(1639—1676)
Leinwand, 302×143 cm

Während im 15. und 16. Jahrhundert die Malerei noch überwiegend im Dienste der Kirche gestanden ist und man von profanen Gegenständen im wesentlichen nur das Porträt oder die großen, meist heroischen Dekorationen gepflegt hat, führten die realistischen Bestrebungen die Malerei im 17. Jahrhundert über das Porträt hinweg zu einer Kultivierung des Genrebildes, die von da ab bis auf unsere Tage keine Unterbrechung mehr erlitten hat. Der Zusammenhang des Genrebildes mit der Porträtkunst ist bisweilen so eng geblieben, daß von einer völligen Verschmelzung geredet werden kann, und ein typisches Beispiel für die Art, wie dies besonders in Spanien gehandhabt wurde, stellt das Bild des José Antolinez dar, welches vor einigen Jahren als willkommenes Geschenk eines Kunstfreundes den spanischen Saal der Alten Pinakothek bereicherte. Dargestellt ist ein ärmlich gekleideter Mann, der auf den Beschauer zuschreitet und ihm ein Heiligenbild gewissermaßen zum Verkauf präsentiert. Der Schauplatz zeigt ein dürftig möbliertes Atelier, dessen Wände mit Zeichnungen und Stichen bedeckt sind, während am Boden ein Kasten mit Pinseln und Malgerät steht. Der arme Teufel, dessen zerlumptes Gewand und dessen ungepflegtes, doch nicht humorloses Gesicht Mitleid erwecken, ist wohl ein weniger glücklicher Kollege des Antolinez, der mit dem Malen von kleinen Heiligenbildern sein kärgliches Brot verdient und eines davon vielleicht gerade an einen im Bild nicht sichtbaren Liebhaber anzubringen versucht, dessen begleitender Diener im Hintergrund durch die geöffnete Tür zum Nebenraum sichtbar wird. Dieser Durchblick in einen zweiten Raum mit einer überleitenden Figur ist es, der das Gemälde aus dem Bereich des bloßen Genrebildes zu einem höchst bemerkenswerten Innenraumbild hinaushebt. Der Künstler hat hier ein Raumproblem angeschlagen, wie es ähnlich auch Velazquez, unter dessen Einfluß Antolinez sich ja fortgebildet hat, in seinen Las meninas behandelt hat. Antolinez, gleich Velazquez und Murillo aus der Hauptstadt Andalusiens gebürtig, gehört seiner Kunst nach doch ganz und gar zu der Malerschule von Madrid, wo er den größten Teil seines Lebens verbracht hat. Seine Bilder, die vor dem Glanz seiner großen Kunstgenossen lange unbeachtet im Schatten blieben, sind in den großen mitteleuropäischen Sammlungen selten zu finden, und man muß, um seine Kunst genügend kennen zu lernen, sie in dem Lande aufsuchen, wo sie entstanden ist.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München

