DEM Künstler und dem Kunstfreunde ist es eine tröstliche, manchem berufsmässigen Kritiker und Kunstförderer eine unbequeme Thatsache, dass die Entwicklung der Künste ohne Rücksicht auf offizielle Urteile, Verurteilungen und Vorurteile ihren naturnotwendigen Gang vollendet. Die Kunst, als ein freies, in seinen Ausdrucksformen mannigfaltiges, an vollberechtigten Einzelwesen überreiches Element, lässt sich schlechterdings nicht meistern. Während in der Presse die mehr oder minder gebildeten und denkfähigen Schriftsteller bald diese, bald jene Kunstrichtung bekämpfen oder unterstützen, während die Vorstände von Sammlungen und andere Gewaltige ihre diplomatische Strategie treiben, um die keimfähigen Gedanken kühner Minoritäten aus dem Chaos der nach Geltung ringenden Kunstanschauungen herauszuheben und die flachen Geschmacksmajoritäten sachte ad absurdum zu führen (oder auch umgekehrt) — während also diese Geschäftigen sich mühen, ergicbt sich die endgiltige Entscheidung über Echt und Unecht in der Kunst am Ende doch nur aus der Summe unzähliger naiver Laienurteile, und trotz allen Geredes triumphieren schliesslich nur die im wahrsten Sinne selbständigen und charaktervollen Künstler, nämlich solche, denen es gelingt, sich zu wirklichen Thaten zu erziehen und die gütigen Zeugnisse ihres Schaffens an die Oeffentlichkeit zu bringen. Was wir im Eifern des Parteigeschmackes für unmöglich hielten, sehen wir dann vor uns: die verschiedensten Auffassungen der Natur und der Kunst stehen friedlich und harmonisch bei einander. Eine jede von ihnen giebt uns den Teil des Wahrheit, den sie erschaute: die ganze Wahrheit der Schöpfung von innen heraus zu begreifen und auszusprechen, ist Menschen überhaupt nicht verliehen.

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Adolph Menzel Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst

VERSTÄNDE man unter urdeutscher Kunst ein Geistesprodukt, das von dem Duft deutscher Wälder durchzogen wäre, eins, in welchem die Waldvögel singen, die Veilchen duften und deutsche Minne kost, in dem altgermanische Erinnerungen spuken und zugleich schmucke Ritterlichkeit und jungfräuliche Unschuld sich spiegeln: eine Kunst, deren Märchengemüt uns lockend zuflüstern kann, — dann würde es schwer fallen, sich einen weniger urdeutschen Künstler als Adolf Menzel vorzustellen. Singen, duften, minniglich kosen, spuken, locken oder betören, dessen war in der Tat die Muse von Menzel niemals fähig und wenn man in seiner Kunst eigentlich, selbst figürlich gesprochen, von solcher beseelenden Dame sprechen kann, so ist es sicher eine, die dem Gemüt kein unnützes Tränchen nachweint.

So „drög“ wirklich manchmal wie Hafergrütze, so schwer beinah wie Wurst und nicht selten nahezu so nüchtern wie ein Hausstandsbuch ist viel von der Arbeit seiner geschickten Hände und doch muss dieser zähe Pütjerer als ein ausserordentlicher Künstler und in gewissem Sinne als ein typisch deutscher Künstler betrachtet werden. Ich gebe zu, dass das Adjektiv „deutsch“ vielleicht zu breit und zu unbestimmt für einen Mann mit so scharf umgrenztem Geist klingt und obschon ich offen bekenne, dass ich in der Genealogie der germanischen Volksstämme schlecht bewandert bin, würde ich es dann noch eher wagen, Menzel als einen echten Preussen zu charakterisieren. Aber nicht als einen Preussen nach 70: einen preussischen Leutnant mit frisiertem Schnurrbart und Korsett — nein, als einen altmodischen, rechtschaffenen Preussen, der ein vortrefflicher Beamter, ein vielleicht noch vortrefflicherer Geschichtsforscher oder Naturwissenschaftler und jedenfalls am allerwenigsten ein Parvenü ist.

Menzel veranschaulicht uns den Typus eines scharfdenkenden, hartnäckigen Spiessbürgers, mit beschränktem Horizont vielleicht, aber gross in hart durchgeführter Ehrlichkeit. Niemandem ist fester zu vertrauen, keiner ist schwerer abzulenken als er. Durch kein Missgeschick und keinen Ruhm, durch keine Schwierigkeiten und keine Verführung hat er sich einen Finger breit von seinem Weg abbringen lassen. Das Komplizierteste und scheinbar Unausführbarste packt er ganz kalt in Gemütsruhe an. Obgleich man behauptet, dass der alte Herr in jungen Jahren schwere gesundheitliche Krisen durchgemacht hat, kennt man keine Nerven an ihm. Noch in seinem hohen Alter mit einem staunenerweckenden Oeuvre hinter sich, von Lob und Ehrenbezeugungen belästigt wie kein andrer, sprach er überzeugt von der Mission, welche er an der deutschen Kunst noch zu erfüllen hat, beklagte die Zeit, die er durch Getrödel verloren und arbeitete inzwischen von morgens bis abends, an Wochen- und Feiertagen, an der Vollendung seiner Aufgabe mit einer Beharrlichkeit, die an das Feuer der Jugend erinnert.

Wer den fast säuerlich ernst aussehenden Greis betrachtet, erstaunt sich über die Erscheinung eines so wunderlichen Kobolds, der bei so seltsam untersetzter Gestalt doch imponiert und trotz einer gewissen Komik in seinen Bewegungen doch so ehrfurchtgebietend auftritt.

Es liegt etwas Unzerstörbares in diesem kleinen Menschen mit der heftig gewölbten Stirn, mit dem störrigen Schiffersbart, den borstigen Augenbrauen über den geheimnisvoll kühlen Adleraugen, deren scharfsinniges Forschen von einem kritischen Hochziehen der schnüffelnden Nasenlöcher und einem prüfenden Schmecken des trocknen hechtartigen Mundes begleitet wird.

Er ist gütig aber auch fürchterlich, dieser kleine Mann. Er ist bürgerlich wenn man es so will, aber er ist trotz alledem ein rauhes Genie, — er ist sinnend, aber er ist niemals zerstreut, dieser Zäheste unter den Zähen.

Seine grauen Augen gucken durch die grossen Brillengläser hin jeden mit chirurgischer Schärfe an, sie beobachten von allen Seiten zugleich, schauen bis ins Innerste, sehen durch den Menschen hin, und ungemildert, unbewegt auch, stapelt er das Gesehene im enormen Lager von dem bronzenen Gehirns auf, dass dem Träger wohl allzuschwer geworden wäre, wenn nicht zwei nie rastende Hände in seinem Dienste ständen, welche mehr technisches Können im fortwährenden Gleichgewicht hielten, als wie seit Dürer je wieder in Deutschland erobert wurde.

Menzels Erscheinung hat was seltsam Fesselndes. Wie bei den meisten Zwergen steckt seine Kleinheit vor allem in dem fast gänzlichen Mangel an Bauch und Schenkeln, seine Beine sind kräftig, seine Schultern eher breit und bei den possierlichen Verhältnissen scheint der Schädel um so schwerer und das Durchdringende seines Blickes um so mächtiger.

Wenn der rüstige alte Herr in seiner grossen unheimlichen Werkstatt auf und nieder stapft und ein bestürztes Modell oder einen durch die Schranken seiner Unzugänglichkeit hindurchgebrochenen Besucher anschnauzt, ist etwas so Stolzes, Imponierendes in seinem Gang, als inspizierte er eine grosse Parade und aus den Gebärden seiner kleinen Hände spricht eine Entschiedenheit, als ob er gewöhnt wäre, über Scharen zu befehlen.

Als ich mich genauer in den Ecken des einsam über die Wohnungen der Menschen hinaussehenden Ateliers umblickte, wo jahrelanger Staub den sonderbaren Gegenständen an den Wänden durch gräulichen Russ einen grimmigen Anstrich gegeben hatte, war es mir, als ob ich die Geister in den grauen Ecken scharren hörte und es wurde mir in meiner Verlegenheit zu Mute, als hätte ich mich bei einem Zwergen-könig verirrt, der von einem Gnomenheer Gehorsam verlangen konnte.

