Kategorie: ALBRECHT DÜRER 1471-1528

ZEICHNUNGEN sind die künstlerischen Urkunden, die uns über die Art des Schaffens der alten Meister belehren, und die Gedankenwelt, in der sich jene bewegten, näher erschliessen, als es die ausgeführten Werke allein im stände sind.

Vollendete Arbeiten sind für die Allgemeinheit bestimmt, Studien und Skizzen vergleichbar intimen Tagebuchblättern, die uns eine bedeutsame Persönlichkeit vergangener Zeiten menschlich näher rücken. Freilich offenbart sich der Wert der Zeichnungen nicht dem nur oberflächlich Betrachtenden; sie wollen genauer gelesen, studiert sein, um richtig verstanden zu werden; aber Kenner und feine Sammler haben immer die Zeichnungen alter Meister als besondere Schätze gesucht und gehütet.

Der Vorrat an alten Zeichnungen, den wir besitzen, verteilt sich sehr ungleichmässig auf die verschiedenen Künstler und Schulen. Von vielen der Berühmtesten und Grössten kennen wir kaum ein echtes Blatt, so von Velazquez und Frans Hals; bei anderen lässt sich fast ihre ganze Thätigkcit und Entwickelung auch in ihren Handzeichnungen verfolgen, so bei Dürer und Rembrandt. Die Zeit und der Unverstand der Menschen haben viele der unscheinbaren Blätter vernichtet, aber geistige Eigenart und Richtung liessen den einen häufiger zum Zeichenstift und zur Feder greifen als den anderen. Am meisten haben wohl jene Erfindungsreichen gezeichnet, deren rastlos thätige Phantasie immer neue Entwürfe bereitete, die, von denen Dürer sagt:

„Ein guter Maler ist inwendig voller Figur, und wenn es möglich wäre, dass er ewig lebte, müsste er immer Neues hervorbringen“.

ALBRECHT DÜRER 1471-1528 Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst

Unter Dürers Bildnissen bedeutet keines dem modernen Betrachter ebenso viel wie der„Holzschuher“. So lange die Tafel in Nürnberg stand, war Dürer der Vaterstadt noch nicht gestorben.

Eine rein artistische Betrachtung möchte die Bevorzugung dieses Portraits ungerecht finden. Wer nur zu einer rein artistischen Betrachtung käme! Des Mannes bohrender Blick benimmt dem Beschauer den Atem und jedenfalls die Kritikerruhe. Die ersten Vorstellungen weckt der Dargestellte, nicht die Darstellung. Vor uns der Deutsche, der Franke, der Bürger, der Denker, der Kämpfer! Der Typische spricht deutlicher als das Individuelle. Ein Gleichgewicht höchster physischer und höchster psychischer Kraft war das Ideal des 16. Jahrhunderts. Die schwellend sinnlichen Lippen könnten im Einklang mit der fleischigen Breite der Wangen brutal erscheinen — wenn nicht die stolze Stirn und der Blitz aus den weit geöffneten Augen die Herrschaft festhielten.

Pathos beseelt die schweren Formen, das Pathos der deutschen Reformation. Die sichere Gewalt schwer errungener Ueberzeugung schlägt aus diesem Blick, den kein Gegner zu ertragen vermöchte. Die äussere Ruhe steigert den Effekt des inneren Lebens. Der Kopf steht vollkommen gerade, in der Wendung des Leibes, halb seitlich. Die Augen sind nach vorn gedreht. So scheint der Hals unbeweglich, und das erhöht die steinerne Monumentalität des massigen Hauptes.

Die Zeit und das Deutschland dieser Zeit war stark, laut und offen und jugendlich gesund, wie dieser Holzschuher, dessen geistige Jugendlichkeit im Kranze des weissen Haares um so feuriger triumphiert.

ALBRECHT DÜRER 1471-1528 Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst

Abbildungen ALBRECHT DÜRER 1471-1528

(1471—1528)
Selbstbildnis

Holz, 65×48 cm

Das berühmte Bildnis ist hinsichtlich seiner Entstehungszeit ein noch nicht sicher gelöstes Riitset. Der technische Abstand zwischen dieser Meisterlcistung und anderen gleichzeitigen Werken Dürers, von welchen das Bildnis des Oswolt Krell von 1499 und jenes eines unbekannten jungen Mannes, mutmaßlich des Hans Dürer von 1500, welche, weil in dem gleichen Kabinett wie das Selbstbildnis, die Vergleichung leicht machen, ist ein zu großer, und ebenso steht Dürers Beweinung Christi von 1500, gleichfalls in der Pinakothek, technisch hinter dem Bildnis weit zurück. Besonders das Gesicht zeigt eine flächige Malweise, malerisch ungleich gereifter als dies alle anderen Dürcrschcn Werke dieser Jahre zeigen. Und doch ist an der Echtheit der Inschriften, links das Monogramm mit 1500, rechts Albertus Durcrus Noricus ipsum me propriis sic effingebam coloribus actatis anno XXVIII. wenn auch die Buchstaben und Ziffern später etwas verschärft sein mögen, nicht zu zweifeln. Eher an dem buchstäblich Zutreffenden der letzteren Inschrift Verfasser neigt zu der Ansicht daß der Künstler, der das Bild zeitlebens im Hause behielt, in späteren Lebensjahren nach Maßgabe seiner gereiften Kunstanschauungen und technischen Entwickelung an dem Gesichte gebessert, die frühere Linienführung, welche im Anfang seiner Laufbahn die Einwirkung der Schongauer-Studien wie seiner graphischen Tätigkeit nur zu deutlich verraten, getilgt oder gemildert und dafür dem mehr malerischen Verfahren Raum gegeben habe, wie auch die volleren Züge den Gedanken nahe legen, daß sie bei der auffallenden Magerkeit des Künstlers ln seinen Jünglingsjahren mehr dem 38. als dem 28. Lebensjahre entsprechen. Das Übrige, das Haar mit dem prächtigen Liniengcricscl, das Gewand und die Hand scheint unberührt geblieben zu sein, wie denn auch die letztere in Ton und Modellierung empfindlich gegen das Gesicht kontrastiert Experimente fortschreitender Entwickelung sind an einem in der Werkstatt verbleibenden Selbstbildnis naheliegend, es ist auch von Rembrandt bekannt, wie häufig er sich selbst, um Studien zu machen, als Modell benutzte. — Über die Schönheit des Werkes ist jedes Wort überflüssig, bekannt ist auch die Schönheit des Modells selbst, dessen edle, an ein Christusideal gemahnende Formen, dessen ernster, sinniger Blick und dessen prächtige Haar- und Bartumrahmung seinen Eindruck für alle Zeit behaupten wird. Das Bild war nach Dürers Tod in den Besitz des Magistrats Nürnberg gelangt und verblieb in demselben bis gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, um welche Zeit es von einem betrügerischen Kopisten, der das Malbrett spaltete, auf die mit der städtischen Marke versehene rückseitige Bretthälfte seine Kopie (jetzt im Germanischen Museum zu Nürnberg befindlich) malte, und diese dem Magistrat zurüekgab, entfremdet und verkauft wurde. In verschiedene Hände gelangt, kam so das abgesägte Original schließlich durch den Konsulenten G. G. Pez 1805 um einen Spottpreis in die kurfürstlich bayrische Galerie.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

ALBRECHT DÜRER 1471-1528 Album der Alten Pinakothek zu München Kunstdrucke