Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis


Zu den unerlässlichen Besuchen, welche der Reisende in der Nachbarschaft Kairos zu machen hat, gehört auch der von Matarieh mit seinem Kleeblatt von Sehenswürdigkeiten: dem Marienbrunnen, dem Sonnenquell und dem Obelisk Sesurtesens. Wir reiten bei diesem Ausflug aus dem Bab El Fotnh und zunächst durch Gartenanlagen nach dem Dorfe El Ilaswa, dann an Kubbeh Demirtasch und Ivubbeh Ibrahim vorbei. Das berühmte Wüstenschloss der Abbasijeh rechts liegen lassend, kommen wir endlich nach dem Garten, in welchem der uralte Quell entspringt, von dem wir uns durch das naive Wallfahrerbuch des gemüthlichen Fabri Folgendes berichten lassen:

„Da Joseph mit dem Kind Jesu und mit seiner Mutter Maria war aus dem heiligen Lande geflohen von Ilerodes wegen, und durch die Wüste war gekommen bis hierher in das Dorf, in dem Aegyptenland anhebet, da zog der gute Joseph mit dem Kinde und der Mutter von einem Hause zum andern und hätte gern einen Trunk Wassers gehabt fiir sich und seine Gesellschaft. — Da hat sich Maria mit dem Kinde in dem Dürsten niedergesetzt, und Joseph mit grossem Mitleiden stund da. Also ist in der Stunde der Brunn da entsprungen, Maria der Mutter Gottes an ihrer Seiten. Aus dem trank sie und das Kind und Joseph, und kochten daraus.“ Ein anderer Bericht weiss noch, dass Maria in dem Quell den Brustlatz des göttlichen Kindes gewaschen, und Fabri erzählt, dass „er sein Wasser unter dem Erdreich her aus dem heiligen Nil“ hat, „der aus dem Paradeis kommt,“ worauf er weiter berichtet: „Nach dem Essen zogen sich unsere Siechen aus und badeten in dem Brunnen und hofften, sie würden von dem Bad gesund, als auch geschah. Die Heiden waschen sich viel und oft aus dem Wasser, dass ihnen vergehe der böse Geschmack.“

Der Quell bewässerte damals einen vielgepriesenen Garten mit Balsamstauden, die nach einem christlichen Märchenbuche ebenfalls von jenem Besuch der heiligen Familie an dieser Stelle herrührten, indem sie aus dein Schweiss entstanden sein sollten, den das Jesuskind hier vergossen. Diese Balsamstanden sind jetzt schon längst verschwunden, doch ist der Garten immer noch eine Augenweide für den Fremden aus dem Norden, der hier sechs Wochen nach Weihnachten Pfirsiche und Limonen reifen und die schönsten Rosen blühen sieht.

Wenige Schritte, vom Marienquell, der noch jetzt füi Gläubige Heilkräfte hat, erblickt man den ebenfalls sehr alten Maulbeerfeigenbaum, der mit der Sage von jener in Verbindung steht. Unser Gewährsmann Fabri erzählt nämlich:

„Die gemeine Sage der Christen und der Heiden ist, da Maria an dem Orte war und ihr Kind Jesum auf ihrem Arm trug und da im Garten umging, als sie unter diesen Baum kam und da niedergesessen wollt sein zu ruhen, da spilt (spaltete sich) der Baum auf und ward innen hohl. Da verstund Maria, dass ihr Gott den Baum zugerichtet hatte, und ging mit dem Kinde in den Baum und satzte sieh drinnen nieder und ruhete da. In den Baum gingen wir Pilgrin auch und tliaten unsere Gebete da. Der Baum hanget voll grosser Feigen, nicht der gemeinen Feigen, sondern der Feigen Pharaon, von denen assen wir und nahmen Holz davon, das soll gut für das Fieber sein, wenn man davon trinkt.“

Eine andere Wallfahrer- und Mönchssage weiss einen andern Grund, weshalb der Baum sieh geöffnet habe. Es waren nämlich Räuber hinter Maria mit dem Kinde her, als Gottes Fürsorge ihr dieses Asyl aufthat.

Indem wir dies dahingestellt sein lassen, mag nur bemerkt sein, dass die Sykomore von Matarieh sehr alt, und jedenfalls so alt als der jetzige Name des Ortes ist, weleher weit in das Mittelalter hinaufreicht. Das zeigt schon sein Aussehen. Es ist ein Baum von nieht gewöhnlicher Grösse. Aus drei mächtigen Wurzeln stiegen früher fünf starke Aeste auf, von denen vor etwa zweihundert Jahren drei abbrachen, so dass jetzt nur noch zwei leben und mit Blättern und Früchten geschmückt sind. Der Umfang beträgt unten hart über dem Boden über zehn Fuss. Das Innere war früher eine Capelle, in weleher zu Ehren unserer lieben Frauen zwei Ampeln brannten. Die Quelle aber existirte schon lange vor Christi Geburt. Sie hiess im Mittelalter Ain Sehems, die Sonnenquelle, was an den Namen Beth Schemeseh erinnert, den der Ort bei Jeremias führt, und der dem griechischen Ileliopolis, Sonnenstadt, entspricht.

