„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese


Just am Geburtstage des Altreichskanzlers hat der Riesendampfer „Fürst Bismarck“ die Reise nach England angetreten. Vor 10 Jahren wurde das mächtige Schiff, mit seinen 56,000 Tonnen das grösste der Welt, auf der Werft von Blohm & Voss auf Kiel gelegt und sollte mit dem „Imperator“ und dem „Vaterland“ das dritte und stolzeste der Imperatorklasse im Dienste der Hamburg-Amerika-Linie bilden. Es ist anders gekommen…. nicht „Bismarck“ wird der Dampfer heissen, sondern „Majestic“, immerhin ein Name, aus dem eine Anerkennung der deutschen Schiffsbaukunst klingt. Als deren Wunderwerk aber wird er dennoch in New York bestaunt werden, auch wenn ihn nicht die Hamburg-Amerika – Linie, sondern die White Star Line nach dort entsendet, die den der Auslieferung verfallenen Dampfer von der englischen Admiralität erwarb. Sie liess den noch unvollendeten Dampfer auf Oelfeuerung umbauen und dieser Umbau allein hat in Papiermark mehr Millionen gekostet, als die gesamten Baukosten der „Bismarck“ in Goldmark der Vorkriegszeit betrugen.

Ein Augenzeuge schreibt über den Abschied des Dampfers von Hamburg: Die „Bismarck“—nach seemännisch-englischem Sprachgebrauch sagt man wirklich schöner so. Mit zu viel Zärtlichkeit umfängt der Blick des Waterkant-Menschen ein geliebtes Schiff, als dass er das weibliche Geschlecht ihm vorenthalteu möchte. Selbst wenn es der grösste Dampfer der Welt ist und — heute noch — „Bismarck“ (morgen „Majestic“) heisst. Wer die „Bismarck“ gesehen, wie sie von uns ging, elbabwarts, England entgegen, dem wir sie hinschenken müssen, wen die Anmut durchschauert hat, die den Körper selbst dieser Riesin umschwebt, wenn sie leise nach einer Seite sich neigt, der fühlte: nur ein Weib kann mit so schönem Stolz einen Opfergang antreten.

Grauer, kalter Nordosttag. Allein die Schwingen tausender, abgehackt schreiender Möven werfen weissere Töne in den Dunst über Elbe und Hafen. Nebelhörner, Sirenen brüllen wild wie gefangene, getretenen Tiere. Von den St. Pauli-Landungsbrücken an, durch Altonas Fischgeruch hindurch, bis nach Blankenese und weiter, schwarze Menschenmauern das ganze nördliche Elbufer entlang. Gehaste, Gejage. Wo eine Barkasse an den schaukelnden Pontons anlegt, springen sofort viel zu viel hinein, um dem Schauspiel näher zu kommen. Alles späht nach dem jenseitigen Ufer, nach Steinwärder hinüber, in den Kuhwärderhafen hinein.

Und dort, im Bereich der Werft von Blohm & Voss, hinter den turmhohen, strassenlangen Eisengerüsten der Laufkrane, muss sie liegen; über das schwarzeiserne Stangengewirr ragen rotgelb drei riesige Schlote heraus (Schnellzugs-Lokomotiven könnten hindurchfahren!). Zweie rauchen leicht, doch nichts sonst rührt sich. Mit heissem Kopf und kalten Füssen wartet, wartet man. Aber plötzlich weiss man’s, ohne es sehen zu können, und ein Schrei fliegt von Mund zu Mund: sie bewegt sich, bewegt sich unmerklich, wie die Sonne am Horizont; ganz, ganz wenig verschiebt sich in Minuten der Umriss der Schlote zu den Linien der Eisengerüste. Und nun macht etwas unsagbar Tiefes, Wogen und Boden und Herzen beben, als würden im Bauch der Erde von Titanen Tuben und Posaunen geblasen; das Nebelhorn der „Bismarck“ tönt trauerdurchdröhnten Abschied. Vier Schlepper tauchen im Vorhafen auf und ziehen, zerren keuchend, qualmend das Riesenschiff hinten am Heck aus dem Hafen heraus, dicht am Schwimmdock vorüber, das fast erdrückt wird. Es sieht aus, als zögen vier Fliegen an einem mächtigen Laib Brot. Fast ziehen sie vergebens. Quer vor die Hafenöffnung legt sich das schöne Ungeheuer, der Nordost treibt die Flut hinaus statt hinein — es sitzt fest. Stunde über Stunde, Zeit genug, sein Bild sich einzuprägen; müssen die Füsse zu Eis erstarren dabei. Noch liegt es zu fern, als dass man glauben könnte, was man doch weiss: 291 Meter lang, 30 Meter breit und vom Kiel bis zur Schornsteinkante 60 Meter hoch,  der Dampfer mit seinen 56,500 Rrutto-Registertonnen.

