Bildhauer Georg Kolbe

Obschon der Künstler mit der Hand arbeitet, ist er kein Chirurg. Nicht in der Fingerfertigkeit liegt seine Größe.

EUGENE DELACROIX.

Beginnen wir mit einer jener Banalitäten, die uns das Leben verbittern. Wird man jemals begreifen, daß es für den Künstler kein höheres Interesse gibt, als „Kunst zu machen?“ Gesetzt den Fall, ein Mensch habe keine andere Möglichkeit, sich mit der Welt in Beziehung zu setzen durch eine Leinwand voll Arabesken oder durch seltsam geformten Block, — so ist das ein Maler oder ein Bildhauer. Ist es unsere Absicht, teilzunehmen an seinem Wesen, so müssen wir uns seiner ungewohnten Sprache zu bedienen suchen. Wir alle sind Analphabeten gegenüber jedem neuen Werk und bedürfen jener rentablen Bescheidenheit, die uns heute oder morgen auf die Schulbank verweist. Mag sein, daß unser Intellekt nicht übel funktioniert, auch was wir so Empfindung nennen. Aber unsere Augen!

Es gibt Menschen unter uns, die sehen, und die Stärke des Eindrucks will ihnen die Eingeweide zerreißen. Georg Kolbe hat jenen forschenden und kalten Blick, dessen Tiefe man nicht abzuschätzen vermag.

Es sind die unersättlichen Augen, die um die Dinge herumsehen. Fast sind ihm drei Dimensionen nicht genug. Daß die Körper sich runden und zum Block werden, erschüttert ihn an jedem Tag aufs neue. Den Kubus beredt zu machen und ihn zu einer überall verständlichen Sprache zu entwickeln, war von Anfang an sein Ziel. — Es ist zunächst ein Stück Entwicklungsgeschichte der modernen Plastik zu erörtern. Was Hildebrand in München tat, wird unvergessen bleiben. Fast will es uns scheinen, als sei die persönliche Erziehung so vieler tüchtiger Bildhauer sein geringstes Werk.

Höher steht uns seine eigene Produktion. Aber darüber hinaus beruht die einzigartige historische Bedeutung dieses Kopfes auf der fruchtbarsten Theorie, die je von einem Künstler ausging.

Was Plastik von Anfang an gewesen sei und immer sein müsse, das hämmerte er in mühsam geformten Sätzen dem Bewußtsein der jungen Künstlergeneration ein. Man begriff. Mag sein, daß dem einen oder anderen Hildebrands praktische Unterweisung nicht plausibel erschien, so profitierten doch alle von den gesetzlichen Konstatierungen eines überaus bewußten Arbeiters.

Das ist der eine Erzieher der jungen Generation. Und der andere schickte zur gleichen Zeit Werke in die Welt, die Hildebrands Theorie zu sprengen schienen. Rechnen wir die heroischen Verirrungen Rodins ab, so bleibt ein höchst bewundernswertes Oeuvre. Dieses größte Bildhauergenie der neueren Zeit ist seinem innersten Wesen nach Rundplastiker, und die Sensibilität seiner Formensprache wurde eine Offenbarung. Was Hildebrand gelehrt hatte, das brachte Rodin aus den Tiefen eines schöpferischen Instinktes zur klarsten Anschauung. In demselben Verhältnis, wie die künstlerischen Schwächen Hildebrands das eigene Werk bedrohten, mußte auch seine Theorie der Einseitigkeit verfallen. Und wo RodinsWerk der für die Ewigkeit fundamentierten Grundidee von Hildebrands Lehre widerstrebt, da ist er ein irrender Plastiker.

Im Rest verstanden sich die beiden. Und auf solcher doppelfüßigen Grundlage konnte in unserem Zeitalter die Plastik wieder zu einer allgemeinen Sprache für empfängliche Augen werden. — Es gibt keinen unter den Jüngern, der nicht wenigstens den einen Pol dieser Plastikerwelt berührt hätte. Sehr viele empfingen von beiden. Als Kolbe in Rom anfing, geschah es unter der Leitung von Tuaillon, der mit dem Marees – Hildebrand-Kreis in Beziehung stand. So kam er aus guten Händen von Rom nach Paris. Man begreift, wie das eruptive Leben der Kunst Rodins ihn verwirren u. endlich beglücken mußte. Es ist für jeden wirklichen Bildhauernicht schwer, den offenbaren Schwächen Rodins sich zu entziehen. Man grüßte Maillol u. Minne wie Geistesverwandte, deren Weg ein anderer war. Und als Kolbe dann zu sagen versuchte, wie ihm die Dinge erschienen, da ist er erstaunlich frisch und selbständig.

Es interessiert ihn zunächst die Bewegung. Noch vermag er nicht einfach zu sein und an einer einzigen Figur seine künstlerischen Absichten zu entwickeln. So ballt er mit Vorliebe zwei, drei und mehr Körper im Ringen zusammen, scheut nicht bizarre Bewegungen, harte Umrisse, eine zerfetzte Komposition. Aber was er darstellt, ist gesehen; die Leiber haben ihre sicheren Proportionen. So nimmt man die Äußerungen eines originalen und kräftig sich regenden Instinktes voll Erwartung hin. — Nun sollte man meinen, nach einiger Zeit wäre das reife und in gewissem Betracht meisterliche Werk gekommen, das einen Künstler mit einem Schlage berühmt macht. Es ist bis heute noch nicht da. Und das ist das Beste, was man Kolbe nachsagen kann. Wer es vermag, über die lange Reihe glücklichster Schöpfungen hinweg sein eigentliches Werk in der Zukunft zu suchen, der rechnet mit seiner Kraft und einem langen Leben.



Es liegt nicht im Wesen dieses unablässigen Suchers, sich auf ein einziges Werk zu konzentrieren, es nicht nur bildhauerisch zu gestalten, sondern es auch mit der geistigen Kultur der Mitlebenden irgendwie zu verknüpfen. Vielleicht, daß alles in ihm auf den großen Auftrag wartet. Bis heute war sein oberstes Ziel, den menschlichen Körper reinlichsten Kunstzwecken zu unterwerfen. Wie von einer Tabelle soll man von Form und Bewegung plastische Inhalte ablesen, und es könnte sein, daß der mit Ausdruck beladene Rük-ken seines „weiblichen Torsos“ manchem mehr zu sagen weiß als alle Literatur unserer Zeit.

Das Auf und Ab der Flächen von Schenkel, Bauch, Brust und Rücken, langgezogene oder jäh überschnittene Konturen, eine Drehung des Rumpfes und die in die dritte Dimension sich reckenden Glieder, ein lastender Körper auf widerstrebenden Schenkeln, und dann der Ausgleich aller dieser Momente zu jenem überzeugenden Rhythmus, der eine bedeutende Sicherheit des Instinktes voraussetzt, — das ist das Letzte, was uns Kolbe von dem immanenten und gesetzlichen Leben der Plastik zu sagen hat. Gewiß, es gehören Augen dazu, die sehen.

Die „Tänzerin“, die in diesem Jahre in der Sezession alle Welt entzückte, mag dem Künstler den Weg gezeigt haben, auf dem er zu leichter Popularität gelangen könnte. Wir wollen dem überaus anmutigen Werk nichts Übles nachsagen, und wem Reife alles ist, der mag mit Recht hier Kolbes Meisterwerk erblicken. Wir sind uns aber mit dem Künstler einig, der von sich sagt, daß Werke wie der „weibliche Torso“, oder der „Torso eines Negers“, oder der „hockende Neger“ die Summe seines jetzigen Könnens und das Sprungbrett in die Zukunft bedeuten. In diesen eminenten Studien liegen die Keime einer größeren Kunst, auf die wir warten wollen. — Kolbe sieht den Menschen heute in seiner reinen Vitalität, nicht als geistiges Wesen ; wir wissen, wie nötig es war, aus der ungeistigen Natur heraus die Elemente einer künstlerischen Sprache zu entwickeln. Wir mußten erst wieder einmal das Abc der Plastik erlernen, ehe wir uns an die Schwierigkeiten komplizierter Bildungen wagen durften. Wir waren Barbaren und entbehrten der bildhauerischen Kultur. Rodin sprach zu einer Rasse von wünschenswertester formaler Anlage, und hat sich doch als Revolutionär gebärden müssen. Es entspricht der Eigenart unseres Volkes, daß die junge deutsche Kultur auf dem Weg der Reformen erarbeitet wird.

Wo Hildebrands Theorie die Bresche geschlagen hatte, da setzten mit einer bewundernswerten Konsequenz und Zähigkeit die jungen Bildhauer ein. Und Kolbe ist einer der Führenden geworden, und auf dem Wege eines unerbittlichen Realismus. Überzeugt davon, daß die Konventionen des Akademismus negiert werden müßten, wandte er sich allein an die Natur und an das Leben. Wie immer, wenn die Zeit gekommen ist, fanden sich schnell die guten Genossen, und sie alle eint der Wunsch, nur aus dem Leben Anlaß u. Inhalt der Kunst zu schöpfen. Die Individualitäten haben sich bald geschieden. Wenn die einen bei den Primitiven oder der klassischen Antike eine Stütze suchten, so wandten sich andere zur Gotik oder dem lange verkannten Barock und verloren doch nicht den Blick für die Forderungen der lebendigen Gegenwart. Wir blicken voll Vertrauen auf die Schar der Tüchtigen, wie Albiker, Gerstel, Engelmann, Barlach, Haller, Hoetger und Lehmbruck. Und mit zu den Besten gehört Kolbe, der sich in 35 Lebensjahren sein Recht vielleicht am unabhängigsten erarbeitet hat.

DR. E. B.

Bildverzeichnis:
Georg Kolbe-Badende
Georg Kolbe-Erwachen
Georg Kolbe-Hockendes Mädchen-Gips
Georg Kolbe-Stehendes Mädchen
Georg Kolbe-Weiblicher Torso

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Vom Wert der Anschauung
Modernes Sammlertum
Zur Neuaufstellung des Völkerkunde-Museums in München
Friedrich Stahl
Holzschnitte von Josef Weiss
Ein Kriegerdenkmal
Was ist Expressionismus?
Linie und Form in der Plastik
Der Tastsinn in der Kunst
Fritz Boehle
Ratschläge vorm Verkauf von Kunstbesitz
Waldemar Rösler
Franz Hoch
Silhouetten
Die Kunst nach dem Kriege
Ein Deutsches Ledermuseum
Heldenhaine und Ehrenhaine
Kriegs-Gedächtnis-Male
Kunstverständnis-Möglichkeiten Einst und Jetzt
Lebenswerte der Kunst
Constantin Meunier-Denkmal der Arbeit
Die Anfänge einer neuen Architektur-Plastik
III. Deutsche Kunstgewerbe-Ausstellung
Neue Brunnen und Denkmäler von Franz Metzner
Monumentale Kunst
Franz Metzner-Steinmetz und Bildhauer