Gleichviel, welche Bewandtniss es mit dem Wunderbaume haben mag, sicher ist, dass wir in den Gärten von Matarieh auf der Stätte von On oder Ileliopolis wandeln, jener uralten ruhmreichen Tempel- und Priesterstadt des Sonnengottes, die noch zu Plato’s Zeit als eine Stadt suehenswerthen Wissens, als eine Welthochselmle galt, und die später, in der Zeit der Ptolemäer, von so vielen Juden bewohnt war, dass für dieselben ein eigener Tempel — der einzige jüdische ausser dem von Jerusalem — erbaut wurde. Durch den Thorweg, zu welchem der Steinblock dort mit dem Namensschilde Thotmes des Dritten, des Pharao des Exodus, gehörte, mag Moses gegangen sein, als er die Freilassung seines Volkes forderte, Pythagoras, als er von seiner fernen Heimath kam, um zu den Füssen der ägyptischen Priester Weisheit zu lernen, und der Philosoph, den Athen später den göttlichen nannte. Hier vermählte sich Joseph, der Sohn Jakobs, mit Asnath, der Tochter des Jerusalems Potiphera. Hier, um den Granitobelisken, der sieh in einem anderen Garten, einige Hundert Schritte von der Marieu-Sykoinore erhebt, standen vor sechsunddreissig Jahrhunderten selion zahlreiche Paläste und Tempel als Zeugen hoher Bildung.

In der That, es ist eine eigenthümliche Stimmung, die uns iibeikommt, wenn wir uns auf einen der Schutthaufen zwischen diesen Palmen lagern, und solche Erinnerungen an jene Tage geistigen Sonnenscheins in dem jetzt dunkeln Lande vor uns aufsteigen. Da steht er vor uns, der Obelisk des alten Sonnentempels, des grössten Heiligthums der versunkenen Stadt, 65 Fuss hoch, auf jeder Seite unten 6 1/2 Fuss breit, von der Basis bis zur Spitze mit Hieroglyphen bedeckt. Ein Theil der Sehriffzeichen ist unter den Nestern verborgen, welche emsige Wespen hier angeklebt haben. Was noch zu lesen ist, verkündet, dass Pharao Sesurtesen der Erste diese Säule aufriehtete, den die neueste Forschung in das dritte Jahrtausend vor Christi Geburt setzt. Andere Beste der alten Stadt mögen unter der Erde ruhen. Im Mittelalter waren deren noeh verschiedene zu sehen, namentlich das insehriftenreiche Portal des Tempels, und vielleicht fördern einst Ausgrabungen den ganzen Bau wieder zu Tage.

Von dem erwähnten Judentempel, den der Priester Onias unter Ptolomäus Philometor erbaute, und welcher unter A espasian zerstört wurde, ist keine Spur mehr zu finden. Doch nennt das Volk einen Schutthaufen nicht fern vom Obelisken den Judenhügel.

Moses und Joseph mögen mythische Personen sein, die Priesterweisheit des alten On mag engere Grenzen gehabt haben, als Manche meinen. Der Obelisk Sesurtesens, dieser gewaltige Monolith, aus Steinbrüchen hundertundfünfzig deutsche Meilen von hier herabgeschafft, ist keine Mythe, so wenig wie die Pyramiden, die von jenseits des Flusses wie blaue Felsbörner über die Palmenhaine von Giseh nach uns herüberschauen , und schon hier werden wir inne, dass es ein grosses edles, Volk gewesen ist, welches in jenen Tagen die Ufer des Nil bewohnte. Weiter stromaufwärts wird dieser Eindruck durch zahlreiche Tempel bestätigt, durch ganze Berge, die zu ungeheuren mit allerlei Malereien und Skulpturen geschmückten Grüften ausgehöhlt sind, gesteigert, und wenn wir auch wissen, dass es nicht wie in Griechenland die Freiheit, sondern die Despotie Einzelner war, welche diese Riesenwerke schuf, wenn der ägyptischen Kunst auch die edle Schönheit fehlt, welche die hellenische zur Freude aller Zeiten werden liess, wenn ihre Schöpfungen auch mehr den Charakter des Vorweltlichen, Riesenhaft-Unheimlichen, Düstern und Unbegreiflichen tragen, Wunderwerke bleiben sie doch.

Wie wenig sich mit den Bauten der alten Aegypter die Leistungen der heutigen Bewohner des Landes auf diesem Gebiete vergleichen lassen, zeigt unter Anderm das grösste Bauwerk, welches sie geschahen haben, die eine starke Stunde Weges nördlich von hier am sogenannten Kuhbauch — der Stelle, wo der Nil sich in den Rosette- und den Damiette-Arm tlieilt und das sogenannte Delta beginnt — aufgeführte Barrage. Eine gewaltige Doppelbrücke, deren weitgespannte Bogen, mit Schleusenthoren zu schliessen, dem Plane der Erbauer nach bestimmt waren, den Strom zu meistern und zu weiterer und länger dauernder Uebersehwemmung zu zwingen, überspannt beide Flussarme. Der Despotismus, welcher den Gedanken ausführte, war nicht minder stark und rücksichtslos als die Herrschaft der alten Pharaonen. Es mangelte nicht an Geld, nicht an Arbeitskräften. Nicht weniger als dreissig Millionen Piaster wurden auf den Bau verwendet. Tausende und aber Tausende von Fellahs mauerten fast ein Menschenalter daran. Aber der Plan des Franzosen, der die Arbeiten leitete, war eine Thorheit, wie fast alle Pläne, die von Franzosen in Aegypten angegeben und ausgeführt worden sind. Der Strom liess sich nicht zwingen, sich kein Joch auf den Nacken nöthigen; ausserdem litt die Schiffahrt. So lässt man das Werk verfallen, und in wenigen Jahrzehnten wird von der kolossalen Dammbrücke kein Stein mehr auf dem andern sein, während der Obelisk des alten Mizrajim vielleicht noch Jahrtausende das Andenken seines Erbauers erhalten wird.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische