FÜR Leben und Kunst giebt es keine strengere Prüfung als das Grab. Nur das Ernste und Echte hält vor ihm Stich. Selbst das gute Entlehnte weist die Empfindung hier ab.

Wie rührend erscheint uns die stille Schönheit griechischer Grabsteine. Und doch: möchte jemand wohl die Hegeso mit ihrem Schmuckkästchen, den schönen Jägerjüngling mit dem alten Vater vom Ilisos, ja auch nur die edle Totenklage des Marmorsarges von Sidon einem der Seinen aufs Grab setzen? So anmutig sind uns Leben und Sterben nicht; nicht so gehalten die Klage am Grabe. Vollends fremd bleiben uns die bildlichen Tröstungen der hellenischen Sage.

Oder wünschte man lieber das Bildnis des Verstorbenen in römisch schlichter Tüchtigkeit auf dem Grabe zu sehen? Ich meine, dass diese Ehre in der halben Oeffentlichkeit des Friedhofs höchstens dem gebührt, der sich in weitester Wirksamkeit ausgezeichnet. Von den Uebrigen sollte der Grabstein nur sagen, dass sie Menschen gewesen; wie die Spartaner nur dem die Ehre der Grabschrift zuerkannten, der in der Schlacht gefallen, oder der Frau, die als Priesterin gestorben. Auf einem Grabstein, den ich eines Tages auf einem winterlichen Ritt von Olympia durch Lakonicn am Wege auffand und nach Sparta brachte, standen, wie üblich, nur die Worte: „Eudamidas, im Kriege“. Welch ein Denkmal spartanischer Schlichtheit! Es ist dieselbe Gesinnung, in der wohl mancher sich die Erwähnung etwaiger Verdienste an seinem Grabe im Voraus verbittet und über dem Toten nur die durch altehrwürdigen Gebrauch geheiligten Worte gesprochen haben will.

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