Bismarck errichtet das neue Reich.

„Die Nation steht höher als die Konfession, und hier auf der Erde hat der Staat den Vortritt vor der Kirche! Dieser Machtkampf, den der Papst schon im Mittelalter gegen die deutschen Kaiser geführt hat, wird jetzt fortgesetzt; wir sollen wieder gehorsam vor dem Papst zu Kreuze kriechen. Das tun wir nicht! Nach Kanossa gehen wir nicht!“

Kämpfe um das Bismarckreich.
Für König und Heer.

Bismarck und sein Geschlecht.

Deutschlands Glück war es, daß der Mann, den das Schicksal für diese Aufgabe ausersehen hatte, bereits geboren war und nun mit raschen Schritten auf sein Ziel losging. In der Altmark liegt am Ufer der Elbe, traulich von Bäumen umrauscht, der Gutshof Schönhausen. Als adliges Geschlecht wohnen hier seit Jahrhunderten die Bismarcks. Aus diesem Geschlecht wird am 1.4.1815 1. April 1815 Otto von Bismarck geboren. Er hat vom Vater Willenskraft und Trotz, von der Mutter Geist und Klugheit geerbt. In den Berliner Schulen gefällt es dem Jungen gar nicht, er ist Heber auf dem Acker, im Walde, bei den Pferden. Denn eine große Liebe zur Natur lebt bis an sein Lebensende in ihm. Auch auf der Universität Göttingen ist er mehr in fröhlicher Gesellschaft als bei den Büchern, doch lernt er sehr viel aus dem Umgang mit bedeutenden Menschen. Die Enge der Beamtenlaufbahn befriedigt den kraftvollen Mann nicht. Er wird Bauer und übernimmt die Verwaltung der väterlichen Güter.

Der werdende Staatsmann.

Die Bauern seines Kreises wählen ihn in den preußischen Landtag. Mit kühner Entschlossenheit und tapferem Wort tritt er dort für den König ein.

Er ist von Preußens deutscher Sendung durchdrungen und hat rasch erkannt, daß Königtum und Heer noch die einzigen Mächte sind, mit denen sich Deutschlands Zukunft gestalten läßt. Friedrich Wilhelm IV. wird auf ihn aufmerksam und schickt ihn als preußischen Gesandten zum Bundestag in Frankfurt a. M. Dort sind die Vertreter aller . deutschen Staaten zusammen, Habsburg führt den Vorsitz und das große Wort. Bismarck lernt die Schliche und Ränke der Bundespolitik bald kennen. „Bund, du Hund, bist nicht gesund!“ hieß es damals. Bismarck findet es bestätigt, daß von dieser Einrichtung kein Heil für Deutschland kommen kann. Für ihn als Preuße steht es fest: Das Reich kann nur von Preußen her kleindeutsch gebaut werden! Österreich muß aus dem Deutschen Bund ausscheiden! König Friedrich Wilhelm IV. erkrankt, sein Bruder Wilhelm wird Regent und bald darauf König. Er kennt Bismarck genau und sendet ihn als seinen Vertreter erst nach Rußland, dann nach Frankreich. So lernt Bismarck auch die auswärtige Politik und ihre Kräfte kennen. Nun ist er gerüstet für seine große Aufgabe. Endlich wird er gerufen.

Retter der Krone.

1862. In Berlin ist ein schwerer Streit zwischen König Wilhelm I. und dem Landtag ausgebrochen. Es geht um das Heer. Der König und sein Kriegsminister Roon wollen es verstärken, denn sie wissen: Nur ein starker Staat kann seinen Willen durchsetzen! Die Abgeordneten aber wollen das Geld dazu nicht bewilligen. Schon denkt der König an Abdankung, er ist ja auch schon 65 Jahre alt. Da kommt Bismarck als Retter in der Not. „Getrauen Sie sich, den Aufbau des Heeres auch gegen den Willen des Landtags durchzuführen?“ fragt ihn der König. „Jawohl, Majestät, ich habe den Mut!“ ist die Antwort. „Dann ist es meine Pflicht mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu versuchen!“ Bismarck wird Ministerpräsident. Er weiß, was kommt. Noch einmal versucht er, den Landtag zu überzeugen, vergeblich. Da braust er auf: „Nicht durch Reden und Mehrheitsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut!“ Der Kampf ist da! Der Landtag wird nach Hause geschickt und das Heer gegen seinen Willen verstärkt.

Um Schleswig-Holstein.

Wie dringend die Heeresvennehrung und Wehrhaftmachung Preußens gewesen war, zeigte der baldige Ausbruch der Kämpfe. Den Anlaß dazu gab der dänische Angriff auf die deutsche Nordmark Schleswig-Holstein. Schon seit Jahrhunderten waren diese beiden Herzogtümer mit Dänemark verbunden, da ihre Herzoge auch zugleich Könige von Dänemark waren. Als Dänemark nun versuchte, das deutsche Land durch dänische Geistliche, Lehrer und Beamte für das Dänentum zu gewinnen, einen Aufstand blutig unterdrückte und Schleswig 1863 gar einverleibte, stieg die Erregung auf das höchste. In ganz Deutschland sang man „Schleswig-Holstein stammverwandt, stehe fest, mein Vaterland!“

1864 kommt es zum Dänischen Krieg. Preußen und Österreich gehen 1864 im Auftrag des Deutschen Bundes gemeinsam vor. Die europäischen Randmächte, allen voran England, stehen auf Seiten Dänemarks. Bismarck aber versteht, sie vom Kriege femzuhalten. Dann rücken unter dem Oberbefehl des Feldmarschalls Wrangel Preußen und Österreicher in Schleswig ein. Die Österreicher überwinden die Festungsanlagen des Danewerks und dringen bis in die Nordspitze jütlands vor.

Die Preußen erstürmen die Düppeler Schanzen. Auch die naheliegende und befestigte Insel Alsen wird erobert. Eine österreichisch-preußische Flotte unter dem Oberbefehl des österreichischen Admirals Tegetthoff erringt den ersten deutschen Seesieg. So ist der dänische Übergriff entschlossen und kraftvoll zurückgewiesen. Im Frieden zu Wien tritt Dänemark die Herzogtümer Schleswig-Holstein und Lauenburg an Österreich und Preußen ab. Die gemeinsame Verwaltung der zurückgewonnenen Gebiete fuhrt bald zu Streitigkeiten.

In Gastein wird vereinbart, Preußen soll Schleswig, Österreich Holstein verwalten, und Lauenburg fallt für 2 ½ Millionen Taler an Preußen. Aber das Mißtrauen zwischen Preußen und Österreich besteht weiter, die entscheidende Auseinandersetzung kann nicht mehr lange hinausgeschoben werden. Preußen schließt mit Italien einen Geheim vertrag über gegenseitige Hilfe in einem Zukünftigen Krieg gegen Österreich, und Frankreich trifft doppelzüngige Verabredungen mit beiden Gegnern. Bei längerer Dauer eines deutschen Bruderkrieges hofft Napoleon III. das linke Rheinufer für Frankreich zu gewinnen.

Preußen oder Österreich.

1866. Die Kämpfe im Deutschen Bruderkrieg von 1866 sind zum Glück nur kurz. Moltkes Feldherrngenie führt die preußischen Heere zum raschen und vollen Sieg. „Getrennt marschieren und vereint schlagen“ ist Moltkes Plan. Von Sachsen und Schlesien aus rücken die Preußen mit drei Armeen in Böhmen ein und werfen die österreichischen Vorhuten zurück. Alle Heere streben einem vorher bestimmten Raume zu. Auf den Höhen von Königgrätz und Sadowa treffen sie auf das Österreichische Heer unter Bcncdek. Österreicher und Sachsen wehren sich tapfer, besonders die Österreichische Artillerie ist vorzüglich. König Wilhelm mit seinen Beratern gerät mitten in das Granatfeuer. Aber mit der Genauigkeit eines Uhrwerks geht alles nach Moltkes Plan. Gegen das neue Zündnadelgewehr und den zweiseitigen Angriff der Preußen, der rechtzeitig einsetzt, können sich die Österreicher nicht halten. Abends sind sie vernichtend geschlagen, Sie haben 40000 Mann, davon die Hälfte als Gefangene, und 161 Geschütze verloren. Unaufhaltsam rücken die Preußen gegen Wien vor. Inzwischen sind schwächere preußische Heeresteile auch gegen Österreichs Bundesgenossen in Deutschland siegreich gewesen. Sie haben die Hannoveraner bei Langensalza zur Übergabe gezwungen, die Bayern, Hessen und Württemberger geschlagen und Frankfurt a. M. besetzt. Gegen Italien sind die Österreicher siegreich geblieben. Tegetthoffs Seesieg bei Lissa ist ein besonderes Ruhmesblatt der Österreichischen Geschichte. Aber die Entscheidung des Krieges ist in Böhmen gefallen. Jetzt tritt Napoleon auf den Plan. Er will vermitteln und dabei gewinnen. Bismarck aber schaltet seinen Einfluß durch einen raschen. Frieden aus. Er will Österreich nicht ganz verbittern, aus dem Deutschen Bunde jedoch muß es ausscheiden. Gegen den Widerstand des Königs schließt er den Versöhnungsfrieden von Prag. Auch die süddeutschen Staaten werden geschont und schließen mit Preußen ein Schutz- und Trutzbündnis. Dagegen gehen Hannover, Kurhessen, Nassau, die Reichsstadt Frankfurt und Schleswig-Holstein in Preußen auf. Die übrigen Kleinstaaten Norddeutschlands werden unter Führung Preußens im Norddeutschen Bund zusammengefaßt. So bringt der Siegestag von König-grätz den Beginn der deutschen Einigung unter Preußens Führung.

Aber der erste Schritt zur deutschen Einheit war teuer bezahlt: die österreichischen Deutschen, mehr als acht Millionen, waren von dem neuen Reich ausgeschlossen. Während die Reichsdeutschen zu Macht und Glanz emporstiegen, begann mit der „klein-deutschen“ Lösung der harte Schicksalskampf des Deutschtums in Österreich. Doch „Herz und Erinnerung der Besten hörten niemals auf, für das gemeinsame Vaterland zu empfinden“. Der Führer, der dieses Wort schrieb, hat auch das Werk Bismarcks vollendet, seine Heimat mit dem Reich vereinigt und dadurch Großdeutschland geschaffen.

Im Kampf mit Frankreich ersteht das Deutsche Reich.

Preußens Siege und sein Machtzuwachs hatten in Frankreich den Deutschenhaß von neuem entfacht. „Rache für Sadowa“ rief man in Paris, und Napoleon III. forderte als Entschädigung die Pfalz und Rheinhessen mit der Festung Mainz für Frankreich. „Ihr wollt den Krieg, ihr sollt ihn haben. Wir werden die ganze Nation gegen euch aufrufen!“ war die Antwort.Bismarcks. Napoleon erklärte darauf seine unverschämte Forderung als „Mißverständnis“ und wartete auf einen günstigeren Augenblick. Als die Spanier dem Prinzen Leopold aus der süddeutschen Linie des Hauses Hohenzollem die Krone anboten, erklärte sich Frankreich für bedroht und forderte von Preußen „Bürgschaft“ für seine Sicherheit. Um des Friedens Willen riet der König dem Prinzen, auf die Krone zu verzichten.

Nun verlangte Napoleon durch seinen Gesandten Benedetti von König-Wilhelm in den Kuranlagen von Bad Ems einen „schriftlichen Verzicht für alle Zeiten“. Höflich, aber bestimmt wies der König diese demütigende Zumutung zurück. Durch die „Emser Depesche“ unterrichtete Bismarck das Deutsche Volk über die beleidigenden Forderungen Frankreichs. Ein Sturm der Entrüstung ging durch das deutsche Land. In Frankreich aber schrie 1870/71 alles: „Nach Berlin, nach Berlin!“, und Napoleon erklärte am 19. Juli an Preußen den Krieg.

Kaiser Napoleon unterliegt.

Wie mit einem Schlage war aller Bruderzwist und Parteihader in Deutschland verschwunden. Die süddeutschen Staaten schlossen sich dem Norddeutschen Bunde an und unterstellten ihre Truppen dem Oberbefehl des Königs von Preußen. Die Franzosen kamen gar nicht erst zu ihrem beabsichtigten Einfall in Süddeutschland. Vielmehr überschritten gerade die süddeutschen Truppen als Dritte Armee unter Führung des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm zuerst die Grenze nach dem Elsaß. Sie schlugen die französische Südarmee unter Mac Viahon bei Weißenburg und Wörth. Die Erste Armee unter General Steinmetz warf gleichzeitig die französische Nordarmee bei Saarbrücken und an den Spicherer Höhen zurück. Auch der Einsatz brauner und schwarzer Kolonialtruppen, vor deren Wildheit die deutschen Truppen erschreckt die Flucht ergreifen sollten, hatte die französischen Niederlagen nicht verhindern können.

Die Zweite Armee unter Prinz Friedrich Karl faßte inzwischen die zurückgehende Nordarmee bei Metz und warf sie nach erbitterten Kämpfen in die Festung. Bei Vionville und Mars-la-Tour galt es, den Abzug der zahlenmäßig überlegenen Franzosen nach Westen zu verhindern. Nur durch Eilmärsche kamen die nötigen deutschen Truppen heran. Schon besteht die Gefahr des französischen Durchbruchs. Da erhält die Reiterbrigade Bredow den Befehl, den feindlichen Abmarsch aufzuhalten. Ein Reitersturm bricht los! Mit gezogenem Degen das Kürassierregiment, die Ulanen mit vorgestreckten Lanzen! Heftiges Geschütz- und Gewehrfeuer empfängt sie. Doch die todesmutigen Reiter durchbrechen die Reihen der französischen Infanterie und hauen die Bedienungsmannschaften bei den Geschützen zusammen. Furchtbar sind beiderseits die Opfer dieses kühnen Angriffs. Bis zur feindlichen Kavallerie stoßen die Reiter vor. Da läßt General von Bredow zum Sammeln blasen, und nochmals durchrasen die übriggebliebenen Helden rückwärts die feindlichen Linien. Wohl fehlt bei dem Appell mehr als die Hälfte der Reiter und Pferde. Doch die Opfer des Todesrittes von Vionville sind nicht umsonst gebracht. Der feindliche Abmarsch ist aufgehalten; andere deutsche Truppen greifen nun ein, und der Feind wird auf Metz zurückgeworfen.

Nicht geringere Wunder der Tapferkeit vollbringt zwei Tage später bei Saint Privat und Gravelotte die preußische Garde. Hier scheitert der letzte Durchbruchsversuch der Franzosen. Der Ring ist geschlossen, die Nordarmee in Metz festgehalten. Die geschlagene Armee MacMahon hat sich unterdessen rückwärts in dem festen Lager bei Chalons gesammelt und will nun in einem großen Bogen entlang der belgischen Grenze nach Metz marschieren, um den Eingeschlossenen Hilfe zu bringen. Der Schlachtenlenker Moltke hat jedoch durch eine rasche und kühne Schwenkung seine freien Truppen im Westen von Metz nach Norden gelenkt. Schon nach wenigen Tagen versichert er: „Nun haben wir die Franzosen in der Mausefalle.“ Sorglos liegen die französischen Truppen im Talkessel bei Sedan. Bayrische Truppen überraschen sie als erste beim Abkochen, so daß sogar Artillerie zum Überfall herangebracht werden kann. Wie aus einem gestörten Ameisenhaufen schwärmen nun die überraschten Rothosen nach den umliegenden Höhen aus. Jedoch immer mehr deutsche Truppen rücken in Eilmärschen heran. In erbitterten Kämpfen, in die schließlich etwa 500 deutsche Geschütze eingreifen, wird die gesamte französische Armee umzingelt und nach Sedan zurückgeworfen. Kaiser Napoleon, der sich selbst bei der Armee befindet, begibt sich am 2. September in Gefangenschaft, mit ihm die ganze Armee. Der Kaiser, 39 Generale, 2300 Offiziere und über 100000 Mann kommen als Gefangene nach Deutschland, Napoleon und sein Gefolge nach Schloß Wilhelmshöhe. „Welch eine Wendung durch Gottes Fügung“ drahtet König Wilhelm ergriffen an seine Gemahlin. Unermeßlich ist der Jubel im deutschen Volk.

Auch die Republik wird besiegt.

In Frankreich wurde der Kaiser abgesetzt, die Volksvertretung führte den Krieg weiter, und die „Regierung der nationalen Verteidigung“ beschloß: „Krieg bis aufs Messer, keinen Finger breit unseres Landes, keinen Stein unserer Festungen!“ Nun begann ein Volkskrieg, der von den Franzosen mit aller Zähigkeit, allem Haß, aller Hinterlist und Roheit ihrer Volksart geführt wurde. Tausende deutscher Soldaten fielen den Kugeln von Heckenschützen aus dem Hinterhalt zum Opfer oder wurden nichtsahnend im Quartier von der bewaffneten Bevölkerung überfallen und ermordet. Trotzdem war der Siegeszug unserer Truppen unaufhaltsam. Ende Oktober fiel Metz mit 180 000 Mann in unsere Hand. In einem entbehrungsreichen Winterfeldzug wurden die Franzosen bis an die Loire und im Süden an die Alpen zurückgedrängt, die Festung Straßburg wurde erobert. Angehörige aller deutschen Stämme wetteiferten in ruhmvollen Waffentaten. Soldaten der Länder waren ausgezogen in den Krieg, deutsche Helden kämpften vereint gegen den alten Feind!

Endlich wieder ein deutsches Reich.

Noch während der Belagerung von Paris erfüllte sich die Sehnsucht aller Deutschen nach der Neugründung des Reiches. Es war ein Erfolg der meisterhaften Politik Bismarcks, daß er auch das widerstrebende Bayern für den Reichsgedanken zu gewinnen wußte.

Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaale des Schlosses zu Versailles König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Eine glänzende Versammlung von Fürsten und Diplomaten, besonders aber von Generalen und Offizieren aller Regimenter hatte sich hier eingefunden. Der König trat vor und erklärte sich bereit, die Kaiserkrone anzunehmen. Auf seinen Befehl verlas darauf Bismarck die Botschaft an das deutsche Volk von der Erneuerung des Deutschen Reiches. Sie schloß mit dem Wunsche des Kaisers, „allezeit ein Mehrer des Reiches zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiet nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung“. Endlich gab es wieder ein deutsches Reich.

Ein Friede der Mäßigung.

Nachdem sich auch Paris am 28. Januar 1871 hatte ergeben müssen, war der Widerstand Frankreichs gebrochen. Am 10. Mai wurde in Frankfurt am Main der Friede unterzeichnet. Frankreich mußte das geraubte Elsaß-Lothringen wieder an Deutschland abtreten und bis zur Bezahlung von fünf Milliarden Franken Kriegskosten deutsche Besatzung dulden. Elsaß-Lothringen wurde zu einem Reichsland erklärt. Als der Friede im Reichstage bestätigt werden sollte, fanden sich zwei Abgeordnete, die gegen die Rücknahme Elsaß-Lothringens stimmten. Es waren die ersten Marxisten im Deutschen Reichstage, Söldlinge Judas, die schon hier unter dem Schutze der Unverletzlichkeit der Abgeordneten mit dem Landesverrat begannen, der später noch so verhängnisvoll werden sollte.

Bismarck richtet das Reich ein.

Das Bismarckreich, in drei Kriegen zusammengeschweißt und bewährt, war eine Macht, die in der Welt Achtung und Ansehen genoß. Gewiß, noch war es nicht der umfassende großdeutsche Einheitsstaat. Die Vollendung zum einheitlichen Volksstaat konnte Bismarck nicht erreichen. Er mußte das Reich nehmen, wie es war, mit allen seinen Fehlem und Mängeln. ,,Man setze Deutschland in den Sattel, reiten wird es schon können!“ meinte er. So schuf er einen Bauplan des Reiches, in dem die Ansprüche der Länder und der Volksvertretungen mit ihren Parteien, Klassen und Bekenntnissen berücksichtigt wurden. Alles aber faßte er in einer starken Spitze zusammen. War das Reich zuletzt ein Staatenbund gewesen, so wurde das Bismarckreich ein Bundesstaat. An der Spitze stand der Deutsche Kaiser, der den Reichskanzler als verantwortlichen Leiter der Reichspolitik berief. Der Kaiser führte die Außenpolitik. Er hatte das Oberkommando über die Flotte: über das Heer gebot er als Oberster Kriegsherr nur im Kriege. Im Frieden hatten einige süddeutsche Staaten Sonderrechte. Überall galten gleiche Zölle, Münzen, Maße und Gewichte. Auch Post und Telegraph wurden dem Reiche unterstellt. Alle anderen politischen Aufgaben und Rechte aber blieben Sache der Länder. Einen besonders schweren Fehler teilte das neue Reich mit dem alten: es hatte außer den Zöllen keine eigenen Steuereinnahmen und war auf Abgaben der Länder angewiesen. Das Reich Kostgänger der Länder, das war eine große Gefahrenquelle! Gesetze konnte der Kaiser nur erlassen, wenn der Bundesrat und der Reichstag zustimmten. Sie erhielten erst Gültigkeit, wenn sie auch vom Reichskanzler gezeichnet waren. Im Bundesrat saßen die Vertreter der 22 Fürsten und 3 freien Städte (Hamburg, Bremen und Lübeck). Der Kaiser führte den Vorsitz. Die Vertretung des Volkes war der Reichstag. Die 397 Abgeordneten wurden in allgemeiner, gleicher, geheimer und direkter Wahl gewählt. Der Reichstag hat Bismarck den meisten Kummer gemacht, denn die Parteien hatten nicht das Wohl des Reiches im Auge, sondern ihr eigenes Wohl. Auch saßen in fast allen Parteien Juden.

Bismarck sichert das Reich.
Der Ausbau der Wehrmacht.

Nachdem in drei Kriegen das Reich gegründet war, hatte Bismarck nur ein Ziel: den Frieden zu erhalten. Er wußte aber: nur wer so stark ist, daß ihn niemand anzugreifen wagt, kann den Frieden bewahren. Darum war seine erste Aufgabe, das deutsche Heer so stark wie möglich zu machen.

Die Verwaltung des Heeres unterstand dem preußischen Kriegsminister, Bismarcks Freund Roon. die militärische Leitung dem „Großen General-Stab“ unter Moltke. Die allgemeine Wehrpflicht mit zweijähriger Dienstzeit für Fußtruppen und dreijähriger für Reiterei und Marine sicherte eine tadellose Ausbildung der Wehrfähigen. Der Reichstag bewilligte 1874 für die nächsten sieben Jahre die Mittel für ein Heer von 402000 Mann Friedensstärke, die nach Ablauf der siebenjährigen Frist noch mehrmals erhöht wurden. Die junge deutsche Flotte blieb zunächst noch schwach. Außer der Verteidigung seiner Küsten hatte Deutschland zur See noch keine Aufgaben in Angriff genommen.

Deutschland und die europäischen Mächte.

Deutschland war endlich geeint, aber es besaß keine Bewegungsfreiheit. Am Lebensraum der Welt hatte es keinen Anteil, und in Europa war es auf allen Seiten von starken Mächten umschlossen.

Im Westen drohte das rasch erstarkende Frankreich. Dort waren Haß und Rachgier gegen das siegreiche Deutschland die stärksten Triebfedern der Politik. „Immer daran denken, nie davon sprechen“, hieß es. Weil Deutschland zu stark war verhielt sich Frankreich zunächst sehr, vorsichtig. Es mehrte seine Kraft, indem es sein Heer verstärkte und Kolonien erwarb. Dabei störte Bismarck die Franzosen nicht, um sie vom Rhein abzulenken. So konnten sie ihr Kolonialreich auf das 24 fache vergrößern. Tunis, Innerafrika, Madagaskar und Hinterindien kamen hinzu. Ihre Gedanken aber blieben bei der Rache und beim Rhein.

Vor der deutschen Haustür, der Nordsee, lag England. Sein Weltreich wuchs und wuchs. Cypem, Ägypten, Südafrika wurden gewaltsam einverleibt, ‚der Suezkanal wurde seinen französischen Erbauern mit Judengeld entwunden. Alle eroberten Länder wurden fest zusammengeschlossen zum Britischen Weltreich. Die Engländer, das war das Ziel der Habgierigen, sollten die „herrschende Rasse in der zukünftigen Geschichte und Zivilisation der Welt“ sein.

Im Osten dehnte sich das gewaltige Russische Reich. Im Krimkrieg (1854/55) war es mit England zusammengestoßen. Auch an den Dardanellen und in Vorderasien war es den Engländern im Wege. Nun wurde die „allslawische Bewegung“ entfacht. „Alle slawischen Bäche sollen zusammenfließen“ war ihre Losung. Die Mehrzahl der kleinen slawischen Völker aber wohnte in Österreich-Ungarn und der Türkei. So wurde Rußland der Feind dieser Länder.

Zugleich mit Deutschland hatte auch Italien seine Einheit errungen. Der Kirchenstaat wurde 1870 besetzt und Rom zur Hauptstadt von ganz Italien erhoben. Der Ausdehnungsdrang Italiens ging nach zwei Richtungen. In Österreich lebten an der Etsch und am Adriatischen Meer noch Italiener, die zum Mutterlande wollten. Auch in Tunis in Nordafrika hatten Italiener eine neue Heimat gefunden. Italien erstrebte deshalb Kolonialbesitz in Tunis, doch kam ihm Frankreich zuvor und besetzte das Land.

In Österreich-Ungarn waren bis 1866 die Deutschen tonangebend gewesen. Das wurde jetzt anders. Ungarn machte sich selbständig. Nun entstand die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, die nur noch durch die Person des Kaisers Franz Joseph zusammengehalten wurde. Um seine Tschechen, Slowaken, Serben, Kroaten und Slowenen nicht unter Rußlands Einfluß geraten zu lassen, kam ihnen der Habsburgerstaat weit entgegen. In Böhmen wurde die tschechische Sprache mit der deutschen gleichberechtigt, und die alte deutsche Universität in Prag wurde unter Tschechen und Deutschen geteilt. Zuletzt wollte man den übrigen Fremdvölkem sogar ein eigenes Reichsdrittel einräumen wie den Ungarn. An Stelle der zurückgestoßenen Deutschen gewannen Ungarn, Slawen und Juden immer mehr die Oberhand. In dieser Bedrängnis wurde Ritter von Schönerer zum Führer der Deutschgesinnten. Er sammelte die Deutschen Österreichs um sich und predigte ihnen die Heimkehr ins Reich. „Ohne Juda, ohne Rom wird erbaut Germaniens Dom!“ So bereitete er Großdeutschland vor. Der Führer hat Schönerers Kampf noch erlebt und starke politische Eindrücke von ihm erhalten.

Bismarcks Bündnisse.

Bismarck sah die Gefahren, die einem Land im „Herzen Europas“ drohen: „Gott hat uns in eine Lage gesetzt, in welcher wir durch unsere Nachbarn gehindert werden, irgendwie in Trägheit oder Versumpfung zu geraten.“ Vor allem suchte Bismarck zu verhindern, daß Frankreich Bundesgenossen fand und Deutschland einkreisen konnte. Also mußte die Freundschaft mit Rußland und Österreich gefestigt werden, wie es im „Dreikaiserabkommen“ 1872—1879 geschah. Nun konnte der Kanzler wiederholt in die Weltpolitik entscheidend Eingreifen. Auf dem „Berliner Kongreß“ (1878) wirkte er als „Schiedsrichter Europas“ und verhinderte die Ausweitung des Russisch-Türkischen Krieges zu einem Weltkrieg. Aber Rußland war mit dem Ergebnis nicht zufrieden, und seitdem wuchs dort eine Kriegspartei gegen Deutschland. Zwar wurde das Dreikaiserbündnis 1881 verlängert. Doch fühlte man, daß Rußland immer mehr dem Werben Frankreichs nachgab. Deshalb suchte Bismarck durch den

„Dreibund“ zwischen Österreich, Italien und Deutschland ganz Mitteleuropa zu einem Schutz- und Trutzbündnis zusammenzuschließen, dem auch Rumänien beitrat. Wegen der Spannung mit Österreich-Ungarn erneuerte Rußland das „Dreikaiserbündnis“ nicht mehr. Es war nur noch zu einem „Rückversicherungs vertrag“ mit Deutschland allein zu bewegen. Der Gegensatz zwischen Österreich-Ungarn und Italien machte auch den Dreibund unsicher. Aber der „Eiserne Kanzler“ fürchtete auch den Krieg nicht. Als er einmal unvermeidlich schien, sprach er das stolze Wort: „Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts in der Welt!“ Und der Krieg kam nicht. Wenn Deutschland stark ist, hat Europa Frieden.

Das Wachstum des Reiches.
Wirtschaft und Handel blühen auf.

Die Wirtschaft folgt der Politik. Im neuen Reich erlebte daher auch die Wirtschaft, besonders die Großindustrie, einen stürmischen Aufschwung. Die Firma Krupp in Essen wurde durch die Tatkraft dreier Geschlechter der Familie Krupp in einem Jahrhundert aus einer kleinen Eisenschmiede eine Weltfirma. Ihren eigentlichen Aufstieg nahm sie unter Alfred Krupp, der im Alter von 14 Jahren vom sterbenden Vater eine kleine Hammerschmiede erbte. Hatte schon sein Vater alles darangesetzt, einen brauchbaren Gußstahl zu erzielen, der dem englischen gleichwertig wäre, so wurde diese Aufgabe für Alfred Krupp zum Lebensinhalt. Oft mußte er hungern, um seinen Betrieb mit drei bis fünf Arbeitern weiterfuhren zu können. Doch immer besser wurden seine Ergebnisse, und sein Erfolg war ungeheuer, als er auf Weltausstellungen Gußstahlerzeugnisse von überlegener Größe und Qualität zeigen konnte. Seine Erfindung eines neuen Geschützstahles aber stellte er nur dem Vaterland zur Verfügung, obwohl lockende Angebote aus dem Ausland kamen. Er arbeitete überhaupt nicht, um Geld aufzuhäufen, Krupp wollte sein Werk ausbauen. Dabei war er ein wahrer Vater seiner Gefolgschaft. Er errichtete den Arbeitern Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und Altersheime. Auf das Bild seines kleinen Stammhauses schrieb er: „Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet.“ So winde aus seinem Werke die Waffenschmiede des Deutschen Reiches, in der auch heute noch viele Tausende deutscher Menschen an der Wehrhaft-machung und dem Aufbau unseres Vaterlandes arbeiten.

Deutschland wird Kolonialreich.

Während Bismarck nur an Sicherung des Reiches und an Frieden in Europa dachte, verteilten England und Frankreich die Welt unter sich. Bismarck 1884/85 hielt die Zeit noch nicht für gekommen, auch Deutschland in die Reihe der Kolonialmächte zu stellen. Und doch, wurde er, fast gegen seinen Willen, der Begründer der deutschen Kolonien.

In Berlin steht im Frühjahr 1884 vor einer Versammlung ein kerniger, deutscher Mann, Dr. Karl Peters. In kühner, harter Rede fordert er deutsche Kolonien. „In Afrika ist Freiland, hier schweigt sogar noch England. Deutschland hat das Wort. Vorwärts! Und wenn keiner will, ich beginne!“ Er findet Freunde und Geld. Mit ihnen reist er ab ins Ungewisse.

Das Reich versagt ihm seinen Schutz, er hat gar nicht darum gebeten. Kühn stößt er von der ostaffikamschen Küste vor in das Innere. Die Häuptlinge schließen Verträge mit ihm, erkennen ihn als Herrn, als „vana macuba“, das ist „Großer Sultan“, an. England wird neidisch. Da wendet sich Karl Peters an Bismarck, der Deutsche an den Deutschen. Bald hat er den Schutzbrief in der Hand; 1885 ist Ostafrika deutsch.

Nun regen sich die Reichsfeinde, das Zentrum, der Freisinn, die Sozialdemokraten. „Ostafrika deutsch ? Unsinn! Wo es dort gesund ist, ist es unfruchtbar, und wo es fruchtbar ist, da ist es ungesund.“ So sagen die, die noch nie einen Neger gesehen haben. Aber Bismarck hält zu Peters. Der Marxist Bebel greift den Vorkämpfer deutscher Weltgeltung im Reichstag mit gefälschten Briefen an. Schließlich w ird Peters ungerecht verurteilt und entlassen. Bitter klagt er: „Ich habe euch ein Gebiet erobert, doppelt so groß wie das Deutsche Reich. Ihr nahmt es an. Ich aber empfange jetzt den Dank für meine Gabe!“

Auch andere Schutzgebiete erwarb Bismarck. 1884 landete Nachtigal in Kamerun und Togo, einen Tag vor den Engländern! Im gleichen Jahre kamen auch die Gebiete in Südwestafrika, die dem Bremer Kaufmann Lüderitz gehörten, zu Deutschland. Gebiete auf Neu-Guinea, in der ostindischen Inselwelt und in China (Kiautschou) folgten.

Innere Feinde des Reiches.

Ihr denkt, jeder Deutsche hätte Bismarck zugejubelt, der ein so starkes und mächtiges Reich schuf? Nein, die Parteien machten ihm schwere Sorgen! Er klagt: „Mein Schlaf ist keine Erholung. Ich träume weiter, was ich wachend denke, wenn ich überhaupt einschlafe! Neulich sah ich die Landkarte von Deutschland vor mir, darin ragte ein fauler Fleck nach dem andern auf und blätterte ab!“

Der schwarze Feind.

Nach dem Dreißigjährigen Kriege war zuerst der Wille zur Geistesfreiheit und zur religiösen Duldung immer stärker geworden. Diese guten Kräfte der sogenannten Aufklärungszeit hatten Ansehen und Macht der Kirche zurückgedrängt. Aber bald ging das Papsttum zum Gegenangriff über. Schon in den Wirren des Wiener Kongresses hatte es den Jesuitenorden als seine besondere Kampftruppe wieder aufleben lassen. Während des Deutsch-Französischen Krieges, als er gerade den Kirchenstaat an das junge Italien Verlor, holte der Papst zu einem ganz großen Schlage aus. Er verkündete, seine Meinung über Glauben und Sitte sei die einzig richtige, er sei unfehlbar und könne deshalb auch den Regierungen vorschreiben, welche Gesetze sie erlassen dürften. Manche katholischen Geistlichen in Deutschland erklärten: „Nur Gott ist unfehlbar, der Papst aber ist ein Mensch und kann sich irren.“ Der Papst forderte ihre Absetzung und verlangte den Kirchenstaat zurück. Als Bismarck seine Hand nicht dazu bot, begann ein schwerer Kampf. Die Anhänger des Papstes schlossen sich im Reich als Zentrumspartei zusammen und wiegelten das katholische Volk mit der Lüge auf: „Die Religion ist in Gefahr.“ In den Ostprovinzen spannten sie vor allem die Polen vor ihren Wagen und drohten der Reichsregierung offen mit Empörung und Aufstand. Da griff Bismarck zu.

„Die Nation steht höher als die Konfession, und hier auf der Erde hat der Staat den Vortritt vor der Kirche! Dieser Machtkampf, den der Papst schon im Mittelalter gegen die deutschen Kaiser geführt hat, wird jetzt fortgesetzt; wir sollen wieder gehorsam vor dem Papst zu Kreuze kriechen. Das tun wir nicht! Nach Kanossa gehen wir nicht!“

Die Geistlichen, die in den Kirchen gegen den Staat hetzten, kamen ins Gefängnis; der Jesuitenorden wurde verboten; die deutschen Schulen, die bis dahin unter der Aufsicht der Pfarrer standen, bekamen staatliche Schulinspektoren; die Ehen wurden vom staatlichen Standesbeamten geschlossen. Aber der Kampf wurde immer schlimmer, das Zentrum immer stärker. Zuletzt hob ein Angehöriger des Zentrums sogar den Revolver, um Bismarck zu ermorden. Das waren schwere Tage! Schließlich starb der machtgierige Papst. Mit dem Nachfolger schloß Bismarck Frieden. Aber das Zentrum blieb Deutschlands Feind. „Schmach und Schande, daß es in Deutschland Männer wie Bismarck gibt!“ sagte es, als Bismarck schon nicht mehr im Amte war.

Der rote Feind.

Wir wandern in der Bismarckzeit durch Berlin. Eine Millionenstadt ist entstanden, wo hundert Jahre vorher erst 150000 Menschen lebten. Hohe Fabrikschornsteine rauchen. Die Dampfmaschine hat ihren Siegeszug angetreten. Billig sind die Waren, die die Maschine mit ihrer Kraft herstellt, die Schuhe, die früher der Schuster machte, die Eisengeräte, die sonst der Schmied schmiedete. Der Tischler, der früher einen ganzen Schrank herstellte, schiebt jetzt nur Bretter unter die Maschine, tagaus, tagein, Jahr für Jahr. Was daraus weiter wird, weiß er nicht, das kümmert ihn auch, nicht. Da verliert er die Freude am Werk, die Arbeit wird entseelt. Andere stehen an der Maschine neben ihm. Früher haben sie den Pflug geführt, gesät und geerntet. Aber Hardenberg hatte befohlen, daß sie ein Drittel ihres Besitzes an den Grundherrn abtreten mußten, wenn sie frei werden wollten. Da reichte es nicht mehr zum Leben. Die Juden kamen ins Dorf, borgten und betrogen. Sie hotten dem Bauern die letzte Kuh aus dem Stalle und brachten den Hof unter den Hammer. Der Bauer aber ging ins Ausland oder in die Großstadtfabrik. So steht nun der arm gewordene Handwerker neben dem landflüchtigen Bauer in den hohen, schmutzigen und kahlen Fabrikräumen. Und immer die brennende Sorge, was wird morgen. Demi „Gründerzeit“ ist’s. Eine Fabrik nach der andern schießt aus der Erde und fabriziert mehr, als die Deutschen kaufen und verbrauchen können. Da fehlt der Absatz der Waren, die Fabrik verdient nichts mehr. Schließlich ist der Krach da, die Fabrik muß schließen, die Arbeiter fliegen auf die Straße. Not, Elend, Hunger halten Einzug in die furchtbaren Mietskasernen mit den dumpfen, schmutzigen Hinterhöfen. Und niemand ist da, der sich um die Armen kümmert. Die Verzweiflung schleicht ins Herz.

Die Arbeiter rotten sich zusammen. Auf der Rednertribüne steht einer von ihnen, der frühere Drechslermeister August Bebel. Er redet, wie er es von dem jüdischen Rabbinerenkel Marx gelernt hat: „Proletarier“, so redet er sie an, „ihr seid arm geworden, ihr habt kein Eigentum, ihr hungert. In den Palästen aber sitzen die Reichen, feiern Feste und leben üppig von der Arbeit eurer Hände. Ich weiß einen, der kann euch retten, Karl Marx heißt er. Hört, was der Marxismus euch verkündet: Arbeit ist eine Ware, die müßt ihr so teuer wie möglich verkaufen. Und wenn man euch keinen höheren Lohn geben will, müßt ihr den Ausbeuter, den Kapitalisten, durch Streik dazu swingen. Eigentum ist Diebstahl, ihr müßt es euch wiederholen. Die Fabriken, die Bergwerke, alle Rohstoffe und Maschinen müssen euch, den Arbeitern, gehören. Nieder mit der besitzenden Klasse! Klassenkampf!“ Betört stimmen ihm die Arbeiter zu. „Und so wie ihr in Deutschland aus-gebeutet werdet, so ist es in allen Ländern. Der Arbeiter hat kein Vaterland. Er braucht darum auch für kein Vaterland zu kämpfen. Die Arbeiter aller Länder gehören zusammen, ob Neger, Chinese oder Weißer. Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es lebe die Internationale!“ „Hoch die Internationale!“ rufen die Zuhörer. Und Bebel fährt fort: „Wir haben eine Partei gegründet, die Sozialdemokratische Partei, und Karl Marx hat ihr das Programm gegeben. Tretet alle in sie ein! Für den Klassenkampf! Für die Internationale!“ Da drängen sie sich um ihn. An der Tür sitzt ein grinsender Jude und streicht die Beiträge ein. Nun muß doch das Ziel Judas zu erreichen sein, so denkt er. Das deutsche Volk auseinandergerissen, Umsturz, Weltrevolution, Weltrepublik, und an der Spitze der Jude.