Seine Vertieftheit gleicht dem stillen Ernst jener Untertanen, sein Witz ist wie ihr knirschendes Spott lachen. Seine Fingerfertigkeit erinnert an ihre Alchimisterei. Ganz erfüllt von seiner Kunst steht er dem Herzensleben der Menschen fast feindlich gegenüber. Seine Augen sind scharf geschliffene Optikerspiegel, seine Hände bilden den vollkommensten Zeichenapparat — eben so wie Lionardo zeichnet er mit der linken Hand genauso gern wie mit der rechten, mit der rechten ebenso sicher wie mit der linken. Um sein Ziel zu erreichen, setzt er alle Hebel in Bewegung, keine Träumerei leitet ihn ab, er zeichnet um zu zeichnen, nicht aus Liebe zu dem, was er zeichnet. Die Welt fasst er wie eine Vorratskammer von Motiven auf, die Natur und die Menschen beobachtet er mit der Mitleidslosigkeit des Forschers. Man hält ihn für fähig, das Leben so sehr bis ins äusserste zu zergliedern, dass er zur Not seine Beute tödlich verletzen könnte, käme dies nur dem Leben seiner Kunst zugute. Darin ist er immer auch von der Rasse jenes Fjalar und jenes Galar, die den verjüngenden Göttertrank zu brauen wussten, wenn sie dazu auch das Blut des weisen Kwasir brauchten.

Man verlangt vielleicht eine voller atmende Kunst, Schöpfungen, die erhebender, erfrischender, heroischer sein sollen als die, welche wir von Menzel haben. Nur dies werfe ich dagegen ein, dass die Ritter des Idealismus, wenn sie auch nach einem unwiderleglich höheren Ziel streben, es nur zu oft auf Ikarusweise zu erreichen versuchen. Und wenn man es mir zugute halten will, dass ich dabei bleibe, unsern preussischen Positivisten gerade mit mythologischen Gleichnissen etwas zu charakterisieren, so möchte ich bemerken, dass auch die Äsen der Macht der Erdgeister Rechnung trugen und dass der Lybische Riese Antaeus nur aus der Berührung mit der Erde jedesmal die Kraft schöpfte, um Herkules zu widerstehen.

Wenn ein jüngeres Geschlecht von Deutschen einer Kunst nachzustreben verlangt, die sonniger, stolzer und vielleicht poetischer ist, als die, mit welcher der kleine solide Mann ihnen voran ging, wenn sie einen heldenhafteren Kampf mit einem Ideal zu streiten begehren, als es die Geduld und die Ehrwürdigkeit Menzels taten, dann möchte ich sie darauf hinweisen, was die Weisheit der Väter ihnen in ihrer Schätzung des Gnomengeschlechts zur Lehre hinterlassen. Ihnen, hiess es immer, sind die lebenskräftigen Kenntnisse und fabelhaften Kunstgriffe vertraut, die uns verborgen bleiben. Sie verstehen Mischungen zu brauen, Risse zu löten und Waffen zu schmieden, von denen weder Götter noch Menschen eine Ahnung haben und diejenigen erringen den grössten Sieg, die die Waffen aus ihren Händen beziehen.

Lacht nicht über die dickköpfigen alten Graubärte mit ihrer falben Gesichtsfarbe. Die Macht der Gnomen zu verkennen, kommt einem teuer zu stehen. Haltet die scharfsinnigen emsigen kleinen Weisen in Ehren; ihre Kunstweise wie ihre Geschicklichkeit machen sie zu vortrefflichen Lehrmeistern für junge Heldensöhne geeignet.

Ich würde an meinem Ziel vorbeigeschossen sein, hätte ich hier zu einer Auffassung Anlass gegeben, als sollte man in Menzel nur einen Weisen, einen Meister, ein Vorbild sehen, dessen tatsächliche Produktionen nur einen massigen Genuss zu bereiten vermögen. Die Sache ist die, dass es ungewöhnlich viele Schwierigkeiten bietet, Menzels Arbeit etwas ausführlich richtig zu charakterisieren. Die Gefahr liegt vor allem darin, dass man das abstrahieren will, was doch nur konkret aufgefasst werden kann. Doch selbst dann: eine Beschreibung seiner Arbeit — ich bitte Sie, wo würde der Anfang, wo das Ende von solch einer Riesenaufgabe sein!

Von Vaters Haus aus Lithograph, ist der jetzt Achtundachtzigjährige, der schon sehr früh auf eigenen Füssen stand, weiter in allen Sachen seinen eigenen Weg gegangen. Schon bald zeigte Menzel das Temperament eines scharf gespitzten Untersuchers par excellence. Die christliche Romantik, welche in seiner Jugend Deutschlands beste Geister beherrschte, konnte den realistisch Veranlagten wenig beeinflussen. Wohin seine Neigungen ihn führen sollten, wusste der Pfadfinder selber so früh nicht anzugeben, dass er aber vor Bergen andauernder Arbeit nicht zurückscheuen würde, das stand ihm bald ganz fest. Es ist unbegreiflich, wie Menzel von Anfang an gründlich gearbeitet haben muss, um etwas so Ureigenes zustande bringen zu können. Es liegt etwas von einem deutschen Balzac mit dem Bleistift in diesem hundertäugigen Künstler, der alles, was er sehen und sich denken konnte, so fleischlich und doch so vernünftig auf das Papier brachte.

