinaufführt, erheben sich schroffe, gegen vierhundert Fuß hohe Wände braunen Gesteins, vom Regen zerwühlt, vielfach gespalten und voll zahlreicher grosser und kleiner Höhlen. Links von der Strasse öffnet sich eine tiefe dunkle Schlucht. Nirgends ist ein Baum zu erblicken. Vor uns aber hängt mit seinen hohen Mauern, seinen Thürmen und Terrassen ein seltsames Felsennest, das mehr einer Ritterburg ais einer Wohnung friedlicher Mönche gleicht.

Wir gelangen vor die Pforte und legen in den Kasten, der an einem Strick über die Mauer herabgelassen wird, den Empfehlungsbrief vom griechischen Patriarchen, ohne welchen von den Insassen des Klosters kein Einlass gewährt wird. Frauen sind von hier wie von den Klöstern des Athos ganz ausgeschlossen, ebenso Beduinen. Mit jenen könnten unerlaubte Neigungen, mit diesen die Lust, das Kloster seiner Schätze zu berauben, sich einschleichen. Wir dagegen werden wohl aufgenommen und in gut eingerichteter Herberge nach der Weise griechischer Klöster, d. h. mit Fastenspeisen bewirthet. Auch zeigt uns ein Cicerone in Kaftan und Mütze des Kaloyers, der fliessend italienisch und französisch spricht, alle Merkwürdigkeiten des Ortes, soweit sie gewöhnlichen Sterblichen zu sehen erlaubt sind.

Wir besuchen, Trepp ab, Trepp auf geführt, die Hauptkirche des Klosters, die Höhle, in welcher der Gründer dieser Eremitengemeinde lange Jahre mit einem Löwen gelebt , das Grab dieses Heiligen und ähnliche erbauliche Gegenstände. Auf der untersten von den Terrassen, welche das Kloster und seine Nebengebäude tragen, haben die Mönche einen Gemüsegarten angelegt, in welchem etliche Granatbäume stehen. Ein Stück davon klettern einige Weinreben am Felsen empor, und wieder ein Stück davon erhebt sich eine Palme. Alles Andere ist Stein und abermals Stein. Die Kirche, hart am Abgrund gelegen und durch gewaltige Strebepfeiler vor dem Hinabrutschen in die Tiefe geschützt, ist halbdunkel und mit vielen nach der Schablone gemalten Heiligenbildern und mancherlei Gerätli von edlem.Metall geschmückt. In einer Nische am Eingang sehen wir einen mächtigen Haufen brauner Menschenschädel, nach Angabe unseres Führers nicht weniger als vierzehntausencl, und sämmtlich von Mönchen dieser Gemeinde herrührend, welche als Märtyrer ihres Glaubens gestorben sind. Die umliegende Wüste war in den frühesten Jahrhunderten des Christenthums ein eben so beliebter Zufluchtsort für weltmüde Seelen, als die Einöde von Theben in Oberägypten, und oft stieg die Zahl der hier in den Klüften und Grotten des Feuerthaies und seiner Nebenschluchton angesiedelten Anachoreten auf viele Tausende. Ein Verband zwischen diesen Einsiedlern fand bis zu Ende des fünften Jahrhunderts nicht statt, auch gab es kein Kloster. Da begab sich zu Anfang des sechsten Jahrhunderts der heilige Saba hierher, ein unerschrockener Eiferer gegen die Ketzereien, die damals in der morgenländischen Kirche aufgekommen. Er schloss eine Anzahl der Eremiten zu einer Klostergemeinde zusammen, machte das Feuerthal zum Sitz der kirchlichen Rechtgläubigkeit, die damals vorzüglich im Festhalten an der doppelten Katar Christi bestand, und erwarb sich dadurch den Ehrennamen „Stern der Wüste“ und, was ebenfalls nicht ohne Werth, die Gunst des orthodoxen Kaisers Justinian, der ihm das Kloster bauen und mit Festungswerken gegen die Räuber schützen half. Diese Werke vermochten indes starken Heeresmassen nicht Trotz zu bieten, und so wurde das Kloster in den folgenden beiden Jahrhunderten wiederholt mit Mord und Zerstörung heimgesucht. 614 drangen die Perser, die unter Chosroes Palästina erobert, auch in diese abgelegene Wüstenschlucht und hieben säinmtliche Mönche nieder, und 814, als unter den zwieträchtigen Söhnen des Chalifen Harun Er Raschids der Fanatismus der Sarazenen eine Verfolgung über die Christen des heiligen Landes verhängte, wiederholte sich jenes blutige Schauspiel in Mar Saba. Die Schädel aber hinter dem Gitter jener Kische sind Reliquien aus der Zeit jener Heimsuchungen des Klosters.

So wenigstens behauptet unser Kaloyer, der freilich von Zeit und Vergänglichkeit keine recht klaren Begriffe zu haben scheint. So meint er in seiner ehrlichen Einfalt, dass die Palme, die sich neben der Kirche erhebt, vom heiligen Saba selbst gepflanzt worden sei, also vor mehr als dreizehn Jahrhunderten, während sie dem nüchternen Auge allerhöchstens fünfzig Jahre alt zu sein scheint. So erzählt er uns ferner, jedenfalls in gutem Glauben, dass die Halle mit der steinernen Bank, die vor der Kirche liegt, die Stelle sei, wo Mar Saba — man denke, im sechsten Säculum nach Christus — seinen Kaffee getrunken. Und wie er an die Echtheit aller dieser heiligen Stätten glaubt, so glauben auch die zahlreichen griechischen und russischen Pilger an sie. Mit Rührung lassen sie sich zu den Schädeln führen, um sie zu küssen, mit der Geberde innerster Erbauung besuchen sie die etwas tiefer als die Kirche gelegene kleine achteckige Capelle, unter deren Kuppel einst der Leichnam Mar Saba’s gelegen, andachtsvoll betreten sie die Felscnkammer nicht fern von der Pilgerherberge, in welcher der heilige und rechtgläubige Mann sich mit seinem Löwen (der Löwe als Begleiter ist wohl aus dem Namen Saba, arabisch Löwe, entstanden) aufgehalten haben soll.

Neben dieser Felsenkammer wird noch eine andere merkwürdige Höhle im Bereiche des Klosters gezeigt. Dieselbe sah einst ein noch grösseres Kirchenlicht des christlichen Morgenlandes in sich leuchten, welchem die Mönche und Pilger allerdings — schon wegen des mangelnden Löwen — den Vorzug nicht zugestehen werden, welches aber selbst vom Abendland als bedeutend angesehen wird. Die betreffende Grotte wurde nämlich von dem berühmten Kirchenvater Johannes Damascenus bewohnt, der sich, nachdem er unter dem Namen Al Mansur Hofrath des Chalifen gewesen, in dieses einsame Kloster zurückzog und im Jahre 754 hier starb, nachdem er — vielleicht in jener Höhle — seine berühmte und bei der höheren griechischen Geistlichkeit noch heute in hohem Ansehen stehende und viel benützte Schrift: „Quelle des „Wissens“ verfasst hatte. Das Buch zerfiel in drei Abschnitte: Philosophisches, über Ketzereien und Auseinandersetzung des rechten Glaubens, war eine gelehrte Zusammenstellung aus Sentenzen älterer Väter und schloss, indem es die Ergebnisse der bis dahin durchgekämpften Glaubensstreitigkeiten zog, diese Streitigkeiten für die morgenländische Kirche auf ein volles Jahrtausend ab.

Ausser dieser Höhle zeigen die Mönche von Mar Saba auch in einem schönen alten Sarkophag das Grabmal des gelehrten Heiligen. Eine kostbarere Reliquie würden sie besitzen, wenn es dem Kloster geglückt wäre, auch die Bibliothek des berühmten Kirchenvaters zu retten, oder auch nur ein einziges Buch derselben, etwa seine Handschrift von dem grossen Werk des Irenaus gegen die Häresie. Indcss davon weiss und hält man in griechischen Klöstern seit Jahrhunderten schon sehr wenig. Die Wissenschaft ist von hier gewichen wie das Leben aus der Kirche. Die Fasten werden streng gehalten, die Liturgie bis auf das kleinste Pünctchcn nach der Regel abgesungen, das Ceremoniel vor den Heiligen und am Altar auf das Gewissenhafteste beobachtet. Was übrig bleibt von Zeit und Gedanken, wird weltlichen Dingen, der geschickten Ausnutzung der Pilger und ähnlichen Unternehmungen gewidmet. Für Studien hat man weder Müsse, noch irgendwelche Neigung, auch würden dieselben unmöglich sein, da es diesen Mönchen, die theils aus Griechenland, theils aus Russland hierhergezogen sind, an aller und jeder wissenschaftlichen Bildung mangelt.

Unter diesen Umständen und nach dem vermuthlich unvermeidlichen, weil von fast allen Reisenden erwähnten, Zank mit den Mönchen über die Bezahlung des Genossenen und das Bakschisch für das Gezeigte, bedauern wir nicht, von dem Kloster, das anfangs so stattlich und zugleich so friedlich vor uns aufstieg, sobald schon Abschied nehmen zu müssen. Einst ein Stern in der W iiste, ist Mar Saba zwar noch immer ein Stern für den müden Pilger, der durch die Wüste am Todten Meer hcraufkommt, aber nur ein solcher Stern, wie er auf Wirthshaus-schilder gemalt wird. Der Stern der Wissenschaft ist hier schon seit tausend Jahren erloschen.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho
Bilder aus dem Orient – Am Jordan

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