Gebroren zu Harlem 1610, Gestorben Ebenda 1685.
Holländische Schule

Mit dem Stern des David Teniers ist auch der Stern Ostades im Erbleichen. Während beide durch zwei Jahrhunderte unter den ersten niederländischen Meistern gefeiert worden sind, wirft man ihnen heute die Einförmigkeit und Nüchternheit ihrer Motive und ihrer Figuren, die oberflächliche Zeichnung, namentlich der Extremitäten, vor. Gewiss nicht mit Unrecht. Aber für Teniers gelten diese Vorwürfe in höherm Grade als für Adriaen van Ostade, der im Gegensatz zu jenem selbst in seinen spätesten Bildern noch sorgfältig bleibt und trotz einer gewissen Kälte und Glätte tüchtig und ausdrucksvoll in seinen Kompositionen erscheint. Das vorliegende Bild, im Jahre 1673 gemalt, zeigt den Künstler ganz charakteristisch und von seiner besten Seite. Freilich schön sind diese Bauern nicht, aber doch echte Bauern und trotz einer gewissen Familienähnlichkeit von mannigfacher, lebensvoller Charakteristik, dazu von einem gutmütigen Humor und einem Behagen an der ruhigen Existenz, von einer stillen Freude an der dünnen Musik des blinden Geigers, die etwas Rührendes haben und uns anheimeln. In dieser Zufriedenheit mit der bescheidenen Existenz, in der Freude an der Arbeit und an der Ruhe nach der Arbeit, in dem echten Familiensinn, der daraus spricht, in dem feinen Helldunkel verrät sich der Einfluss von Rembrandts Auffassung und Kunst, wenn auch in rein genrehafter Weise.

ADRIAEN VAN OSTADE 1610-1685

Die stürmische Zeit des Überganges von der durch Konvention gebundenen Kunst des sechzehnten Jahrhunderts zu der Periode Rembrandts, in der man der Natur unbefangen gegenübersteht, drückt sich in einem erregten Suchen der Künstler nach einer neuen Formensprache aus, in einem übertriebenen Naturalismus und einer rauhen, fast brutalen Technik. Am deutlichsten lässt es sich hei Künstlern wie David Vinckboons, Frans Hals, Adriaen van de Venne, auch hei Rembrandt und Adriaen van Ostade in ihren frühen Werken beobachten. Bei den beiden letzten hängt die Heftigkeit der Ausdrucksweise mit ihrer Jugendstimmung zusammen, namentlich hei Ostade, der sich bald als die kleinere Persönlichkeit offenhart, indem er den Geist seiner Jugendwerke plötzlich verleugnet und ein Muster von Anstand und Ordnung wird.

 Ausgelassene Bauern


Von einer räumlichen Umgehung ist nichts angedeutet; nur ein fallender Stuhl und ein Bierkrug sind die Symbole für die Örtlichkeit. Sie bestätigen das Gefühl des allseitigen Schwankens und Schiebens, das durch das Benehmen der Figuren geweckt wird: ein chaotisches Gewirr von Menschen im Urzustände, in dem nur tierische Empfindungen walten. Ohne den grotesken Humor, mit dem das Sichsträuben und Umarmen, das Fallen und Sichwiederaufraffen geschildert ist, ohne die breite Sicherheit des Federstriches, würde die Darstellung kaum Zusagen. Der Reiz des Jugendwerkes liegt darin, dass der Künstler das Motiv, an dem er sich betätigen wollte, möglichst nah an die Grenze des Zulässigen rückte und bemüht war, es durch Prägnanz der Charakteristik und Kraft der Darstellung zu retten.

Bauernmahlzeit


Eins der Liehlingsthemen der Humoristen der holländischen Kunst war das Benehmen der Bauern beim Essen, die Schilderung des Kampfes zwischen Gefühlen des Heisshungers und solchen des Anstandes, der bei der derben Kultur meist zu ungunsten der guten Sitte ausfiel. Von Pieter Breughel bis zu Jan Steen knüpft man an die Erzählungen von der fetten und mageren Küche, die den Gegensatz zwischen Reich und Arm schildern, an. Auch die Zeichnung Ostades könnte eine Darstellung der mageren Küche sein. Allerdings sieht man noch keinem die Kärglichkeit der Küche an; auch fehlt der wirksame Gegensatz, das Erscheinen eines Herrn von der fetten Gesellschaft in der Tür. Aber so leidenschaftlich, wie es bei einer temperamentvollen ausgehungerten Familie nur sein kann, geht es zu. Der gierige Hausvater will dem Knecht ein paar Miesmuscheln aus der Schüssel entreissen; die keifende Mutter, die von einem Kind angebettelt wird, ärgert sich über das Benehmen, wird aber bei dem allgemeinen Geschrei nicht zu Worte kommen. Allenthalben bis in den Grund des Raumes balgt man sich um traurige Bissen, die Kinder voran — zu beiden Seiten und hinter dem Rücken der Eltern. Nur in einer Ecke teilt sich ein groteskes Paar friedlich in den Wein. Überall Spuren der Armseligkeit, ein leerer Esskorb am Balken, daneben eine Schnur mit Zwiebeln, vorn ein zum Sitz zurecht geschlagenes Fass und ein mageres Hündchen, das mit einem abgenagten Knochen beschäftigt ist. Indes, die Niederträchtigkeit, mit der sich die Menschen gegenseitig behandeln, reizt eher zum Lachen als zum Bedauern.

Die Zeichnung wird nach einer späteren Aufschrift mit Unrecht Brouwer zugeschrieben. Vielleicht verdankt sie es dem grossen Namen, dass sie in mehreren Exemplaren (Leipzig, Leiden) vorkommt, die sich bei einem Vergleich als Kopien nach dem Original in Stockholm herausstellen.

Liebesszene


Die Farbenkomposition eines Gemäldes kann ohne Rücksicht auf den Inhalt der Darstellung für sich bestehen; sie kann auch auf diesen bezogen werden. In der Zeit als Ostade behagliche Innenansichten schuf liebte er, dem Geist der Darstellungen gemäss, einen alles umhüllenden braungoldenen Ton, aus dem tiefe, satte Farben versteckt hervorleuchteten. In den früheren Werken, zu denen auch diese Zeichnung gehört, entspricht dem derben Inhalt, der groben Strichführung eine kalte, fast absichtlich hässliche Farbenverbindung, Die Kombination des blaugrauen Überkleides der Frau mit dem blassrötlichen Kittel und der graugrünen Kappe des Bauern würde in Gemeinschaft mit den schmutzig wirkenden, braunen Untertönen an sich unerfreulich sein. So aher trägt sie zu dem grotesk humorvollen Gesamteindruck bei.

Grabender Bauer


Einzelfiguren in starker Drehung lassen am leichtesten die Stileigentümlichkeiten der Zeit in der Linienführung erkennen. In der Renaissance, in der man die einfachsten Kurven, die Wendungen im rechten oder halben rechten Winkel wiedergibt, wäre die Haltung und die Silhouette des Bauers auf der vorliegenden Zeichnung unmöglich. Hier gibt es nur ein Drittel oder zwei Drittel Drehungen oder die Gliedmassen sind so bewegt, dass sie der Normalstellung ganz nahe kommen oder ihr denkbar extrem sind. In den begrenzenden Kurven entstehen stumpfe oder spitze Winkel, flache Linienzüge wechseln mit kurzen Zickzackbiegungen (man sehe etwa die Linie, die in gedrücktem Bogen den Rücken entlang läuft und sich an dem linken zurückgesetzten Fuss plötzlich unruhig hin- und herwendet). Auch die Rückansicht, bei der der Kopf völlig verschwindet, das unschöne Versinken des Kopfes im Nacken, das Zusammendrücken der Oberschenkel und plötzliche Spreizen der Beine wäre dem Renaissancekünstler fremd. Deutlich offenbart sich, wie sehr die nordische Barockkunst das Ausdrucksvolle über das Schöne, das überzeugend Wirkliche über das Gesetzmässige stellt, wie sie sich offen zu dem Ideal des bekleideten Körpers bekennt, ja soweit gehen kann, alles, auch das Gesicht zu verhüllen. Nur bei dieser vollkommenen Freiheit im Nachbilden der Natur konnte sich die humoristische Darstellung selbständig entfalten. Der Humor muss das Recht haben, ungewohnte Ansichten, selbst unschöne und widerwärtige, zeigen zu dürfen, und dies Recht war ihm in der Renaissance nicht völlig eingeräumt worden.

In seiner bäurisch kraftvollen Auffassung erinnert das Blatt an die grossen Meister der modernen realistischen Kunst, etwa an Millet oder van Gogh.

Musizierende Bauern


Ein Beispiel der entwickelten Kunst Ostades. Alles atmet Behagen und Wohligkeit. Rundliche, durch behäbiges Leben gediehene Formen, wohin man sieht, vom Gesicht bis zu den Händen und Beinen, von den Kappen bis zu den Schuhen; geschwollen sind selbst die Bierkrüge, aus denen die Kinder schlürfen, um früh das glückliche Los der in engen Stühlen sich dehnenden Alten zu erreichen.

Es gibt auch in Wirklichkeit eine Art Gesetz von der Übereinstimmung der Kurven, welche die einzelnen Teile der menschlichen Figur umgrenzen; einem stumpfen Gesichtsprofil wird ein stumpfer Umriss des Hinterkopfes, der Schultern, der Füsse entsprechen; eine ausgesprochene Silhouette der Nase wird sich mit einer ähnlich markanten Linie der Stirn und des Kinnes, der Augenknochen und der Ohren zu einem einheitlichen Bild zusammenfugen. Gemäss diesem Formenkanon, in welchen der Körper des Menschen eingeschlossen ist, wählt er instinktmässig sein Kostüm, indem er sich bemüht, die Umrisslinien der Kleider denen seines Körpers anzupassen. Der Künstler, der den zur Darstellung gewählten Naturausschnitt in sich abschliesst und das Gesetzmässige mehr als in der Natur betont, verstärkt diese Regelmässigkeit, wenn er sie in das Bild überträgt. — Ostade wählt die gedrückte Rundung als Grundmotiv seines Liniengefüges. Nicht nur Körper, Kostüme und Beiwerk sind ihm untertan, sondern auch die geometrische Form, welche die ganze Komposition zusammenschliesst: die Figuren fügen sich nahezu in ein Oval ein, innerhalb dessen sie in der verschobenen, assymmetrischen Kontrapostierung der Barockkunst angeordnet sind.

Familienszene


Wräre die Ausdrucksweise weniger rauh, so würde die an das volkstümlich Sentimentale streifende Szene philiströs und langweilig wirken. So aber sprechen Strichführung, die einfachen Farben und die Lichtkontraste ebenso stark wie der Inhalt der Darstellung; man muss erst dem Spiel des in Flecken auffallenden Lichtes, des Helldunkels, das durch wirre Schraffierung geschaffen ist, folgen, ehe man die einfache Erzählung erfasst. Die Schilderung des Familienlebens wirkt zudem erfrischender, weil sich die Behaglichkeit in hässlichen Gesichtern spiegelt.

Die dem Volke schmeichelnde Kunst verlangt, dass ein gefalliger, leicht fasslicher Inhalt sich vordränge, dass die Linien den Gegenstand in möglichst allgemeiner, unpersönlicher Weise beschreiben und die Farben dem Blick, noch ehe er sich vertieft hat, wohl zusammengestimmt erscheinen. Der verwöhnte Kunstfreund will zur Erhöhung des Genusses auf Umwegen gemessen; die Farben mögen im erstenMoment vielleicht unharmonisch erscheinen, werden sich aber bei näherem Zusehen um so schöner auf lösen; die Technik mag wirr und aufdringlich wirken; sie wird sich hei genauerem Studium als Träger der feinsten Lufttöne enthüllen; der Inhalt kann sich hinter einer persönlichen Formensprache fast verstecken.

Wenn die besten der holländischen Künstler zu einer Zeit, als man über die Jugendjahre der Entwicklung hinaus war, noch gelegentlich, sei es durch brutale Motive, die mit höchster Kunst zur Darstellung gebracht sind, sei es durch eine roh erscheinende Wiedergabe eines einschmeichelnden Motives, erstaunen, so genügt zur Erklärung nicht allein der Hinweis auf den holländischen, auf das Derbe gestimmten Volkscharakter; es ist ein Zeichen für die Höhe der Kunst, die zwar aus dem Volke kam, aber in diesen Werken nur dem gebildeten Kunstfreund verständlich ist.

Mit den volkstümlichen deutschen Künstlern aus dem neunzehnten Jahrhundert hat Ostade gemein, dass sein Reichtum an Typen ausserordentlich gering ist und mit Geschick zu den mannigfaltigsten Szenen verwertet ist. Aber seine Kunst setzt ein höheres Bildungsniveau voraus. Den Gegensatz eines weich gestimmten Inhaltes und einer rauhen Ausführung oder den eines Themas mit wildem Inhalt und einer sorgfältigen Bearbeitung verlangte der Deutsche zur Zeit Ludwig Richters nicht.

Bild und Text aus dem Buch: Handzeichnungen altholla˜ndischer Genremaler (1907), Author: Bode, Wilhelm von, Valentiner, Wilhelm Reinhold.

ADRIAEN VAN OSTADE 1610-1685

 

 

Der Meister in seiner Werkstatt


Adriaen van Ostade aus Haarlem, der berühmteste holländische Bauernmaler, war ein Schüler von Frans Hals und sah in seiner Jugend Brouwer malen, als dieser sich eine Zeitlang bei dem Meister in Haarlem aufhielt. Brouwers Figuren sind geistreicher, er ist auch als Kolorist bedeutender, ein großer Künstler in dieser kleinen Gattung. Auch Ostade hat sich, wie man aus seinen Radierungen sieht, mit dem Figürlichen Mühe gegeben, aber Brouwers Qualität erreicht er nur selten. Seine Figuren sind ihm aber auch nicht die Hauptsache. Sie sollen die Umgebung beleben und zum Sprechen bringen. In dieser Zusammenstimmung des Raumes mit allen Einzelheiten durch Farbe und Licht liegen Aufgabe und Hauptwert seiner Kunst. Das Stoffgebiet, das er sich erwählt hat, verläßt er selten, immer malt er die Bauernunterhaltungen, Wirtshausstuben, Dorfschulen, aber er ändert seine Malweise, und darin liegt seine künstlerische Entwickelung. Solange er Hals und Brouwer folgt, finden wir deutliche Figuren, viel Lokalfarbe, im Ganzen eine klare, kühle Tönung und eine Vorliebe für Helldunkel. Gegen 1640 zeigt sich der Einfluß Rembrandts, mit dem er bald auch in dem nahen Amsterdam in Verkehr tritt. Nun erreicht er seine Höhe in den reizvollen Interieurs mit goldwarmem Ton, beschatteten Figuren und intim durch enge Fenster spielendem Sonnenlicht. Gegen 1670 ist es mit der Rembrandtstimmung vorbei, einzelne Farben treten wieder hervor, bald bunter, bald grau, und manchmal trübe. Das ist seine letzte Manier.

Meistens stellt er Innenräume dar. Öfter gibt er aber auch die Eingangsseite eines Bauernhauses mit den Insassen davor, oder auch eine größere Gesellschaft im Schatten einer Laube, zu der sich ein Leiermann oder ein Musikantenpaar eingefunden hat. Dann und wann reiht sich den Wirtshausstuben und Dorfschulen ein Familienzimmer ohne Bier und Tabak an»

Hier haben wir eine der bei den holländischen Malern beliebten Darstellungen des eigenen Ateliers, wie wir sie auch von Jan Steen, Gerard Dou, Terborch, Netscher, dem Delfter van der Meer und vielen anderen haben. Ostades Werkstadt ist eine einfache Bauernstube mit einem großen Malfenster. Rechts neben der Gliederpuppe führt eine Treppe zu einem oberen Raume hinauf} ganz hinten auf erhöhter Fläche sieht man an einem Tische undeutlich eine Gestalt. Die wundervolle Lichtführung, die den dämmerigen Raum allmählich aufklärt, war dem Künstler die Hauptaufgabe. Seine eigene Figur an der Staffelei, von deren Gesicht man nur das verlorene Profil sieht, dient zum Zurückschieben des Raumes und bringt zugleich etwas Farbe in die bräunliche Tönung. In dieser Hinsicht ist das Fenster ein kleines Kunstwerk für sich. Das kostbare Bild ist eins der vollkommensten Interieurs, die wir von Ostade haben, aus seiner späten, aber noch guten Zeit (1663), wo das Helldunkel herrscht, ohne daß die Formen völlig verschwimmen.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Siehe auch: HYACINTHE RIGAUD, ALBRECHT DÜRER, TIZIAN, RAFFAEL, FERDINAND BOL, ADRIAEN VAN DER WERFF, SALOMON KÖNINCK, JAN VAN DER MEER VAN DELFT, CARLO DOLCI, KASPAR NETSCHER, GERARD DOU, REMBRANDT VAN RIJN, JAN DAVIDSZ DE HEEM, GABRIEL METSU, REMBRANDT VAN RIJN, ADRIAEN VAN OSTADE, DER MEISTER DES TODES DER MARIA, JUSEPE DE RIBERA, GUIDO RENI, LORENZO LOTTO, FRANCISCO DE ZURBAR AN, RAPHAEL MENGS, REMBRANDT VAN RIJN, BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, JEAN ETIENNE LIOTARD, ANTON GRAFF, ANGELICA KAUFFMANN, ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, JAN VAN EYCK, ANTONIUS VAN DYCK, JACOB VAN RUISDAEL, CLAUDE LORRAIN, ANTOINE WATTEAU, PAOLO VERONESE, MEINDERT HOBBEMA, PETER PAUL RUBENS, CIMA DA CONEGLIANO, JAN WEENIX, PALMA VECCHIO, JAN WILDENS, MICHELANGELO CARAVAGGIO, POMPEO BAtONI, FRANCESCO FRANCIA, JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, DAVID TENIERS DER ÄLTERE, WILLEM KLAASZ HEDA, ADRIAEN BROUWER, JAN FY , HRISTIAN LEBERECHT VOGEL.

ADRIAEN VAN OSTADE 1610-1685 Dresdner Galerie

 

 

Bauern unter einer Sommerlaube


Fünf Bauern und eine Frau plaudern unter einer Rebenlaube, an der Haustür steht ein Dudelsackpfeifer, hinten unter dem Hüttendach sieht man noch einige Leute desselben Schlages. Sie haben nichts Anziehendes und nicht einmal etwas Individuelles, keines dieser Gesichter könnten wir in der Erinnerung behalten, alle haben etwas Gattungsmässiges und als Ausdruck ihres Lebens höchstens eine gewisse animalische Behaglichkeit. Sie sind gut gezeichnet, charakteristisch für das, was sie ausdrücken sollen. Die Szene geht zurück und ist gut in Farbe gesetzt, mit feinem Helldunkel, klar bis in die Schatten. Sehr schön ist das Landschaftliche, der abendliche Himmel, der ganze Natureindruck, zu dem auch diese Menschen als Naturwesen, die sie ja sind, mit beitragen. Das ist Adriaen van Ostade aus Haarlem, der berühmteste holländische Bauernmaler! — Ein Schüler von Frans Hals, sah er in seiner Jugend Brouwer malen, als dieser sich eine Zeitlang bei dem Meister in Haarlem aufhielt. Brouwers Figuren sind geistreicher, er ist auch als Kolorist bedeutender, ein grosser Künstler in dieser kleinen Gattung. Auch Ostade hat sich, wie man aus seinen Radierungen sieht, mit dem Figürlichen Mühe gegeben, aber Brouwers Qualität erreicht er nur selten. Seine Figuren sind ihm aber auch nicht die Hauptsache. Sie sollen die Umgebung beleben und zum Sprechen bringen. In dieser Zusammenstimmung des Raumes mit allen Einzelheiten durch Farbe und Licht liegen Aufgabe und Hauptwert seiner Kunst. Das Stoffgebiet, das er sich erwählt hat, verlässt er selten, immer malt er die Bauernunterhaltungen, Wirtshausstuben, Dorfschulen, aber er ändert seine Malweise, und darin liegt seine künstlerische Entwickelung. So lange er Hals und Brouwer folgt, finden wir deutliche Figuren, viel Lokalfarbe, im Ganzen eine klare, kühle Tönung und eine Vorliebe für Helldunkel. Gegen 1640 zeigt sich Rembrandts Einfluss, mit dem er bald auch in dem nahen Amsterdam in Verkehr tritt. Nun erreicht er seine Höhe in den reizvollen Interieurs mit goldwarmem Ton, beschatteten Figuren und intim durch enge Fenster spielendem Sonnenlicht. Gegen 1670 ist es mit der Rembrandtstimmung vorbei, einzelne Farben treten wieder hervor, bald bunter, bald grau und manchmal trübe. Das ist seine letzte Manier. — Meistens stellt er Innenräume dar. Öfter gibt er aber auch die Eingangsseite eines Bauernhauses mit den Insassen davor, oder auch eine grössere Gesellschaft im Schatten einer Laube, zu der sich ein Leiermann oder ein Musikantenpaar eingefunden hat. Von dieser Art sind die drei Bilder der Kasseler Galerie, deren jedes eine seiner drei Perioden vertritt. Das hier gegebene (Nr. 253) ist das späteste, von 1676, und für diese Zeit von guter Qualität.

Aus dem Buch “Album der Casseler Galerie” von 1907.

ADRIAEN VAN OSTADE 1610-1685