Bilder aus dem Orient – Nazareth


Aus den Bergen von Samaria hinab, über die grosse Ebene Esdrelom und wieder ins Gebirge hinein, immer gen Norden. Da plötzlich erschallt es wieder aus der Ferne wie Glockengeläut. Ein Thal noch und ein Bergrücken, und wir blicken hinab auf eines der freundlichsten Landschaftsbilder. Eine massig grosse Landstadt zieht sich hart unter uns am Hang eines ausgeschweiften Hügels hinab, umgeben von Oliven- und Feigenbäumen, von Granatenwäldchen und anderem Grün. Links erhebt sich mit ihrem zierlichen Minaret aus einer Gruppe hoher schwarzer Cypressen eine kleine Moschee. Weiter nach rechts schaut aus einem festungsartigen Bau die Kirche, deren Glocken wir vernehmen. Ueber den flachen Dächern des Ortes schwankt da und dort ein Palmenwipfel im Winde. Tiefer unten breitet sich das Thal zu Triften und Aeckern aus, und dahinter erheben sich kahle Höhen, übergossen vom Sonnenschein mit weisslichem Lichte.

Wir sind in Galiläa, die Stadt unter uns ist Nazareth, die Kirche bezeichnet die Stelle, wo das erste Ave Maria gesprochen wurde, den Ort der Santa Casa, in welcher Jesus seine Jugend verlebte.

In der Pilgerherberge des Klosters abgestiegen und von freundlichen Mönchen der lateinischen Kirche mit einer guten Mahlzeit und trinkbarem Cyperwein erquickt, besuchen wir die mit dein Kloster verbundene Kirche der Verkündigung, die eine der schönsten des Landes ist. Sie besitzt eine Orgel und einige mite Gemälde, unter denen sich eine Verkündigung von Antonio Darallo, eine Mater dolorosa und ein schwarzer Christus von edelster Gesichtsbildung besonders auszeichnen. Ferner sieht man hier schöne alte Seidentapeten, die nach strengen Zeichnungen und in künstlerischgeordneten Gruppen die Verheirathung Josephs und Marias, die Verkündigung, die Geburt des göttlichen Kindes und die Anbetung der drei Könige in Stickereien von lebhaften Farben zeigen. Unter dem Hochaltar befindet sich eine Felsengrotte, die in eine kleine Capelle umgestaltet ist, und in welcher die Tradition die Stelle erblickt, wo der Engel seine Botschaft an die heilige Jungfrau ansrichtete. Sechzehn Marmorstufen führen hinab. Unten trifft man einen Altar, neben welchem Säulen die Orte bezeichnen, wo bei jener Begegnung Maria und wo der Gottesbote stand.

Ueber dieser Grotte sah man im Mittelalter noch das Haus der Eltern Jesu, die Santa Casa, die sich jetzt in Loretto befindet, wohin es auf Geheiss der Mutter Maria von Engeln getragen wurde, damit es nicht von den Sarazenen verunehrt werde, welche damals Nazareth bedrohten.

Die. Griechen, welche von den 3000 Einwohnern Nazareths die Mehrzahl bilden, verlegen den Ort der Verkündigung in die Kirche ihres Klosters. Diese ist über dem Quell erbaut, welcher den sogenannten Brunnen der Maria, einen von Kaktusstauden umblühten alterthümlich geformten Marmortrog füllt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die heilige Frau und ihr Kind oft an dieser Quelle tranken; denn sie ist die einzige in der Stadt. Ein buntes Gemisch von Weibern des Ortes schöpft hier Wasser. Einige kommen mit altertümlichen Henkelkrügen, die ihnen flach auf dem Kopfe liegen, andere tragen sie aufrecht auf demselben und halten sie mit beiden Armen fest. Das Gesicht hat bei allen eine olivengelbe Farbe, die meisten sind auf den Stirnen und Wangen oder am Kinn mit blauen Puncten bemalt. Ihre Tracht ist ein blaues Hemd, das um die Lenden von einem weissen Tuche zusammengehalten wird. Vom Kopfe hängt ein rother oder weisser Schleier herab. Wie ganz anders denken wir uns die heilige Jungfrau, die hier ebenfalls ihren Krug füllte!

Andere Merkwürdigkeiten Nazareths: die Werkstatt Josephs, des Zimmermanns, die Synagoge, in welcher Jesus lehrte, die Felsklippe, von der ihn die Juden herabstürzen wollten, die Ruinen des Klosters Santa Maria del Tremore, welches an der Stelle erbaut wurde, wo Maria von jener Gefahr ihres Sohnes vernahm, endlich den Steintisch, an welchem Christus nach seiner Auferstehung mit den Jüngern gespeist haben soll, lassen wir unbesucht. Dagegen dürfen wir nicht verfehlen, den nur zwei Stunden von hier entfernten Tabor, den Berg der Verklärung, zu besuchen.

Durch ein Seitenthal der Ebene Esdrelom kommen wir in ein Wadi, das mit Krüppeleichen bewachsen ist, wobei wir den Tabor stets wie eine ungeheure dunkelgrüne Halbkugel vor uns haben. Ueber die um seinen Fuss gruppirten Vorhügel reitend und das Dorf Deburieh rechts liegen lassend, gelangen wir in den Eichenwald, welcher den Berg selbst bedeckt, und nach einer halben Stunde auf den Gipfel. Dieser hat in der Mitte eine von Baumwuchs entblösste Senkung, die hist wie ein Krater aussieht und mit allerlei Ruinen, zerstörten Festungswerken, eingestürzten Hallen und zerbrochenen Thorgesimsen, Resten von Kellern u. dgl. m. bedeckt ist. Ein einziger Thorbogen, von den Arabern Bab El Haua genannt, steht noch aufrecht. Nicht weit davon ist die Hütte eines Einsiedlers, der uns und unseren Thieren aus einer von den in diesem Trümmergewirr befindlichen Cisternen Wasser schöpft. Sonst gibt es hier oben keine lebende Seele, als den Nimr, eine kleine Leopardenart, und den wilden Eber.

Alle Jahre einmal aber wird es in den Ruinen lebendiger. Dann kommen die Mönche des Klosters von Nazareth, begleitet von den dortigen Katholiken, hierher, um durch einen Gottesdienst, der in einer Art Grotte inmitten der Trümmer abgehalten wird, das Andenken an die von der Tradition auf den Tabor versetzte Verklärung Christi zu feiern. Die griechischen Christen begehen zu anderer Zeit und an einer anderen Stelle dieses Berggipfels das Fest der Mutter des Herrn.

Der Tabor eignet sich zu solchen Festen sehr wohl. Steht er doch fast 1800 Fuss über dem Meere, wie ein ungeheurer Altar auf der grossen Ebene, und überblickt man doch von ihm den ganzen Norden von Palästina. Nach Westen hin streckt sich das weite Blachfeld mit dem Kischon, dem „Bach der Schlachten“, bis zum schwarzen Vorgebirge des Karmel, dessen Fuss das Meer umbrandet. Im Norden ragen die Berge um die Judenstadt Safed und der seltsam gestaltete zweigipfelige Kalkfels, den die Araber die Hörner von Hattiu nennen, während die Mönche ihn den Berg der sieben Seligkeiten getauft haben. An seinem Abhang glänzt von der Sonne bestrahlt das galiläische Meer, der See Genezareth. Weiter nördlich steigt mit seinem Schneehaupt der Dschebel Esch Schech, der grosse Hermon empor. Im Osten jenseit des Jordanthales ziehen sich die Berge von Basan und Gilead hin. Im Süden ragt aus der Ebene der Dschebel Ed Duhi, wohl das alte Gebirge von Gilboa empor, die Wasserscheide zwischen den Bächen, die sich in das Mittehneer, und denen, die sich in den Jordan ergiessen.

Und welche Erinnerungen heften sich an diese Gegend, namentlich an die grosse Ebene. Am Bach Kischon besiegten Barak und Deborah die eisernen Kriegswagen Sisseras, auf demselben Gefilde schlugen Gideon und das Schwert des Herrn die Midianiter, das heisst die Beduinenborden, Sebas und Zalmunas, und hier unter den Bergen von Gilboa starb Saul den Heldentod in der Philisterschlacht. Hier ferner büsste König Josia, von Pfeilen durchbohrt, das unbesonnene Wagniss, mit dem er sich Pharao Nechos Zug gegen Karchemisch entgegenstellte. Nicht weniger tränkten die Kriege der Hasmonäer und Herodianer diese Gefilde mit Schlachtenblut. Endlich sahen auch das Mittelalter und die neueste Zeit hier harte Kämpfe. Im nordöstlichen Zweig der Ebene fand am 5. Juli 1181 die letzte grosse Schlacht der Kreuzzüge statt, in welcher Sultan Saladin dem Kitterkönig Veit von Lusignan die Schlüssel von Jerusalem und die Krone nahm, und fast an derselben Stelle kämpfte General Kleber am 17. April 1799 mit fünfzehnhundert Franzosen gegen fiinfundzwanzigtausend Türken. Sechs Stunden, vom Sonnenaufgang bis zur Mittagsstunde, währte das Treffen, und schon gab sich der General der ungeheuren Uebermacht gegenüber verloren, als plötzlich Napoleon mit einigen neuen Bataillonen heraneilte, bei deren Anblick die Türken, stärkeren Zuzug der Gegner fürchtend, den Kücken wandten und nun zu Tausenden niedergehauen wurden.

Alle diese Ereignisse tauchen hier vor unserer Phantasie auf, und so einsam und öde es auf dem Tabor ist, wir könnten recht wohl begreifen, wenn einst der Jünger hier, von der Aussicht ergriffen, Hütten zu bauen gerathen hätte. Die Verklärung aber kann hier nicht stattgefunden haben, da zu der Zeit, wo das Wunder sich begab, eine befestigte Stadt den Tabor krönte. Die Tradition sollte daher einen anderen Ort dafür suchen, etwa am See Genezareth, den wir im nächsten Abschnitt betrachten wollen.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
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Bilder aus dem Orient – Sichem und Nablus