(1617—1682)
Leinwand, 146×113 cm

Murillo ist der Poet unter den spanischen Künstlern. Er gibt uns schwebende Madonnen, Engel auf goldenen Wolken, vielfach abgetöntes Himmelslicht, bald warm und sonnig, bald verschleiert und kühl, und dazu oft eine wundervolle Landschaftsferne. Aber er malt auch freskenartig auseinander gezogene religiöse Historien mit vielen Figuren, wie die Italiener, und dann hat er von allen Spaniern am meisten italienisches, ohne doch jemals in Italien gewesen zu sein. An dem zerlumpten Volk, den Bettlern und Krüppeln, die er auf solchen Bildern den Heiligen zugesellt, erkennt man eher den Spanier und den Realisten. Es kommen auch Kinder darunter vor, aber hauptsächlich sind es doch die Alten und Erwachsenen, die er da malen muß. Für die Kinder, die er sehr liebt, bat er seine besonderen Abteilungen. Ganz klein schwirren sie als Wolkenengel auf jenen Madonnenbildem und bei den Visionen einzelner Heiligen umher, manchmal in dichten Schwärmen und so, daß sie ganz in der Ferne nur noch ihre Köpfe zeigen und die Wolkenballen Engelgesichter bekommen zu haben scheinen. In etwas reiferem Alter treffen wir sie dann auf religiösen Genrebildern als „heilige Kinder“, Christus und Johannes, bisweilen begleitet von geflügelten Spielkameraden. Endlich kommen noch die Gassenbuben hinzu und die Mädchen aus dem Volke, ohne höhere Einkleidung, ganz wie sie sind und leben, unbeachtet und natürlich, manchmal in Lumpen und auch etwas schmutzig, immer aber zufrieden und seelenvergnügt. Das sind seine eigentlichen Genrebilder, die ihn am meisten populär gemacht haben. Diese Gassenjungen sind zwar nicht gerade individuell, und auch die Mädchenköpfe ähneln einander, denn Murillo war kein Porträtist, aber sie sind doch als Gattung echt und überzeugend. In ihrer ganz modern wirkenden Gegenständlichkeit verlangen sie keine Erklärung; man soll aber auch auf die ungemeine Kunst des Lichts und der Farbenwirkung achten und den sicheren Pinselstrich bewundern, der soviel Natur eingefangen hat. Die Italiener der klassischen Zeit haben dies profane Genrebild nicht gepflegt, erst bei Caravaggio, Ribera und Salvator Rosa zeigen sie Anfänge. Murillo führt uns also hier weiter in das Moderne hinein, so wie die vlämiscben und holländischen Bauernmaler, aber seine Art ist anders: nicht so derb und niemals unflätig, er gibt uns ferner immer das ruhige Dasein und umwebt es noch mit einem duftigen Schimmer von Stimmung und Poesie, so daß man nicht leicht ein solches Genrebild von ihm mit einem niederländischen verwechseln könnte. Außerdem haben diese Bilder lebensgroße Figuren, während im Norden der stark verjüngte Maßstab üblich ist. — Unser Bild, das nebst vier anderen schon früh in den Besitz der bayrischen Fürsten gekommen ist (keines hat eine Jahreszahl, denn Murillo bezeichnet sich selten und datiert fast niemals), zeigt uns ein Mädchen in zerrissenen Schuhen, das dem neben ihr hockenden Jungen den Erlös des kleinen Handels vorzählt Hinter ihnen öffnet sich die Landschaft mit einem feingestimmten Wolkenhimmel; auf anderen Bildern finden wir geschlossene Räume mit scharf einfallendem Licht. Das im Duft verschwimmende verfallene Gemäuer mit dem Blattwerk davor steht fast im Schatten, — vaporoso. Die Lichtführung von links ist deutlich und prächtig, der Früchtekorb eine Leistung, die ganz für sieb allein jedem Spezialisten Ehre machen würde.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München BARTOLOMÉ ESTÉBAN MURILLO 1617-1682

(1725-1805)
Leinwand, 39×31 cm

Greuze bildet einen eigenartigen Abschluß der französischen Kunst des 18. Jahrhundert. Nachdem die Malerei der eleganten Welt, die Kunst eines Boucher und Watteau in deren Nachfolgern, einerseits Baudouin und Fragonard, andererseits Pater und Lancret sich erschöpft, war auch das Sittenbild von den Wolken und den Parks wieder in die bürgerlichen und ländlichen Kreise herabgestiegen, wo ja von den Tagen der großen Niederländer her seine eigentliche Heimat war. Inhalt und Darstellung hatten aber nur mehr wenig mit diesen gemein. Chardins Realismus erging sich zwar auch in der Wiedergabe von Köchinnen, Wäscherinnen, Stickerinnen und anderen Personen häuslicher Arbeit, jedoch das frische kühle Kolorit hat nichts mehr mit der Tonigkeit der Brouwer und Ostade zu tun. Greuze aber ist ganz anders geartet, seine Genrebilder sind tendenziös, zielen auf Empfindung, ja Schmerz und Rührung ab, eine Absicht, welche dem Genre in der ganzen Zeit seines Bestandes durchaus ferne lag. So „Der bibelerklärende Familienvater“, „Die Verlobten“, „Des Vaters Fluch“, „Des Vaters Sterbebett“, „Das Morgengeber, „Die Mutter“, „Die Kinderstube“: kein Wunder, daß diese Werke, un sich neu, namentlich in den bürgerlichen Kreisen, aus denen sie geschöpft sind, den größten Eindruck machten und in unzähligen Nachbildungen verbreitet wurden. Dazu beschäftigten den Meister die Reize der Kinder bis zum Backtisch, zum Teil mit genrehaften Beigaben, wie im „Zerbrochenen Krug“, im „Milchmädchen“, oder auch in Darstellungen ohne weiteres gegenständliches Interesse, wie in den zahlreichen Kinderköpfchen der Sammlung Wallace, welche alle etwas Kokettes oder Sentimentales an sich haben, aber durch den Reiz und die Frische des Vortrags trotz einer gewissen Einförmigkeit fesseln. Wie sie daher lange den vornehmsten Schmuck des Boudoirs bildeten, so konnten sie sich auch behaupten, ohne, weil der Kunst des Louisquinze gerade entgegengesetzt, durch die Revolution entthront zu werden. Zu diesen Kinderköpfchen gehört auch unser Mädchenbild mit dem Gepräge jungfräulichen Erwachens in noch ungetrübter Unschuld und naiver Träumerei. Das Bild wurde 1812 von König Max I. aus Privatbesitz erworben.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München

(1617—1682)
Leinwand, 145×107 cm

Man hat mit Recht gesagt, daß Murillo, einer der hervorragendsten Kirchenmalcr aller Zeiten und von seiner frommen Mission durchdrungen wie wenige Künstler, den Himmel auf die Erde gezogen habe. Seine Heiligen sind schlichte, fromme Menschen, und selbst seine Engel, wie in der Engelküche des hl. Diego aus S. Francisco in Sevilla (jetzt im Louvre), konnten, irdisch gesund, wie sie sind nach Körperbau und Gehaben, der Flügel leicht entraten. Sein Realismus aber steigert sich, wenn sich bei Wunderdarstellungen hilfsbedürftige Sterbliche mit den Heiligen verbinden, so wie dies unter anderem bei der Armenspeisung und der Armenspende aus dem Zyklus der Diego-Legende v. S. Francisco in Sevilla, bei der hl. Elisabeth in der Akademie zu Madrid und bei dem Wunder des hl. Thomas von Villa nueva in der Pinakothek zu München sich findet. Dabei fehlt unter den verschiedenen Altern auch das Greisenhafte nicht, aber es begegnet uns nie in der abstoßenden Hospitalgestalt der Gemälde Riberas. Am besten freilich erscheint der Meister der harmlosen und genügsamen Bettelhaftigkeit essender, spielender oder sonst geschäftiger Kinder, sowohl im Einzelbildnis, wie ln dem lächelnden Blumenmädchen von Dulwich Castle und in der Eremitage von St. Petersburg oder in dem Knaben mit dem Hund der letzteren Sammlung, wie auch in Gruppen von zwei oder drei Figuren, von welchen München die entzückende Reihe von fünf Gemälden besitzt, nämlich die Melonenesser, die Pastetenesser, die geldzählenden Mädchen, den mit dem Hunde spielenden Knaben, den die Großmutter betreut, und die würfelnden Kinder, welches letztere Bild unser Blatt wiedergibt. Die gespannte Versenkung der beiden spielenden Kinder in die momentane Chance der gefallenen Würfel, ihre bezeichnende Gebärde, die gänzlich ungesuchten Stellungen sind ebenso bewundernswert, wie die Teilnahmslosigkeit des links stehenden Jungen, der auch das begehrlich zu dem Imbiß des Knaben emporblickende Hündchen ignoriert. Auch das Beiwerk, der Früchtekorb und der zerbrochene Krug, ist von bewundernswert wahrer Durchbildung. — Von Kurfürst Max Etuanuel aus dem Besitz des Gisbert van Ceuleu erworben.

Text und Bild aus: Album der Alten Pinakothek zu München, fünfzig Farbendrucke, mit begleitenden Texten und einer historischen Einleitung. Author,Alte Pinakothek (Munich, Germany); Reber, Franz von.

Album der Alten Pinakothek zu München BARTOLOMÉ ESTÉBAN MURILLO 1617-1682