Welch ein glückliches Zusammentreffen der verschiedensten Eigenschaften in diesem Maler!

Wie derb, fast ungeschlacht verarbeitet er sein Modell oft bei einer ganz unleugbaren Zierlichkeit. Welch komplizierte Mischung von Treuherzigkeit und brüsker Bravour, von nicht selten etwas schulmeisterhafter Betonung und gleich wieder frischester Geschmeidigkeit. Sein unermüdliches Beobachten ist nicht im mindesten nervös, vielmehr könnte man es wegen des innerlichen Gleichgewichts mehr oder weniger klassisch nennen. Er steht allen Dingen unverzagt gegenüber, stellt sich die grössten Schwierigkeiten, die er mit ruhiger Sicherheit überwindet, regiert auf dem Felde seiner Zeichnung als unbeschränkter Herrscher. Vielleicht ist hier alles — und das wollte ich eben mit dem Schulmeisterhaften sagen — ein wenig zu sehr gezeichnet, zu tüchtig. Man könnte meinen, dass bei einer solchen Durcharbeitung einige Unklarheiten entstehen müssen, und dass bei solcher Fülle von Akzenten schliesslich kein Grundton mehr zu spüren sei. Aber, und dies ist der Unterschied mit Affektations-Arbeit: jeder Akzent ist hier echt, ist aufrichtig, — wenn die Zeichnung auch strotzend voll ist, so strotzt sie doch von gesunder Beobachtung, strotzt von Leben, strotzt von markiger Kraft. Nichts ist daran auszusetzen, nur möchte ich durchfühlen lassen, dass alles bei Menzel etwas zu gut an und für sich ist. Er mag in dem abwechselnden Anpacken und Hinstellen der Menschen und Dinge seinem gemütlichen Vorgänger weit überlegen sein, als eigentlicher Kompositeur bringt er es nur wenig weiter als Chodo-wiecki. Der unübertroffene Meister in Schwarz und Weiss, Charles Keene, der Menzel bewunderte, könnte ihm in der Hinsicht zum Vorbild hingestellt werden. Stückweise, nur in Details, aber in diesen auch bestimmt, ist er — denn die Durchführung des Detail ist bei ihm ungewöhnlicher als die Geschicklichkeit in der Mise-en-scene — ein würdiger Nachkomme Holbeins und Vertreter des besten deutschen Geistes. Ihm mehr als irgend einem andern ist die Öde des modernen Chics völlig fremd geblieben.

Ein Stuhlknopf, ein Soldatenrock, ein Perrückenschwanz, ein Reiter in Wendung und Verkürzung, der Grimm, der aus einem Augenwinkel lauern kann, eine Hand, die einen Fächer hält, ein Schmied, der mit gespanntem Arm am Wetzstein sein Messer schleift, ein Kerl, der sich schnell den Rock anzieht, ein Zeitungsleser, ein Raucher, ein Schläfer, ein Kakadu, eine Katze, ein Elefant, ein Tiger, ein Kürassier, der sich den Handschuh überstreift, eine Mummenschanz, eine Statuengalerie, ein Harnisch, ein Husar, der aus dem Sattel springt, ein Manöver, ein Ballsouper, ein Gefecht oder ein Schlachtfeld, in allem und jedem versteht er den krassen Ausdruck festzuhalten. Sogar dem Unanziehenden gewinnt er eine freundliche Seite ab, aus dem scheinbar Dürren schafft er das Heroische. Oder ist es nicht zu bewundern, wie Menzel aus dem hölzernen klotzigen König Friedrich eine heldenhafte Figur geschaffen hat, wie er dessen altväterliche Paladine als Typen von Lebenskraft wiederbelebte, — ist es nicht einzig wie er eine ganze Rokoko-Zeit neugestaltete, die sogar einen muskelvollen Charakter hat. Diese Kraft Leben einzublasen, befähigt ihn mit unerhörter Beharrlichkeit auf das streng Dokumentelle einzugehen, und lässt ihm dennoch bei aller Durchwühltheit die Frische eines Croquis. Ein bezwungener Ungestüm hat seine Arbeit beherrscht, und selten hat eine Beobachtungsgabe mehr als die seinige das Schneidende des Sarkasmus mit einer so unverdächtigen Bonhommie verknüpft. Wollte man es trotzdem dem genialen Zeichner zum Vorwurf machen, dass er bei dem scharfen Spüren nach dem Prägnanten, als auch bei dem gütigen sich Vertiefen ins Unansehnliche, doch die Grösse der still vor sich hin atmenden Menschen und Dinge nicht empfunden hat, so liefe man meiner Ansicht nach Gefahr, sich ein Schaf mit fünf Pfoten zu wünschen; denn es ist doch ganz unberechtigt, von dem Lustspieldichter tragische Kraft, vom Geschichtschreiber den Rhythmus der Lyrik zu verlangen.

