1. und 2. Adriaen Brouwer / Bauerntanz / Studien aus der Kneipe

Die beiden Zeichnungen sind Ausschnitte aus grösseren Blättern, die mit einer Anzahl Einzelstudien gefüllt sind. Wahrend sich das malerische Werk des genialen, früh verstorbenen Meisters auf etwa 100 Gemälde beläuft, sind nur ganz wenige Skizzen erhalten. Die Blätter, die mit diesen zusammengehören, befinden sich in Berlin, Dresden und im Besitz von Dr. Hofstede de Groot im Haag, und müssen bei annähernder Grösse einem Skizzenbuch entnommen sein. Dazu kommt eine grössere, zweite Folge von etwa zwölf Blättern (im Britischen Museum, im Besitz Dr. Hofstede deGroots, in der Sammlung von Beckerath zu Berlin), die gleichfalls unter sich das gleiche Format haben, aber nicht wie jene mit der Feder, sondern mit dem Pinsel in einer Farbe (rot oder blaugrün) ausgeführt sind und statt der Einzel-studien zusammenhängende Kompositionen zeigen. Diese zweite Folge wird, obgleich sie Meisterwerke der Zeichenkunst enthält, nicht allgemein Brouwer zugeschrieben. Das eine oder andere Skizzenhuch, dem die Blätter ursprünglich angehörten, war vielleicht das, welches sich nachweislich im Besitze Rem-brandts befand, Er und Rubens waren grosse Verehrer des Künstlers — beide hesassen eine grössere Anzahl Gemälde von ihm — gewiss kein geringes Zeugnis für seine Grösse, für die andere Zeitgenossen wenig Verständnis zeigten. Freilich trug Brouwer durch die Nonchalance seines Auftretens auch nicht dazu hei, die massgebenden Kreise an sich zu ziehen; Mäcene, die sich über die Verachtung der gesellschaftlichen Norm hinweggesetzt hätten, gab es damals wohl ebenso selten wie heute.

Vermutlich ist, was uns an Zeichnungen Brouwers erhalten ist, nur ein winziger Bestandteil des ursprünglichen, da ihn solche Skizzen keine Arbeit gekostet haben werden. Manche mögen die Kamine der Kneipen, in denen er verkehrte, geschmückt haben. Wie es die Bilder des David Teniers d. J. und anderer zeigen, war es Sitte, amKaminmantel eine humoristische Zeichnung zu befestigen, aber man achtete ihrer nicht, der Skizzen Brouwers gewiss nicht mehr als der seiner Nachfolger, der zahllosen handwerksmässigen Künstler, die von seinen Ideen lebten und sie unter die Menge brachten.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

ADRIAEN BROUWER 1506-1638

 

 

Bauernschlägerei beim Kartenspiel


Eine Schenkwirtschaft allerniedrigsten Ranges. Der grüne Kartenspieler hat nach Meinung der andern betrogen und wird von dem gelbbraunen vermöbelt, der blaue zieht für alle Fälle sein Messer. Die Bewegungen sind springend lebendig, was man am deutlichsten empfinden wird, wenn man die Betrachtung von der hocherhobenen Hand mit dem braunen Kruge ausgehen läßt. Einen tiefem persönlichen Ausdruck und individuelle Gesichter, die uns interessieren könnten, haben aber selbstverständlich diese vertierten Menschen nicht, darum sind auch die Körperformen nur obenhin wiedergegeben: man sieht nur soviel, daß es ein kleiner, kurzer Menschenschlag ist. Während die vordere Gesellschaft in helle Aufregung geraten ist, kommen die Wirtsleute hinten am Kamin kaum aus ihrem landesüblichen Phlegma heraus und sie bezeugen ihre Teilnahme an dem Vorgang bloß durch ein mißbilligendes Grunzen, das auf ihren Gesichtem meisterlich ausgedrückt ist. Meisterlich ist auch der Innenraum behandelt, vertieft und durch Helldunkel bis an seine Grenzen aufgeklärt. Ein elender, schmutziger Raum, der aber doch etwas von Behaglichkeit und Intimität — natürlich nach den Ansprüchen dieser Insassen — an sich hat. Und nun das Gerat, das zum Teil zerbrochene, und das wertlose Mobiliar, der am Boden liegende Hut, wie vorzüglich ist das alles wiedergegeben! Durchaus nicht „liebevoll“ wie bei den Stillebenmalern oder bei dem jüngern Teniers, der mit seiner kühlen Virtuosität in diesen Dingen brilliert, sondern als das, was es ist, als Nebensache: jedes einzelne steht oder liegt da, wo es hingehört oder wo es im Bilde wirken kann, den Raum füllend, Licht auffangend, unsern Blick anziehend und weiter führend. Wieviel sicher angewandte Beobachtung und zugleich Sorgfalt in die Beleuchtung dieses ganzen Interieurs gelegt ist, wird man erst inne werden, wenn man sich das Vergnügen macht, ihr — von links her — nachzugehen. Endlich die Farbe. Soviel ist klar, daß dieser Künstler nicht bloß durch Tonmalerei wirken wollte, wiewohl sein Bild auch noch einen Ton hat. Das sagt uns schon der eine grüne Bauer, und wenn wir den als stärksten Anziehungspunkt erkannt haben, so werden wir auch noch weitere farbige Flecke finden. Der Künstler ist also ein Kolorist, der uns außer seinen Gegenständen auch noch Farbenzusammenstellungen hat zu genießen geben wollen. Diese Analyse möchte nur zu dem Eindruck anleiten, daß der Bauernmaler Adriaen Brouwer, der uns gegen fünfzig kleine Bilder dieses wenig interessanten Inhalts hinterlassen hat, alle aus dem Bereiche des homo vulgus, doch mit vollem Recht heute allgemein für einen feinen Künstler erklärt wird, wie er denn auch schon zu seiner Zeit bei vielen etwas gegolten hat. Einzig interessant ist noch, wie sich in ihm die flämische Farbigkeit mit der holländischen Tonmalerei gemischt hat. Er war von Geburt ein Flamländer, aber jung nach Amsterdam gekommen, und hatte auch bei Frans Hals in Haarlem gemalt; dann begab er sich, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, nach Antwerpen, wo er schon nach acht Jahren starb. Hier schloß er sich an Rubens an, der — in all seiner vornehmen Idealität — ihn sehr schätzte und z. B. für seinen Hausbesitz nicht weniger als siebzehn seiner kleinen Bilder erworben hatte, und hier in Antwerpen und in Rubens Nähe wurde er erst der ausgesprochene Kolorist, Er selbst wirkte dann wieder auf den jüngeren Teniers ein, der als Bauernmaler ihm bis in die Einzelheiten nach geht, seine Frische und Natürlichkeit jedoch nicht erreicht; dafür sind dessen Bauern manierlicher, und die malerische Haltung und der Farbenton seiner Bilder können allerdings von der höchsten Feinheit sein. Die erhaltenen Werke Brouwers gehören fast alle in seine Antwerpener Periode, in der allein wir ihn also als Künstler ausreichend kennen. Keines hat eine Jahreszahl, bloß ihr malerischer Vortrag und hier wieder vorzugsweise die koloristische Haltung läßt uns innerhalb dieser kurzen Jahre eine Entwicklung in zwei Abschnitten erkennen. Seine Skala ist zunächst bei verhältnismäßig reichlicher Lokalfarbe warm und leuchtend, der Auftrag emailartig und die Stoffnachbildung von großer Wahrheit. Dann gehen bei mehr vertriebenem, duftigem Auftrag die Einzelfarben allmählich in eine kühle, silbergraue Gesamttönung von außerordentlicher Schönheit über. Beide Manieren haben ihr Recht, weil beide auf einem künstlerischen Prinzip beruhen. Die zweite wird wohl heute im ganzen höher geschätzt, weil sie für die feinere gilt. Ihr gehören die meisten der achtzehn Bilder der Münchener Pinakothek an. Unser Dresdner Bild, das einzige mit ganzen Figuren in dieser Sammlung, muß, wie man leicht sieht, obwohl es auch einige kühle Töne hat, der ersten Klasse zugerechnet werden.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

ADRIAEN BROUWER 1506-1638 Dresdner Galerie