Die Kosten der Oelfeuerung für seine Maschinen: vier Millionen Papiermark täglich! Seine Besatzung tausend Mann. Und viertausend Passagiere können wohnen in dieser Stadt auf dem Meere. Und alles bis zur kostbaren, künstlerischen Inneneinrichtung das Werk deutschen Geistes, deutscher Hände.

In siebenter Abendstunde ist es den Schleppern an Heck und Bug doch noch gelungen, die Riesin freizubekommen; langsam dreht sich der Bug uns zu, und jetzt — wir werfen den Kopf in den Nacken — schwimmt ein Gebirge auf uns los. Vor seiner steilen Herrlichkeit schneidet uns erst der volle Schmerz bis ins Herz: dieses Wunderwerk hingeben zu müssen. Wie Echo des Schmerzes der Zehntausende am Ufer dröhnt wieder markerschütternd der urtiefe Trauerton des Nebelhorns. Wütend werfen die Schlote ganze Wolkengebilde in den Abend. Und die schwarzen Menschenmauern sind ein einziges weisses Tücherwinken geworden. Vom Schiff winkt es zurück; noch ist ja teilweise deutsche Bemannung darauf. Die Winzigkeit der Leute lässt erst seine ganze Grösse ermessen; sie stehen und klettern hoch auf dem weissen Deck und der Brücke wie Bergsteiger in fernen Höhen ewigen Schnees.

Leise nach Backbord geneigt, zieht die „Bismarck“ – ihr Name leuchtet im letzten Dämmer vorüber. Und wie jetzt rings um ihren stolzen, mächtigen und doch anmutigen Leib Perlenschnüre von Lichtern aufflammen, noch durch den Nebeldunst flimmernd, als ihre Umrisse schon verschwimmen, da ist uns, als versänke eine schönere Zeit für immer in die Nacht. Aber wir denken der kohlenstaubschwarzen Arbeitermassen, die vorhin aus den Fährdampfern von den Werften strömten, die einen kurzen Blick wohl auch auf die „Bismarck“ warfen, einen Blick aber, in dem hart geschrieben stand: Trotzdem! Morgen wird weitergearbeitet!

Wir an der Wasserkante sind im Verlaufe der letzten harten Jahre das Abschiednehmen gewohnt geworden. Stück um Stück unserer stolzen Handelsflotte haben wir scheiden und in die Hände der „Sieger“ übergehen sehen, die vielfach gar keine Verwendung für das Uebermass der Tonnage hatten, die ihnen die Unersättlichkeit der politischen Führer fast gegen ihren Willen aufdrängte und damit eine katastrophale Geschäftslage auf dem Weltschiffahrtsmarkt herbeiführten. Aber die Gewohnheit stumpft ab, und immer weniger Aufhebens wurde von der Ablieferung deutscher Schiffe an unsere Feinde gemacht. Aber ab und zu, wenn ein besonders bekanntes Schiff den Weg gen England ging, von dem es nicht wieder zurückkehrte, kam doch der Groll hoch über so viel Unvernunft und Vernichtungswillen.

Tausende deutscher Arbeiter haben jahrelang an dem Riesenbau der „Bismarck“ gearbeitet, um die kunstvollen Pläne deutscher Ingenieure und Schiffsbautechniker in die Wirklichkeit umzusetzen. Unsummen sind ausgegeben worden, um den Ozeanriesen mit allem auszustatten, was zur Bequemlichkeit der Reisenden und zur Sicherung von Gut und Leben dienen kann — und alles für andere, die sich jetzt nicht genug tun können, der Welt zu verkünden, dass das grösste und schönste Schiff, das je erbaut wurde, ihr eigen ist und unter ihrer Flagge den Ozean durcheilen wird.

Ein, wenn auch schwacher Trost: wenn auch unter englischer Flagge und unter dem Namen „Majestic“ der Dampfer „Bismarck“ ist ein rein deutsches Werk.

Anlässlich der bevorstehenden Ablieferung des Dampfers hatte die Erbauerin des Schiffes, die Werft von Blohm & Voss, die Vertreter der Presse zu einer Besichtigung des Schiffes eingeladen.