Sorgenvoll steht Bismarck vor dem furchtbaren Ernst der sozialen Frage. Er denkt auch daran, wie ein Jude auf ihn geschossen hat. Nun ist auch noch ein Mordanschlag auf den greisen Kaiser verübt worden, der schwer verwundet ist. Da greift Bismarck auch hier zu. Strenge „Sozialistengesetze“ verbieten die Sozialdemokratische Partei und ihre Zeitungen, die Hetzer kommen ins Gefängnis oder werden ausgewiesen. Aber Bismarck weiß auch von dem furchtbaren Elend und der Not der Arbeiter. Er will ihnen helfen. Als erster Staat der Welt schafft das Reich ein Krankenversicherungsgesetz, die Unfall-, Invaliden- und Altersversicherung. Die Sozialdemokraten im Reichstag stimmen gegen diese segensreichen Gesetze. Sie wollen keine Linderung der Not, sic brauchen das Elend der Masse, um an die Macht zu kommen.

Der goldene Feind.

Von Hause aus konnte Bismarck die Juden nicht leiden. Er sagte einmal, daß er sich einen Juden in einem obrigkeitlichen Amte als Vertreter des Königs nicht vorstellen könnte. Aber er kannte die Rassenlehre noch nicht, für ihn wie für fast alle Zeitgenossen war das Judentum nicht eine fremde Rasse, sondern nur eine andere Religion. Auch glaubte er später, in den Wirtschafts- und Geldfragen des Reiches die Juden nicht entbehren zu können. Sein eigenes Vermögen wurde von einem reichen jüdischen Bankherrn verwaltet. Als die große französische Kriegsentschädigung nach Deutschland kam, wußten die Juden den Geldstrom in ihre Kassen zu leiten und verwandelten den Segen in Fluch. Die Gründer der Reichsbank waren in der Mehrzahl Juden. So wurde die fremde Rasse am Herrn der deutschen Wirtschaft. Aber obwohl es ihnen gut ging, haben sie Bismarck doch aus tiefster Seele gehaßt. Darum jubelte bei seinem Sturz niemand mehr als die jüdischen Zeitungen und ihre freimaurerischen Nachläufer. Einen echten Germanen wird Juda immer hassen.

Der Lotse geht von Bord.

Im März 1888 starb der neunzigjährige Kaiser. Ganz Deutschland trauerte 1888 um den geliebten Herrscher. Kaiser Wilhelms I. Sohn und Nachfolger Friedrich III. lag schwer krank darnieder. Ein Vierteljahr später starb auch er.

Nun folgte der erst 29 Jahre alte Enkel Wilhelm II. Bald zeigten sich die schärfsten Gegensätze zw ischen Wilhelm II. und Bismarck. Der junge Kaiser vertrug es nicht, im Schatten des großen Kanzlers zu stehen. Seine Ratschläge waren ihm unbequem. Er wollte ganz neue Wege in der Politik gehen. Den Rückversicherungsvertrag mit Rußland lehnte er ab und wollte ihn nicht mehr erneuern. Auch das scharfe Vorgehen Bismarcks gegen die Sozialdemokraten mißbilligte der Kaiser.. Es kam zum offenen Bruch. Bismarck weigerte sich, die Anordnungen des jungen Kaisers durchzuführen, da sie „alle Erfolge in Frage“ stellten. Da forderte Wilhelm II. den Kanzler auf sein Abschiedsgesuch einzureichen. Am 20. März 1890 verließ der Steuermann das Staatsschiff; ein junger, unerfahrener und unbesonnener Kapitän blieb zurück. Dem scheidenden Bismarck bereitete die Bevölkerung Huldigungen, wie sie bisher keinem Fürsten entgegengebracht wurden. Sie hörten auch nicht auf als er sich als ..Einsamer in den Sachsenwald“ zurückzog. Sorgenvoll beobachtete Bismarck die Fahrt des steuerlos gewordenen Staatsschiffes. Voll Bitterkeit sah er, wie sein Lebenswerk gefährdet wurde. „Ach Deutschland. Deutschland! „waren seine letzten Worte im Sterben. Um ihn trauerte das ganze Volk, und seine Grabstätte im Sachsenwald wurde ein nationaler Wallfahrtsort für ganz Deutschland.

Das nationalsozialistische Reich und sein Führer Adolf Hitler haben Bismarck nicht vergessen. Als Adolf Hitler ein großes Kriegschilf auf den Namen „Bismarck“ taufte, sagte er in seiner Rede:

„Unter all den Männern, die es beanspruchen können, ebenfalls Wegbereiter des neuen Reiches gewesen zu sein, ragt einer in gewaltiger Einsamkeit heraus: Bismarck. Er hat durch seine innere Entwicklung vom preußischen Politiker zum deutschen Reichsschmied nicht nur das Reich geschaffen, sondern die Voraussetzungen gegeben für die Errichtung des heutigen Großdeutschlands…“

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.