Ich bin zu meiner Freude mit einem deutschen Künstler befreundet, der mit einer grossen Frische im produktiven Können eine seltene Einsicht in die Arbeit vieler andrer Maler vereinigt. Jahraus, jahrein haben wir immer wieder über Menzel das Blaue vom Himmel geredet und oft ergab es sich, dass wir seine Kraft selbst nicht annähernd definieren konnten, ohne uns genau Rechenschaft zu geben, wo sie an seine Fehler grenzt. Etwas kommt hier noch dazu: Der grosse Ruhm von Menzel ist durch unklare Verhältnisse allmählich masslos auf die Spitze getrieben. Die zur Reichsresidenz erhobene Hauptstadt Preussens hat das Bedürfnis verspürt, einen Kaiser auch der Malerei zu proklamieren; die familienstolzen Hohenzollern wollten den plastischen Geschichtsschreiber des grossen Fritz und seiner Heldentaten auffällig ehren und des seltsamen Mannes hohes Alter lässt das Interesse an seiner bedeutenden Persönlichkeit noch fortwährend zunehmen. Dies alles weckt bei vorsichtigen Leuten — nichts stimmt so sehr zur Kritik als das Beobachten einer kunstmässigen Überschätzung — die Lust, auch die schwachen Seiten eines grossen Künstlers ans Licht zu kehren. Mein deutscher Freund befindet sich in einer Lage, die ihm in jeder Hinsicht zu solcher Kritik an Menzel Veranlassung genug gibt. Seine Bemerkungen bleiben nicht immer ganz respektvoll und manches Mal werden sie selbst unartig. Doch merkwürdigerweise war dies nur der Fall, wenn wir von weitem über Menzels Bedeutung theorisierten, nicht wenn wir mit den Blättern in der Hand uns mit seinen Produktionen familiär fühlten. Der Maler, den ich meine, hat bei seinen andern grossen Verdiensten nämlich auch dieses, dass er ein äusserst geschmackvoller Sammler ist. Und jedesmal, wenn ich ihn in seinem Hause besuchte, war es nicht der Menzel-Nörgler, sondern der Menzel-Enthusiast, der mich — die schönsten Sachen von Menzel kenne ich aus diesem künstlerischen Hause — vor ein neu erworbenes Werk des Meisters führte. Dies scheint mir bezeichnend. Man kann über diese Figur in ihrem Verhältnis zur Kunst im allgemeinen denken was man will, aber auch die nicht bereitwillig Gläubigen können eine grosse Anzahl von seinen Zeichnungen selbst nur hochachten und oft nur lieben. Nicht dadurch, dass man an ihn denkt, sondern dadurch dass man seine besten Produktionen besieht, bewundert man ihn am meisten. Ich weiss nicht, ob er mit all seinen Versuchen, all seinen Grübeleien, all seinem Forschen und all seinem Können der Kunst dieser Zeit viel neues gebracht hat, ich weiss nicht, ob man seine Stellung immer für so wichtig und bedeutungsvoll halten wird, wie sie uns jetzt erscheint. Aber sein grosser Wert liegt auch weniger in seinen Konzeptionen selbst, als in der krassen Art, wie er sie zu verfleischlichen wusste. Ich kenne Künstler von höheren Idealen, aber wenige, die ihr Wort so treu gehalten haben. Und deshalb: wo die Geschichte ihn auch hinstellen wird, ausser Frage scheint es mir, dass ausgewählte Werke Menzels, solange Zeichnen Zeichnen, Redlichkeit Redlichkeit und Kraft Kraft bleibt, nur mit entschiedener Bewunderung betrachtet werden können. Mit einem so ehrwürdigen Gepäck wie dem seinen richtet man sichern Kurs nach der Unsterblichkeit.

Text aus dem Buch: Streifzüge eines holländischen Malers in Deutschland, Author Veth, Jan.

Adolph Menzel Streifzüge eines holländischen Malers in Deutschland

Abbildungen Adolph Menzel