Sofort beim Betreten des Ozeanriesen verliert man vollständig den Eindruck, dass man sich an Bord eines Schiffes befindet, so riesenhaft sind die Abmessungen der Maschinenanlagen, Salons, Treppen und Gänge. Alles gemahnt vielmehr an ein gewaltig grosses Gebäude, zu dessen Studium man Stunden und aber Stunden gebrauchen würde.

Ein Rundgang durch das Schiff überzeugt den Besucher davon, dass es mit derselben Eleganz und über haupt in demselben Stil ausgestattet ist wie seine Schwesterschiffe „Imperator“ und „Vaterland“, von denen es sich nur durch seinen um etwa 6800 Tonnen grösseren Tonnengehalt unterscheidet. Sonst ist wie auf diesen alles vertreten, was dem Luxusbedürfnis Rechnung trägt. Herrlich dekorierte, lichtdurchflutete Gesellschaftsräume, fürstlich eingerichtete Luxuszimmer, Treppenaufgänge, wie sie das schönste und grösste Hotel nicht aufweist, mit kunstvoll geschnitzter Täfelung, Wandgemälden erster Künstler, bronzene Verzierungen und schmiedeeiserne Gitter, ein Schwimmbad mit allem Zubehör, saftig grüne Palmen und seidenglänzende Stoffe erfreuen das Auge, wohin es blickt. Dass auch die Sicherheitseinrichtungen auf das sorgfältigste ausgebaut sind, versteht sich von selbst. Man wird sich vielleicht wundern, dass man auf ein Schiff, das an die ehemaligen Feinde abgeliefert wird, so viel Aufwand verwendet hat. Das erklärt sich daraus, dass der Dampfer „Bismarck“ zu den Schiffen gehört, die laut Vertrag so abgeliefert werden müssen, wie sie ursprünglich von ihren Erbauern geplant waren.

Jedes Stück der Inneneinrichtung stammt aus deutschen Werkstätten, wobei auch das Kunstgewerbe Süddeutschlands nicht zu kurz gekommen ist.

Der Dampfer „Bismarck“ wurde im April 1913 — so lange hat wohl selten ein Schiff seiner eigentlichen Bestimmung entgegengeharrt — auf Stapel gelegt und wurde am 20. Juni 1914 in Anwesenheit des Kaisers seinem Element übergehen. Bei einer Länge von 291 Metern hat der Dampfer eine Breite von 30,5 Metern und eine Tiefe von 19,2 Metern. Er besitzt fünf durchlaufende Stahldecks, darüber im Vorderschiff zwei Teildecks, im Hinterschiff ein geteiltes Raumdeck und im Mittelschiff vier Brückendecks, so dass sich hier insgesamt neun Decks übereinander türmen. Die Spitzen der Masten ragen 76 Meter über den Kiel hinaus, die Kommandobrücke liegt 40 Meter, und die oberen Kanten der 7×9 Meter messenden Schornsteine 56 Meter über dem Kiel.

Rund 4000 Passagiere, also die gesamte Einwohnerzahl einer kleinen Stadt, können in der ersten, zweiten und dritten Klasse untergebracht werden. Die Mannschaft besteht aus rund 1000 Köpfen. Die für reine Oelfeuerung eingerichtete Maschine besteht aus einer Hochdruck-, einer Mitteldruck-und zwei Niederdruckturbinen, die in Seilen geschaltet oder einzeln betrieben werden können. Die Gesamtleistung soll 61,000 effektive Pferdekräfte betragen und dem Schiff eine Geschwindigkeit von 22 bis 23 Seemeilen in der Stunde verleihen.

Die Londoner Blätter melden, dass die „Majestic“ für ihre erste New York-Reise fast voll belegt sei, und teilen, da sie keine englische Werft als Erbauerin des Dampfers rühmen können, wenigstens mit einem gewissen Stolz mit, welche Mengen an Verpflegung für 5100 Personen (einschliesslich Besatzung) das Schiff an Bord führen wird. Diese sind allerdings ungeheuer: 75 Tonnen Fleisch, 10 Tonnen Speck, 28 Tonnen Fische und 28 Tonnen Geflügel, 6000 Stück Wildvögel, 34 Tonnen Mehl, 30 Tonnen Kartoffeln, 8 Tonnen Zucker, 3 Tonnen Butter, 3 Tonnen Kaffee und Tee, 80,000 Eier und gewaltige Mengen an Weinen und Likören. Nicht zu vergessen 2240 Pfund (englische Gewichtspfund) Tabak und 250,000 Zigaretten für die Bedürfnisse der Raucher. Ob die Teilehmer der Fahrt bei diesen Genüssen wohl auch an die Herkunft des Dampfers denken werden?

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt
Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck